Maikäfer flieg
dein Vater ist im Krieg
dein Mutter ist in Pommerland
Pommerland ist abgebrannt
Maikäfer flieg
Ich bin wahrscheinlich das letzte Kind dieser Republik, das allen Ernstes mit »Maikäfer flieg« in den Schlaf gesungen wurde. Sobald ich es konnte, wollte ich mehr wissen. Was sind Maikäfer? Wie groß sind die? Kann man die wirklich essen? Was heißt: dein Vater ist im Krieg? Was hat Papa da gemacht? Muß er da wieder hin? Und wo ist Pommerland? Warum ist das abgebrannt? Wie ist Mama da weggekommen?
Ich muß die Pest gewesen sein.
Die Eltern, überfordert von der Aufgabe, Weltgeschichte kindgerecht zu verabreichen, versuchten es mit Ausweichen (zwecklos), widerwilligen Andeutungen (Gift für Kinder mit Phantasie) und schließlich mit »Schlaf, Kindchen, schlaf« auf dieselbe Melodie. Übrig blieben Alpträume von einem verkohlten Landstrich, mit schwarzen Zahnstochern anstelle von Bäumen, sowie eine tiefsitzende, panikartige Furcht vor »Krieg«. Und meine eigene, korrigierte Variante des Schlaflieds:
Maikäfer, flieg!
Der Papa war im Krieg,
die Mama kommt aus Pommerland,
da ist sie nicht mit abgebrannt.
Maikäfer, flieg!
Über diesen Text habe ich mich auch immer nur wundern können.
Das Psycho unter den Kinderliedern. Perfekt, um Kinder in den Schlaf zu weinen.
Die Deutschen hatten offenbar mal ein ganz anderes Verständnis von Volkslied. In »Des Knaben Wunderhorn« geht es gerne ums Henken oder anderweitig Umkommen. Das Kinderlied »Marienwürmchen« hat folgende zweite Strophe:
Marienwürmchen, fliege weg,
dein Häuschen brennt, die Kinder schrein
so sehre, wie so sehre.
Die böse Spinne spinnt sie ein,
Marienwürmchen, flieg hinein,
deine Kinder schreien sehre.
Da kann ich eigentlich noch dankbar sein.
Weiß jemand etwas über die Entstehung dieser seltsamen Kinderlieder? Waren sie überhaupt für Kinder gedacht?
Daß der Maikäfer ein Kinderlied ist, glaube ich schon deshalb, weil der Struwwelpeter ein Kinderbuch ist.
Logisch! 🙂
Fällt er in den Graben, / fressen ihn die Raben … — auch nicht viel besser, oder? … bis daß der Jäger, Jäger kam / und schoß sie nieder …
Die alten Kinderverse scheinen mir durchweg ansatzweise grausam. Wie auch Märchen und Spiele (– und wenn er kommt? — Dann laufen wir) …
Ich glaube nicht, dass die Grausamkeiten in diesen Kinderliedern nur bei „den Deutschen“ vorkommt, englische Nursery Rhymes sind ebenso voll von Grausamkeiten (siehe z.B. diese Antwort auf die Frage nach der Grausamkeit).
Es wäre bestimmt falsch, grausame Kinderliteratur (bzw. Volkslieder) eher einem Volk als einer Zeit zuzuschreiben; mir fiel nur der Kontrast auf zu dem, was bei uns heute so üblich ist.
Noch vor dem Struwwlpeter schrieb eine gewisse Mrs. Mortimer das Kinderbuch »Peep of Day«, das geradezu sadistisch sein soll; ich kann mir vorstellen, daß man in Frankreich ähnliche Funde machen kann.
Ihr solltet mal Kindern in der U-Bahn zuhören. Oder zum Jugendmedienfséstival gehen und Euch die Filme angucken, die die machen. Da sind die kleinen Grausamkeiten aus den Kinderliedern Kinderkram dagegen ;-). Nein, im Ernst. Ich glaube einerseits aus meiner persönlichen Erfahrung, dass Kinder eine Faszination für die dunklen Seiten des Lebens empfinden, und dass sie sie auf jeden Fall wahrnehmen, so dass es fraglich erscheint, ob man sie immer und sinnvollerweise davon fernhält, indem man z.B. den Struwwelpeter tabuisiert. Die Geafhr besteht immer, dass sie ihn woanders lesen und dann sind wir bei demselben Ergebnis wie bei den widerwilligen Andeutungen. Zum anderen glaube ich, das Bedürfnis, Kinder so zu behüten, wie es heute in weiten Teilen der Bevölkerung praktiziert wird, ist eine Entwicklung der letzten 30-40 Jahre, über die ich zum Teil froh bin, zum Teil unglücklich.
Ich habe versucht, mich zu erinnern. Die Erinnerungen an die Zeit vor dem 6. Lebensjahr sind eher unscharf und wahrscheinlich durch Erzählungen erzeugt. Danach lernte ich schnell selber lesen, alle Märchen, die ebenfalls voller Grausamkeiten sind, natürlich auch den Struwelpeter. Ich erinnere mich jedoch nicht, dass mir irgendetwas davon grausam erschienen wäre oder mich erschreckt hätte, ganz und gar nicht. Das wirklich grausame meiner Kindheit geschah nicht in Liedern oder Lektüren.
…und mein Lieblingslied in der Kirche war „Oh Haupt voll Blut und Wunden…“, das war so schön grausig. Aber vielleicht ist das nun wieder eine speziell katholische Geschichte.
Haha, Frau Eichhorn, das war auch mein persönlicher Hit! Genauso wie ein paar Heilige. Ich bin auch mit großer Faszination bei der Fronleichnamsprozession mitgelaufen, bis sie mich wegschickten, weil ich halt nicht katholisch war …
Und ich glaube es Euch: Kinder (eine ganze Reihe zumindest) mögen’s grausig. Schlimm wird es allerdings, wenn die Bedrohung vermeintlich oder wirklich auf das eigene Leben übergreift.
Das einzige, was ich als Kind „echt schlimm“ fand, waren die abgeschnittenen Daumen im Struwwelpeter.
Da war das Bild auch am drastischsten …
Noch viel schlimmer fand ich damals die Geschichte von Witwe Boltes Spitz, der durchgeprügelt wird für die Hühnchen, die Max und Moritz gefuttert haben.
Das fand ich auch ganz fies von der Witwe Bolte!
Als besonders grausam habe ich ein anderes Schlaflied empfunden:
Guten Abend, gut‘ Nacht
Mit Rosen bedacht
Mit Näglein besteckt
Schlüpf unter die Deck‘
Morgen früh, wenn Gott will
Wirst du wieder geweckt
Morgen früh, wenn Gott will
Wirst du wieder geweckt
In meiner Vorstellung muße da ein Kind auf dornigen Rosen schlafen und zudem hatte man es auch noch mit Nägeln gemartert (kannte ich ja vom Kruzifix). Möglicherweise würde es die Qual bis zum Morgen überleben, aber nur, wenn Gott gut drauf wäre…
Uff. Gut, daß es bei uns »mit Nelken« hieß. Aber über das »wenn Gott will« habe ich mir auch Sorgen gemacht …
Die Nägel sind ja auch nur ein anderes Wort für Nelken, ich fand’s toll, mit Rosenduft und Nelkengeruch einschlafen zu können. Das ist doch nur wirklich fernab jeder Grausamkeit. Und Gott war auch nur der „liebe Gott“, da habe ich mir auch viel weniger Sorgen gemacht als heute.