Siegwandern

Mal was Neues, schlägt Herr G. vor: Westerwald, Natursteig Sieg? Für frische Flüsse bin ich zu haben, und so brechen wir im Morgengrauen auf, Eitorf bis Herchen, 21 Kilometer und ein Kurcafé zum Schluß.

Wetter: durchwachsen; Strecke: schön.

Die Luft ist so naß, daß sie gerade so nicht als Regen zählt; Schirme sind zwecklos. Es riecht nach Herbst, und überall liegen Pilze, als hätte sie einer ausgerissen und umgedreht. Ich kenne sie nicht, aber Herr G. weiß Namen: Hexenröhrling, Hundsrute, Hexenei, Pantherpilz. Den allerschönsten Pilz zeigt er mir an einem geschnitzten Stumpf, ein gelblich glänzender Baumpilz, der duftet wie Orange und Honig. Leider ein reiner Ansichtspilz.

Der Wald öffnet sich immer wieder zu Ausblicken auf die nächsten und ferneren Hügelketten. Kulturlandschaft ist, was wir als schön empfinden; sanfter Wechsel zwischen Forst und Feldern. Kühe, wie sie englische Landschaftsmaler als Akzente in ihre Bilder setzten, rupfen vernehmlich Gras; zweimal sehen wir zwischen den Kühen einen Reiher, der Reißaus nimmt, sowie er sich beobachtet fühlt.

Der Weg kreuzt und quert Bachtäler, die Uferwiesen sind mannshoch überwuchert mit drüsigem Springkraut und japanischem Knöterich. Neophyten, sagt Herr G., entkommen aus Ziergärten und verunglücktem Versuchsanbau. Das Springkraut könnte man mit einer Mahd im Sommer eindämmen, aber der Knöterich, auch Bergischer Bambus genannt, der ist hartnäckig und enorm vital, das würde richtig Arbeit machen. Neuseeland will jetzt Nager ausrotten, fällt mir ein; und natürlich der Kakapo, der ohne menschliche Intervention längst ausgestorben wäre, der eingeschleppten Katzen wegen. Wir waren schon immer gut darin, die Natur zu „verbessern“. Und uns dann nach der unverbesserten zu sehnen.

Der Weg ist freundlich, nicht allzu anspruchsvoll und bietet Rastbänke an schönen Plätzen; zweidrei Mal verläßt uns die Beschilderung, und wir gehen Umwege. (Eiserne Wanderregel: Keinesfalls zurück, Zurückgehen ist des Teufels! Schon deshalb haben wir immer eine Karte dabei.) Es bereitet eine tiefe, unverwechselbare Freude, Strecke zu machen, Entfernungen zu überwinden, irgendwo hochzuschnaufen und dann ins Weite zu schauen. Es ist wunderbar, sich hungrig hinzusetzen und gesättigt wieder aufzubrechen, für eine Zeit nur an exakt einem Ort zu sein, aber überall hinzukönnen, und das Nötigste bei sich zu tragen. (Ich gräme mich allenfalls, wieder den Müllbeutel vergessen zu haben; es wäre besser, die Hinterlassenschaften anderer zu beseitigen, als sich darüber zu ärgern.)

Ich erzähle Herrn G. von dem Artikel aus The Atlantic, der den Rückzug amerikanischer Jugendlicher beschreibt, die zunehmend in den Sozialen Medien leben — und dadurch immer unglücklicher werden. Die Zusammenhänge seien klar, schreibt die Autorin: Offline-Aktivitäten machen zufriedener, Online-Aktivitäten führen in die Depression. So am Waldrand, mit rechterhand einem glucksenden Bach und links einer Apfelplantage, unter aufklarendem Himmel und mit Aussicht auf Kur-Kaffee und Torte, scheint ein Rückzug ins Virtuelle geradezu absurd.

An kurzer Leine: Papiertiger.

Sich den Radius nicht vorschreiben lassen; gehen, wohin die Beine tragen. Wetter, Wegbeschaffenheit, Richtung, Hunger und Durst, um mehr sich nicht bekümmern. Staunen, Schönes finden — alles ohne Netz.

Aber nachher, sage ich zu Herrn G., nachher blogge ich darüber.

 

 

 

0 Kommentare zu „Siegwandern

      1. Was das Wetter betrifft, stellen wir uns bei unserer Wanderung auf kalt und nass ein, aber auch das ist eine Erfahrung. 🙂 Passende Kleidung haben wir ja. Wir werden also zu Fuß England durchqueren, von Ost nach West. Ich bin gespannt auf alles!

      1. Es ist tatsächlich der Hadrianswall! Und eben sah ich in der Wettervorhersage, dass das durchwachsene Regenwetter nächste Woche aufhört, es wird trocken. 🙂
        Simon Armitage werd ich gleich mal googeln.

      2. Und noch ein Buch (danach wollte ich den Hadrianswall unbedingt mal besuchen): The Eagle of the Ninth, ein wunderbares historisches Jugendbuch von Rosemary Sutcliff. — Trocken wandern, das klingt gut!

  1. „Siegwandern“ steht als Ein-Wort-Überschrift und aus dem Zusammenhang gerissen erschreckend militant da, geradezu paramilitärisch. Man sieht im Geiste durch den Westerwald marschierende Knobelbecher vor sich („Eu-ka-lyptusbonbon!!!“). War dann aber zum Glück was ganz anderes 😉

    1. Wenn man durch den Westerwald wandert, bleiben die Knobelbecher thematisch nicht aus. Wir haben festgestellt, daß manche Einheiten „Eu-ka-lyptusbonbon“, andere aber wohl „Marr-me-ladeneimer“ gesungen haben. Was Opa halt so aus dem Krieg erzählte.

  2. Nun ja, meine Online-Aktivitäten haben mich immerhin wieder neugierig gemacht und mich letzten Endes nach Jahrzehnten wieder auf Wanderwege geführt. So hat(te) es doch sein Gutes, das böse Internet.

    1. So ganz einverstanden waren wir auch nicht. Aber wir sind ohne Internet aufgewachsen und können halt auch offline leben. Ich zumindest fühle mich nicht schrecklich abgehängt, wenn ich mal zwei Stunden nicht Fexbook checke, schlafe ohne mein Smartphone und verspüre keinen Neid, wenn ich anderer Leuts wunderbare Wanderberichte lese.
      Ich glaube, schlimm wird es, wenn das Netz nicht mehr Werkzeug für die Welt ist, sondern die Welt selbst ersetzt.

    1. Ja! Am schönsten finde ich’s persönlich für Identitätsstiftung durch das Teilen von mißratener Fotografie (bin ich dabei!), Gesprächsmitschnitten und (Dienst-)Reiseprotokollen, aber da ist sicher noch viel Raum für Überraschungen. SEO jedenfalls scheint mir irgendwie zweitrangig.

      1. Das Problem ist ja oft nicht nur, dass man nicht weiß, wo man hin soll, sondern auch, dass man nicht weiß, wo man ist. Die Karte weiß das auch nicht, das Smartphone dank GPS aber wohl 🙂

      2. Ha! Das haben wir bislang nicht vermißt. Wir sind mittlerweile sehr gut im Positionsbestimmen; die deutschen Mittelgebirge sind da nutzerfreundlich.

  3. Schöner Wanderbericht!
    Meine Mutter hat in der Sieg – im Siegerland – schwimmen gelernt!
    Gruß von Sonja, die in fremden Gegenden mit Karten am besten und liebsten klar kommt!

  4. Ach, im Virtuellen ist’s doch auch ganz nett. Danke für den Bericht, mit denen ich dir in Bachtäler und Höhen folgen durfte, ohne meine Küche zu verlassen. Das Yin Yang Schneckenbild ist auch besser aus der Ferne zu ertragen. 🙂

    1. Oh, ich bin froh ums Virtuelle. Es gibt eine Menge Situationen, da schicke ich doch lieber die Romanschriftsteller, Journalisten oder eben Blogger vor. Die Schnecken … schweigen wir von den Schnecken …

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