… und der Herbst beginnt

Auf dem Lande.
Auf dem Lande.

Die Trostlosigkeit hat nichts mit dem Wetter zu tun. Es ist ein Neubaugebiet, eines von vielen, an denen der Wanderweg entlangkratzt: Haus für Haus in die Jahre gekommene Ideen von Schönheit und Bequemlichkeit, totgepflegte Grundstücke unter Bodendeckern oder praktischen Kiesfüllungen. Kein Bäcker, kein Laden, kein Treffpunkt; dafür Garagen, viele, denn man muß ja einkaufen, Ärzte besuchen, sich amüsieren. Menschen sieht man nur in Autos; Bürgersteige scheint es zu geben, damit man was zum Hochklappen hat. Manche Häuser zeigen nichts als Rolläden. Wie das wohl mal gedacht war? So sicher nicht.

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Aber vielleicht urteile ich ungerecht. Vom Weg aus ist ja nicht viel zu sehen; vielleicht erntet man Gemüse, spielen Kinder in Gärten, die vor Wandererblicken geschützt sind. Vielleicht blüht das Leben hinter den Mauern, tagt irgendwo ein Lesezirkel, kümmern sich Nachbarn, entwickelt man den Ort. Ich hoffe es.

Außerhalb sind die Äcker abgeerntet, faule Äpfel fallen von den Bäumen. Gestern wurde in den Feldern ein Fest gefeiert; gerade löst sich eine Wagenburg auf in einen Fluß von Fahrzeugen, der sich zäh auf die Landstraße ergießt. Ich finde im Straßengraben zwei herrenlose Fahrräder und eine Geldbörse mit Papieren und habe gleich ganze Krimis im Kopf (inzwischen weiß ich, sie war wirklich nur verloren).

Nun ist der Sommer wohl vorbei. Für mich beginnt die schönste Zeit in Wanderschuhen. Auf der anderen Seite des Flusses käme mir ungefähr jetzt Irgendlink entgegen, der am Rhein entlang zur Nordsee radelt.

 

Scheusal an schöner Aussicht

Abwechslung macht Freude: wie wäre es mit einem klassischen Sommer-Sonntagsausflug an einem Wochentag bei schlechtem Wetter und, sozusagen, von hinten?

Da dräut sie, die Germania mit ihrem Krieg.
Da dräut sie, die Germania mit ihrem Krieg.

Schönes Wetter ist ja Kleidungssache; das Rheintal aber, das ist bei jedem Wetter schön. Und wenn sich kurz hinter Lorch die Hügel in Dunst und Regenschleiern verlieren …

Morgens, mittags, abends

Ach, der Sommer: mein geliebter Hochsommerweg trägt sich schon mit Herbstgedanken. Ich steige mit dem Nebel aus dem Tal; die Sonne brennt mühsam ein Loch in den Himmel. Alle Mauersegler sind davongezogen, und die Lerchen schweigen.
Morgens. Mittags. Abends.
Auf den Schlehen am Wegrand liegt blauer Staub, und aus den grünen Zipfelröckelchen der Haseln lugen Nüsse. Im Beerengestrüpp zetern Vögel mit roten oder schwarzen Schnäbeln, den Tagen fehlt schon wieder eine Stunde Licht; aber zu Mittag, da sirrt die Hitze über Getreide und Stoppeln und Gras, da trägt der Sommer seine Wetterwolkenkrone noch erhobenen Hauptes.

Panorama

Wo Wein gedeiht, da trödelt der Sommer am längsten: die Sonne fängt sich an den Hängen und taut den Rauhreif der Nacht zu Perlen auf den letzten Blüten, während hoch oben Kranichketten ziehen. Fernhin nach des Südens Wärme.
Herbstlichte Eichenwälder lassen die Sonnenstrahlen durch; Hemd und keine Jacke ist genug. Buntes Laub und Nebel und der Rhein unten im Tal — ich schaue und schaue.
So viel zu sehen: Pfützen auf dem Weg, auf deren Grund Blätter modern wie unter klarem Glas; blaue Käfer, unverdrossen Bein vor Bein setzend wie schimmernde Automaten; extravagant frisierte Pilze; Gedenkkreuze für Eheleuth, die schon dreihundert Jahre unter der Erde sind. Und das Ganze, das Große: der Fluß in weitem Bogen, Wolkengebirge, die sich in stürzenden Felshängen fortsetzen, und die Sonne, die im Untergehen Farbe über alles gießt.
Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen — immerzu beschwere ich mich, daß sich das Ergangene nicht abbilden läßt, und nun kann ich keine Bilder machen. Meine Kamera geht wieder anderer Wege als ich.
So muß ich — darf ich, was ich sehe, hinter den Augen speichern, mich anfüllen mit Bildern. Sattsehen: geht das?
Vermutlich ähnlich wenig wie: sattgehen.

Ein Mistkäferleben

Der Waldweg ist voll von ihnen; der schwarze Glanz ihrer Flügeldecken fällt ins Auge. Zumeist kreuzen sie den Weg, aber noch viel öfter liegen sie tot auf dem Rücken und zeigen ihre schillerndblaue Unterseite. Hübsch sieht das aus, wie zersprungene Edelsteine.

Ein (so nehme ich an) Waldmistkäfer.

Beugt man sich zu einem solchen schwarzen Pilger hinab, kann man …

Rheinsteig

Auf der Strecke das Aufatmen, das In-Tritt-Kommen. Der Weg ist gut; seine Beschilderung läßt nichts zu wünschen übrig, und doch muß man ihm Aufmerksamkeit schenken. Die Gedanken fliegen nicht mehr so und bleiben in Sichtweite.
Septemberlicht. Brombeeren und Haselnüsse. Trauben sind noch nicht reif. Und mehr Eichhörnchen, als ich zählen kann. Ich habe es nicht geschafft, keinen Fotoapparat mitzunehmen, aber ich habe ihn kaum benutzt. Wege lassen sich nicht festhalten. Wie ich weiß, eigentlich.
Ich gehe allein. Das habe ich lange nicht gemacht, und ich genieße es, weder Rücksicht nehmen noch mich getrieben fühlen zu müssen. Außerdem bin es so nicht ich, die man kilometerweit durch den Wald hört: »… dabei war dat reiner Zufall, dat ich dem begechnet bin, und dann sacht der doch tatsächlich zu mir, is denn dat die Möchlichkeit, sacht der …«
Begegnungen sind allerdings selten; einige Goretex-Gruppen, wenige Paare und nur eine Einzelne ohne Rad oder Hund. Sie steht an einem Aussichtspunkt, reglos, die Hände auf den Hüften, und schaut still in die Ferne. Wir nicken uns kurz zu. Wie schön, denke ich und meine dabei ihre Versenkung und nur ein bißchen die Aussicht.
Ein paar Kilometer lang drehe ich Käfer wieder auf die Beine. (Weil ich erwachsen bin, nur die, die noch zappeln.)
Zwei-, dreimal der Punkt, an dem ich nach nicht enden wollendem Aufstieg erwäge, mich auf dem Weg fallen und vom nächsten Radler überfahren zu lassen. Gut, daß es so viele Radfahrer hier nicht gibt; das Brennen in den Lungen läßt bald nach, und weiter geht’s.
Wenn vor mir in der Senke ein Kirchturm auftaucht und ich durch Wiesen und Felder allmählich den Ort erreiche, muß sich das anfühlen wie zu Seumes Zeiten.
Auch das wie bei Seume, Eichendorff & Co.: die frischen Gesichter, das Lächeln der Kellnerinnen in Cafés und auf Terrassen, wohlgestalt und freundlich allesamt, und jedes stille Wasser eine Offenbarung. Man kann sich die Welt schöngehen.
Doch ach!
Einen Tag nur und einen halben Weg, dann muß ich dem Regen mit dem Zug davonfahren. In der Bahn schon packt mich das Wanderweh. Die Stubenluft fühlt sich verkehrt an. Ich bin noch lange, längst nicht sattgelaufen.