Ein Monument des Abendlandes

roesenhoeser

Da ist mir mal wieder etwas Erfreuliches auf den Schreibtisch geweht worden: Roesenhoeser – ein Monument des Abendlandes, ein schmaler Band aus dem Salzburger Selke-Verlag, erschienen im Jahre 1997. Der Kulturhistoriker Johann Christoph Wæhrmann umreißt in diesem Werk den erstaunlichen Werdegang des Balthasar Uriel Maria Roesenhoeser.

Roesenhoeser, ein Kind des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und im agrarischen Südmähren geboren, war ein rechter Polymath. Er wandte sich im Laufe seines langen Lebens dem Religiösen wie der Politik, den Künsten, den Wissenschaften, dem Militär und der Unterhaltungsbranche zu. Eine Reihe bemerkenswerter Erfindungen gehen auf diesen Gelehrten zurück, der sich zeit seines Lebens der barocken Sprache eines Grimmelshausen bediente: »Nit all’s, was da als Inhalt klinget, / musz auch ein solcher seyn.«

Den Menschen Roesenhoeser haben wir uns als Ausnahmeerscheinung, und das sicher nicht nur in seiner Zeit, vorzustellen. Er bevorzugte feldtaugliche, sandfarbene Bekleidung und trug stets einen Trichter für Abenteuer und Erkundung bei sich; oft überraschte er seine Mitmenschen durch plötzliche Eingebungen und exzentrische Argumentationsketten. (Unfreundliche Zeitgenossen beschrieben ihn als »unberechenbar« und »dreist«.) Auch sein Humor muss erstaunlich gewesen sein; so erschien er gerade zu ernsten und wichtigen Anlässen »stets mit einem Scherzartikelbeil im Kopf« (REMDA, S. 20).

Wæhrmann stellt in kurzen, teils illustrierten Kapiteln die Aktivitäten und Errungenschaften des großen Mähren dar: Roesenhoeser, der Musikologe. Roesenhoeser, der Aphoristiker. Roesenhoeser, der Seefahrer, der Militärausstatter, der Brandschutzbeauftragte …

Zu seinen Erfindungen zählen unter vielen anderen das »Paralleltandem«, der »hydraulische Hochgeschwindigkeits-Dampflockenwickler« und die »Schweisz- & Feil-Orgel«. Dieses eindrucksvolle Instrument bestand aus lediglich drei bis fünf riesigen Orgelpfeifen, deren Tonhöhe während des Konzerts durch »Abfeilen bzw. Anschweißen von Pfeifenteilen« moduliert wurde. »Diese Technik hat zur Folge, daß die Orgel von einem verhältnismäßig unbegabten Organisten gespielt werden kann, vorausgesetzt, daß er von einem gut eingespielten Ensemble musikalisch hochtalentierter Handwerker unterstützt wird […]. Klangfarbe und -volumen des Instrumentes sind beachtlich […].«

Schweisz- & Feil-Orgel
REMDA, S. 142; Zitat und Abb. mit freundlicher Genehmigung des Autors.

In diesem Jahr nun wird MMag.Dr. J.Ch. Wæhrmann ein weiteres Buch herausbringen: Die Roesenhoeser’schen Jubelschriften – monumentale Gedanken eines erhabenen Geistes. Wæhrmann scheint selbst ein etwas exzentrischer Mensch* zu sein; es lohnt jedoch, seine Bücher anzuschaffen. Sie sind, sorgfältig gesetzt, mit Abbildungen versehen und schön gestaltet, eine Zierde für jedes Bücherregal.

* Die Korrespondenz mit dem Autor wäre ein Kapitel für sich. Einen Internetzugang scheint er nicht zu besitzen. Erst nachdem ich eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte, daß ich weder für den »Südmährischen Landwirtsboten« noch für einen gewissen Jonaš P. Rzymkowsky arbeite, schrieb er mich überhaupt mit Namen an. Seitdem bekomme ich von ihm in unregelmäßigen Abständen kommentarlos dicke Umschläge. Diese enthalten nichts als Kopien alter Zeitungsausschnitte, die ich — aus Zeitgründen — ungelesen wegwerfe.

Timmerbergs Reisen

Gerade habe ich ein Buch gelesen, „In 80 Tagen um die Welt“ von Helge Timmerberg, 55. Er probiert aus, was es im Zeitalter von Charterflügen, Internetbuchung und weltumspannenden Konzernen bedeutet, gut elf Wochen Zeit für eine Umrundung des Erdballs zu haben. Allein die Namen der Stationen lassen Reiseromantik aufkommen: Venedig, Rimini, Kreta, Bombay, Tokio, Mexico City, Dublin …

Ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage: Romantisch ist anders.

Vergleiche bleiben nicht aus, wenn ein Vielgereister reist. Und in diesem Falle sind das keine Vergleiche mit Jules Verne. Rimini beschwört Bilder von Familienurlauben in den Fünfzigern; der alte Hippie sieht die Drogenparadiese des Ostens wieder, und einer, der ein paar Jahre in Kuba gelebt hat, muß das Havanna der Neuzeit ertragen. Ist man irgendwann zu alt zum Reisen? Wenn das Buch eine Pointe hat, so ist es die Antwort auf diese Frage.

Bei all dem pflegt Timmerberg eine lesenswerte Sprache. Er ist kein Schönschreiber, sondern ein subjektiver, vielleicht ehrlicher, aber seine Vergleiche sind nicht abgenutzt, seine Beschreibungen funkeln noch, und sein Erleben überrascht. Streckenweise liest sich das wie ein langer (guter) Qype-Artikel, nicht nur, weil Timmerberg naturgemäß viel über Hotels schreibt. Außerdem kommen Passagen vor wie

[…] Bücher über die Stadt schreiben. DEN großen Rimini-Roman. „Für eine Handvoll Gelato“ oder „Vier Gelati für ein Halleluja“ oder „Gelato pflasterte seinen Weg“. Falls das eine Spur zu Gelato-Western rüberkommt, können wir es Hemingway-mäßiger machen: „Wem das Gelato schlägt“. Márquez geht auch, Doppelband: „Gelato in den Zeiten der Cholera“ und „Hundert Jahre Gelato“. Und wie wär’s mit „Gelato und Sühne“ (Dostojewski), „Die Gelatolandfahrt“ (Hesse) oder „Gelatotagebuch“ (Kerouac) — […] (Seite 41).

Das kommt meinem Hang zur Albernheit entgegen. Doch, auch mir gehen derlei Witze irgendwann auf den Keks, aber bedeutend später als den meisten anderen, und nicht ohne daß sich die Sache verselbständigt und eine Weile in meinem Hirn herumgetrieben hätte: „Der Name des Gelato“. „Wenn ein Gelato in einer Winternacht“. „De bello Gelato“.

Achja: Das gebundene Buch ist ein richtig schönes. Der Rowohlt-Verlag hat sich nicht lumpen lassen und einen farbigen Schutzumschlag, die Reiseroute auf den Einbandinnenseiten, ein Lesebändchen sowie Zeichnungen von Harry Jürgens spendiert, die Jules Verne graphisch mit den Themen Timmerbergs verbinden.

Helge Timmerberg:
In 80 Tagen um die Welt
287 Seiten mit s/w-Zeichnungen
Rowohlt, 2. Aufl. 2008
ISBN 978-3-87134-593-7

Nur für eine Nacht …

Hach, ist das schön — den Tag mit verquollenen Augen und leicht matschigem Hirn verbringen, weil man in der Nacht nicht aufhören konnte zu lesen. Früher waren Michael Ende, J.R.R. Tolkien oder Otfried Preußler schuld an sowas, später dann Dorothy L. Sayers. Das Erlebnis wird jedoch mit steigendem Alter und wachsender Leseerfahrung seltener und seltener.

Jetzt hat mich endlich wieder mal einer erwischt: Von einer lieben Freundin bekam ich die ersten beiden Bände der schwedischen Thriller-Trilogie von Stieg Larsson ausgeliehen, mit dem Hinweis, sie habe sie nicht aus der Hand legen können.

Nach dem Selbsttest kann ich sagen: Band 1, Verblendung, geht nach etwas schwerfälligem Einstieg ab wie eine Rakete. Da stimmt einfach alles — interessante Charaktere, schwedisches Lokalkolorit, komplexe Handlung mit überraschenden Wendungen. Herzklopfen bis zur letzten Seite.

Schwups, war die Nacht vorbei, und von den verbleibenden drei Stunden Schlaf lag ich noch eine halbe wach.

Auch Band 2, Verdammnis, ist gut. Nicht ganz so rund wie der erste — man kennt die Figuren schon, stolpert über vier, fünf Plotlöchelchen und -löcher; aber immer noch außerordentlich packend, das Ganze. Das war dann die zweite Nacht.

Ich werde mich hüten, etwas zum Inhalt zu schreiben, und rate auch davon ab, den Klappentext vorweg zu lesen. Stieg Larsson ist aber mein Tip für lange Bahnfahrten, verregnete Wochenenden und einsame Nächte.

Noch ein Wort zur Übersetzung: Ich weiß, daß schönes Deutsch schwierig ist. Aber daß bei Schwedisch-Deutsch dieselben dusseligen Fehler passieren wie bei Englisch-Deutsch, nervt doch: ein pathetisches Häuflein verängstigter Männer. Aua. Oder: Die Einsamkeit fühlte sich immer klaustrophobischer an. Was immer dieser Satz bedeuten soll — sicher nichts Gutes, das steht fest.

Nun weiß ich auch, daß Übersetzer nicht viel Geld bekommen und sich ranhalten müssen, wenn sich das Geschäft lohnen soll. Im großen und ganzen sind die Bücher ganz gut lesbar — und, hey, für eine Nacht …

Jedenfalls freue ich mich auf Band 3. Vergebung heißt er. Aber bevor mir der ins Haus kommt, muß ich doch erst mal mein Schlafdefizit ausgleichen.

Nachtrag: Jepp. Chris hatte recht. Band 3 hält, was die ersten beiden versprochen haben.

Für Vergebung habe ich zwei Tage gebraucht (manchmal muß man die Krimilektüre leider zum Arbeiten unterbrechen). Es ist bewundernswert, wie Larsson alle Handlungsfäden und -fädchen in einen Zusammenhang verwebt. Spannend bis zum Schluß. Bloß die Deutschschlampigkeiten sind noch ein bißchen auffälliger als in den ersten Büchern.

So, das war’s. Aus Schweden dräut noch eine Verfilmung, aber mehr gibt’s dann nicht von Larsson. Er ist 2004 gestorben, und schon die drei Millennium-Bände sind postum erschienen.

Achja, gibt es eigentlich noch jemanden, der Salanders Diagnose anzweifelt?