In gute Hände abzugeben

Schon seit Jahren denke ich, daß meine Schränke zu klein sind. Und für mehr Schränke ist die Wohnung zu klein … Ich habe nämlich so viele Dinge, die ich einfach nicht fortwerfen kann, obwohl ich dringend Platz bräuchte.

Da wäre etwa mein Studentenbudengeschirr: aus dritter Hand und also alt, aber eigentlich nichts Besonderes. Das hat mir damals die Freundin einer Freundin freudestrahlend in die Hand gedrückt, die es gerade von ihrer Tochter zurückbekommen hatte (und die es wohl auch nicht wegwerfen wollte …): Kannst du nicht ein schlichtes, altes Fürstenberg-Geschirr gebrauchen? Für fünf Personen? — Damals sagte ich zu so etwas nie Nein; ich liebe Dinge, die älter sind als ich. Und dann hat es ein paar Jahre bei mir Dienst getan.

Einsame Suppen habe ich davon gegessen und Aufläufe in bester Gesellschaft, opulente Frühstücke und das übliche Stück Torte nach dem späten Seminar. Es kam mit auf WG-Feten und machte sich bei Picknicks nützlich. Wenn wir den Tisch mit altem Leinen und Flohmarkt-Silber gedeckt hatten, sah das Geschirr regelrecht edel aus. Es fiel nicht auf, daß die Suppenteller kleine Mängel hatten (die hatte ich sogar gern) und daß die Frühstücksteller nicht exakt zueinander paßten. Festlich wirkten sie allemal, so elfenbeinfarben und aus dünnem Porzellan.

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Im oberen Fach links: Fürstenberg.

Dann waren fünf Gedecke irgendwie zu wenig. (Nimm doch lieber das neue, davon haben wir genug.) Und kann man das denn wirklich nicht in die Spülmaschine stecken? (Ich will es nicht riskieren. Trocknest du ab?) Kurz, seine Zeit war abgelaufen, und nun steht es gestapelt im Schrank.

Wegwerfen geht auf gar keinen Fall. Verkaufen? Ach, dafür würde doch keiner Geld ausgeben. Und außerdem habe ich es selbst geschenkt gekriegt. Weiterschenken, das wäre es — an jemanden mit einem Herz für Dinge, die viel erzählen könnten, der Sympathien hegt für schwarze Punkte im Porzellan und der seine einsamen und geteilten Eintöpfe von Tellern essen will, die feierfest und mondlichttauglich sind.

Wer mag?

Aus gegebenem Anlaß

Wenn man weite Strecken mit dem Zug fährt und beispielsweise einen anstrengenden Arbeitstag vor oder hinter sich hat, möchte man sich gerne entspannen. Ich habe deshalb immer ein Buch dabei, nix Anspruchsvolles, einfach etwas, das sich so wegliest.

Also klappe ich meinen Sitz nach hinten und versuche, in meine Geschichte reinzukommen, da kriecht mir was ins Ohr: Tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss … Nicht wirklich laut, aber hartnäckig. Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss … Wenn der Zug etwas weniger rumpelt und rauscht, höre ich leises Quäken — eine Frauenstimme. Kenne ich das? Nee, oder –? Dabei sieht der gar nicht aus, als würde er Britney Spears hören — neiiii-en! Ignorieren! Ig-no-rie-ren! Zurück zum Buch!

Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss …

Was tun?

Hätte ich so ein Gerät, könnte ich meine Musik so laut drehen, daß ich diese hier nicht mehr höre. So machen es anscheinend viele, und deshalb sitze ich jetzt hier und übe mich vergeblich in der Kunst des Weghörens.

Ich könnte ein Papiertaschentuch zücken, es zerreißen und mir damit die Ohren verstopfen. Aber warum muß ich Ohrenstöpsel tragen, weil andere Leute Musik hören? Der Grundzustand der Welt ist unbeschallt!

Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss … Vielleicht sollte ich aufstehen und auffällig zum Rhythmus tanzen? Gute Idee. Mache ich mal an einem Tag, an dem mir eh alles egal ist. Tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss …

Vermutlich werde ich wieder hingehen und um leiseres Hören bitten. Habe ich dem Tschk-tss lange genug lauschen müssen, wird die Peinlichkeit der Situation (ja! Ich finde das unangenehm) akzeptabel, wenn sich nur etwas ändert. Entschuldigung, können Sie das bitte etwas leiser drehen?

Die Reaktionen bisher waren vielfältig: Oft entschuldigt sich der Musikfreund und macht es tatsächlich leiser. Nicht immer leise genug, aber immerhin. Danke. — Dann gibt es die, die mich verständnislos anschauen: Das ist doch schon leise! Junge, wenn ich in vier Metern Entfernung Interpreten, Titel und Text erkennen kann, ist es nicht leise. Himmel, kann ich dafür, wenn andere Leute taub sind? — Einmal sprang eine Frau zwei Reihen hinter mir auf und kam mir ungebeten zu Hilfe: Ja, ich höre das auch schon die ganze Zeit, bis da hinten hin, das ist unerträglich … Der arme Kopfhörerträger wußte gar nicht, wie ihm geschah; am liebsten hätte ich die Frau angeknurrt. Nunja. Da lagen wohl Nerven blank. — Und ein einziges Mal sah die Schallschleuder so aus, als wolle sie mir gleich an die Gurgel gehen (nachdem sie endlich registriert hatte, daß ich mit ihr sprach): Ey, was solln das jetzt? — Ich habe es vermutlich dem Einsatz ihrer Freundin zu verdanken, daß es bei bösen Blicken blieb.

Nein, ich mache das nicht gerne. Was ist, wenn der andere aggressiv reagiert (passiert fast nie)? Bestimmt erinnere ich ihn an seine Mutter (mag sein, aber er hat’s ja offenbar bei ihr nicht gelernt). Kein Wunder, daß ich so selten andere Leute sehe, die aufstehen und etwas sagen. Und so oft zustimmendes Nicken, wenn ich es tue.

Schön wäre es, wenn das hier hülfe:

Liebe Musikfreunde im öffentlichen Personenverkehr,
schaut euch mal unauffällig um. Gequälte Gesichter? Nervös im Takt wippende Beine? Das könnte ein Anzeichen dafür sein, daß ihr unfreiwillige Mithörer habt. Und die teilen vielleicht nicht mal euren Musikgeschmack.
Ich weiß, es hat was, wenn da diese tolle Musik ist und nichts als die Musik. Das könnt ihr gerne unbegrenzt in eurem eigenen Zimmer haben. Im öffentlichen Raum dagegen gilt er nicht, der schöne Satz, daß geteilte Freude doppelte Freude sei. Also: Leise. Bitte.
Kauft euch doch einfach ordentliche Kopfhörer — schöner hören, weniger stören. Dafür müßt ihr tiefer in die Tasche greifen, das ist richtig. Aber was wollt ihr, Musik oder Ärger?

Naja. Wir sehen uns. Im Zug.

Sheldon: Aus dem Leben eines Milliardärs

Sheldon

www.sheldoncomics.com
Autor: Dave Kellett (US)
erscheint täglich
Genre: daily funnies, Satire & Parodie, Soap, …

Letzte Woche hat er ein Programm geschrieben, das das Internet beschleunigt. Es hat sich ganz gut verkauft. Jetzt ist er Milliardär — und zehn Jahre alt.

Der kleine Sheldon mit der großen Brille liest viel, schwimmt, interessiert sich für Science fiction — eigentlich ein ganz normaler Junge. Er lebt bei seinem Großvater. Als er ein Lexikon und eine Spracherkennungssoftware in das Hirn eines Wasservogels überspielt, ist Arthur geboren, die sarkastische Problem-Ente. Arthur adoptiert dann Flaco, die wortkarge, aber mitteilsame Eidechse — doch das kommt erst viel später, kurz bevor der verrückte Mops Oso die Familie bereichert. (Seltsam, das ja, aber eine sehr unterhaltsame Kombination.)

Seit 2001 textet und zeichnet der sympathische Kalifornier Dave Kellett die Geschichten um Sheldon und seine skurrile „Familie“, jeden Tag, sonntags farbig. Bemerkenswert, wie wenig sich Kellets meisterhafter Stil über die Jahre gewandelt hat — nur glatter, flüssiger ist er geworden. Wer Calvin & Hobbes liebt, wird Sheldon mögen! — Seit einigen Jahren kann man die Blätter auch kaufen.

Zu den drolligen Alltagsgeschichten gesellten sich bald Medienparodien und Kommentare über das Tagesgeschehen; inzwischen ist Sheldon eine bunte Mischung aus schrägen, witzigen, freundlichen, rührenden Geschichtchen — ein Lächeln für jeden Tag.

Steht auf meiner täglichen Lektüreliste.

Gute »Abwesenheitsnotiz«

Immer wieder landen Suchende auf meinem Blog, weil sie eine „gute Abwesenheitsnotiz“ suchen. Alles über Abwesenheitsnotizen findet sich hier.

Das erinnert mich daran, daß ich eine schreiben sollte.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ich bin nicht da. Zumindest bin ich nicht in der Nähe eines Netzzugangs. Das liegt an den Fest- und Feiertagen: Heiligabend, Erster Weihnachtstag, Zweiter Weihnachtstag; man kennt das.

Während nun draußen vor meiner Tür die Autohupen der Streßkäufer die Weihnachtsmusik überplärren, kehre ich dem Ganzen den Rücken und mache mich auf die Reise, zu Familie und Freunden, zum Kochen, Essen und Schwatzen. Bleibt mir nur, Ihnen, Dir und Euch mindestens so schöne Tage zu wünschen, wie ich sie zu haben gedenke.

Habt’s rundum gut!

Auf Schienen durch die Stadt

Qype-Beitrag zu Saarbahn, Saarbrücken; Bewertung: ***** (von 5)

Jeder Städter kann »seine« U-Bahn mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen. U-Bahn haben wir hier nicht — aber der Gesang der Saarbahn, das Summen, Rumpeln, Jaulen und Pfeifen, mit dem sie in die Kurve geht, läßt Saarbrücker Herzen höher schlagen. (Spätestens dann beschleunigt sich der Puls, wenn sie einen mit schriller Glocke von den Schienen scheucht.)

Als die Saarbahnschienen verlegt wurden, hieß das gefühlte fünf (also vermutlich zwei) Jahre lang Lärm, Staub, Teergestank und Stromausfälle für die Anwohner. In der Mainzer und der Kaiserstraße herrschte verkehrstechnisch Ausnahmezustand; immer mal wieder fing sich ein LKW in der Kurve der Umleitung, dann ging zehn Minuten gar nichts mehr. 1997 war die Saarbahn endlich fertig.

Heute ist sie nicht mehr wegzudenken aus der Innenstadt. Sie fährt innerhalb Saarbrückens vom Heinrichshaus bis nach Saarbrücken Ost und zurück, einmal quer durch die Stadt. Sie bildet so das Rückgrat des Öffentlichen Personnennahverkehrs, um das sich die Buslinien ranken.

Daß das Streckennetz so übersichtlich ist, liebe ich an dieser Bahn: Eigentlich gibt es nur die Linie 1, werktagsüber alle acht Minuten, sonst und nachts alle 20, von morgens halb Fünf bis nachts um Zwo. Wenn Messe ist, soll es auch eine Linie 2 geben, und sogar von Linie 3 habe ich schon gehört, aber das halte ich persönlich für Ammenmärchen. Bei Umzügen, Ausflügen und Möbelkäufen hat mir Linie 1 bislang vollauf genügt, für derzeit 2,20 pro Fahrt (Kurzstrecke 1,80).

Die Züge haben sich ganz gut gehalten, modern, barrierefrei, blau innen und mit viel Fenster. Die Haltestellen werden auf Deutsch und Französisch angezeigt und durchgesagt. Früher mal sprach die Ansagedame mit merklich westpfälzischem Zungenschlag — Nächster Halt: Johanneskirsche –, aber das hat man ihr leider ausgetrieben.

Die Tafeln an den Haltestellen geben die verbleibende Zeit bis zur nächsten Bahn in »min« an. Das sind nicht etwa Minuten, sondern flexible Saarbahnzeiteinheiten, die je nach Verkehrslage länger oder kürzer sein können. Das macht nichts, ich mag das — denn die nächste Saarbahn kommt immer, ganz bestimmt.

Am allerallerbesten gefällt mir aber, daß man in Saarbrücken einsteigen und in Frankreich wieder aussteigen kann. Vorbei an Güdingen, Bübingen, Kleinblittersdorf und Grossbliederstroff bringt sie einen für 3,70 nach Sarreguemines. Dort kann man ein wenig auf alten Treidelpfaden an der Saar entlang spazieren oder in der pittoresken Innenstadt eine tarte des pommes verzehren.

Daran denke ich immer, wenn ich das Rauschen und Kreischen der bremsenden Saarbahn höre. Schön ist das.

(Die Besserwisserin in Sachen Saarbahn ist wie immer die Wikipedia.)

Scary-go-round: Es ist was faul …

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Autor: John Allison (GB)
erscheint Mo-Fr
Genre: Grusel-Krimi-Soap-Komö– äh …

Es begann in einer englischen Kleinstadt namens Tackleford.
Protagonisten gibt es viele, und sie wechseln häufig: Die entzückend-naive Shelley Winters, die bedeutend weniger naive, aber vielleicht noch entzückendere Amy Pickering, der genialische Tim, kürzlich nach Wales verzogen, Ryan, der selten Erfolge, meist aber Bartstoppeln vorzuweisen hat, The Boy (neuerdings mit eigenem Vornamen) und seine Freundin Dark Esther (der Gothic-Szene zugehörig). Dann sind da noch das grüne Seeungeheuer Desmond, wilde walisische Bären, ein hypertropher Bürgermeister, der Tod, spitzohrige Zwerge, eine Motorrad-Gang, Untote, Monster und allerlei teuflisches Zeug aus einer anderen Dimension. Und, und, und, …

Die Handlung — nein. Böse Falle; ich werde nicht hineintappen und irgendeine Inhaltsangabe versuchen. Fest steht: Es ist etwas faul, und zwar meist an einer Stelle, an der man es nun wirklich nicht vermutet hätte. Die Geschichten sind so kraus wie die Besetzung, und die Dialoge stehen dem in nichts nach.

Vor sechs Jahren begann der Brite John Allison seinen Webcomic mit flächigen, komplett computergenerierten Bildern, zwischendurch zeichnete er von Hand, und inzwischen gestaltet er am Rechner schöne, schwungvolle Blätter voller anmutiger Mädchen, grüner Trolle, Faustkämpfe und Schuluniformen. Achja, und jedes Jahr zur Weihnachtszeit wird Musik rezensiert.

Warum man das lesen sollte? Weil es einfach herrlich ist. Abstrus, haarsträubend, unberechenbar, mal herzlos, mal herzerwärmend und in jedem Falle was fürs Auge.

Zum Liebsten

Als ich ankam, war es spät. Das Tor gab dem Rütteln nicht nach, nirgends brannte Licht; die Straße lag in winterlicher Dunkelheit. Ich sollte weiterfahren, ins Helle, Warme, nächstes Mal wiederkommen. Bei Tag. Wenn hier Menschen ein- und ausgehen.

Stattdessen nahm ich die Rose aus dem Papier und suchte mir ein Stück Stiel ohne Dornen, wo ich sie gut festhalten konnte. Dann ging ich bis ans Ende der Straße und weiter, den schmalen Weg an der Mauer entlang. Ich dachte an die vielen, vielen Male, die ich ihn besucht hatte — an das Herzklopfen jedes Mal, wenn ich klingelte. Wenn er mir die Tür öffnete. Wenn wir uns in die Arme nahmen.

Heute mußte ich mir schon selber helfen. Lehm beschwerte meine Schuhe, als ich die hintere Pforte fand: auch sie verschlossen, weit und breit kein Mensch zu sehen.

Die Rose parkte ich auf der Mauer und nahm Maß. Mit etwas Anlauf und zusammengebissenen Zähnen schwang ich mich auf das Tor, die schmerzhaften Zacken vermeidend; kurz hing ich mit dem Mantel fest. Als ich auf der anderen Seite auf dem Kiesweg landete, atmete ich schneller.

Ich ging mit meiner Rose durch die Nacht. Den Weg fand ich wie im Schlaf, ein Stück geradeaus bis zu der kleinen Eberesche, dann links; der vorletzte Stein in dieser Reihe.

Mein Liebster, dachte ich. Spürst du mein Herz klopfen? Das, und nur das ist die richtige Art, dich zu besuchen.

Ich legte die Rose auf die Erde und machte mich auf den Weg zurück.

Dialektforschung II

… diesmal aber professionell: Der „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ ist ein laufendes Projekt der Universität Augsburg.

Er soll den derzeit gültigen Sprachgebrauch in den unterschiedlichen Regionen des Landes abbilden: wie heißt „es reicht“? Wie nennt man einen „Putzlumpen“? Wie sagt man zum „Haus“ beim Fangenspielen? Man kann sich lange festlesen.

Die Daten werden in Online-Befragungen erhoben — das heißt, jeder kann mitmachen, der einen Internetzugang hat.

Klar, daß das eher die jüngeren Menschen sind, deren Sprachgebrauch sich, auch klar, von dem älterer Generationen unterschiedet. Aber vielleicht kriegt ja jemand Oma oder Opa vor den Rechner …

Viel Vergnügen beim Stöbern und Ausfüllen!

Gänsehaut

Ich stand im Supermarkt an der Kasse, da hörte ich, wie hinter mir jemand sang, leise, erst beim dritten Mal Hinlauschen wahrnehmbar. Die Worte waren fremd, Hindi vielleicht; ein Hymnus an die Sonne oder eine Einkaufsliste, weich und fließend wie die Melodie. Und die Stimme: eine Gänsehautstimme. Weder alt noch jung, nicht ganz männlich und nicht ganz weiblich, nur warm und sanft, gemacht für wirksame Beschwörungen.

Ich ließ mich hypnotisieren, träumte mir Gestalten und Gesichter zu dieser Stimme, Landschaften, Schicksale, Begegnungen, wollte nur noch ein bißchen stehenbleiben … Die Schlange vor mir wurde viel zu schnell kürzer. Als ich mit dem Bezahlen dran war, drehte ich mich um.

Ich entdeckte einen Mann um die Dreißig mit verfilztem Haar. Er starrte geradeaus und schwankte leicht vor und zurück; sein kreischroter Pullover war durch die Löcher im Mantel erkennbar, während er ein paar Bierflaschen an sich drückte. Kein Zweifel, er war mein Sänger.

Das war die zweite Gänsehaut an diesem Tag.

Hermann Röchling, 1872 – 1955

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Blick über die Hochöfen

Die Völklinger Hütte ist eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Deutschlands. Das imposante Eisenwerk, 1986 stillgelegt, ermöglicht einen Einblick in industrielle Abläufe, die man sich als Laie allenfalls verschwommen vorstellen kann; es vermittelt eine Ahnung von rund hundert Jahren deutscher Industriegeschichte. Und von der Zwiespältigkeit des Fortschritts: Über zehntausend Menschen bot die Hütte Arbeit, 34 Tonnen Staub und Dreck legten sich tagtäglich aus ihren Schloten über die kleine Stadt. Man geht anders, als man gekommen ist, und betrachtet jeden Edelstahltopf mit neuen Augen.

Absolut besuchenswert.

Wir waren wieder dort und haben eine Führung mitgemacht. Der Führer hat selbst jahrzehntelang auf der Hütte gearbeitet. Er erzählte nicht nur über Bau und Funktionsweise einer Eisenhütte, sondern auch über das Leben dort: von den Maurern, die die Hochöfen ausbessern mußten — von innen, in Asbestkleidung und mit Sauerstoffmasken; nach maximal eineinhalb Minuten holte man sie wieder heraus. Von den Maschinisten in der Gebläsehalle, die Tag für Tag bei 50 bis 60°, im Ölnebel und beim Höllenlärm von zehn hausgroßen Eisenkolossen arbeiteten. Von den dreizehn Hüttenarbeitern, die am 16. Januar 1928 bei einer Hochofenexplosion verglühten — in ihre Särge legte man das Gewicht ihrer Körper in Roheisen, denn es gab ja nichts mehr zum Begraben …

So weit, so eindrucksvoll.

Und dann, am Ende der Führung, kam der Mann noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das ihm besonders am Herzen zu liegen schien: Hermann Röchling. Der Firmenpatriarch, unter dessen Herrschaft die Völklinger Hütte zu ihrer ersten Blüte fand, zeichnete für zahlreiche technische Innovationen verantwortlich und etablierte ein System von Sozialleistungen für seine Arbeiter. Dieser Mann war nach dem Zweiten Weltkrieg vor ein Kriegsgericht gestellt und zu sieben Jahren Haft verurteilt worden; auf Betreiben politischer Funktionäre wurde er 1951 begnadigt, jedoch sein Vermögen eingezogen, und er durfte das Saarland nicht mehr betreten. Im Jahre 1955 starb er im baden-württembergischen Exil, ohne sein Werk noch einmal gesehen zu haben — und aus den Worten unseres Führers sprach ehrliche Entrüstung darüber, daß irgendein »großer Zampano« dies dem alten Herrn verwehrt hatte.

»Hermann Röchling« — da klingelte etwas.

Zuhause habe ich nachgelesen. Hermann Röchling war der siebte Sohn des Firmengründers Carl Röchling und hatte dessen Nachfolge im Alter von 35 Jahren angetreten. Im Jahre 1918, zum Ende des Ersten Weltkrieges, wurde der studierte Ingenieur zum »Königlich-preußischen Kommerzienrat« ernannt. Was auch immer genau das heißen mag — in Zeiten des Krieges sind Männer gefragt, die Stahl liefern können. Röchling und seine Werke waren kriegswichtig. Röchling revanchierte sich mit unbedingter Treue zu Deutschland — das Saargebiet sollte »heim ins Reich«, dafür setzte er sich politisch ein.

Unter seinen zahlreichen Ämtern ist »Wehrwirtschaftsführer« (ab 1935) nur eines, das darauf hinweist, daß Röchling bei den Herrschenden mehr als wohlgelitten war. Andere Quellen sind deutlicher: Röchling war früh schon NSDAP-Mitglied, enger Vertrauter Hitlers, und er engagierte sich bereits 1936 für eine kriegerische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Seine Karriere im Dritten Reich war exemplarisch.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Völklingens zivile Bevölkerung wurde aus der Gefahrenzone an der Grenze evakuiert. Die Eisen- und Stahlgewinnung jedoch wurde nur Wochen später wieder aufgenommen — der Einsatz von insgesamt etwa 14000 Zwangsarbeitern machte es möglich. Völklingen und andere Eisen- und Stahlwerke hatten Priorität, schließlich wurden hier Waffen entwickelt und hergestellt.

Im März 1945 kamen die Amerikaner — Hermann Röchling tauchte unter, wurde jedoch Ende 1946 gefangengenommen und 1948 vor ein französisches Militärgericht gestellt. Für industrielle Ausbeutung der besetzten Gebiete, Erhöhung des Kriegspotentials des Deutschen Reichs und Mitwirkung bei der Verschleppung von Menschen zur Zwangsarbeit (Quelle Meyers Lexikon leider versiegt) wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision — die Strafe wurde auf zehn Jahre erhöht.

Einer rührenden Geschichte zufolge boten 111 Hütten-Veteranen an, die Strafe an Röchlings Statt nacheinander abzusitzen; der Betriebsrat setzte sich massiv für den Stahlbaron ein, und schließlich erwirkte man im Verein mit dem CDU-Wirtschaftsminister, daß Röchling freigelassen wurde, zu den bekannten Bedingungen.

Fotos zeigen einen gepflegten alten Herrn, fast kahl, mit raspelkurzem weißem Haar und Nickelbrille; das Gesicht mit der groben Nase wirkt entschlossen, der Blick ist ernst und durchdringend. Tiefe Narben auf der rechten Wange lassen an eine schlagende Verbindung denken. Andere Aufnahmen zeigen ihn strahlend, umgeben von seinen Arbeitern und Kindern mit leuchtenden Augen.

Bis heute scheint die Verehrung Völklingens für Röchling keine Grenzen zu kennen — er hatte der Stadt Lohn und Brot gegeben, hatte in Schulen, Krankenhäuser, Wohnungsbau und Stadtentwicklung investiert. Ihm war der relative Reichtum, die goldene Zeit im zwanzigsten Jahrhundert zu verdanken. Gleich 1956 benannte man die von ihm subventionierte Arbeitersiedlung »Bouser Höhe« in »Hermann-Röchling-Höhe« um.

So steht das Bild des wohlwollenden Patriarchen und sozial denkenden Industriebarons neben dem des Nazis, eines Mannes, den der Krieg reich machte und für den der Zweck alle Mittel heiligte. Diese beiden Bilder lassen sich in den Köpfen nur schwer in Einklang bringen — und unser Hüttenführer ist nur einer von vielen, die mit Empörung an das Unrecht denken, das »ihrem« Röchling widerfahren ist.

Außer Frage steht: H. Röchling hat sich persönlich bereichert, unter Ausnutzung verschleppter, versklavter Menschen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber mindestens einige Hundert Männer und Frauen sind bei der Arbeit und im Arbeitserziehungslager umgekommen. Eine offizielle Entschuldigung bei den Opfern und Hinterbliebenen gab es anscheinend nicht.

Jaha, aber das haben damals doch alle so gemacht. Es war eben ökonomisch klug. Und dann sind da noch das Schwimmbad, der Sportverein, die Pensionärsheime, die Ausbildungsplätze, die Röchling in Völklingen geschaffen hat …

Jaha. Aber das haben damals alle so gemacht. Es gehörte zu den Pflichten des Großindustriellen, sich um seine Arbeiter zu kümmern, wenn er sich nicht mit Gewerkschaften, Streiks und linkspolitischen Umtrieben herumschlagen wollte. Es war eben ökonomisch klug.

Wie viele Schwimmbäder sind nötig, um ein Menschenleben zu bezahlen?

Hermann Röchling ist Geschichte. Aber daß heute noch, im Jahr 2008, dieser Mann als Wohltäter geschildert wird, das will mir nicht in den Kopf. Wir wissen es doch besser!

Im Jahr 2000 brachte die ARD einen Beitrag zum Thema. Ich vermute, in Völklingen wurde er, wenn überhaupt, mit Kopfschütteln gesehen.

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