Winterwanderland

Winterlicht.
Winterlicht.

Winters scheint die Sonne schräg durch eine Glocke klarer Luft; alles, was nicht beschneit ist, wird zu Gold. Man geht auf strahlenden Wegen, und die zeichnen alles auf, jeden Schritt, jedes Umschauen, jedes Verschwinden hinterm Busch. Katzenspuren, andere, winzige Tatzen, rosenfarben: Blut, und Hundespuren bei der Ermittlung, bis ein Mensch zum Weitergehen pfeift: der Schnee weiß gute Geschichten.

Das Wasser in den Wegrandbrünnchen erfindet völlig neue Spiele. Es steht der Wald nicht starr und schweiget, sondern eher so, als könne er sich jeden Moment schütteln und aufspringen und ein Stückchen über die kristallinen Flächen mitlaufen.

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Jeder Schritt kracht wie ein herzhafter Biß in Zwieback, der Boden knistert frostig, in Zellophan verpackt. Lang scheint die Sonne nicht, nur nicht getrödelt –! Kein Wunder, daß man mit einem Bärenhunger heimkommt.

 

Fernblick

Nicht ganz das Dach der Welt ...
Nicht ganz das Dach der Welt …

Hier ist Rheinhessen. So häßlich, klagte mir mal ein Zugezogener aus einer anerkannt schönen Ecke der Welt. Und spektakulär ist es hier wirklich nicht. Nicht die Helden der Sagen oder die Drachen sind hier zuhaus, sondern der Spielmann. Keine Naturwunder, keine Landschaft, die den Atem raubt; das größte Menschgebaute hier sind Autobahnen und Windanlagen. Die Luft teilt man sich mit den Flugzeugen vom Flughafen Rhein-Main.

Dieser Fleck der Erdschale ist gerunzelt und zerschliffen zu Hügeln und Hügeln; dausend Hiwwel, sagen die Einheimischen. Auch dieser Hügel ist nicht hoch, einer von vielen, aber wer ihn durch die Weingärten ersteigt, steht über allem, direkt unterm Himmel, sieht Wolkenzug und Sonnenbahn und unterschiedliches Wetter in verschiedenen Richtungen, müßte nur die Hand ausstrecken und könnte ein Sträußchen Windräder pflücken.

 

(Kleiner Gruß an Frau Amsel, die schon hier oben, und an Herrn G., der ganz da hinten war.)

Kaiser Wilhelm und die anderen

Schaut man – nicht zu weit – nach oben, hängt der Himmel voller Äpfel: Goldparmäne, gelbrot flammend, der Schöne von Boskoop, der uns durch den Winter bringen wird, der hellrote Schöne von Bath, frühe Sorte, schon vorbei. Birnen und Quitten auch, aber, oh, was für Äpfel! Die Äste biegen sich unter dem drallen Finkenwerder Prinzenapfel, der tiefroten Sternrenette mit weißen Sommersprossen, unter massigen Winterglockenäpfeln; und das sind nur die, die überhaupt Namen haben (und die ich noch weiß).

nr-apfelhimmel nr-ananasrenette nr-kaiserwilhelm nr-spinne nr-streuobst

Was da hängt, muß in die Kelterei. Vieles fällt von selbst; davon das Gute. Anderes wird heruntergeschüttelt. Laub rauscht auf, und ringsum purzeln rotwangige Kaiser Wilhelms mit sattem Plock aufs Gras: die aufklauben und in den Wagen werfen. Blaue Flecken werden sie davontragen, das ist dem Saft egal. Dem Rest mit Stangen helfen. Sanft geht das nicht – Augen zukneifen und kräftig draufschlagen, dann hagelt es schon Früchte. Vorsicht mit dem Kopf! und auch die nützlichen Spinnen droben im Laub verschonen!

Auf dem Wagen häufen sich die Äpfel: Golden und grün die Ananasrenette, bläßlich der Glockenapfel und der Kaiser Wilhelm, stramme, saftstrotzende Pracht. Es duftet, es tropft. Wespen kommen und gehen. Morgen wird vor den Wagen ein Auto gespannt, dann reisen Kaiser Wilhelm und die anderen zur Kelterei, und bald gibt es dann Streuobstwiesenapfelsaft.

Ein Bild von Himmel.
Ein Bild von Himmel.

 

Postkarte aus der Goldenen Stadt

Ich habe den Winter gefunden: bei minus acht und Schnee gefällt es ihm in Prag. Da hat er Erker und Simse, Standbilder und Zinnen genug, die er weiß verzieren kann. Schöner geht es nicht.

Und das schönste: die Stadt zu Fuß erkunden, im Schlepptau von netten Einheimischen.
Und das schönste: die Stadt zu Fuß erkunden, im Schlepptau von netten Einheimischen.

Prag ist im Winter nur halb voll, halb schnell, halb wach. Im Sommer muß es hier zwei Städte geben, das glitzernde, schrille Prag der Touristen und das deutlich sachlichere der Einwohner. Die trinken günstiger, essen deftiger und gehen ihrem Tagwerk nach, alles in ihrer wohlklingenden, verschlossenen Sprache.
Erst nach einiger Zeit fällt mir auf, was hier anders ist: die Straßen sind enger und verwinkelter als in anderen Städten dieser Größe; Barock steht einträchtig neben Gründerzeit, Gotik neben Jugendstil – und ganze Straßenzüge sind völlig reklamefrei. Keine Plakate, nichts an Laternenpfählen und auf Mülleimern, nirgends kratzt’s und platzt’s im Sichtfeld. Ich merke, wie gut das tut; bei uns wäre das anders.
pr-vys pr-glatt pr-altneu pr-friedhof pr-stadthaus
 
 
 

Jeden Tag ein Gedicht

Was für eine Aufgabe: Tag für Tag ein Text, egal was ist; den Verlauf eines ganzen Jahres schreibend begleiten –!
Ein geschätzter Mitblogger hat sich diese Aufgabe gestellt und täglich einen Text veröffentlicht. Prosa ist darunter, Lyrik in festen und freien Formen; Naturbilder, Balladenhaftes und zutiefst persönliche Texte. Alles, was Worte können: klingen, irritieren, bezaubern.
Es gibt also was zu lesen: Das Jahr 2015 in 365 Texten von Herrn Solminore. Ich bin selbst noch mittendrin und komme gar nicht heraus aus dem Staunen. Viel Vergnügen!
 
Dreihundertneunundzwanzig (Reminiszenz)
Es ist an diesem Morgen nichts, was niemals
gewesen wär. Die Fenster sammeln Morgen,
die Schatten salutieren. Auf dem Hocker
erwacht das Hemd von gestern, alles weiß noch,
wie, was gewesen wär, wo jenes läge
wie jener Schatten fiel, wie manches Lager
in Falten sich zu krampfen, jenes Weinglas
und welche Lippenspuren hätt zu tragen.
Es ist an diesem Morgen nichts, was einmal
gewesen ist. Das Bett liegt heut nicht anders
als eben, wie es liegt. Die Gläser glänzen
gespült. Im Laken längst verblaßte Flecken.
Du kannst die Spuren messen, wie du willst:
Es ist an diesem Morgen nichts gewesen.
(c) Solminore