Ich habe den Winter gefunden: bei minus acht und Schnee gefällt es ihm in Prag. Da hat er Erker und Simse, Standbilder und Zinnen genug, die er weiß verzieren kann. Schöner geht es nicht.

Prag ist im Winter nur halb voll, halb schnell, halb wach. Im Sommer muß es hier zwei Städte geben, das glitzernde, schrille Prag der Touristen und das deutlich sachlichere der Einwohner. Die trinken günstiger, essen deftiger und gehen ihrem Tagwerk nach, alles in ihrer wohlklingenden, verschlossenen Sprache.
Erst nach einiger Zeit fällt mir auf, was hier anders ist: die Straßen sind enger und verwinkelter als in anderen Städten dieser Größe; Barock steht einträchtig neben Gründerzeit, Gotik neben Jugendstil – und ganze Straßenzüge sind völlig reklamefrei. Keine Plakate, nichts an Laternenpfählen und auf Mülleimern, nirgends kratzt’s und platzt’s im Sichtfeld. Ich merke, wie gut das tut; bei uns wäre das anders.
