Wie werde ich energisch?

Zwar bin ich mit vorsätzlicher Genickstarre über den Bücherflohmarkt gegangen (auf dem kürzesten Weg nach Hause), aber ein Titel sprang mir doch ins Auge: »Wie werde ich energisch?«, wilhelminische Gestaltung in Feldgrün. Ein gewisser Dr. med. W. Gebhardt verspricht »Eine vollständige Anleitung zur Selbsterziehung zu Energie und Thatkraft«. Das Büchlein hätte genausogut »Kauf mich!« heißen können — und so begann die Entwicklung von Energie und Thatkraft damit, daß ich Vorsätze über Bord warf.

Wer Herr Dr. med. Walt(h)er Gebhardt war, habe ich nicht zweifelsfrei klären können; da die Schrift zwischen 1904 und 1910 erschienen sein muß, käme dieser hier in Frage; wahrscheinlich war es aber ein weniger bekannter Namensvetter. In zehn gehefteten, (sparsam) illustrierten »Briefen« leistet er Selbsterziehungsberatung, insgesamt 160 eng bedruckte Seiten lang, die es auf mindestens vier Auflagen gebracht haben.

Machbarkeit war ein großes Thema um die Zeit der letzten Jahrhundertwende; unzählige technische Errungenschaften schienen zu beweisen: Wo ein Wille ist, ist ein Weg! Der Ingenieur überflügelte im öffentlichen Ansehen Pfarrer, Lehrer, Apotheker. Künstler waren die schwarzen Schafe in kaisertreuen Bürgerfamilien und kamen leicht in den Ruch der »Neurasthenie«, weniger vornehm: der krankhaften Nichtsnutzigkeit.


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