Auf dem Bücherflohmarkt fiel es mir auf, weil es keinen Titel trug; es war offenbar neu von Hand gebunden, das Innere geflickt, die Seiten brüchig und sehr gelesen. Also habe ich es mitgenommen, das »Praktische Kochbuch« von Henriette Davidis (1801–1876), in der 18. Auflage von 1873, in der die »im Jahre 1872 gesetzlich eingeführten neuen Gewichte und Gemäße … überall zur Anwendung gebracht sind«.

Dieses Kochbuch war, so sagte man mir, der Klassiker schlechthin und enthält das, was man über hundert Jahre lang als die deutsche Küche bezeichnete; sicherlich mit einem westdeutschen Schwerpunkt, da Frau Davidis im Ruhrgebiet gebürtig war. Im Anhang ist es ergänzt um praktische Hinweise für »Arrangements und Gesellschaften«: beispielsweise »das Jagdfrühstück« (ein herzhaftes Picknick), »Damen-Thee’s« und »kleine freundschaftliche Kaffee’s«.
Was mein Exemplar noch enthält: keine handschriftlichen Ergänzungen, die waren bei Frau Davidis vielleicht nicht nötig; aber Lesezeichen. Zwischen den Fleischsuppen steckte ein Werbeprospekt der Firma Gottlob Widmann & Söhne KG. aus Schwenningen, die Haushaltselektrogeräte herstellte (»Es wird Ihnen viele Jahre nützlich sein!«). In der »Abtheilung Warme Puddings« fand ich den Ausschnitt einer westfälischen Zeitung (November 1982) mit einem Artikel über den Dortmunder Ostenfriedhof, auf dem Henriette Davidis 1876 beerdigt wurde: »Jedes Jahr am 1. März, dem Geburtstag der Davidis, aber steht bis heute eine Terrine auf dem vielbesuchten Grab …«
Das ist aber ein interessanter Fund. Diese alten Kochbücher sagen ja viel über die jeweilige Zeit aus, besonders wenn noch angrenzende Aspekte abgehandelt werden.
Das ist ja herrlich! Ich habe auch mal ein altes Kochbuch gefunden, es war allerdings für handgeschriebene Rezepte gedacht. Darin hatten sich fleißige Köchinnen in vier verschiedenen Handschriften verewigt. Ich habe es dann weiter geschrieben und benutze es immer noch : )
Und? Hast du den Schwarzen Magister schon nachgekocht? Für einige Leser bestimmt besonders geeignet 😉
Ach, wie schön! Das ist doch die, deren Rezepte mit „Man nehme ein Dutzend Eier“ anfangen?
Ein – inhaltlich – grandioser Fund. Äusserlich – na ja – möglicherweise ein Fall für Philipp Elph ( http://philipp1112.wordpress.com/2010/12/02/verkochte-bucher/ ).
Henriette Davidis, Marie Aabel und Mary Hahn haben die gutbürgerliche Küche des ausgehenden 19.Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kochbüchern beschrieben, die heute immer noch gern zitiert werden, deren Rezepte bis heute nachgekocht werden. Teilweise jedenfalls, denn die Zubereitung einer Schildkrötensuppe zu Hause mit der Tötung des gepanzerten Tierchen zu beginnen -wie Mary Hahn es beschreibt – ist nicht mehr zeitgemäß.
Erinnye, ich mußte auch an Deine Mrs. Beeton denken.
Petra, das klingt spannend — gibt es etwas bei Dir dazu zu lesen?
Vilmos, noch habe ich gar nichts nachgekocht, liebäugele aber mit dem Jagdfrühstück. — Daß Dir der Wigo-Flyer gefallen könnte, hatte ich mir gedacht und ihn deshalb fotografiert.
AGT, ein Dutzend Eier, pfundweise Zucker und Butter und Schmalz und Öl … Und ich staune, was man alles mit verkochtem Suppenfleisch anstellen kann.
P1112, stimmt –! Und Dank für die Erinnerung an den schönen Artikel.
Ach, wie schön! Ich habe mir das Buch vor etlichen Jahren auch mal gekauft, aber sicher nicht so ein wertvolles Exemplar – und überhaupt: Wo ist es? Habe ich es etwa entsorgt?!
Notfalls ein neues altes auf dem Flohmarkt …
Du Glückliche – solch schöner Fund! Hatte auch mal Glück und eine „Neue Kölner Köchinn“ von 1840 in der Hand…
hach ja, die Davidis. Meine Mutter hat einen Nachdruck, nicht ganz so echt, aber wunderbar zum Blättern.
Da gibt es irgendwo ein Museum für sie. Genau, sogar zwei, es gibt das Kochbuchmuseum in Dortmund (ist nur mittelprächtig) und ein Davidis-Museum in Wetter. Das kenne ich noch nicht.
Hui, dann ist deins noch älter als meins! Ich habe die Ausgabe von 1895, von meiner Großtante geschenkt bekommen. Diese hatte es auch schon geschenkt bekommen, wie ich dank eines Weihnachtsanhängers mit liebevoller Beschriftung anno 1956 herausfand.
Ich gestehe allerdings, dass ich mich noch nie an Torten mit 24 Eidottern herangetraut habe. Sehr interessant fand ich die Abteilungen zur Bevorratung, wie man Möhren lagert und Eier über lange Wochen ohne Kühlschrank!
Da muss ich doch glatt mal nachsehen, von wann „meine“ Davidis ist. Erstmal suchen :-).
Seit ich vor Jahren einen Frankfurter Kranz mit 32 Eiern bzw. deren Dottern auf den Teller gelegt bekommen habe, bin ich für normalen Frankfurter Kranz verloren.
Habe gerade ein Exemplar für EUR 25,- im Schaufenster eines Antiquariats gesichtet.
Ui. Meins war günstiger … Den Inhalt gibt es natürlich auch vollelektronisch bei Projekt Gutenberg, dem deutschen Ableger.