
(Mehr war leider nicht zu erfahren.)
Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.
So geht das nicht weiter, sagt Herr G., und er meint damit meine Arbeit und mich. Du mußt mal raus, und bald. Na gut, sage ich. Also gehen wir wandern. Im Zug drücke ich die Stirn an die Scheibe: Da! Das blüht ja alles! Oh!, und Herr G. schüttelt den Kopf.
Also: gehen, vom Rhein bis an die Mosel, einen Weg, den ich schon kenne, und einen ganzen Tag nicht dran denken, daß es Schreibtische gibt, an die man müssen kann.
Beim Aufstieg (ich bin etwas knapp bei Atem) überlegen wir, was Bettina von Arnim wohl für Schuhwerk hatte? Sicher Lederstiefel, sagt Herr G., genagelt. Ja, und? Ist sie wohl zum Brentano’schen Haus-Schuhmacher gegangen und hat gesagt: diesmal wie mein Bruder? Oder: wie Lisette, die Magd? Vielleicht, meint Herr G., ist sie auch standesgemäß in Knöpfstiefelchen die Hänge am Rhein hochgetrippelt. Mit Absatz. Bettine Brentano war hart im Nehmen.
Oben scheint die Sonne. Schafe, Ziegen und Esel grasen auf der Weide. Ein Esel kommt und läßt sich streicheln. Den stehlen wir, schlage ich vor, der kann das Gepäck tragen; Esel sind kräftig. Herr G. rät ab: Dann müssen wir immerzu diskutieren, wo’s langgeht, und Esel haben meist die stärkeren Argumente. Wir verabschieden uns und gehen; der Esel steht noch lange am Zaun, als wär da wer. Vielleicht will er uns aber auch nur mitteilen, daß wir sooo interessant auch nicht sind.
Über die Autobahn müssen wir, und das geht nur mit zusammengebissenen Zähnen. Sofort fühle ich mich im Nacken gepackt vom Lärm. Wir gehen schnell, bis ein Tal weiter wieder Ruhe ist. Dem Esel gefällt das auch besser, sage ich. Der Wald ist noch licht, und die Buschwindröschen schicken sich an zu blühen. Ist das schön! — Ein Raubvogel!, ruft Herr G. und faßt mich am Arm, aber dann ist es doch nur der Schatten eines Windradrotorblatts. Dafür ziehe ich Herrn G. zur Seite, als der Wind in eine Gruppe Nadelbäume fährt — ich dachte, ein Auto kommt. Raubvögel und Autos, dabei sind wir weder Mäuse noch in einer Stadt – die Fluchtreflexe jedenfalls sitzen.

Schließlich kommt die Klamm, der Teil des Weges, wo man sich nasse Füße holen kann. Links und rechts gezackter Fels, und darin grünt es zart, die Hänge sind mit Blumen bestreut, weiß, gelb, blau, als hätte das jemand eigens für uns gemacht; es pfeift, flitzt und flattert zwischen den Bäumen, es knospt und blüht — es wäre kitschig, wär es nicht der Frühling. Manchmal teilt der Weg sich mit dem Bach ein Bett. Hoffentlich, sage ich, ist der Esel nicht wasserscheu. Dann wird es auch schon breiter und lieblicher, und wir haben die Mosel erreicht.
Ich schaue auf die Uhr. So schnell waren wir? Trotz Esel? Herr G. merkt an: Deine Uhr steht noch auf Winterzeit, und potzblitz, da hat er recht. Herr G., sage ich, als wir in den Bus steigen, wenn ich dich nicht hätte, wäre ich mit allem eine Stunde zu spät dran. So aber bin ich bloß schlagskaputt und endlich, endlich wieder mal rausgekommen.
In der Frühe lassen wir den einst mondänen Rheinort Königswinter hinter uns. Da, sogar die Wegweiser sind kleine Bildhauereien! Mit Herrn G. stapfe ich durchs Nachtigallental, einem kleinen Bachlauf, verspielt gefroren, in die Höhen folgend. Oh, die Romantik! Herr G. zeigt mir eine Attraktion, von der schon unsere Eltern und Großeltern schwärmten: den Drachenfels. Schloß, Ruine, Aussichtsplattform, Zahnradbahn. Es ist eisglatt, der Himmel verhangen, Schloß Drachenburg hat Winterpause, aber trotzdem sind Karawanen von Menschen unterwegs, mit Wanderstöcken, joggend, mit Kindern, mit Reiseführern unterm Arm.
Was wollen die hier alle? — Was wir auch wollen. Erholung. Mal was anderes sehen. Das hier, erklärt Herr G., ist eines der allerersten Naturschutzgebiete; der Verschönerungsverein stammt von 1869. Ohne den hätte der Trachytabbau vielleicht nichts übriggelassen von dieser Landschaft, den sogar winterkahl noch anmutigen Bergelchen. Mit Eseln wurden Touristen hier hochgeschafft, per Bähnchen und natürlich zu Fuß.
Wir folgen den Menschentrauben mit ihren bunten Rucksäcken bis zum Gipfel, wo auch die Zahnradbahn an der Ruine Drachenfels hält. Oben Ruinenmauern, drangebaut ein Hotel aus den 1930ern, und gleich davor ein weiß und schwarzer Kunststein-Glas-Würfel, der die Landschaft spiegelt, effektvoll schlicht. Kaffee für dreifuffzich; wir verzichten.
Dann aber an der Aussichtskante: verhangener Winter. Als hätte jemand mit Rauch in Nebel gemalt, Wolken hinter Bergen hinter Bäumen hinterm Fluß, in der einen Ferne die Schneehöhen der Eifel, in der anderen das Städtekonglomerat um Köln. Und was qualmt da hinten so? Oh, die Braunkohle. Da hinten ist der Tagebau.
Auf dem Rückweg muß dann Kaffee sein. In Königswinter gibt es nicht mehr viel, aber eine Konditorei doch; da sitzen wir noch ein Weilchen und denken über unsere Vorstellungen vom Auenland nach. Wie viele Drachen das vertrüge. Wie viele Esel. Wie viele Touristen. Der Kuchen ist gut, und draußen strömt und strömt der Rhein.


Winters scheint die Sonne schräg durch eine Glocke klarer Luft; alles, was nicht beschneit ist, wird zu Gold. Man geht auf strahlenden Wegen, und die zeichnen alles auf, jeden Schritt, jedes Umschauen, jedes Verschwinden hinterm Busch. Katzenspuren, andere, winzige Tatzen, rosenfarben: Blut, und Hundespuren bei der Ermittlung, bis ein Mensch zum Weitergehen pfeift: der Schnee weiß gute Geschichten.
Das Wasser in den Wegrandbrünnchen erfindet völlig neue Spiele. Es steht der Wald nicht starr und schweiget, sondern eher so, als könne er sich jeden Moment schütteln und aufspringen und ein Stückchen über die kristallinen Flächen mitlaufen.
Jeder Schritt kracht wie ein herzhafter Biß in Zwieback, der Boden knistert frostig, in Zellophan verpackt. Lang scheint die Sonne nicht, nur nicht getrödelt –! Kein Wunder, daß man mit einem Bärenhunger heimkommt.

Durchgefroren, schlagskaputt, mit schmerzenden Knochen und Muskeln und sehr zufrieden warte ich auf meinen Zug. Irgendwer hat der Scheibe des Wartehäuschens Schmerz beigebracht, vielleicht auch sich selbst, jedenfalls blüht da eine schimmernde Wunde. Ich frage mich, was genau ich daran schön finde, und mache ein Bild.
Heute trägt der Mond ein Cape und hat besondere Kräfte, heißt es. Ich schaue nicht; ich kann ihn ja bald im Internet sehen.
Herr G. hat alles vorbereitet: den richtigen Weg ausgesucht für die zugemessene Zeit, Vorräte besorgt und Kartenmaterial, schönstes Wetter – und Herbst natürlich, Herbst in allen Farben. Ich muß nur noch die Schuhe schnüren und mitgehen.

Überm Rhein ballt sich Nebel, der halbe Himmel ist grau. Herr G. guckt besorgt, wir gehen einen Schritt schneller, und dann haben wir die Hochebene erreicht: der Nebel füllt das Flußtal, und wir sehen die Hügel der anderen Seite darauf schwimmen wie Boote auf hoher See. Für uns geht es hinein in den goldenen Oktober. Der Wald hat noch Laub, aber das Licht ist wie im Traum: von unten scheinen hell die gelben Blätter, von oben blitzt es blau, und die Buchenstämme schweben dazwischen wie Silberflammen. Ich muß immer wieder nachschauen, ob ich noch auf dem Boden stehe.
Die Dörfer sind verschlafen, oft können wir mitten auf der Hauptstraße gehen. Einmal kommt uns ein Auto entgegen, dicht gefolgt von einem wütend bellenden gelben Blitz; mit einem Fahrzeug in die Gegenrichtung rennt auch der magere Hund zurück und kläfft uns an, als Beifang sozusagen, bis von einem Hof die Besitzerin kommt und ihn energisch zurückpfeift. Zwei Monate habe sie ihn nun, erklärt sie, aber das Autojagen sei ihm nicht abzugewöhnen. Ein Straßenhund, mit ungewisser Vergangenheit. Traut keinem, spielt sich immerzu auf. Der Hund sitzt dabei und schaut zur Hälfte schuldbewußt. Als wir gehen, schnappt er knapp an Herrn G.s Kniekehle vorbei. Der wird garantiert überfahren irgendwann, sage ich. Oh, einen Tag an der Leine mit zum Autorennen, meint Herr G., und die Sache ist erledigt.
In den Feldern reiht sich Hangar an Hangar: Folientunnel über Erdbeeren, darin Stimmengewirr. Vielleicht ein Dutzend Frauen pflückt und redet auf Polnisch durcheinander; wir grüßen uns freundlich. Zum nächsten Ort hin überholen wir eine alte Dame mit Rollator, die laut mit ihrem Hund zu reden scheint: Nun komm schon, trau dich … Die Hündin folgt ihr brav und gar nicht schüchtern; da erst sehen wir den Schatten jenseits des Weggrabens, eine Katze mit buschigem Fell, die sich ins hohe Gras duckt. Nur einmal, als eine Krähe auf dem Weg landet, löst sie kurz den grünen Blick von Frau und Hund. Langsam, langsam geht die Frau voran, die Hündin bleibt ganz in ihrer Nähe, und die Katze beschleicht das Paar im Abstand. So machen sie das immer, erzählt uns die Frau.
(Kurz vor dem Ort lassen Herr G. und ich einen Linienbus vorbei, viel zu groß für die Feldwege hier, Verkehrsbetriebe Plön steht dran; der fährt in Richtung Erdbeerfeld.)
Zwei klitzekleine Hunde treffen wir auf dem Anstieg zum Burgberg. Einer trägt uns einen Stock hinterher, aber den sollen wir nicht werfen, sagt die Besitzerin: zu stockfixiert sei das Tier, das solle jetzt soziale Interaktion üben mit seinem Freund. Herr G. und ich grinsen uns an und machen uns auf den Weg zum Gipfel.
Oben ist es sonnig, wir finden eine Burgruine, Aussicht übers Ahrtal, einen Weg, der mit „Rückweg“ ausgeschildert ist, und schließlich den Bahnhof und einen Kaffee in der nächsten Stadt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Wandertag; aber, meint Herr G., es gibt schon ganz schön schräge Hunde auf der Welt.


Die Trostlosigkeit hat nichts mit dem Wetter zu tun. Es ist ein Neubaugebiet, eines von vielen, an denen der Wanderweg entlangkratzt: Haus für Haus in die Jahre gekommene Ideen von Schönheit und Bequemlichkeit, totgepflegte Grundstücke unter Bodendeckern oder praktischen Kiesfüllungen. Kein Bäcker, kein Laden, kein Treffpunkt; dafür Garagen, viele, denn man muß ja einkaufen, Ärzte besuchen, sich amüsieren. Menschen sieht man nur in Autos; Bürgersteige scheint es zu geben, damit man was zum Hochklappen hat. Manche Häuser zeigen nichts als Rolläden. Wie das wohl mal gedacht war? So sicher nicht.
Aber vielleicht urteile ich ungerecht. Vom Weg aus ist ja nicht viel zu sehen; vielleicht erntet man Gemüse, spielen Kinder in Gärten, die vor Wandererblicken geschützt sind. Vielleicht blüht das Leben hinter den Mauern, tagt irgendwo ein Lesezirkel, kümmern sich Nachbarn, entwickelt man den Ort. Ich hoffe es.
Außerhalb sind die Äcker abgeerntet, faule Äpfel fallen von den Bäumen. Gestern wurde in den Feldern ein Fest gefeiert; gerade löst sich eine Wagenburg auf in einen Fluß von Fahrzeugen, der sich zäh auf die Landstraße ergießt. Ich finde im Straßengraben zwei herrenlose Fahrräder und eine Geldbörse mit Papieren und habe gleich ganze Krimis im Kopf (inzwischen weiß ich, sie war wirklich nur verloren).
Nun ist der Sommer wohl vorbei. Für mich beginnt die schönste Zeit in Wanderschuhen. Auf der anderen Seite des Flusses käme mir ungefähr jetzt Irgendlink entgegen, der am Rhein entlang zur Nordsee radelt.

Um diese Zeit macht der Sommer Bestandsaufnahme. Bäume werfen ab, was unbrauchbar ist: dürre Blätter, wurmstichige Äpfel, verkümmerte Nüsse. Die Hecken duften, die Sonne trennt mit spitzen Fingern die reifen Brombeeren von den vertrockneten. Es wird Walnüsse geben dieses Jahr, und die Weinstöcke hängen voller Trauben, jeden Tag süßer. Zugvögel kommen zur Zählung auf den Stromdrähten zusammen, ihre Reisezeit naht. Spinnen üben fliegen. Den Nächten wächst Dunkelheit.
Es ist August und damit hoher Sommer; die Zeit, in der sich Einheimische in den Dorfkneipen Geschichten von umkippenden Wanderern erzählen (und wie der Rettungshubschrauber kam, da wars schon zu spät). Nun, dieser August zeigt da wenig Ehrgeiz, deshalb wagen Herr G. und ich uns bedenkenlos in die Eifel.

Von der Ahr steigen wir hügelan. Den Weg kennen wir beide und, wie sich herausstellt, auch unsere Wanderkarte nicht. Das heißt: wir gehen frei Schnauze. Wir orientieren uns an Himmelsrichtungen, Bachläufen, dem Wechsel von Wald und Feldern, an Landstraßenlärm; immer wieder stehen wir an Kreuzungen und suchen sie auf der Karte, oft genug vergeblich. Der Weg ist hüfthoch überwachsen und manchmal kaum zu finden. Wir kommen nur langsam voran.
Der Lohn dafür: Vulkankegel ragen seltsam aus der Hochebene, auf der Mähdrescher Staubsäulen steigen lassen; die Stoppelfelder mit ihren vielen Scheiteln glänzen gegen das schon müde Grün des Waldes. Hügel stehen vor Kulissen von Hügeln, die vor Hügelkulissen stehen und so fort, bis in die diesige Ferne. Bei einem Bach begrüßen uns schöne braune Kühe, aber wir sind wohl nicht die, auf die sie warten; die Herde orgelt uns eine Beschwerde in q-Moll hinterher, die noch lange durchs Tal hallt.
In Niederzissen verschieben wir die letzten zehn Kilometer auf das nächste Mal. Hier gibt es einen Bahnhof, und Herr G. erinnert sich, daß im Sommer das Museumsbähnchen fährt. Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Zug ein, zwei kleine Dieselloks und ein bunter Verband von Schmalspurwagen; der Schaffner ruft: Pünktlich wie die Bundesbahn!, ehe er uns das Fahrgeld abnimmt. Dann geht es schaukelnd und mit offenen Fenstern das Brohltal hinunter, langsam genug zum Brombeerenpflücken, nur sind die noch nicht reif; an jedem Bahnübergang stehen lächelnde, winkende Menschen. Während Herr G. versucht, einfach Zug zu fahren, habe ich meine helle Freude an den Holzbänken, den Hutablagen, dem Cabriowagen und den wackligen Stegen zwischen den Waggons. In Brohl am Rhein steigen wir aus der Zeitmaschine.
Zur Webseite der Brohltalbahn.