Hier nicht zu sehen

Schwarz und gelb gescheckt: Ahornblätter, die als feuchter, rauher Teppich den Weg bedecken; darin ein gleiches Ahornblatt, genauso schwarz und gelb, das einen Fingerbreit über den anderen schwebt, vom eigenen Stengel im Abstand und in der Balance gehalten. Überhaupt, diese viel zu schwarzen Flecken auf dem Laub mancher Ahornbäume dieses Jahr. Wie Teertropfen, wie Löcher in mondlose Nächte. (Ich hätte das gern fotografiert.)

Oh, und wie das Licht mit dem Dunst des Flusses spielt an einem bewölkten Tag! Als würde das Wasser kochen, hebt sich Grau hinter Grau. Die Uferhänge ohne Laub, von rasenden Wolken schwarz gescheckt und hier und da von Sonnenflecken angesteckt, daß sie auflodern; der Strom unten, Silber und Blei, reicht den Weiden bis zu den Knöcheln und ist viel zu aufgeregt, um die Uferpromenaden ordentlich zu spiegeln. (Nun gut, das läßt sich, wie ich weiß, ohnehin nicht abbilden.)

Die Fassade der 20er-Jahre-Apotheke, Granit, mit stark stilisierten Tierkreiszeichen, wirkt unaufdringlich-repräsentativ. Es ist aber eine Wäscherei darin; in einem Fenster wirbt sie mit einem blütenweißen Hemd, in Folie auf die Scheibe geklebt. Direkt darunter das Tierkreiszeichen Krebs: sieht aus wie ein weiteres Hemd, aus Stein, aufgeregt winkend. Ich muß lachen und mache ein Bild. Ein junger Mann, der hinter mir geht, bleibt an derselben Stelle stehen, zieht das Smartphone und knipst ebenfalls. Vielleicht erscheint dieses Bild, auch wenn ich’s nicht mehr zeigen kann, in einem fremden Feed; das würde mir gefallen.

(Die Kamera ist wirklich weg; damit muß ich mich wohl abfinden.)

 

 

 

So geht das: Bandnudeln

sogehtsNichts geht über selbstgemachte Nudeln. Punkt. Kurz gekocht, mit Butter und Parmesan oder ein paar Blättern Basilikum: perfekt. Sie machen Arbeit, aber der Aufwand lohnt sich — so sehr, daß ich keine Nudeln aus der Tüte mehr mag.

Man braucht dazu sechs Eier, etwas über 500 Gramm Hartweizengrieß, eine Handvoll Mehl, etwa eine Stunde Zeit und gute Nerven. Kein Salz, kein Öl, kein Wasser!

Eier, Hartweizengrieß, etwas Mehl.
Eier, Hartweizengrieß, etwas Mehl.

Erst werden Eier und ein Teil des Grießes zusammengerührt. Wenn die Masse allmählich fest wird, geht es ans Kneten — echte Handarbeit; keine mir bekannte Küchenmaschine bekommt das hin. Zwischendurch erinnert der Teig in seiner Bappigkeit an etwas aus der Baustoffhandlung — egal, weiterkneten. Bis er nicht mehr klebt und sich glatt durchbrechen läßt.

Dann mit feuchtem Küchentuch abdecken und eine halbe Stunde warten.

Erst rühren,
Erst rühren,
... dann kneten.
… dann kneten.
Abgedeckt ruhen lassen.
Abgedeckt ruhen lassen.
Wenn er glatt bricht, ist der Teig trocken genug.
Wenn er glatt bricht, ist der Teig trocken genug.
1--2 mm dick ausrollen...
1–2 mm dick ausrollen…
... zusammenfalten ...
… zusammenfalten …
... mit scharfem Messer schneiden.
… mit scharfem Messer schneiden.
Auseinandernehmen,
Auseinandernehmen,
zum Trocknen ausbreiten.
zum Trocknen ausbreiten.

Handtellergroße Kugeln dünn ausrollen, großzügig mit Mehl bestreuen, längs zusammenrollen und in schmale Streifen schneiden. Sofort entwirren und zum Trocknen ausbreiten. Nach einer halben Stunde kann man die Nudeln zusammenräumen; ich packe sie in eine Salatschleuder, damit sie nicht in der Schüssel festkleben. Im Kühlschrank halten sie sich zwei, drei Tage.

Nudeln für vier bis fünf hungrige Personen.
Nudeln für vier bis fünf hungrige Personen.

(Nach dem Nudelmachen sieht es in der Küche leider aus, als sei ein Mehllaster explodiert. Und die Kunst an dieser Anleitung besteht darin, Fotos zu machen, ohne den Fotoapparat zu ruinieren.)

So, das war meine Vorlage für den Hausgebrauch. Nudeln in elf Bildern.

Spektakuläre Anleitungen gibt es bei Karu: Wie werden lebensgroße Gipsfiguren gemacht? Wie funktioniert Bronzeguß? Und wem das noch zu leichtgewichtig ist, dem empfehle ich BerndBs Fotos auf flickr: Maximale Schwerlast auf vielen, vielen Rädern.

Viel Spaß!

Mehr Sicherheit auf unseren Straßen

Liebe Autofahrer,

es gibt da eine Vorrichtung, die die Übertragung von Gedanken (nicht nur an andere Autofahrer, auch an Radfahrer und sogar an Fußgänger!) ermöglicht. Sie nennt sich Blinker, sie steht in jedem Modell aller Automarken serienmäßig zur Verfügung, und ihre Benutzung hat keinerlei unerwünschte Nebenwirkungen.

Gell, das war Ihnen neu?

Blinken!
Bitte ausdrucken und aufs Armaturenbrett kleben.

Hermann Röchling, 1872 – 1955

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Blick über die Hochöfen

Die Völklinger Hütte ist eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Deutschlands. Das imposante Eisenwerk, 1986 stillgelegt, ermöglicht einen Einblick in industrielle Abläufe, die man sich als Laie allenfalls verschwommen vorstellen kann; es vermittelt eine Ahnung von rund hundert Jahren deutscher Industriegeschichte. Und von der Zwiespältigkeit des Fortschritts: Über zehntausend Menschen bot die Hütte Arbeit, 34 Tonnen Staub und Dreck legten sich tagtäglich aus ihren Schloten über die kleine Stadt. Man geht anders, als man gekommen ist, und betrachtet jeden Edelstahltopf mit neuen Augen.

Absolut besuchenswert.

Wir waren wieder dort und haben eine Führung mitgemacht. Der Führer hat selbst jahrzehntelang auf der Hütte gearbeitet. Er erzählte nicht nur über Bau und Funktionsweise einer Eisenhütte, sondern auch über das Leben dort: von den Maurern, die die Hochöfen ausbessern mußten — von innen, in Asbestkleidung und mit Sauerstoffmasken; nach maximal eineinhalb Minuten holte man sie wieder heraus. Von den Maschinisten in der Gebläsehalle, die Tag für Tag bei 50 bis 60°, im Ölnebel und beim Höllenlärm von zehn hausgroßen Eisenkolossen arbeiteten. Von den dreizehn Hüttenarbeitern, die am 16. Januar 1928 bei einer Hochofenexplosion verglühten — in ihre Särge legte man das Gewicht ihrer Körper in Roheisen, denn es gab ja nichts mehr zum Begraben …

So weit, so eindrucksvoll.

Und dann, am Ende der Führung, kam der Mann noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das ihm besonders am Herzen zu liegen schien: Hermann Röchling. Der Firmenpatriarch, unter dessen Herrschaft die Völklinger Hütte zu ihrer ersten Blüte fand, zeichnete für zahlreiche technische Innovationen verantwortlich und etablierte ein System von Sozialleistungen für seine Arbeiter. Dieser Mann war nach dem Zweiten Weltkrieg vor ein Kriegsgericht gestellt und zu sieben Jahren Haft verurteilt worden; auf Betreiben politischer Funktionäre wurde er 1951 begnadigt, jedoch sein Vermögen eingezogen, und er durfte das Saarland nicht mehr betreten. Im Jahre 1955 starb er im baden-württembergischen Exil, ohne sein Werk noch einmal gesehen zu haben — und aus den Worten unseres Führers sprach ehrliche Entrüstung darüber, daß irgendein »großer Zampano« dies dem alten Herrn verwehrt hatte.

»Hermann Röchling« — da klingelte etwas.

Zuhause habe ich nachgelesen. Hermann Röchling war der siebte Sohn des Firmengründers Carl Röchling und hatte dessen Nachfolge im Alter von 35 Jahren angetreten. Im Jahre 1918, zum Ende des Ersten Weltkrieges, wurde der studierte Ingenieur zum »Königlich-preußischen Kommerzienrat« ernannt. Was auch immer genau das heißen mag — in Zeiten des Krieges sind Männer gefragt, die Stahl liefern können. Röchling und seine Werke waren kriegswichtig. Röchling revanchierte sich mit unbedingter Treue zu Deutschland — das Saargebiet sollte »heim ins Reich«, dafür setzte er sich politisch ein.

Unter seinen zahlreichen Ämtern ist »Wehrwirtschaftsführer« (ab 1935) nur eines, das darauf hinweist, daß Röchling bei den Herrschenden mehr als wohlgelitten war. Andere Quellen sind deutlicher: Röchling war früh schon NSDAP-Mitglied, enger Vertrauter Hitlers, und er engagierte sich bereits 1936 für eine kriegerische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Seine Karriere im Dritten Reich war exemplarisch.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Völklingens zivile Bevölkerung wurde aus der Gefahrenzone an der Grenze evakuiert. Die Eisen- und Stahlgewinnung jedoch wurde nur Wochen später wieder aufgenommen — der Einsatz von insgesamt etwa 14000 Zwangsarbeitern machte es möglich. Völklingen und andere Eisen- und Stahlwerke hatten Priorität, schließlich wurden hier Waffen entwickelt und hergestellt.

Im März 1945 kamen die Amerikaner — Hermann Röchling tauchte unter, wurde jedoch Ende 1946 gefangengenommen und 1948 vor ein französisches Militärgericht gestellt. Für industrielle Ausbeutung der besetzten Gebiete, Erhöhung des Kriegspotentials des Deutschen Reichs und Mitwirkung bei der Verschleppung von Menschen zur Zwangsarbeit (Quelle Meyers Lexikon leider versiegt) wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision — die Strafe wurde auf zehn Jahre erhöht.

Einer rührenden Geschichte zufolge boten 111 Hütten-Veteranen an, die Strafe an Röchlings Statt nacheinander abzusitzen; der Betriebsrat setzte sich massiv für den Stahlbaron ein, und schließlich erwirkte man im Verein mit dem CDU-Wirtschaftsminister, daß Röchling freigelassen wurde, zu den bekannten Bedingungen.

Fotos zeigen einen gepflegten alten Herrn, fast kahl, mit raspelkurzem weißem Haar und Nickelbrille; das Gesicht mit der groben Nase wirkt entschlossen, der Blick ist ernst und durchdringend. Tiefe Narben auf der rechten Wange lassen an eine schlagende Verbindung denken. Andere Aufnahmen zeigen ihn strahlend, umgeben von seinen Arbeitern und Kindern mit leuchtenden Augen.

Bis heute scheint die Verehrung Völklingens für Röchling keine Grenzen zu kennen — er hatte der Stadt Lohn und Brot gegeben, hatte in Schulen, Krankenhäuser, Wohnungsbau und Stadtentwicklung investiert. Ihm war der relative Reichtum, die goldene Zeit im zwanzigsten Jahrhundert zu verdanken. Gleich 1956 benannte man die von ihm subventionierte Arbeitersiedlung »Bouser Höhe« in »Hermann-Röchling-Höhe« um.

So steht das Bild des wohlwollenden Patriarchen und sozial denkenden Industriebarons neben dem des Nazis, eines Mannes, den der Krieg reich machte und für den der Zweck alle Mittel heiligte. Diese beiden Bilder lassen sich in den Köpfen nur schwer in Einklang bringen — und unser Hüttenführer ist nur einer von vielen, die mit Empörung an das Unrecht denken, das »ihrem« Röchling widerfahren ist.

Außer Frage steht: H. Röchling hat sich persönlich bereichert, unter Ausnutzung verschleppter, versklavter Menschen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber mindestens einige Hundert Männer und Frauen sind bei der Arbeit und im Arbeitserziehungslager umgekommen. Eine offizielle Entschuldigung bei den Opfern und Hinterbliebenen gab es anscheinend nicht.

Jaha, aber das haben damals doch alle so gemacht. Es war eben ökonomisch klug. Und dann sind da noch das Schwimmbad, der Sportverein, die Pensionärsheime, die Ausbildungsplätze, die Röchling in Völklingen geschaffen hat …

Jaha. Aber das haben damals alle so gemacht. Es gehörte zu den Pflichten des Großindustriellen, sich um seine Arbeiter zu kümmern, wenn er sich nicht mit Gewerkschaften, Streiks und linkspolitischen Umtrieben herumschlagen wollte. Es war eben ökonomisch klug.

Wie viele Schwimmbäder sind nötig, um ein Menschenleben zu bezahlen?

Hermann Röchling ist Geschichte. Aber daß heute noch, im Jahr 2008, dieser Mann als Wohltäter geschildert wird, das will mir nicht in den Kopf. Wir wissen es doch besser!

Im Jahr 2000 brachte die ARD einen Beitrag zum Thema. Ich vermute, in Völklingen wurde er, wenn überhaupt, mit Kopfschütteln gesehen.

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Grüne Hölle Balkon

Als Innenstadtpflanze fehlt mir der Ausblick ins Grüne. Struppige Straßenbäume, Pflanzkübel und Parkplatzprimeln reichen mir nicht — Wildwuchs muß her. Deshalb beobachte ich mit Interesse, was sich in meinem Blumenkasten tut, den ich auf dem Balkon aufgestellt und mit Erdbeeren bepflanzt habe.

Erst waren’s tatsächlich Erdbeeren, aber es wurde bald spannender: Es gesellte sich ein Schlingknöterich dazu, der ganze Häuser überwuchern kann. Deshalb heißt er auch »Architektentrost«. Er ließ lange Bärte den Balkon hinabwallen, aber zu mehr ist es dann doch nicht gekommen.

Im zweiten Jahr überwog plötzlich Klee — ein dekoratives Polster, komplett mit Blüten, sehr zur Freude der städtischen Hummeln. Diese, wie auch andere Insekten, dürfen ihren Spaß in meinem Blumenkasten haben. Spinnen, Raupen, Käfer — ich halte mich da raus. Wo sollten sie auch sonst hin, die armen Viecher.

Dieses Jahr allerdings sah mein Klee nur kurz gut aus; dann wurde er schwarz von Blattläusen. Bald welkten die Pflanzen dahin, und ein klebriger Zuckerüberzug — die Ausscheidungen der Schmarotzer — bedeckte das kränkelnde Grün. Sehr schnell war ich bereit, von meiner Nichteinmischungspolitik abzuweichen, und ging zum Völkermord über. Tausende von Blattläusen habe ich abgesammelt und in Küchenpapier zerquetscht.

Eleganter gelöst hätte das der Marienkäfer. Dieses hübsche, nymphomanisch veranlagte Insekt mit seinen unansehnlichen Larven vertilgt Schädlinge in erstaunlichen Mengen. In meinem Blumenkasten aber zeigte sich kein Marienkäfer. (Ich hätte gern welche aus dem Internet bestellt, nur gab es dieses Jahr Lieferengpässe.) Stattdessen fand ich im Unterholz meiner Grünanlage halbzentimeterlange, flache Tiere mit einem schneeweißen Pelz aus (so nehme ich an) Fett, die sehr wendig auf Stengeln und Blättern balancierten.

Ausgiebige Recherche im Internet: Igitt, ich habe wohl Schmierläuse. Damit kann ich meinen Blumenkasten in die Tonne kippen, oder besser noch verbrennen und die Asche bei Neumond an einer vielbefahrenen Straße vergraben.

Fortan ging ich nicht nur erbarmungslos auf Blattlaus-, sondern noch erbarmungsloser auf Schmierlausjagd. Mit Streichhölzern (sie schmieren nämlich wirklich sehr) zerdrückte ich die Viecher, wo ich sie fand. Es wurden aber nicht weniger. Eher nahm die Blattlausdichte ab …

Und dann machte ich mir die Mühe, die Biester einmal eine halbe Stunde lang zu beobachten: Die weißen Räuber wanderten unverdrossen die verlausten Kleestengel nach oben, packten den ersten besten der Schmarotzer mit den vorderen Extremitäten und führten ihn zum Munde. Dann den nächsten, und den nächsten…

Ich hatte zwei Wochen lang die Guten umgebracht. Ich schäme mich immer noch, wenn ich daran denke.

Etwas später fand ich auch die zugehörigen Käfer: Sehr klein, bräunlich-schwarz mit ganz schwachen roten Flecken krabbeln sie hektisch in trockenen Pflanzenteilen herum. Meine Fotos sind nichts geworden — die Viecher halten einfach nicht still –, ich war aber inzwischen im Netz auf den Australischen Marienkäfer gestoßen … Am liebsten hätte ich sie um Entschuldigung gebeten, jeden einzeln.

Stattdessen möchte ich der Art global einen Dienst erweisen dafür, daß sie binnen zwei Wochen sämtliche (!) Blattläuse in meinem Gartenersatz vertilgt hat. Also:

Geneigte Leserin, lieber Hobbygärtner. Findest du in deinem Garten, Blumenkasten oder Zimmerpflanzentopf »Ungeziefer«, das so

Marienkäferlarve auf Kleeblatt
Marienkäferlarve auf Kleeblatt

aussieht, laß es um Himmelswillen leben. Es handelt sich vermutlich um Abkömmlinge der Art Scymnus sp.. Das sind Marienkäferlarven, für die andere Leute viel Geld ausgeben würden.

Ende der Durchsage.

Herzlichen Dank an Herrn Köhler von der wunderbaren Koleopterologie-Webseite,
der mir den Tip mit den Zwergmarienkäfern gegeben hat.