Worte und Wege

Herr G. flucht. Nichts, gar nichts stimmt da! — Auf der Karte führt ein Weg aus dem Ort heraus, direkt am Schloß den Berg hoch; aber nun stehen wir am Schloß, und nix ist. Wir irren zwischen Häuserzeilen am Hang herum, stiefeln mehr als einmal über Privatgrund, und irgendwann finden wir ihn hinter einem geparkten Kleinwagen, den Weg; eine steile, brombeerverrankte Angelegenheit, der Schlamm knöcheltief. Zwischen zwei Schnaufern gebe ich zu bedenken, daß die Karte zwanzig Jahre alt ist. Aber es sind Wege!, schimpft Herr G., sowas gehört gepflegt!

Wenigstens mit dem Wetter haben wir Glück; die Wolken schleppen sich über die Hügel und regnen anderswo. Immer wieder bleibe ich stehen: Ooooh! Das wäre ein Foto; aber ich bin ja kameralos. Tja, sagt Herr G. im Weitergehen, und recht hat er. Die nicht gemachten Bilder vergesse ich viel zu schnell wieder, doch ein diffuses Bedauern bleibt. Zeit für einen Kamerakauf, beschließe ich.

Die Karte ist eigentlich sehr genau. Ein paarmal sehen wir an Kurven und Winkeln exakt, wo wir stehen, aber die Wege wurden verlegt. Herr G. ist erzürnt. Ein ganzes Stück gibt es schlicht nicht mehr, endet in einem Gebüsch, und wir müssen einen gewaltigen Umweg machen. (Später zeigt er mir auf den Satellitenkarten im Netz: sogar da ist es noch eingezeichnet!) Wald wurde gerodet, Felder eingezäunt, Siedlungen sind gewachsen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.

Wie kamen wir eigentlich darauf, frage ich Herrn G. mitten im Gespräch, ich weiß noch, du hast was gesagt, das hat mich an das erinnert, was ich dir gerade erzählt habe, aber was war es? Fünf Minuten her, und schon verflogen! Eine Karte fürs Gespräch, das wäre was. Oder eben Bilder: die hübsche Geschichte über seinen Namen, die Herr G. mir erzählt hat, weiß ich noch, weil gleich daneben ein Schloß stand, mitten in den Feldern, eine tausend Jahre alte Wasserburg. (Kein Foto.)

Am Ende verlaufen wir uns noch mal, aber da ist es erstens schon egal, und zweitens erwischen wir aus Versehen einen Weg schnurstracks aus den Hügeln in die Ebene des Rheins. Gerade als wir den Wald verlassen, bricht die Sonne durch und bestrahlt die grünen Felder, Andernach im Tal und die Hügel dahinter, zum Greifen nah. Bezaubert erreichen wir den Ortsrand.

Unten ist die Rheinpromenade gesperrt; Hochwasser. Wir finden das häßlichste Café mit dem besten Kuchen seit langem, und ich, glücklich mit meinem Milchkaffee, bin mit allem versöhnt. Herr G. sagt nicht, daß ich leicht zu amüsieren sei; aber recht hätte er. Manchmal ist ein kurzes Gedächtnis nicht das Schlechteste.