Kleider machen Leute. Für jeden was dabei.
Als Kind trug ich sommers steife Holzpantinen mit einem lockeren Riemen. Damit war ich glücklich: die nahmen ein Bad im Bach nicht übel, man hatte sie schnell ausgezogen, und barfuß ist jeder Sommer besser; für Kinder auf jeden Fall.
Später hatte ich die üblichen Pantoffeln, die man halt so hatte; und dann lernte ich Puschen kennen. Die waren ungefähr das Gegenteil der luftig-genügsamen Holzvariante: man trug sie nur drinnen, und sie hatten Synthetiksohlen, Synthetikobermaterial, sogar Synthetikfutter; das alles war schnell ausgelatscht, dann aber erschreckend lange haltbar und nahm Gerüche auf wie der sprichwörtliche Schwamm. Fand ich furchtbar; und doch: auch diese Puschen wurden heiß und innig geliebt.
Tja. Eulen und Nachtigallen, und über Geschmack läßt sich nicht streiten, und wo die Liebe hinfällt, herrje. Da kann man wohl nichts machen.
Olles Gelump
Kleider machen Leute – offensichtlich Geflicktes vs. ordentliche Kleidung.
Je älter ich werde, desto lieber habe ich Geflicktes. Es scheint mir ein Zeichen höchster Wertschätzung, ein Kleidungsstück am Ende seiner Lebensdauer mit etwas Arbeit und viel Liebe für eine Weile weiter in Betrieb zu halten. Ich mag das, zu sehen: da hat jemand gern, was er oder sie trägt. Da war etwas wert, repariert zu werden.
Manche pflegen die Praxis des offensichtlichen Flickens – mit andersfarbigen Garnen, mit fremden Stoffen oder sogar mit Schmuck. Das hat für mich Logik – nicht nur das Kleidungsstück wird in seiner Funktion bewahrt, sondern auch seine Geschichte. Das läuft allerdings bei den meisten Menschen nicht unter „ordentliche Kleidung“.
Sehr befremdet mich daher, daß man vorgeschädigte Kleidungsstücke kaufen kann, manchmal auch gleich vor-geflickt, unter üblen Bedingungen hergestellt und für ordentliches Geld. Als maße man sich etwas an, als würde man ein fremdes Leben, eine künstliche Geschichte von der Stange erwerben. Fake. Vielleicht wird Kleidung nicht mehr lange genug getragen für echte Gebrauchsspuren? Was für ein Irrwitz.
Böser Nicki
Kleider machen Leute – die Plüschigen, das sind die Bösen.
Im Kindergarten trug ich Nicki. Das ist dieser samtig-weiche Kuschelstoff, gestreifte Rollkragenpullis aus Nicki hatte damals jeder. Ich heulte, wenn ich den Nicki anziehen oder ausziehen mußte. Der tut weh, klagte ich, und meine Mutter meinte, so ein Quatsch, hör auf mit dem Theater.
Es stimmte allerdings. Die Rollkragen dieser Pullis waren enganliegend. So enganliegend, daß mein Kinderkopf kaum durchpaßte. Man zog und zerrte an mir, das Ding ziepte an den Haaren, quetschte Nase und Augen, daß ich weiße Kreise sah, dann machte es ritsch!, und die Ohren brannten wie Feuer. Ich fühlte mich malträtiert und protestierte.
Einmal war es wieder so weit, der Nicki mußte aus, Tränen und Geschrei, und plötzlich hieß es: wieso hat denn das Kind da Blut am Hals? Da hatte mir der Nicki die Ohrläppchen endlich einmal so angerissen, daß man auch richtig was sah. Es brauchte eine Weile, um zu heilen, und die Pflaster hielten schlecht, aber den Nicki war ich los.
Lebewesen dieses Namens begegnete ich noch Jahre später mit finsteren Blicken.
Lang lebe die Lederjacke
Kleider machen Leute – mit praktischen Tips für den Haushalt.
So mit vierzehn, fünfzehn gabelte ich eine Lederjacke auf, ein Nachkriegsmodell, rehbraun, etwas speckig und ein gutes Stück zu groß. Sie hatte geräumige Taschen, man konnte sich draufsetzen, den Wind hielt sie ab mit hochgestelltem Kragen. Die trug ich fortan, im Winter mit ein paar mehr Pullovern drunter, im Sommer lose über die Schultern gelegt; wie sie im Regen roch, weiß ich heute noch. Zwölf gute Jahre machte sie alles mit, bis sie buchstäblich auseinanderfiel. Manchmal vermisse ich sie.
Cool war sie allerdings nie; die coolen Lederjacken trugen andere. Vom Träger einer coolen Lederjacke lernte ich, wie man Weinflaschen öffnet, wenn kein Korkenzieher zur Hand ist, man den Korken nicht in die Flasche drücken will und Abbrechen nicht in Frage kommt. Benötigt werden eine Weinflasche, ein Betonpfeiler und eine Lederjacke.
Man wickele die Lederjacke um den unteren Teil der Flasche, bringe sie in eine Position rechtwinklig zum Pfeiler und setze sie mit dem Boden nachdrücklich, aber nicht zu heftig ein, zwei dutzendmal auf. Physikalische Kräfte und vermutlich auch chemische Prozesse im Innern der Flasche treiben den Korken Stück für Stück aus dem Flaschenhals, zum Jubel der Umstehenden. Die Lederjacke verhindert, daß dabei was zu Bruch geht, und wenn sie hochwertig ist, sieht man ihr das Flaschenöffnen nachher auch nicht an.
Voilà – Abend gerettet dank Lederjacke.
Über das Maßnehmen hatte ich längst geschrieben.
Röcke machen Schotten
Kleider machen Leute – mit K wie Kilt.
Vor Jahren war ich rosenmontags mit Herrn G. in der Eifel wandern; raus, rauf und um alle Karnevalshochburgen einen großen Bogen schlagen. Es war bitterkalt, die Sonne schien, in den höheren Regionen lag Schnee, weit und breit kein Narr zu sehen – wir waren bester Dinge.
Irgendwann fällt jedoch auf jeder Wanderung der Satz, der Wege bisweilen ungeahnte Wendungen nehmen läßt: Och, so’n Kaffee wär doch jetzt schön! Wir bogen also vom Waldweg ab und peilten das nächste Dorf an. Kein Gasthaus, keine Bäckerei – weiter. Der Ort dahinter schien auch nicht vielversprechend, aber vom Feld aus sahen wir am Ortsrand ein Gaststättenschild.
Versuchen kann man’s ja. Also polterten wir, die Schuhe voller Schnee, die vereiste Treppe hinauf – tatsächlich, die schwere Tür ging auf. Drinnen war es laut, heiß und feucht, Folk-Musik lief; durch die beschlagene Brille nahm ich schemenhaft bullige Gestalten wahr, die Pelze und Röcke, nein: Kilts trugen; dazu fremdartige Laute – Englisch war das nicht, dann sicher Gälisch? Da steuerte aus dem Gewühl eine weibliche Gestalt auf uns zu: Heute ist geschlossen!
Langsam wurde die Brille wieder klar. Ach, schade, kein Kaffee? Die Wirtin schüttelte den Kopf. Nee, heut is hier zu! Heute täten sich hier bloß die ortsansässigen „Highlander“ für den Karnevalsumzug im Nachbarort vorbereiten, in einer Stunde gehe es los, der Trecker parke schon am Straßenrand …
Wir verließen die Gaststätte heiter. Draußen stand tatsächlich der dekorierte Traktor der „Highlander“. Der Wintertag gleißte, und es wurde auch ohne Kaffee noch eine erfreuliche Wanderung. Aber der Dialekt hier, meinte Herr G., der ist schon abgefahren.
King of Rock'n'Roll
Kleider machen Leute — was mir zu Jumpsuit so einfiel.
Als Fred und Linde sich kennenlernten, Fred auf dem besten Weg zum Ingenieur und Linde noch Schülerin, da schwärmte sie für Elvis. Fred und Linde wurden ein Paar, heirateten, hatten Familie, Haus und Garten, blieben einander zugetan, und eines Tages, die Kinder waren längst aus dem Haus, fand Fred auf dem Flohmarkt einen kleinen Plastik-Elvis, mit Tolle und weißem Jumpsuit – V-Ausschnitt, Schlaghosen, Glitzer, alles –; den brachte er Linde mit, als Geschenk. Sie hängte die Figur an den Rückspiegel ihres Wagens, und fortan wackelte der King of Rock in jeder Kurve mit den beweglichen Hüften.
Irgendwann hing Elvis nicht mehr. Vielleicht war er im Blickfeld gewesen, vielleicht war etwas anderes – er hing nicht mehr, und Linde vermißte ihn und sein Gewackel. Also nahm Fred die Bohrmaschine und befestigte Elvis auf dem Armaturenbrett, zack zack, zwei Kreuzschlitzschrauben, eine durch jeden Fuß.
Elvis wackelte nun natürlich nicht mehr mit den Hüften, sondern mit dem Oberkörper, und eine Weile ging das gut, bis auch da irgendetwas aus der Ordnung geriet; der King of Rock lehnte jetzt krumm und kreuzlahm an der Windschutzscheibe. Linde war betrübt, da nahm Fred wieder den Bohrer und versenkte eine lange Schraube in des Sängers Hinterteil. Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, und heilig schon gar nichts. Elvis jedenfalls stand wie eine Eins. Immer wenn ich mit Linde im Auto fuhr, freute ich mich an dem aufrechten kleinen Musiker.
Auf der Rückfahrt von Freds Beerdigung deutete Linde auf Elvis: daß Fred ihr selten Blumen geschenkt habe oder Schmuck, sondern so was, ein Figürchen vom Flohmarkt – ihre Freundinnen hätten die Köpfe geschüttelt, aber er hätte genau gewußt, was nach ihrem Herzen sei.
Da besorgte ich, passend zum Jumpsuit, rosa Glitzerpailletten, und die klebten wir auf die Kreuzschlitzschraubenköpfe in Elvis‘ Kunststoffkorpus. Jetzt ist er perfekt. Möge er noch lange über Lindes Reisen wachen.
Innentaschen
Kleider machen Leute: zwei in eins.
Zum heiligen Hemd habe ich hier bereits alles geschrieben; zu I soll es um das Taschenproblem gehen.
Ich wüßte gern, wer dafür verantwortlich ist, daß so viele Hosen, Röcke und Kleider für Damen keine Taschen haben. Ich vermute, es sind Leute, die nie Damenkleidung tragen, oder die keinen Wert auf freie Hände legen. Vielleicht teilen sie auch gern ihren Besitz auf unter Glücklicheren, deren Kleidung mit Aufbewahrungsmöglichkeiten versehen ist. Selbst Damenmäntel und -jacken haben, sobald sie unter „elegant“ laufen, oft nur Alibi-Taschen ohne Tiefe oder solche, die sofort kapitulieren und den Schlüsselbund ans Jackeninnenfutter durchreichen.
Wenn irgend möglich, statte ich meine Kleidung mit Taschen aus; geht das außen nicht, dann eben innen. Kann also sein, daß ich etwas tiefer nach dem Geldschein oder den Taschentüchern graben oder mich dazu verrenken muß. Das ist eben so. Jede Innentasche ist besser als keine Tasche.
Der Garderobenbügel
Kleider machen Leute – don’t try this at home.
Falls Sie etwa die Federboa suchen sollten, zu der geht es hier entlang. Ich möchte heute lieber vom Garderobenbügel erzählen. Mittlerweile ist Gras über die Sache gewachsen, deswegen kann ich das ruhig.
Mit Frau Amsel war ich im Theater, in so einem Studioding, hübsch über den Dächern der Stadt, da nimmt man Treppensteigen gern in Kauf. Foyer und Bar waren gleich vor dem kleinen Saal, und da war auch die Garderobe. Die bestand aus nichts als einer Kleiderstange voller Bügel; wer wollte, der konnte.
Und an dieser Kleiderstange hing, unter lauter unauffälligen Geschwistern, er. Der Garderobenbügel. Frau Amsel, die meine Hobbies kennt, hängte gleich ihre Jacke darauf. Was aber nun? Stehlen, an einem Ort, den wir sicher wieder besuchen wollen würden? Ein Theater, und sei es auch nur seine Garderobe, schädigen?
Ich beschloß: fragen kostet nichts, stehlen kann man notfalls immer noch, und wandte mich an den Kartenabreißer. Wer für die Garderobe zuständig sei? Oh, sie könnten keine Garantien übernehmen, jeder Besucher sei gehalten, selbst auf seine … Neinnein, wie man zum Beispiel an so einen Bügel käme? Da wäre so ein interessanter … Der junge Mann stutzte. Ein Bügel? Also, er sei da leidenschaftslos. Wenn wir es nicht allzu auffällig machten – er habe nichts gesehen.
Frau Amsel nahm nach der Vorstellung ihre Jacke über den Arm. Den Bügel darin, den habe ich jetzt. Hier ist er.

Ich danke herzlich allen Beteiligten.
Das Eigenkleid
Kleider machen Leute: zur Information.
Vor gut hundert Jahren waren Frauen in Europa dabei, immer energischer ihre Rechte durchzusetzen. Ein äußeres Zeichen dafür wurde die Kleidung: das Korsett, bisher Zeichen von Status, Anstand und Weiblichkeit, hatte allmählich ausgedient. Aus Amerika waren neue Ideale von Gesundheit und Zweckmäßgkeit in die Alte Welt gedrungen und hatten, vereint mit den schon länger wirkenden Kräften der Lebensreform, dafür gesorgt, daß Schnürmieder und Krinoline in Frage gestellt wurden. Das letzte Wort hatte, wie so häufig, der Krieg; der verlangte, daß Frauen alltagstauglich und manövrierfähig waren, und so geriet alles Einengende, Unpraktische schließlich ganz aus der Mode.
Eine Vorreiterin der neuen, praktischen Kleidung war Anna Muthesius (1870 bis 1961), Frau des Werkbundgründers Hermann. 1903 veröffentlichte sie ihr Buch Das Eigenkleid der Frau. Darin ermutigt sie Frauen, sich nicht dem Diktat der wechselnden Mode zu unterwerfen, sondern selbst zu entscheiden, was sie tatgtäglich tragen wollen. Ihre Entwürfe zeigen, wie man den Anforderungen des Alltags gerecht werden kann: hoch angesetzte Taillen für maximale Bewegungsfreiheit, schmale Ärmel, die nicht bei der Arbeit stören, kaum Schleifen, Bänder, Rüschen und sonstiger Zierat.
Dem Anspruch an Schönheit wird Muthesius durch geradezu künstlerische Gestaltung gerecht. Die Stoffe sollen leicht verfügbar und stets von bester Qualität sein, pflegeleicht und auf Langlebigkeit ausgelegt. Die Verarbeitung ist entsprechend aufwendig; die Wahl von Farben, Mustern, Zierelementen gehorcht nicht der aktuellen Mode, sondern einzig dem, was der Trägerin am besten gefällt. Diese Kleidung machte unabhängig – selbst entworfen, selbst hergestellt und sehr haltbar, sollte sie ihrer Trägerin nicht zuletzt die Ausgaben für jährlich wechselnde Kollektionen sparen.
Bilder zeigen Anna Muthesius in einem Kleid mit großzügigen Jugendstil-Applikationen – eigen, ja. Schön finde ich sie ebenso, die dunkelhaarige Frau mit der stolzen Haltung. Ihre Idee ist interessant – wie auch, warum sie sich nicht durchgesetzt hat.
Drunter & drüber
Kleider machen Leute, jetzt mit Kleinanzeige.
Ich habe einen Koffer weiße Wäsche geerbt, Aussteuer von vor vielleicht hundert Jahren aus einer befreundeten Familie. Zarte Baumwollhängerchen mit geometrischen Musterkanten, gesteppte Jäckchen mit Rüschen überall, bauschige Unterhosen mit knöpfbarer Klappe; sogar eine Nachthaube ist dabei.
Ich schaue mir die Sachen gerne an, die Stickereien, die weißen Stoffe, luftig für den Sommer, wärmend für den Winter. Von Hand hergestellt, verziert und mit Monogramm versehen, waren das richtige Wertsachen. Viel zu schön, um zu verstauben; eigentlich sogar zu schön, um drunter getragen zu werden.
L., die neulich zu Besuch war und die solche Dinge mag, meinte: dann trag’s doch drüber! Und in der Tat, manchmal lohnt es sich, das Unterste zuoberst zu kehren. Die Besitzerin der Wäsche hätte sich vor hundert Jahren keinesfalls so unter Leuten gezeigt; ich hingegen bekomme gesagt: oh, was für eine schöne Bluse, hast du die neu?