A rough English translation can be found in the comments section.
In den letzten Wochen und Monaten habe ich eine Menge Bücher gelesen, die ich mochte. Entzückt haben mich zwei, eines nur auf Deutsch, das andere ausschließlich auf Englisch erhältlich, beide mit Witz geschrieben und viel Herz für ihren Gegenstand.
Bei Anke Gröner im Blog wurde mir Walküre in Detmold von Ralph Bollmann ans Herz gelegt. Und da ist es geblieben, dieses hübsche Buch, das die Opernlandschaft der deutschen Provinz beleuchtet und dabei ein ungewöhnliches Porträt unseres Landes liefert.
Der Autor besucht seit 1997 die Opernhäuser der Provinz; 2010 hatte er in jedem Zuschauerraum (mindestens) einmal gesessen. Opernkritik findet sich in seinem Buch, wenn überhaupt, nur am Rande; hier geht es um die Atmosphäre an den Häusern und beim Publikum, um den Umgang der Städte mit ihren Musentempeln und den Stellenwert der Kultur. Dazu erhellt der Journalist Bollmann die historischen und politischen Umstände, die dazu geführt haben, daß Deutschland 81 Opernhäuser betreibt — das sind, der unbedarfte Leser staunt, etwa so viele wie im gesamten Rest der Welt zusammengenommen.
Und wenn ich von Bollmanns schönen und weniger schönen Erlebnissen fernab der Metropolen lese, seinen nüchternen Analysen und seinen farbigen Schilderungen folge, fügen sich all die Eindrücke zu einem funkelnden Ganzen. Die »Walküre in Detmold« macht Lust auf Oper, und zwar auf die in der Provinz.
Eine ganz andere Art der Faszination weckt mein zweiter Bücher-Schatz (hach! Danke!): »The Englishman who posted himself and other curious objects« von John Tingey, seines Zeichens passionierter Briefmarkensammler. In diesem reich illustrierten Band beschreibt er Leben und Wirken von W. Reginald Bray (1879–1939), einem englischen Verwaltungsangestellten, dessen Hobby es war, möglichst absonderliche Gegenstände per Post zu versenden.
Die Postboten hatten Glück, wenn es sich nur um ausgeschnittene Figuren handelte oder um Karten mit gereimten oder gezeichneten Adressen. Es konnten auch gestickte oder mit Siegelwachs geschriebene Botschaften, Zwiebeln, Seetang, Bratpfannen sein. Außer einem Hasenschädel und dem »tapferen« Hund der Familie verschickte Bray sich selbst — und wurde so 1903 zum ersten Menschen, der seinen Eltern gegen Quittung von einem Postbeamten zugestellt wurde. Besonders gut gefallen hat mir die Postkarte mit dem Motiv eines meerumtosten Leuchtturms, adressiert »to the Keeper«.
Die Geschichte, wie der Autor John Tingey an sein Thema geriet, ist kaum weniger kurios: Als Briefmarkensammler erwarb er einen Stapel Umschläge, die eigenartig adressiert waren, etwa: »To any Resident of London« (ging zurück mit dem Vermerk, die Adresse sei nicht vollständig). Tingey fing an, sich mit den Objekten zu beschäftigen, und kam aus dem Staunen nicht heraus. Den »postalischen Aktivitäten« W. Reginald Brays widmete er zunächst eine Webseite, um seine Sammlung von Brays Werken zu erweitern; aus dieser und Kontakten zu Brays Nachkommen, die Bilder aus dem Familienalbum beisteuerten, entwickelte sich dann das vorliegende Buch.
Für Post-Fans, die des Englischen nicht mächtig sind, gibt es leider (noch?) keine Übersetzung; als kleiner Trost mag das Werk von Heinrich August Raabe (1759–1841) dienen: Die Postgeheimnisse
oder die hauptsächlichsten Regeln welche man beim Reisen und bei Versendungen mit der Post beobachten muß um Verdruß und Verlust zu vermeiden.
Auch schön!