Avantgarde

Herr G. ist ein guter Wanderführer. Deshalb gehe ich mit, als er für eine größere Gruppe den Weg von A nach B auskundschaftet.

Ganz einfach ist das nicht. A ist klar, B auch, aber der direkte Weg wäre zu kurz und außerdem nicht besonders reizvoll. Also hat sich Herr G. eine Folge von Um- und Abwegen ausgedacht. Die Karte, die wir dabeihaben, ist sicher zwanzig Jahre alt. Außerdem regnet es — die meiste Zeit; manchmal gießt es auch wie aus Kübeln.

Fast wären wir gleich hinterm Bahnhof Remagen gescheitert, am Landstraßenrand. Wir können sehen, wo unser Weg auf der anderen Seite zwischen die Häuser schlüpft; doch die Autos sausen nahezu lückenlos. Sicher, man könnte an der Ampel ein Knöpfchen drücken, aber 200 Meter dort hin, rüber, auf der anderen Seite ohne nennenswerten Bürgersteig 200 Meter wieder zurück –? Nicht einzusehen. Also warten wir, warten und warten, warten noch etwas, rennen dann und fluchen über die autogerechte Stadt.

Dann aber Wald. Der dampft und kocht und pfeift vor Vögeln, und gemeinsam mit einem Wolkenbruch erreichen wir einen überdachten Grillplatz mit Aussicht (im Moment vom Regen versperrt). Wir frühstücken trocken unterm Geprassel. Elendes Wetter, schimpft Herr G. Wie schön das klingt, entgegne ich, und was wir alles nicht abbekommen!, und da muß Herr G. doch zustimmen.

Der Pfad schlängelt sich, und wir merken schnell, daß er nicht furchtbar viel mit dem auf der Karte zu tun hat. Wald in echt ist auf der Karte Wald, Lichtungen hingegen können auf der Karte Lichtung oder Wald sein, Bäume sind ja schneller abgeholzt als nachgewachsen. Kreuzungen zählen hilft nicht viel — manche Abzweigung fängt als Weg an und endet als Gebüsch. Aber schön ist das hier, verschnörkelt und verwunschen; wir staunen und kramen die Namen für die Sommerblumen hervor.

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Ein markierter Weg nimmt uns mit ins Freie, die Landskrone ist in mittlerer Distanz zu sehen, und von da an ist es einfach; Getreidefelder nach allen Seiten. Die Schmetterlinge wohnen hier auf dem Weg, denn da blüht mehr. Erst am Fuß des Burgbergs wird es wieder bunter. Auf einer Bank machen wir Rast, während sich über dem nächsten Tal eine Wolkenfaust zusammenballt, aus der es ohn’ Unterlaß rumpumpelt. Während wir Brote essen, füllt sie allmählich den halben, dann den ganzen Himmel, und als wir zum Abstieg ins Ahrtal ansetzen, wird sie schwarz und geht schließlich nieder. Unter Donner und Regen erreichen wir den Fluß.

Das war eindrucksvoll, rufe ich gegen das Prasseln auf dem Schirm an. Den lasse ich fast fallen, als auf dem Dach gleich nebenan die Sirene tief Luft holt und uns mit Gebrüll durch die Straßen jagt. Alarm, Alarm, Probealarm! Daß es das noch gibt; und: beruhigend beunruhigend. Kein Notfall würde so überhört. Wir trotten die Ahr entlang, der Radweg ist schön leergeregnet und die monströse Autobahnbrücke in ihrer Höhe fast schon nicht mehr wahr.

Im Café am Ende ist alles gut. Die Kleidung trocknet, und ein freundlicher Koch schneidet für uns frischen Kuchen an, Bisquit, Sahne, Dosenmandarinen. Herr G., sage ich, mit dem Wetter wünsche ich euch ein bißchen mehr Glück und mit der Straßenüberquerung am Anfang; aber sonst? Das wird eine prächtige Wanderung für deine Gruppe, jetzt, wo wir das Verirren bereits erledigt haben.