
Kategorie: Erfreuliches
Postkarte vom Mittelrhein
Der Rheinburgenweg links des Rheins ist im Vergleich zum Rheinsteig drüben ein bißchen ruhiger, ausgeglichener, nicht gar so glamourös. Und meist auch nicht so überlaufen. Ich habe ihn gern, vor allem im Herbst. Von Boppard gehe ich flußaufwärts; in St. Goar gibt’s, wie ich weiß, Kaffee.

Ich breche in aller Frühe auf. Die schleifenden Wolken machen mich erst glücklich und dann naß: der Morgen vergoldet sie, bevor sie regnen, und an ihnen hängt ein ganzer herrlicher Tag.
Hunsrück und Taunus liegen wie verbeulte Kupfer- und Messingpötte am Fluß; hier und da gibt die Sonne ihnen Glanz. Wo Wein wächst, leuchten Gelb und Rot. Lichter Eichen-Niederwald wechselt sich ab mit aufgelassenen Gärten, man sieht noch die Terrassenmauern und verwilderten Flieder. Kein Walnußbaum hat heute was für mich; ich frage mich, wie die Eichhörnchen das diesen Winter machen, ganz ohne Rucksäcke voller Proviant.
(III) Kultur mit Kindern
Die Märchenerzählerin nimmt kein Blatt vor den Mund: sie erzählt die alten Geschichten in der Sprache der Grimms, keine Kompromisse, keine Erklärungen. Ihr Publikum, ein ganzes drittes Schuljahr, sitzt auf dem Boden wie angenagelt, regungslos, mit offenen Mündern. Ich frage mich, ist das Aufmerksamkeit oder doch Überforderung?
Das erfahre ich, als die Märchenerzählerin die Geschichte unterbricht: Und was meint ihr denn, was das bedeutet: Er war liederlich und führte ein Leben in Saus und Braus? – Geld! Alkohol! Nix arbeiten, antworten die Kinder durcheinander. In eine kurze Stille hinein sagt ein Junge mit Grabesstimme: … Weiber!, und keiner lacht.
* * *
Die Sechsjährige ist sicher nicht das erste Mal im Museum, aber das erste Mal mit mir bei den Römern. Ich hatte eine halbe Stunde dafür veranschlagt (Erfahrung); nun sind wir schon anderthalb Stunden da und immer noch nicht durch. Schließlich setzen wir uns in eine Filmvorführung. Es geht um den Ausbruch des Vesuv; lesen kann die Kleine noch nicht, also lese ich ihr vor, daß der Mann in der Toga auf dem Schiff Plinius der Ältere ist, wie ihn sein Neffe Plinius der Jüngere beschreibt. Der Film läuft in Schleife; ich gehe schon in den nächsten Raum, die Kleine will noch ein bißchen bleiben.
Nach einer Weile steht sie fröhlich neben mir: Ich habe alles gesehen, gerade kommt wieder Plinius der Ältere! Die verwunderten Blicke der Leute um uns nimmt sie gar nicht wahr, und täte sie’s, sie wüßte nicht, wieso die Erwachsenen so gucken. Sie hat halt, herrje, einfach was gelernt.
* * *
Eine Gruppe Jungs steht am Waldrand. Acht, neun Jahre sind sie alt; im Alltag sind sie Großmaul, schwierig, Rabauke, anstrengend, Problemkind. Aber jetzt sind zwei Wochen Zeltfreizeit, da haben sie anderes zu tun. Meistens geht es gut mit ihnen. Jetzt gerade sind sie ganz und gar gebannt: Ein Reh ist aus dem Wald gekommen, direkt vor ihnen über den Weg gesprungen und über die Felder davon, schon ist es nur noch ein beweglicher Punkt in der Ferne.
Hast du das gesehen, sagt der lauteste von ihnen zu niemand bestimmtem, das Reh, das hat so gemacht; und dann imitiert er mit Hand und Arm so anmutig die Wellenbewegung dieser Flucht, daß die anderen ihn fast genauso bestaunen wie eben das fliehende Tier selbst.
Zur Blogparade des archäologischen Museums Hamburg.
(I) Kleine Liebeserklärung
Frau Trippmadam hat einen wunderbaren Text geschrieben, der im Rahmen einer Aktion des Archäologischen Museums Hamburg steht. — Lange mußte ich nicht nachdenken, um zu begreifen, wie viel ärmer ich wäre ohne Museen.
Meine ersten waren das Römermuseum in der Kreisstadt und, höchstes Entzücken, das Stadtparkschlößchen. Das hatte einen Teich mit zwei schwarzen Schwänen darin, eine geschwungene Treppe, Türflügel, die ich niemals allein aufbekommen hätte, und drinnen mußte man gleitende Filzpantoffeln tragen, um das Parkett zu schonen. Es gab Fossilien; Scherben und Knochen; hundert Jahre alte Vasen, Bilder und Skulpturen und ein bißchen olle Schloßeinrichtung, und ich schaute alles an. Alles. Jedes Mal. Der Eintrittspreis war minimal; so ging ich als Schülerin auch mal in der Mittagspause schlittern. Es beruhigte mich, die immergleichen Exponate zu besuchen, und die Wechselausstellungen gefielen mir oft. Mit 20 kaufte ich dort das erste Mal ein Kunstwerk. Inzwischen ist das Museum modernisiert; noch heute gehe ich hin, wenn ich kann.
In fremden Städten sind Museen meine ersten Anlaufstellen. Ob in New York, Syrakus oder Oberrosphe: Museen sind besonnene und gute Orte. Da haben Menschen sorgfältig Wissen, Erinnerung, Schönes, Erstaunliches und Stolpersteine zusammengetragen, damit ich sie sehen, verstehen, mich damit auseinandersetzen kann: eine Einladung, der ich immer gerne folge.
Museen liebe ich vielleicht noch ein bißchen mehr als Bibliotheken. Museen sprechen alle Sprachen, und ich muß mich nicht im gleichen Maß beschränken: Mehr als zweidrei Bücher könnte ich nicht zugleich lesen, aber ich kann im Museum genau so weit durch fremde Sinnes- und Gedankenwelten wandern, wie ich möchte, und meine eigenen daranknüpfen.
Ich finde, ein Gemeinwesen sollte sich Museen leisten. Natürlich Krankenhäuser, Schulen, Grünflächen, Nahverkehr und anständige Polizisten, das ist klar. Aber eben auch Theater, Bibliotheken, Gedenkstätten; alles, was Geist verbreitet, was Diskurs fördert, Welten öffnet. Und Spaß macht.
Siegwandern
Mal was Neues, schlägt Herr G. vor: Westerwald, Natursteig Sieg? Für frische Flüsse bin ich zu haben, und so brechen wir im Morgengrauen auf, Eitorf bis Herchen, 21 Kilometer und ein Kurcafé zum Schluß.

Die Luft ist so naß, daß sie gerade so nicht als Regen zählt; Schirme sind zwecklos. Es riecht nach Herbst, und überall liegen Pilze, als hätte sie einer ausgerissen und umgedreht. Ich kenne sie nicht, aber Herr G. weiß Namen: Hexenröhrling, Hundsrute, Hexenei, Pantherpilz. Den allerschönsten Pilz zeigt er mir an einem geschnitzten Stumpf, ein gelblich glänzender Baumpilz, der duftet wie Orange und Honig. Leider ein reiner Ansichtspilz.
Der Wald öffnet sich immer wieder zu Ausblicken auf die nächsten und ferneren Hügelketten. Kulturlandschaft ist, was wir als schön empfinden; sanfter Wechsel zwischen Forst und Feldern. Kühe, wie sie englische Landschaftsmaler als Akzente in ihre Bilder setzten, rupfen vernehmlich Gras; zweimal sehen wir zwischen den Kühen einen Reiher, der Reißaus nimmt, sowie er sich beobachtet fühlt.
Der Weg kreuzt und quert …
Schöne Sachen XLV
Avantgarde
Herr G. ist ein guter Wanderführer. Deshalb gehe ich mit, als er für eine größere Gruppe den Weg von A nach B auskundschaftet.
Ganz einfach ist das nicht. A ist klar, B auch, aber der direkte Weg wäre zu kurz und außerdem nicht besonders reizvoll. Also hat sich Herr G. eine Folge von Um- und Abwegen ausgedacht. Die Karte, die wir dabeihaben, ist sicher zwanzig Jahre alt. Außerdem regnet es — die meiste Zeit; manchmal gießt es auch wie aus Kübeln.
Fast wären wir gleich hinterm Bahnhof Remagen gescheitert, am Landstraßenrand. Wir können sehen, wo unser Weg auf der anderen Seite zwischen die Häuser schlüpft; doch die Autos sausen nahezu lückenlos. Sicher, man könnte an der Ampel ein Knöpfchen drücken, aber 200 Meter dort hin, rüber, auf der anderen Seite ohne nennenswerten Bürgersteig 200 Meter wieder zurück –? Nicht einzusehen. Also warten wir, warten und warten, warten noch etwas, rennen dann und fluchen über die autogerechte Stadt.
Dann aber Wald. Der dampft und kocht und pfeift vor Vögeln, und gemeinsam mit einem Wolkenbruch erreichen wir einen überdachten Grillplatz mit Aussicht (im Moment vom Regen versperrt). Wir frühstücken trocken unterm Geprassel. Elendes Wetter, schimpft Herr G. Wie schön das klingt, entgegne ich, und was wir alles nicht abbekommen!, und da muß Herr G. doch zustimmen.
Der Pfad schlängelt sich, und wir merken schnell, daß er nicht furchtbar viel mit dem auf der Karte zu tun hat. Wald in echt ist auf der Karte Wald, Lichtungen hingegen können auf der Karte Lichtung oder Wald sein, Bäume sind ja schneller abgeholzt als nachgewachsen. Kreuzungen zählen hilft nicht viel — manche Abzweigung fängt als Weg an und endet als Gebüsch. Aber schön ist das hier, verschnörkelt und verwunschen; wir staunen und kramen die Namen für die Sommerblumen hervor.
Ein markierter Weg nimmt uns mit ins Freie, die Landskrone ist in mittlerer Distanz zu sehen, und von da an ist es einfach; Getreidefelder nach allen Seiten. Die Schmetterlinge wohnen hier auf dem Weg, denn da blüht mehr. Erst am Fuß des Burgbergs wird es wieder bunter. Auf einer Bank machen wir Rast, während sich über dem nächsten Tal eine Wolkenfaust zusammenballt, aus der es ohn‘ Unterlaß rumpumpelt. Während wir Brote essen, füllt sie allmählich den halben, dann den ganzen Himmel, und als wir zum Abstieg ins Ahrtal ansetzen, wird sie schwarz und geht schließlich nieder. Unter Donner und Regen erreichen wir den Fluß.
Das war eindrucksvoll, rufe ich gegen das Prasseln auf dem Schirm an. Den lasse ich fast fallen, als auf dem Dach gleich nebenan die Sirene tief Luft holt und uns mit Gebrüll durch die Straßen jagt. Alarm, Alarm, Probealarm! Daß es das noch gibt; und: beruhigend beunruhigend. Kein Notfall würde so überhört. Wir trotten die Ahr entlang, der Radweg ist schön leergeregnet und die monströse Autobahnbrücke in ihrer Höhe fast schon nicht mehr wahr.
Im Café am Ende ist alles gut. Die Kleidung trocknet, und ein freundlicher Koch schneidet für uns frischen Kuchen an, Bisquit, Sahne, Dosenmandarinen. Herr G., sage ich, mit dem Wetter wünsche ich euch ein bißchen mehr Glück und mit der Straßenüberquerung am Anfang; aber sonst? Das wird eine prächtige Wanderung für deine Gruppe, jetzt, wo wir das Verirren bereits erledigt haben.
Rundumgeburtstag (beim SWR)
Der Herr Irgendlink war im Fernseh? Ja, aber nicht zum letzten Mal: kommenden Sonntag um 18:45 Uhr kann man den Kunstradfahrer im SWR sehen, wie er in „Einig Land“ einen ganzen Strauß Staunen und Wundern zusammenhält.
Was Sache war, haben die anderen schon erzählt, deshalb (und weil ich den Schluß verpaßt habe) von mir nur kurz:
So ein Landesgeburtstag klingt nach einer drögen Angelegenheit, aber der Auftakt zu den sieben Jubiläumsfilmen verspricht alles andere als Langeweile. Dutzende schöner, skurriler, erfreulicher Geschichten werden gezeigt, die neugierig machen auf dieses doch arg heterogene Provisorium „Rheinland-Pfalz“, das sich in siebzig Jahren unzweifelhaft zu einer Heimat gemausert hat.
Und wenn man einen Protagonisten kennt, guckt man so etwas gleich noch lieber. Also, dringende Empfehlung!
Schöne Sachen XLIV
Vom richtigen Umgang mit Nachrichten
Die Nachrichten jagen einander und bereiten derzeit mehr als üblich Schmerzen, und lieber heute als morgen zöge ich ganz hinter den Mond. Doch Rettung kommt aus Helsinki: das finnische Radio Yle bringt Nachrichten auf Lateinisch, zum Hören und zum Nachlesen im Netz.
Der Latinist Tuomo Pekkanen und sein Kollege Reijo Pitkäranta vollbringen das kleine Wunder, aktuelles Weltgeschehen in lateinische Vier-Minuten-Beiträge zu verwandeln, die einmal pro Woche wunderschönst und mit schnarrendem Akzent verlesen werden. Das Alter der Sprache merkt man den Nachrichten nicht an; die Redakteure schaffen es, auch unhandliche Modernitäten plausibel zu übersetzen.
Es klingt beruhigend, man versteht angenehm wenig, und selbst wenn es heißt: Trump Obamam accusat, kann man sich vorstellen, man säße in der Schulbank, gleich wird es klingeln, und man darf hinaus, in die Sonne.
Wärmste Empfehlung: Nuntii Latini vom finnischen Radiosender Yle.



