Brutalistisches mit Herrn G., oder: Wie ich mir mal extra für eine Wanderung eine Kamera auslieh, dann aber wegen Winterzeit, Wetter und anderer Widrigkeiten doch keine ordentlichen Bilder machte

Am 11.11. reisen, im Dunstkreis von Köln –? Ach, sagt Herr G., an einem Sonntag in aller Frühe, da schlafen die Narren noch.

Pustekuchen. Wir quetschen uns mit Superhelden und allerhand Dschungelgetier im Regionalexpreß. Wie eine Dose Stangenspargel, sagt Herr G., nur mit höherem Alkoholgehalt. Auf jedem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs findet eine Party statt, um kurz nach sieben. Wer hätte das gedacht? Wir verlieren eine halbe Stunde, weil wir vor lauter Clowns, Damwild, Sträflingen und Römern in Toga nicht zum Anschlußgleis durchkommen.

Raus aus dem Rheinland, rein ins Ruhrgebiet, und schon sieht alles anders aus. Da ist der November ein goldener Oktober. Am Baldeneysee werden wir von Hunden und diese von Joggern überholt; Ruderer lernen rudern, indem sie ein Trainer per Flüstertüte anbrüllt, Rallen lernen das Tauchen einfach so, und über allem glänzen die Bäuche von Flugzeugen vor der Landung. Sonntagsfrieden, zersichelt höchstens von lautlos motorisierten Radlern.

Prächtig: Stausee der Ruhr.

Wir gehen den Bergischen Weg, der in dicht besiedeltem Gebiet den Eindruck von Ländlichkeit vermitteln will. Es ist ein bißchen, als fände man unter den Schichten von Verkehrsnetz, Wohnstädten und Industrie die Reste des Bauernlandes, das das Ruhrgebiet bis zum Boom von Kohle und Stahl war. Die Strecke schlängelt sich durch Stadtwald und versprengte Äcker, alles golden bestreut mit frisch gefallenen Blättern. Als wir das dritte Mal umkehren müssen, weil Wegzeichen nicht zu sehen waren, meint Herr G.: also, Premium ist das hier aber nicht. Dafür, gebe ich zu bedenken, ist das Wetter prächtig.

Nun, es zieht sich zu. Von Schultern-hochzieh- über Kapuzen- bis hin zu Schirm- und schließlich Friesennerz-Stärke steigert sich der Regen. Also wacker zu und nicht mehr rumgetrödelt! Der Weg wird lehmig und beschwerlich. Als wir an einer Landstraße entlanggehen und von jedem vorbeidonnernden Auto schmutzig eingenebelt werden, macht das keinen Spaß; aber da haben wir es auch bald schon geschafft. Vor uns liegt das barocke Örtchen Neviges, und in Neviges liegt der Mariendom.

Das ist ein Eisberg aus Beton, den ich schon lange mal sehen wollte: die Wallfahrtskirche aus den 60ern, ein 6000 Gläubige fassendes Gebäude mit angeschlossenem Pilgerzentrum. Aber weil Herr G. und ich nicht pilgern, sondern naß und verfroren sind, gehen wir erst mal Kaffee trinken. Gestärkt widmen wir uns sodann der Architektur. Herr G. findet wenig freundliche Worte: wie ein Parkhaus findet er den Bau, ein heiliger Hangar, eine Turnhalle des Herrn. Es dunkelt; leider ist das Ding eingerüstet und daher nicht von außen beleuchtet. Als wir reinkommen – innen sieht es, finde ich, weniger nach Parkhaus und mehr nach Bibliothek aus –, haben sie gerade zur Andacht die Lichter gedimmt. Ein Mann in Schwarz stellt mir ein Nicht-Fotografieren-Schild vor die Nase; da gehen wir lieber wieder.

Mit den Bildern war es also nichts.

Das heißt wohl, sage ich zu Herrn G., wiederkommen, wenn es wärmer, trocken, länger hell, kein Karneval und die Kirche fertig renoviert ist? Herr G. guckt, als hätte er ein bißchen Zahnweh. Naja, das Café war ordentlich …

Unbebilderte Aussichten mit Herrn G.

Ach, klage ich, nun ist sie kaputt, die Kamera. Nix mehr zu machen. Ein Gutes allerdings hat das – wir werden ein bißchen schneller vorankommen; und das ist auch nötig, denn wir haben uns was vorgenommen, Herr G. und ich. Wir wollen ja den Moselsteig, ganz. Die Landschaft bietet Abwechlung auf engem Raum und immer wieder Überraschungen. Schöner als der Rhein!, urteilt Herr G. Ich finde, es ist anders und habe außerdem ein Herz für den Rhein; daher: unentschieden.

Wir starten mit einer Busreise durch Weinberge und Neubaugebiete. Wer hier kein Auto hat, braucht viel Zeit für solche Sachen. In Leiwen beginnt unser Wanderweg. Das Dorf bereitet sich auf ein Weinfest vor; wir lassen das schnell hinter uns und betrachten von fern den hübschen Ort und die Ferienanlage ein paar hundert Meter daneben, beliebtes Ziel für Junggesellenabschiede, wie man liest.

Der Weg spannt sich wingertsweise zwischen Rebreihen den Berg hinauf. Sauber gekämmte Hänge, rechts grün, links grün; eigentlich sind die Reben das Grünste nach diesem trockenen Sommer. Oben am Waldweg steht ein Ebereschenbaum, überwuchert und dicht behangen mit dunkelblauen Trauben. Bißchen hoch, leider; aber, mutmaßt Herr G., vielleicht haben die Römer das wirklich so gemacht? Ulmen als Stützen für den Wein, wie Ovid schreibt?

Am Steilhang hat ein Gemetzel im Weinberg stattgefunden: da liegt das Grün am Boden, der Winzer hat alle überschüssigen Blätter von den Reben entfernt, händisch, damit nichts die kostbaren Trauben beschatte. Wir sehen ihn, wie er zwischen den Rebstöcken turnt und ein Blatt nach dem anderen abknipst. Wenn man darüber nachdenkt –! Das wird hoffentlich kein Wein für dreifuffzich.

Nach Mehring führt der Weg durch Wald über eine kahle Bergkuppe, von Schafen freigeweidet; der Pfad schnürt durch das bleiche Gras, von der Hitze plattgewalzt, hier und da erhebt sich dunkel gegen den Himmel ein Baum. Der strohige Grund flimmert – keine optische Täuschung: kleine Schwärme von Staren flattern auf, alle wechseln gleichzeitig die Richtung und lassen sich anderswo nieder. Wir schnaufen bergauf; dann liegt das Land vor uns, weit und rund bis an die Ränder des Himmels. Dafür –!, sagt Herr G., und ich nicke.

Da knattert es in unserem Rücken: ein Mofa überholt uns auf dem Fußpfad; den Fahrer finden wir etwas weiter, wie er von seinem Gefährt aus in die Ferne schaut. Den Helm behält er auf. Wenige Minuten später rollt er auf dem Abwärtsweg wieder an uns vorbei, mit Handzeichen grüßend. Sein Abendvergnügen, vermutet Herr G.; und jetzt fährt er wieder heim zu Fernsehen und Feierabendbier.

Abends ist die Pension abscheulich eingerichtet und hat dafür am Morgen selbstgemachte Marmeladen zum Frühstück. Wir sind höchst zufrieden. Der zweite Teil des Weges wird immer länger, je weiter wir kommen; jedes neue Schild hat ein paar hundert Meter mehr, Trier rückt in die Ferne wie eine Fata Morgana. Trotzdem kommen wir an. Die Stadt ist voller chinesischer Reisegruppen und Karl Marx. Eine Konditorei, die Herr G. von früher kennt, ist verschwunden, aber auch andere Cafés haben guten Kuchen.

Das nächste Mal machen wir bald, nehmen wir uns vor; aber es ist gar nicht mehr so viel übrig vom Moselsteig. Vielleicht muß man ihn einfach noch mal gehen? Dann vielleicht doch mit Kamera?

Essen gehen mit Herrn G.

Fährt man aus Wiesbaden hinaus ins Grüne, windet sich die Straße durch scheinbar nichts als Wald. Die Bushaltestellen heißen nach allerhand Mühlen; Eishaus; Chausseehaus und (aha!) Knusperhäuschen. Häuser sind aber kaum zu sehen; um die Unterstände drängen sich Bäume.

Das hier ist der Taunus, ein Rauschewald, wie er im Märchenbuche steht. Die meisten Orte hier haben irgendwas mit Kur zu tun; es gibt Heilwasser (Haltestelle: Brodelbrunnen) und Infrastruktur (Haltestellen: Kurhaus, Bäderstraße). Man ist seit hundertfuffzig Jahren auf Tourismus eingestellt; am Straßenrand eine Werkstatt mit dem Schild „Wagenpflege“ läßt charmanterweise offen, ob der Wagen einen Motor haben muß.

In einem der kleinen Orte steigen wir aus. Wir wollen Wald, Anstiege und Aussichten und, wo möglich, eine Einkehr. Es geht zunächst durch Gärten und Felder. Die Brombeeren sind, wo die Sonne scheint, vertrocknet und wo sie nicht scheint, noch nicht reif, die Äpfel Speierlinge oder eingezäunt (an einem Baum sehen wir neben den sich rötenden Früchten: Blüten! mitsamt Bienenbesuch!), die Schlehen zwinkern prall und blau, sind aber adstringierend – kurz, nichts zu holen am Wegrand. Wir verzehren, was die Rucksäcke hergeben.

Wie war das früher? So um Seumes Zeit herum? Wasser mußte man nicht mit sich tragen, da reichte ein Bach und ein guter Geschmackssinn. Brot, Speck, viel mehr wird’s nicht gegeben haben. Wie war wohl das Essen in Gasthäusern – die Schilderungen sind da sehr verschieden; und wenn man bei Bauern anklopfte, bekam man da was auf Treu und Glauben, oder war man dann einen halben Tag als Erntehelfer verdingt? Wie weit trug das Prinzip der Gastfreundschaft? Und: was hätten wir zu geben, wenn wir uns durchschlagen müßten? Ich könnte flicken, sage ich. Und du Gedichte, zu Herrn G.

Im Rheingau werden wir fündig. Das Schild an der Landstraße ist so groß, daß man’s zu Fuß fast übersieht: Forsthaus Weißenthurm 200 Meter, und klein: Kaffee & Kuchen. Am Forsthaus schimpfen uns Gänse aus. Wir poltern in die Stube, wo wir die einzigen Gäste sind. Es duftet nach Pflaumenkuchen, aber der, sagt die Wirtin, ist noch im Ofen. Die hausgemachte Wildsülze, mit frischen Zwiebeln und Bratkartoffeln, ist aber auch hervorragend. Ich käme mir komisch vor, hier ein Tellerfoto zu machen; die Wirtin lächelt, als sie unsere blitzblanken Teller sieht.

Da gehen wir wieder hin, beschließen wir, als wir uns satt und zufrieden in Richtung Rhein aufmachen. 25 Kilometer zum Essen, mir gefällt das. Ein Tagwerk, bei dem man ganz genau weiß, wofür’s gut ist.

Mit Herrn G. Büffet

Ein bedeckter, feuchtkühler Sommertag ist wie gemacht zum Wandern: da kann man unverbrannt durch die Felder gehen, und das Wasser im Rucksack reicht gewiß. Man kommt, so dachten Herr G. und ich, gut voran und hat sogar noch Atem übrig.

Bild des Tages.

Zum Beispiel fürs Frühstück. Die nächste Bank nehmen wir, sage ich und habe schon den Rucksack in der Hand, da sehe ich Bremsen auf mir landen, fünf allein auf meiner Vorderseite. Leuchtendgraue Zweiflügler mit nur einem Ziel und Stechwerkzeugen, die durch Kleidung dringen. Wah! Rucksack wieder auf, Tempo beschleunigen, hie und da mal zuhauen und nicht stehenbleiben, bis wir das Bremsengebiet verlassen haben, denn, das wissen wir, ihre Stiche sind die Hölle, und mir fallen mindestens drei böse Geschichten von Infektionen ein.

Der Tag schreitet voran, die Feuchte bleibt, und mit ihr bleiben die Bremsen. Essen ist nicht. Müssen wir die Karte konsultieren, schaut einer auf das Blatt, wärend der andere wedelt und zuschlägt, wo nötig. Von Bremsen beschleunigt, witzeln wir; aber, ganz im Ernst, so allmählich reicht es. Wir reden über Insektenrezepte. Sowie wir langsamer werden, umschwärmen uns die Hungrigen. Von den Mücken nur die Weibchen, das hilft aber auch nicht. Wo sind die Schwalben, wenn man sie mal braucht? Wo ist die Bremsenbremse?

Schrecklich gerne würde ich bei den wilden Kirschen bleiben, aber Schweiß und Fleisch und Blut – wir sind eine Attraktion, sagt Herr G. Da sind zum Beispiel diese winzigen Fliegen, die uns als Schwarm folgen. Stechen tun sie nicht, immerhin. Aber die Mücken: Woher, fragt Herr G., wissen die, in welche Richtung unsereins gucken kann?!

Ich bin einmal schneller gewandert, da waren wir in eine Treibjagd geraten. Diesmal sind wir selbst die Beute. Im Vorübertraben sehen wir: ein Waldeichhorn, eine Handvoll Rehe, Wildschweine mit einer Kaskade Frischlinge, ein paar Aussichten (genauer weiß man’s nicht) und einen Maulbeerbaum, über und über behangen mit glänzenden Früchten.

Ganz erschlagen und halb verhungert fallen wir am Ziel in ein Café. Wir haben Zeit; nur, bitte, bloß nicht draußen sitzen. Wir wurden schon gegessen.

(Die Zecke, die mich erwischt hat, finde ich erst am Tag darauf.)

Postkarte aus Lorch

In Lorch im Rheingau ist gut ankommen: führt ein Taunuswanderweg in den Ort, so kann man gleich hinter dem Ortsschild die Autostraße nach links verlassen und ein enges Sträßlein in den Ortskern nehmen. Dort muß man gar nicht lange suchen, sondern trifft direkt auf eine Bäckerei mit Café, wo es Kaffee auch in Pötten gibt. (Suchen muß man dann am Bahnhof erst; dort stellt ein originelles Gleiszugangskonzept sicher, daß man Richtung Frankfurt schwarz fährt.) Ansonsten hat das Städtchen einen verwinkelten Kern; das Hilchenhaus, ein Renaissancebau, mit dem es gerade noch mal gutgegangen ist; und ein barockes Fachwerkhausgärtlein mit dem allerschönsten Blühdurcheinander, das ich je in einer Stadt gesehen habe. Und was finde ich nachher auf meiner Speicherkarte?

Bloß Bilder von der Mauer zum Rhein hin. Nun. Lassen Sie sich nicht irre machen; in Lorch ist wirklich gut ankommen. Schauen Sie einfach selbst.

Schnörkel ohne Leine

Die Mosel macht es uns leicht, sie zu mögen. Sie mäandert durch Landschaften von lieblich bis spektakulär, es ist recht einfach, gutes Essen zu finden, und in den kleinen Orten herrscht die Höflichkeit, die ich als Kind eingebimst bekam: man grüßt erst mal jeden. Auf Fragen gibt man Antwort, zur Not halt: tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir sind nicht ein Mal unfreundlich behandelt worden, abgerissen, wie wir aussehen. Im Gegenteil. Die meisten fragen nach dem Woher und Wohin, berichten Wetter, und sie freuen sich mit, wie schön es hier ist.

In diesem Abschnitt ist die Landschaft sanft und weit.

Unser Weg führt über die Hügelflanken oberhalb von Piesport, zwischen Rebstöcken in praller Sonne, wahrhaftig kein Sommerweg. Ganz da hinten, wo der Hügel die Mütze aus Wald etwas tiefer gezogen hat, blitzt es: die Fenster einer Gaststätte. Da wollen wir hin. Hoffentlich haben sie nicht gerade Ruhetag, meint Herr G. Andere Leute würden jetzt ihr Smartphone zücken … Als wir sicher sind, daß da oben eine Markise weht, klettern wir zwischen zwei Rebreihen hinauf, poltern auf die Terrasse und lassen uns unter einen Sonnenschirm plumpsen: Kaffee, Kuchen, Eis. Das Leben ist schön.

Später, wieder auf dem Weg, streiten wir darüber, was man sich mehr wünschen könnte als die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln. (Ich finde, nix; da kann Herr G. sagen, was er will.) Das Ganze löst sich auf in Limericks und Wohlgefallen. Derweil ziehen wir sehr gemächlich unsere Bahn oberhalb des Flusses; da hinten kommen wir her, und da unten, da wollen wir hin. Schneller ging’s per Gleitschirm; den Startplatz schauen wir uns von oben an. Ob Fliegen wirklich schöner ist?

Der Nachmittag neigt sich. Die letzten Meter nach Neumagen hinein müssen wir Straße gehen; das sind immer die anstrengendsten Strecken, die man mit Autos teilen muß. Im Städtchen haben wir uns ein warmes Essen redlich verdient, nur: wo? Meine Informationen sind hoffnungslos veraltet. Tripadvisor!, sagt Herr G. und fragt kurzerhand eine Dame, die gerade vor ihrem Haus Geranien gießt. Sie erkundigt sich, was wir uns so vorstellen; dann schickt sie uns in ihr Lieblingsgasthaus. (Volltreffer.)

Da brüten wir dann bei Bratkartoffeln und Rieslinghuhn über der Karte. So ein Weg ist schön; schöner ist es, schon die nächste Etappe zu wissen. Fliegen wäre da nun wirklich keine Lösung; im Stehen pinkeln können hingegen praktisch. Naja.

Betreten verboten

Zauber.

Am Rand der Walnußplantage stehe ich und schaue in die lichten Bäume wie in ein Gemälde. Der Frühling reicht hier bis zum Boden, der Himmel stützt sich locker auf die Wipfel. Jeder Ast reckt Zweige, jeder Zweig ganz neue Blätter in die Sonne, samtige Händchen – ein paar Tage noch, und sie fangen das fallende Licht.

Ich schritte gern mitten hindurch, doch müßte ich dazu das Bild zertrümmern. Drei Meter in diese Herrlichkeit hinein, und es blieben: ringsum ein paar Stämme, die Luft wie überall, Gras mit der Spur meiner Tritte und da hinten der Weg.

Gang mit Herrn G. und wiedergefundener Kamera

Ich muß mich wieder an den Riemen auf der Schulter gewöhnen, sage ich zu Herrn G. Der Himmel ist hell und diesig, als hätte wer Zuckerwatte darin zerblasen, der Fluß erstaunlich dunkelblau und grün. Veilchen, Weißdorn, Schlüsselblume, Hyazinthen, Lerchensporn und diese Miniaturblümchen, weiß mit dunkelbraunem Kraut, von denen wir den Namen nicht wissen (Herr G. meint: ein Neophyt), dazu Vogelkonzert. Man kann nicht klagen.

Wenn ein Weg der bestmögliche Kompromiß aus der kürzesten und der bequemsten Verbindung zwischen A und B ist, dann hat der Moselsteig ganz klar das Thema verfehlt. Da wird der Wanderer auf Ziegenpfade geschickt, über Leitern und Fels und Geröll, aus zehn Metern Entferung betrachtet von Sonntagsspaziergängern auf asphaltiertem Weinbergsweg. Markante Punkte sieht man mitunter stundenlang aus verschiedensten Blickwinkeln. Das, sagt Herr G., hätten wir auch kürzer haben können. Aber so hübsch wär es dann nicht gewesen, antworte ich.

Das Bildermachen geht immer leichter. Ich will ja niemanden langweilen, aber Herr G. ist sehr geduldig mit mir und meiner Kamera. Später stellt sich heraus, daß er eine Menge Limericks kann, die meisten auf Englisch, und davon ein erklecklicher Teil unanständig. Wir fallen vor Lachen fast von der Bank; die Vorüberkommenden gucken.

Es wird ja wieder gewandert in der Republik. Den Pfaden folgen ganze Kegelclubs und Familienverbände, rasten an Hütten, genießen auf Bänken die Aussicht. Dochdoch, die dürfen, aber wenn man wandert, wär man gern allein, sagt Herr G., sonst könnte man sich ja auch in der Straßenbahn erholen. Wir bestaunen die menschliche Fähigkeit, sich völlig ungestört zu fühlen, sobald das Telefon an der Backe klebt: „Nein, da müssen Sie am besten gleich selbst hinfahren, um das zu klären, ich bin hier gerade mitten in der Pampa …“ Wir können das nicht und wünschen, es wäre Montag. Oder schlechtes Wetter.

An der Straße, da geht es schon hinunter in den Ort, ist es auch nicht besser, da lassen uns Geschwader von Motorrädern spüren, daß wir fehl am Platze sind. Herr G. ruft ihnen nach: Ja, heul doch! Und das tun sie. Man hört sie lange.

Unten in Moselkern gibt es keinen Kaffee. Dafür verliebe ich mich auf die letzten Meter noch rasch in den Bahnhof, ein skurriles Ding in voll erblühtem Jugendstil. Ich habe ja zum Glück meine Kamera wieder.