Postfraß

Sagen, wie’s ist:

Befleckt, durchstoßen, offen, leer.
Umreifung gelöst.
Zerrissen, zer- oder eingedrückt.
Lose Verschlüsse.
Verschmutzt/durchnäßt:
Nässe durch externe Einflüsse entstanden
Nässe stammt vom eigenen Paketinhalt
oder (man weiß halt nicht) nicht bestimmbar.
Kein Defekt.
Kein Defekt, doch Klirrgeräusche.

[Zutreffenden Zustand bitte ankreuzen.]

 

Sehr geehrter Paketdienst,

heute sollte mein sehnlichst und seit Tagen erwartetes Paket eintreffen. Ich war außer Haus, also hatte ich im Geschäft nebenan gefragt, ob man es dort annehmen könnte, und jemanden organisiert, der es vor Ladenschluß für mich abholen würde. Im Laden hatte man ebenerdig Platz freigeräumt, und auch der Abholer war, dem Stadtverkehr zum Trotz, pünktlich vor Ort.

Womit ich nicht gerechnet habe, ist, daß der Zusteller den leuchtend gelb neben meinem Klingelschild prangenden Zettel ignoriert und das Paket einfach wieder mitnimmt. Ich kann es in zwei Werktagen bei meiner Postfiliale abholen. In zwei Werktagen aber ist der Zug abgefahren, der Käs gegessen, der Drops gelutscht.

Ich habe nun allerhand zusätzliche Kosten, ich habe Freundschaften strapaziert, und ich hätte das Paket morgen gebraucht. Dringend. Ich werde morgen keinen guten Tag haben.

Ich sehne mich nach den Zeiten zurück, in denen mehr gelesen wurde. Zum Beispiel Zettel von Zustellern.

Mit mühsam beherrschten Grüßen.

 

 

 

Schwarzer Schaum

Über Seife hatte ich mir bislang nie Gedanken gemacht. Ich hatte die Strukturformel in Chemie gelernt (bei einer Referendarin, die in der Lehrprobe in Tränen ausbrach, weil jemand die Tafel mit Wachs eingerieben hatte; aber so etwas hätten wir nie gemacht), hatte ansonsten seit Jahr und Tag immer das gleiche Stück am Waschbeckenrand liegen, und das war’s.
Dank Siedendbunt hat sich das geändert …

Ganz große Oper. Und: Spielen mit der Post

A rough English translation can be found in the comments section.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich eine Menge Bücher gelesen, die ich mochte. Entzückt haben mich zwei, eines nur auf Deutsch, das andere ausschließlich auf Englisch erhältlich, beide mit Witz geschrieben und viel Herz für ihren Gegenstand.

Bei Anke Gröner im Blog wurde mir Walküre in Detmold von Ralph Bollmann ans Herz gelegt. Und da ist es geblieben, dieses hübsche Buch, das die Opernlandschaft der deutschen Provinz beleuchtet und dabei ein ungewöhnliches Porträt unseres Landes liefert.

Der Autor besucht seit 1997 die Opernhäuser der Provinz; 2010 hatte er in jedem Zuschauerraum (mindestens) einmal gesessen. Opernkritik findet sich in seinem Buch, wenn überhaupt, nur am Rande; hier geht es um die Atmosphäre an den Häusern und beim Publikum, um den Umgang der Städte mit ihren Musentempeln und den Stellenwert der Kultur. Dazu erhellt der Journalist Bollmann die historischen und politischen Umstände, die dazu geführt haben, daß Deutschland 81 Opernhäuser betreibt — das sind, der unbedarfte Leser staunt, etwa so viele wie im gesamten Rest der Welt zusammengenommen.

Und wenn ich von Bollmanns schönen und weniger schönen Erlebnissen fernab der Metropolen lese, seinen nüchternen Analysen und seinen farbigen Schilderungen folge, fügen sich all die Eindrücke zu einem funkelnden Ganzen. Die »Walküre in Detmold« macht Lust auf Oper, und zwar auf die in der Provinz.

Eine ganz andere Art der Faszination weckt mein zweiter Bücher-Schatz (hach! Danke!): »The Englishman who posted himself and other curious objects« von John Tingey, seines Zeichens passionierter Briefmarkensammler. In diesem reich illustrierten Band beschreibt er Leben und Wirken von W. Reginald Bray (1879–1939), einem englischen Verwaltungsangestellten, dessen Hobby es war, möglichst absonderliche Gegenstände per Post zu versenden.

Die Postboten hatten Glück, wenn es sich nur um ausgeschnittene Figuren handelte oder um Karten mit gereimten oder gezeichneten Adressen. Es konnten auch gestickte oder mit Siegelwachs geschriebene Botschaften, Zwiebeln, Seetang, Bratpfannen sein. Außer einem Hasenschädel und dem »tapferen« Hund der Familie verschickte Bray sich selbst — und wurde so 1903 zum ersten Menschen, der seinen Eltern gegen Quittung von einem Postbeamten zugestellt wurde. Besonders gut gefallen hat mir die Postkarte mit dem Motiv eines meerumtosten Leuchtturms, adressiert »to the Keeper«.

Die Geschichte, wie der Autor John Tingey an sein Thema geriet, ist kaum weniger kurios: Als Briefmarkensammler erwarb er einen Stapel Umschläge, die eigenartig adressiert waren, etwa: »To any Resident of London« (ging zurück mit dem Vermerk, die Adresse sei nicht vollständig). Tingey fing an, sich mit den Objekten zu beschäftigen, und kam aus dem Staunen nicht heraus. Den »postalischen Aktivitäten« W. Reginald Brays widmete er zunächst eine Webseite, um seine Sammlung von Brays Werken zu erweitern; aus dieser und Kontakten zu Brays Nachkommen, die Bilder aus dem Familienalbum beisteuerten, entwickelte sich dann das vorliegende Buch.

Für Post-Fans, die des Englischen nicht mächtig sind, gibt es leider (noch?) keine Übersetzung; als kleiner Trost mag das Werk von Heinrich August Raabe (1759–1841) dienen: Die Postgeheimnisse
oder die hauptsächlichsten Regeln welche man beim Reisen und bei Versendungen mit der Post beobachten muß um Verdruß und Verlust zu vermeiden
.

Auch schön!

Walnüsse

Mein Kindergartenweg war überwölbt von einem riesengroßen Walnußbaum. In meiner Erinnerung herrscht beständiger Herbst, der mich zwang, im Laub nach Nüssen zu suchen, sie auf einen Stein zu legen und draufzuspringen, um dann mit Sorgfalt die Nuß- von den Schalentrümmern zu trennen. (Und mich in jede Richtung des Weges hoffnungslos zu verspäten, zu der »Tante«, die nun wirklich nicht meine war, wie zum Essen daheim.)

Ich lernte, die Wucht meines Absatzes zu dosieren, so daß sich bald das ganze Walnußkerngebilde unversehrt aus nur mehr angeknackster Schale lösen ließ. Später dann öffnete ich Walnüsse noch schonender mit den Backenzähnen oder zwischen den Handballen.

Lag die Schale am Boden, begann der eigentliche Spaß: das Abziehen der Lederhaut, die leicht bitter riecht und unter der der weiße, kühle Kern nur noch in einem seidenpapiernen Häutchen steckt. Mit Übung kann man eine ganze Walnußhälfte in einem Rutsch von beiden Häuten befreien, und zur Belohnung zerscherbt das nackte Innere süß zwischen den Zähnen. Auch wenn es mir schon damals bitter besser schmeckte.

Die Ergebnisse meiner Forschung waren stattlich. Ich konnte die tauben Nüsse nach ihrem Klang auf den Steinen aussortieren; ich lernte all die Arten kennen, auf die Walnüsse komisch schmecken können, und die grauen und pelzigen ganz zu meiden; ich lernte, daß das Äußere der Walnußschale wenig über ihre innere Beschaffenheit aussagt, und daß es Ärger gibt, wenn man die eigene Haut mit den fleischigen Walnußfrüchten bräunt.

Dann war die Zeit vorbei, in der ich jeden Baum als meinen eigenen betrachtete. Die käuflichen Nüsse aus Frankreich oder Kalifornien, getrocknet und goldfarben in Plastiktüten, mochte ich noch nie; sie kommen in nichts an die unansehnlichen, kompliziert zu schälenden Nüsse unterm Baum heran.

Umso entzückter war ich über das Postpaket vom Niederrhein, das so schwer nur sein kann, wenn die Nüsse darin noch feucht und frisch sind. Ich habe sie weder mit dem Schuhabsatz noch mit den Zähnen geöffnet, aber die Freude an dem unverwechselbaren Biß, die ist genau wie damals auf dem Weg zum Kindergarten.

Walnüsse
... der Rest vom Fest. Danke! Sie waren herrlich!

Das Tüpfelchen auf dem i: Porzellan fürs Ei

Weißes Porzellan, das war für mich, aufgewachsen zwischen Mustern, die sich wie flegelhafte Mitbewohner aufführten, stets ein Inbegriff der Festlichkeit. Schlicht natürlich; höchstens noch ein Goldrand dran. Vielleicht war ich deshalb so anfällig für Eierbecher.

Eierbecher, so lernte ich, gebe es flächendeckend erst seit der vorletzten Jahrhundertwende; waren sie davor aus Metallen und Einzelstücke, wurden sie nun passend zum Tischgeschirr in Porzellan hergestellt: man vervollständigte sich. Da sie so klein waren und oft mit großem Ausschuß produziert wurden, sei auf den Hundertjährigen nur selten eine Herstellermarke zu finden.

Und nun kamen die Gestrandeten, allermeistens Einzelstücke, manche mit kleinen Fehlern, Macken oder Goldrand, aber alle weiß, und sammelten sich bei mir. Ich habe sie bepflanzt, als Vasen verwendet, mit Kerzen besteckt zu Kandelabern zusammengestellt und in ihnen den Digestif gereicht. Wir hatten es gut miteinander.

Und nun werde ich sie freilassen, alle sechzehn Stück.

Eierbecher weiß Porzellan antik
Vor dem großen Ausflug

(Falls wer möchte: Mail mit Adresse an mich; ich verschicke gern auch welche.)

Und das ist passiert:
Eierbecher 1
Eierbecher 2
Eierbecher 3
Eierbecher 4
Eierbecher 5
Eierbecher 6
Eierbecher 7
Eierbecher 8
Eierbecher 9 & 10
Eierbecher 11
Eierbecher 12

Eierbecher 13 bis 16 stehen noch immer bei mir. (Ich benutze sie derzeit zum Eieressen, aber vielleicht nicht mehr lange.)