Vom Vermögen

Einmal beobachtete ich zwei Jungen auf einem sonst mittäglich leeren Schulhof. Der Große, elf, zwölf Jahre alt, fuhr mit dem Skateboard auf ein niedriges Mäuerchen zu, sprang in die Luft, wobei er das Board mit sich riß, daß es sich in der Luft drehte, und vesuchte mittig auf dem Board und auf der Mauerkrone zu landen. Immer wieder nahm er Anlauf, sprang, drehte; immer wieder entglitt ihm das Board, blieb auf der Strecke oder polterte auf der anderen Seite des Mäuerchens zu Boden.
Der Jüngere, vielleicht sieben, saß auf der Eingangstreppe und beobachtete diese Bemühungen ernst und gebannt, sah Anlauf, Scheitern, den nächsten Anlauf, Verbesserungen, Rückschläge, erneuten Versuch, und als der Ältere eine Pause einlegte und die Rollen seines Boards kontrollierte, stellte er sich zu ihm und fragte …

Blick aufs Glück

Ein Tag voller fröhlicher Gesichter: statt des vorhergesagten Regens schien die Sonne so warm, daß es die Flaneure aus ihren Jacken trieb. Mir macht das, wenn Menschen sich übers Wetter freuen, gute Laune.

Eingedellt.
… und schon vorbei.

So gestimmt, begegnete ich einem Freilufttelefonat. Normalerweise übe ich mich im Überhören, weil: Weißt du, wo ich bin? Auf dem Marktplatz! Und ich trinke einen Kaffee!, das ist nichts, was ich wissen muß. Aber hier erzählte das eine ältere Frau in ihr Telefon, allein an einem Cafétischchen, weißt du, was für ein Tag heute ist?, und es lag so viel Glück in ihrer Stimme, daß ich mich unweigerlich ihr zuwandte.
Dann fiel mir B. ein, die, so scheint es, alles hat, was man sich wünschen kann, und die an nichts und niemandem ein gutes Haar läßt. Von ihr heißt es: die hat Unglück im Glück.
Es ist Freitag der Dreizehnte. Ich gebe nichts auf Daten und Zahlen, außer für Geschichten.

Gruß & Kuß

Obstblüte. Oberleitung.
Obstblüte. Oberleitung.

Wir haben einen Alltag genommen und uns einen Urlaubstag draus gemacht, so schön, wie ein echter kaum sein kann. Den Tiefdruckgebieten entwischen und sich dem Frühling in die Arme werfen: ein leuchtender, duftender Tag, Vogelkonzert links, Frachtschiffgediesel rechts des Pfades, und die Welt ist im Lot.
rh-wasserrh-buchtrh-muschelnrh-weidenrinderh-gruss
Heute ist der Himmel schon wieder bewölkt, und am Rande meines Wollpullovers sehe ich, wo mich gestern die Sonne geküßt hat: die Oberlippe nur gestreift, einen Handkuß rechts und einen, schon wilder, links; am feurigsten aber da, wo die Schlüsselbeine aufeinandertreffen. Gestern noch war ich empört über so viel Ungestüm. Heute betrachte ich die Stellen mit Andacht. Es soll ja wieder kühler werden.

Vogelbad

Ein Augusttag in herrlichstem Hochsommerblau – ich gebe zu, alles stehen- und liegenlassen und raus, das war mein Vorschlag. Die Idee hatte aber Frau Amsel, nebenberuflich Fachfrau für Ausbüxen und wunderbaren Unfug: Baden gehen! Und zwar im Fluß!

Als ich klein war, durfte ich nicht in den Fluß (und nicht in seine zufließenden Gewässer). Giftig sei er; und er roch auch so. Zwischen den Steinen am Ufer glänzte es von toten Fischen. Später dann: Weidenschatten – ja, Wasserkontakt – nein; höchstens habe ich mal eine Flasche in der Strömung gekühlt.

Jetzt also: Abenteuer!

Postkarte aus dem Sommerwald

Es gibt keine schönste Jahreszeit. Auf dem Weg sind sie alle wunderbar, immer wieder.

Zum Abkühlen bitte klicken.
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Die Strecken, die wir im Winter strammen Schritts zurückgelegt haben, tragen uns im Sommer durch verlockenderes Gelände; Wälder stecken voller Rastplätze, zu jedem Bach führt ein Abweg.

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Am Brunnen vor dem Tore

Wenn du Glück hast, findest du einen Lindenbaum für die Rast. Du kannst dich aus der Mittagsglut in sein Gewölbe flüchten und auf dem Rücken liegend Stamm, Ästen, Zweigen, Zweiglein bis ins Unendliche folgen. Lindenblätter sind, wie alles auf der Welt, auf einer Seite dunkler, auf einer Seite heller; versuchst du sie aber genau einzuteilen, blenden sie dich mit Sonnenblitzen: Augen zu!

Das Wissen über Linden ist alt und trocken. Es enthält Wörter wie »Lindenspinnmilbe« und »Wurzelbrut«. Aber selbst im Trockenen steckt noch etwas von der Kraft des grünen Baums: Tee aus Lindenblüten stillt Husten, löst Krämpfe, lindert Unruhezustände.

Wenn du großes, ganz großes Glück hast auf deiner Wanderung, dann blüht sie nämlich. Dann zieht sie dich über weite Strecken an mit ihrem Honigduft. Dann ist sie ein Reich, ihre Krone bevölkert von Bienen; deren Hymnus macht den ganzen Baum zu einem Schlaflied, macht dir die Lider schwer und den Atem leicht.

Dieser alljährlich an- und abschwellende Klang der Linde kann sogar bewirken, daß du, eine süße halbe oder ganze Stunde lang, völlig vergißt, daß es Männergesangsvereine gibt.

Postkarte aus dem Winterwald

Ein-, zwei-, dreimal im Jahr muß es sein, dann fetten wir die Wanderschuhe und gehen in den Wald. Mehrere Tage am liebsten. Und so zu Fuß wie nur möglich. Wir nehmen Wege durch viel Landkartengrün und meiden Siedlungen, als gehörten wir dort nicht hin.

Ganz besonders liebe ich die Touren im Winter. Im Schnee der Wege (und abseits davon) zeigt sich, wie viele Beine vor uns hier gelaufen sind, auf Wanderschaft, auf der Suche oder auf der Flucht. Strecken, auf denen man sich in der Sommersonne von einem Schatten zum nächsten drückt, schnurren in der Kälte zusammen; jeder Tritt klingt appetitlich nach Zwieback. Die Bisse des Frühfrosts sind vergessen, sobald sich glitzernde Hügel vor uns ausbreiten oder doch wenigstens alle Bäume Eisnadeln tragen vom Nebel. Schlechtes Wetter haben wir nie; höchstens mal die Handschuhe vergessen.

Winterweg

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Mit der Wurst nach dem Schinken

Marmelade

Im April dieses Jahres hatte ich einer Laune nachgegeben und Leuten, die welche wollten, Post geschickt — Postkarten, kleine Sachen, vielleicht Nützliches, blanken Unsinn. Für mich eine Übung in Entscheidungsfreude und der Spaß, Dinge zu verpacken, zu beschriften und mir die Gesichter der Empfänger vorzustellen. (Unbekannterweise zumeist.) Diese Aktion hat mich durchs Jahr begleitet; jetzt bin ich endlich fertig damit.

Da ich üblicherweise keinen Absender draufgeschrieben habe, habe ich bei einigen nie herausgefunden, ob meine Sendung angekommen ist. Von anderen weiß ich es sicher, aus ihren Blogs, aus Kommentaren oder netten Mails. Ich war entzückt.

Und dann landeten da noch ein paar Sendungen in meinem Briefkasten. Allerlei Köstlichkeiten, eine Ersatztasse, knackige Postkarten, Lesestoff aller Art sowie ein Büchlein ohne was drin — das war klasse. Danke! Ganz zu schweigen von den Spätfolgen: Ein entspanntes Essen in der gemütlichsten Kneipe, die ich in Berlin kennengelernt habe; Kochrezepte, Lese- und Reiseideen; Hin und Her von Briefen; ein Auge (blau) mit Aufschlag …

Das zu meiner Aktion. Eine liebe Freundin nennt so etwas: »Mit der Wurst nach dem Schinken werfen«.