Weißt du, wieviel Sternlein stehen …

Nur zur Information: Bei mir stehen jetzt keine mehr. Ich hatte ein paar Wochen das Bewertungs-Feature an — ein bis fünf Sternchen waren zu vergeben, je nach gefühlter Größe des Wurfs –, aber nun mag ich’s nicht mehr. Erstens gibt es anscheinend, wenn überhaupt, dann nur Bestbesternung; zweitens ist die Auswertung so mager, daß ich sie mir auch schenken kann, und drittens mag ich Kommentare lieber. Also weg mit dem unnützen Flitter.

Ich danke allen, die mich mit den gelben Dingern überschüttet haben — bleibt mir gewogen, kommentiert und freut euch eures Daseins!

Trampen mit M.

Es war Sommer, ich war jung und ich war noch nie getrampt. Das, meinte M., könne man ändern. Er reiste ausschließlich auf diese Weise, das fand er billig und unterhaltsam. Also zogen wir los, Ziel: Amsterdam. Was auch sonst?

»Wenn wir erst auf der Autobahn sind«, meinte M., »dann sind wir eigentlich schon da.« Nach zweieinhalb Stunden an der Auffahrt zur Bundesstraße hielt endlich jemand. Wir arrangierten uns mit einem halben Hausstand auf dem Rücksitz und schwiegen etwas mit der Fahrerin und ihrem Freund.

»Viel Glück«, wünschten sie uns zum Abschied an der Raststätte.

Den nächsten fanden wir schnell, einen Geschäftsmann, Anzug und Krawatte. Seine Augen leuchteten ein bißchen auf, als er uns sah; klar könnten wir mitfahren, bis Köln, gerne. Das Auto war ein Sportwagen, kaum Kofferraum und fast kein Rücksitz für uns, unsere Rucksäcke und das Zelt. Auf dem Beifahrersitz saß eine blonde Frau mit Miesmund. »Ich will nicht, daß hinterher was dreckig ist«, sagte sie zur Begrüßung. Dann schwieg sie so eisig, daß wir den Fahrer baten, uns doch am nächsten Rastplatz wieder rauszulassen. Wir wollten ihm ja keine Schwierigkeiten machen. Der Geschäftsmann schickte uns einen entschuldigenden Blick nach; als der Wagen losfuhr, hörten wir Frau Miesmunds schrille Stimme …

»Rastplatz,« meinte M., »schwierig. Wir werden nehmen müssen, was geht.« Das war dann ein LKW. Der Fahrer hieß Kalle und freute sich über die Gesellschaft. Er war auf dem Weg von Portugal nach Dänemark; das fuhr er jede Woche. Und seine freien Tage verbrachte er gleich »da unten, is schön waam da, und billjer wie hier.« Sein Führerhäuschen war seine Junggesellenwohnung. »Wat hab isch’n Beruf — den ganzen Tach in Sessel sitzen und ausm Fenster gucken!« Dann lachte er zahnlückig. Wir schlossen ihn ziemlich ins Herz und genossen den Blick auf die Autobahn. Zum Abschied öffnete er den Laderaum und schenkte uns jedem eine Packung »escht pottugiesche Kekse«, die wir später wegwarfen; sie bestanden aus Zucker und Zusatzstoffen.

Dann stiegen wir in den Wagen eines Pärchens, der vor Techno vibrierte. Daß wir einen Fehler gemacht hatten, ahnten wir, als der Fahrer im dritten Gang auf der Beschleunigungsspur überholte. Als ihm seine Beifahrerin das erste Bier öffnete, machte M. mir hektische Zeichen. Das Radio dröhnte, die beiden brüllten sich an: Er solle nicht so viel trinken; er könne trinken, soviel er wolle, und sie solle ihm noch eins aufmachen, blöde Kuh. Wir klammerten uns an unsere Sitze. Am nächsten Rastplatz (M. war übel) ging er Bier holen, und sie erklärte uns, ihr Freund sei eigentlich ein ganz Lieber. Als er dann sah, daß wir unser Gepäck aus dem Kofferraum klaubten, versuchte er noch, uns das Auto zu verkaufen. Wir lehnten ab und machten uns aus dem Staub.

Weiter kamen wir erst viel, viel später, im gepflegten Oldtimer eines Kunstsachverständigen mit lichter Frisur. Der wollte zwar leider nicht nach Amsterdam, aber nach Holland schon, »was auch sonst«. Wir entschieden uns also aus praktischen Gründen für Maastricht; der Kunstsachverständige und M. fachsimpelten über Zappa und Steely Dan, während ich auf der Rückbank einschlief.

Maastricht hatte einen Zeltplatz unter Sternen, bucklige Gassen, einen Supermarkt und ein Kneipenschiff; es war sehr hübsch und beschaulich und ein bißchen romantisch.

Nach eineinhalb Tagen ging es zurück, hinter karierten Vorhängen im Wohnmobil eines älteren holländischen Ehepaars. Die beiden erklärten uns, wir hätten Glück. In den Niederlanden könne man nicht trampen, da nehme einen kein Mensch mit.

Dann kam der Augenblick der Trennung: wir mußten in unterschiedliche Richtungen weiter. M. patrouillierte auf der Raststätte und sprach reihenweise Fahrer an, bis er einen gefunden hatte, der nur eine Stadt von meiner entfernt wohnte. Er trug ein gestricktes Käppchen, im Auto lief Reggae, und auf der Rückbank schlief ein Bernhardiner. »Mit dem kannst du fahren, der hat einen Hund,« bestimmte M., »er setzt dich dann am Bahnhof ab. Und ruf mich an, egal, wie spät es ist.«

Ich fuhr also mit dem kleinen, rundlichen Mann. In der Stunde, die wir zusammen hatten, hörten wir Reggae, ich streichelte die Hündin, die Bismarck hieß, und er erzählte mir von seiner Anklage wegen sexueller Belästigung. In ein paar Tagen sei die Verhandlung, das mache ihm schon arg zu schaffen.

Schließlich brachte er mich nicht bis zum Bahnhof in seiner, sondern zu dem in meiner Stadt, weil ich ihm so nett zugehört und nicht »irgendwie doof reagiert« hätte. Bismarck wachte kurz auf und guckte treu, als ich ausstieg.

Als ich M. hinterher von meiner Heimreise erzählte, spürte ich ihn durchs Telefon erbleichen.

Heute nehme ich auf langen Strecken den Zug. Auch nicht schlecht, was die Geschichtenausbeute angeht, aber an diese Reise mit M. reicht irgendwie nichts heran.

Blind Date

Aus dem Zug steigend streifte ich fast eine Frau, die mit hochroten Pumps und hochroten Wangen den Bahnsteig auf und ab marschierte. Mein Blick blieb etwas zu lange an der Tulpe in ihrer Hand hängen.

»Ja, ich weiß, man nimmt sonst Rosen. Aber das ist mir zu abgelutscht. Ich warte hier nämlich auf jemanden … die (mit der Tulpe wedelnd) ist das Erkennungszeichen. Er hat dann auch eine. Hoffe ich zumindest. Der letztes Mal hatte wohl keine Rose mit, da waren’s noch Rosen, oder er hat sie weggeschmissen. Jedenfalls stand ich da zehn Minuten — unmöglich, sowas. Könnte wenigstens höflich sagen: tut mir leid … Ich würde das machen, wenn er überhaupt nicht mein Typ wäre. Wobei, das ist ja angeblich gar nicht so wichtig. Meine Oma sagt, die besten Ehen hätten sie wegen des Ackers geschlossen; na, ich weiß nicht. So ein Versorger. Ist vielleicht nicht das Übelste. Oje, da kommt der Zug, wünsch mir Glück …«

Ich bin gegangen und habe nicht nach der zweiten Tulpe geschaut. Aber ich habe ihr einen gewünscht, einen Versorger auf dem weißen Pferd, mit goldenem Herzen und untadeligen Manieren.

Strindberg & Helium

Allen Freunden des Abstrusen seien hiermit »Strindberg (Strinnnbeeeerg!) & Helium (Heeeeliuuuum!)« ans Herz gelegt.

http://www.strindbergandhelium.com/
»Strindberg (Strinnnbeeeerg!) & Helium (Heeeeliuuuum!)«

Vier animierte Kürzestfilmchen um den düsteren Dramatiker und seinen drallen, nunja, Begleiter können auch den fürchterlichsten Tag versüßen — leider, leider sind es nicht mehr. Viel Vergnügen!

Die Wissenschaft vom Glücklichsein

Nachtrag 12.08.09: Hier geht es zu den ersten Ergebnissen! Am glücklichsten unter den Versuchsgruppen war die, die jeden Tag einige Minuten lang an ein gutes Ereignis des Vortages dachte.

»The Science of Happiness«, so nennt sich das jüngste Online-Projekt des Psychologieprofessors Richard Wiseman. Vier Tage lang konnte man an einem Experiment teilnehmen, das dazu dienen sollte, glücklicher zu werden. Die Versuchspersonen wurden zufällig Gruppen zugeordnet, die verschiedene Aufgaben zu erledigen hatten; die Instruktion erfolgte über einen kurzen Videoausschnitt (Richard Wiseman im atemberaubend lila Hemd).

Am Anfang und am Ende des Experiments wurde der »Grad des Glücklichseins« erhoben. Wie mißt man »Happiness«? Simpel und elegant: Man fragt Personen, wie »happy« sie sich fühlen. Dadurch, daß der Begriff nicht näher definiert wird, kann jeder selbst entscheiden, was er darunter versteht; bei der enormen Teilnehmerzahl (ich habe etwas von 15000 gelesen es waren 26000) mitteln sich seltsame Vorstellungen von »happy« höchstwahrscheinlich aus. (Vorsicht: auf diese Weise haben es die Bengalen mal zum »glücklichsten Volk der Welt« gebracht … Wiseman beschränkt seine Analyse wohl auf Großbritannien.)

Meine Aufgabe war: Jeden Tag einmal anderen Leuten etwas Nettes tun. Jemandem ein Kompliment machen oder ein kleines Geschenk; einen Gefallen tun, notfalls etwas spenden.

Was ich gemacht habe: Den Nachbarn den Schlüssel abgenommen und ihn abends wieder zurückgebracht. Mit den Handwerkern geplaudert. Den Gemüsefrauen endlich mal wieder Gläser vorbeigetragen. Dem Manne um den Bart gegangen. Für eine Freundin etwas organisiert, eine andere überraschend besucht.

Und was soll ich sagen: Ich mußte (oder: durfte) feststellen, daß es gar nicht so leicht ist, etwas Nettes zu finden, was aus dem Rahmen des Üblichen fällt. Anders ausgedrückt: Ich bin auch unter nicht-experimentellen Bedingungen schon ganz schön nett.

Das Experiment hatte aber auch seine Schattenseiten. Es gelang es mir nämlich nicht, einfach etwas Gutes zu tun — jede Freundlichkeit schlug sofort zurück: Die Nachbarn schenkten mir Kuchen. Der Handwerker reparierte was außer der Reihe. Die Gemüsefrauen nannten mich »Schätzchen«, der Mann machte mir Essen, und bei den Freundinnen bekam ich Blaubeerkuchen und ein wunderbares Lagerfeuer.

Wenn es darum geht, den Effekt von uneigennützigen Nettigkeiten zu messen, dann war das so vermutlich nicht gedacht.

Es ist zum Verzweifeln.

»Gut« und »schön«: Abwesenheitsnotizen

Es ist Reisezeit, es ist Abwesenheitssaison. Neben der »guten Abwesenheitsnotiz« finde ich nun auch die weniger häufige »schöne Abwesenheitsnotiz« unter den Suchbegriffen, über die dieses Blog gefunden wurde.

Da scheint Bedarf zu bestehen. Hier also ein Crashkurs im Abwesen:

Eine »gute Abwesenheitsnotiz« zeichnet sich durch ihre Nützlichkeit aus. Beantworten Sie knapp und verständlich die klassischen W-Fragen:
W
er ist weg? (Das erschließt sich meist schon über den Absender der Benachrichtigung.)
W
ie lange dauert die Abwesenheit? (Wichtig! Vergessen Sie nicht den Termin der Rückkunft!) Bei »von — bis«-Angaben ist bei »bis« der erste Tag der nächsten Anwesenheit zu nennen.
W
ieso ist das wichtig? (In dieser Zeit werden Aufträge nicht oder nur verzögert beantwortet/werden Sie keine weitere Auskunft erhalten/sind Großbrände untersagt …)
W
o finde ich Hilfe? (Auf jeden Fall eine/n Vertreter/in angeben. Sonst sind die Kunden unzufrieden, und es stapelt sich nach dem Urlaub Arbeit auf dem Schreibtisch.)
Am Schluß noch möglichst wenig sarkastische Grüße an alle Daheimgebliebenen, und fertig ist die Laube!

Die »schöne Abwesenheitsnotiz« ist eine ganz andere Liga. Da darf sich die poetische Seele austoben. Hier könnten Sie einen Literaten zum Urlaubsort zitieren (etwa Sand über Majorca, Mann über Davos, Ransmayr über die Schwarzmeerküste /Arktis …). Oder Sie können sich eine anders »schöne Abwesenheitsnotiz« aus Formulierungen wie »in die Sonne fliegen«, »See-/Berg-/Tropenluft schnuppern«, »[beliebtes Reiseziel] unsicher machen«, »knackig braun« und »Euch eine schöne Zeit« selbst zusammenstricken. Versprechungen eines nach-urlaublichen Diaabends (’schuldigung, einer DauerPoint-Präsentation) sind möglich, aber nicht notwendig. »Ich werde Euch vermissen« bitte nur dann, wenn es wirklich stimmt.

Womit wir beim Bonusprogramm wären: der »wahren Abwesenheitsnotiz«. Diese bildet die kürzeste Nachricht in der Reihe, und an ihr ist nicht zu rütteln. Sie lautet:

Ich bin nicht hier.

Ihnen dann noch viel Spaß woanders!

!!!Hinweis!!! Das Wort »Abwesenheitsnotiz« an sich ist weder gut noch schön. Es ist eine mißratene Übersetzung aus dem Englischen und sollte eigentlich »Abwesenheitsbenachrichtigung« heißen. Aber das ist vielleicht ein bißchen lang …? Womöglich besser: Weg-Ruf? Oder: Urlaubspost? Vorschläge werden gern entgegengenommen.

Einer weniger.

Wenn ein Geschäft den Namen »Bastelparadies« verdient hat, dann ist es Riemer. War es jedenfalls — Riemer ist insolvent. Das traditionsreiche und hervorragend sortierte Bastelgeschäft hat letzte Woche geschlossen. So eines gibt es jetzt nicht mehr vor Ort, und wo das nächste ist, weiß ich nicht.

Mich macht das traurig. Riemer ist ein Opfer der Wirtschaftskrise; die Leute sparen an ihren kleinen Vergnügungen. Natürlich wurde hier nichts Lebensnotwendiges verkauft, aber es steckte Herzblut in dem Laden und enorme Fachkompetenz.

Neun Angestellte stehen jetzt auf der Straße. Die Innenstadt verarmt weiter. Und das Praktische, Bodenständige, das Liebenswerte, für das so ein Bastelgeschäft steht — ist das etwa auch am Ende?

riemer-kaffeekasse
Eine halbe Stunde später stand die Betriebskaffeemaschine unter diesem Schild ...

Bei Riemer ist schon alles ausverkauft. Die Fenster sind leer, die Reklame wird abmontiert. Nur der Internetauftritt ist war noch eine ganze Weile wie immer.

Für positive Nebenwirkungen

Es gibt ein neues Web-Experiment — von 3. bis zum 7. August 2009 führt Richard Wiseman einen Versuch zum Mitmachen durch. Diesmal geht es um nichts Geringeres als darum, glücklicher zu werden und ganz nebenbei die Welt glücklicher zu machen.

The Science of Happiness
The Science of Happiness

Ob das funktioniert? Ich mache mit — in einer Woche kann ich Näheres sagen.

(Und ja, die Seite ist sehr, sehr blau.)

Postkarte von der Ostsee

Woraus Ferien bestehen: aus dem weißesten, weichesten Sand, Sonne auf den Schultern, dem vornehmen Rauschen der Ostsee und Nadelbaumduft. Alles Wichtige ist woanders. Wo komme ich gleich noch her? Muß ich da je wieder hin?

Und ein Stück weiter links die See.
Und ein Stückchen weiter links die See.

Der Nordosten hat mich überrascht, Usedom war wunderschön. Über die mehreren Millionen Marienkäfer konnte ich hinwegsehen — so ein Hut ist eine feine Sache. Ich habe Räucherfisch gegessen, Sterne beobachtet und für alle Fälle die Adressen notiert. Vielleicht sind ja irgendwann mal wieder Ferien.

Nicht sehr rauh, dieses Meer
Ein braver Strand (nicht die Nordsee)

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