Pohlednice z Prahy

Prag, Mutter aller Städte, die Vielfotografierte: im Sommer ist sie tatsächlich golden. Kein hochglanzpoliertes, sondern ein altes Stück, schnörkelig, schadhaft, gewiß nicht leicht zu reinigen. Von den Hügeln aus wirkt Prag, als habe man die Glanzstücke aus allen Stadtbildern zu einem zusammengeschoben, so daß das Auge kaum weiß, wohin. Auch im Kleinen keine Ruhe: jede Fassade grüßt mit Figuren und Fratzen, man will durch die Straßen und Gassen wandern mit dem Kopf im Nacken und bloß keinen Giebel verpassen; man würde wohl von Hunderten, ja, Tausenden vorangeschoben, mitgerissen an den Sehenswürdigkeiten vorbei.

Postkartenhimmel, natürlich.

Die Moldau, breit fließt sie hier, gesäumt von Steinpracht und kühlen Parks, schenkt Ruhe, wenn man die Anmache der Vergnügungsschiffsmatrosen ignoriert und den wirbelnden Strom von Touristen in den Uferanlagen.

Versteckt mitten im Gewühl gibt es Orte, an denen man mehr Tschechisch hört als Englisch. Parks mit tiefen Bänken für Schachspieler, Innenhöfe voller schlafender Tische und Stühle, Museen, Passagen. Und überall Gedenkplaketten: Mahnmale für ermordete Ketzer, Juden, Nonkonforme, Intellektuelle, Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Gerade wieder gegenwärtig ist der Einmarsch sowjetischer Streitkräfte, die den Prager Frühling vor fünfzig Jahren blutig beendeten.

Heute wird der Stadt eine andere Art Gewalt zugefügt: Nicht zu übersehen ist die Touristenflut, die zwar Geld bringt, den Altstadtbewohnern aber ein normales Leben unmöglich macht. Unsichtbar sind die Investoren, die den ohnehin kostbaren Wohnraum ins Unglaubliche verteuern. Wer in der Prager Innenstadt wohnt, verkauft keine Brötchen, hat keinen Handwerksbetrieb, steuert keine Tram. Nicht einmal Akademiker können sich das leisten. Aber wer bewohnt, wer belebt dann das Herz dieser Stadt? Oder genügt sie als Kulisse?

 

 

 

Schnörkel ohne Leine

Die Mosel macht es uns leicht, sie zu mögen. Sie mäandert durch Landschaften von lieblich bis spektakulär, es ist recht einfach, gutes Essen zu finden, und in den kleinen Orten herrscht die Höflichkeit, die ich als Kind eingebimst bekam: man grüßt erst mal jeden. Auf Fragen gibt man Antwort, zur Not halt: tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir sind nicht ein Mal unfreundlich behandelt worden, abgerissen, wie wir aussehen. Im Gegenteil. Die meisten fragen nach dem Woher und Wohin, berichten Wetter, und sie freuen sich mit, wie schön es hier ist.

In diesem Abschnitt ist die Landschaft sanft und weit.

Unser Weg führt über die Hügelflanken oberhalb von Piesport, zwischen Rebstöcken in praller Sonne, wahrhaftig kein Sommerweg. Ganz da hinten, wo der Hügel die Mütze aus Wald etwas tiefer gezogen hat, blitzt es: die Fenster einer Gaststätte. Da wollen wir hin. Hoffentlich haben sie nicht gerade Ruhetag, meint Herr G. Andere Leute würden jetzt ihr Smartphone zücken … Als wir sicher sind, daß da oben eine Markise weht, klettern wir zwischen zwei Rebreihen hinauf, poltern auf die Terrasse und lassen uns unter einen Sonnenschirm plumpsen: Kaffee, Kuchen, Eis. Das Leben ist schön.

Später, wieder auf dem Weg, streiten wir darüber, was man sich mehr wünschen könnte als die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln. (Ich finde, nix; da kann Herr G. sagen, was er will.) Das Ganze löst sich auf in Limericks und Wohlgefallen. Derweil ziehen wir sehr gemächlich unsere Bahn oberhalb des Flusses; da hinten kommen wir her, und da unten, da wollen wir hin. Schneller ging’s per Gleitschirm; den Startplatz schauen wir uns von oben an. Ob Fliegen wirklich schöner ist?

Der Nachmittag neigt sich. Die letzten Meter nach Neumagen hinein müssen wir Straße gehen; das sind immer die anstrengendsten Strecken, die man mit Autos teilen muß. Im Städtchen haben wir uns ein warmes Essen redlich verdient, nur: wo? Meine Informationen sind hoffnungslos veraltet. Tripadvisor!, sagt Herr G. und fragt kurzerhand eine Dame, die gerade vor ihrem Haus Geranien gießt. Sie erkundigt sich, was wir uns so vorstellen; dann schickt sie uns in ihr Lieblingsgasthaus. (Volltreffer.)

Da brüten wir dann bei Bratkartoffeln und Rieslinghuhn über der Karte. So ein Weg ist schön; schöner ist es, schon die nächste Etappe zu wissen. Fliegen wäre da nun wirklich keine Lösung; im Stehen pinkeln können hingegen praktisch. Naja.

Gang mit Herrn G. und wiedergefundener Kamera

Ich muß mich wieder an den Riemen auf der Schulter gewöhnen, sage ich zu Herrn G. Der Himmel ist hell und diesig, als hätte wer Zuckerwatte darin zerblasen, der Fluß erstaunlich dunkelblau und grün. Veilchen, Weißdorn, Schlüsselblume, Hyazinthen, Lerchensporn und diese Miniaturblümchen, weiß mit dunkelbraunem Kraut, von denen wir den Namen nicht wissen (Herr G. meint: ein Neophyt), dazu Vogelkonzert. Man kann nicht klagen.

Wenn ein Weg der bestmögliche Kompromiß aus der kürzesten und der bequemsten Verbindung zwischen A und B ist, dann hat der Moselsteig ganz klar das Thema verfehlt. Da wird der Wanderer auf Ziegenpfade geschickt, über Leitern und Fels und Geröll, aus zehn Metern Entferung betrachtet von Sonntagsspaziergängern auf asphaltiertem Weinbergsweg. Markante Punkte sieht man mitunter stundenlang aus verschiedensten Blickwinkeln. Das, sagt Herr G., hätten wir auch kürzer haben können. Aber so hübsch wär es dann nicht gewesen, antworte ich.

Das Bildermachen geht immer leichter. Ich will ja niemanden langweilen, aber Herr G. ist sehr geduldig mit mir und meiner Kamera. Später stellt sich heraus, daß er eine Menge Limericks kann, die meisten auf Englisch, und davon ein erklecklicher Teil unanständig. Wir fallen vor Lachen fast von der Bank; die Vorüberkommenden gucken.

Es wird ja wieder gewandert in der Republik. Den Pfaden folgen ganze Kegelclubs und Familienverbände, rasten an Hütten, genießen auf Bänken die Aussicht. Dochdoch, die dürfen, aber wenn man wandert, wär man gern allein, sagt Herr G., sonst könnte man sich ja auch in der Straßenbahn erholen. Wir bestaunen die menschliche Fähigkeit, sich völlig ungestört zu fühlen, sobald das Telefon an der Backe klebt: „Nein, da müssen Sie am besten gleich selbst hinfahren, um das zu klären, ich bin hier gerade mitten in der Pampa …“ Wir können das nicht und wünschen, es wäre Montag. Oder schlechtes Wetter.

An der Straße, da geht es schon hinunter in den Ort, ist es auch nicht besser, da lassen uns Geschwader von Motorrädern spüren, daß wir fehl am Platze sind. Herr G. ruft ihnen nach: Ja, heul doch! Und das tun sie. Man hört sie lange.

Unten in Moselkern gibt es keinen Kaffee. Dafür verliebe ich mich auf die letzten Meter noch rasch in den Bahnhof, ein skurriles Ding in voll erblühtem Jugendstil. Ich habe ja zum Glück meine Kamera wieder.

 

Sie ist wieder da!

Ich war per Telefon dabei, als der Herr vom Fundbüro durch endlose Gänge schnaufte, ein Radio am Gürtel; wie er Schubladen öffnete, in schlechtem Licht (zuckende Neonröhre, stelle ich mir vor) Schildchen entzifferte und sie schließlich aus einem Fach zog: Kamera. Weißer Knopf am Band. Liegt aber schon lange hier … schicken wir zu. – Über die lange Geschichte bis dahin konnte er mir nichts sagen.

Nun habe ich sie von der Post geholt; einen halben Tag lang trank sie Strom. In der Hülle lagen mein Zettel („Diese Kamera gehört …“) und eine Visitenkarte meiner Freundin, auf die ich etwas notiert hatte. Warum sie angerufen wurde und nicht ich, wissen die Götter.

Dies ist das letzte Bild auf der Speicherkarte:

Hach.

Anders als beim letzten Mal hat mir das Fundbüro kein Foto hinterlassen. Aber mein Loblied gilt unvermindert: sind ihre Wege bisweilen auch verschlungen – wie gut, daß es Fundbüros gibt!

 

Wahres, Falsches und Kopiertes

In Mainz ist einer meiner liebsten Anlaufpunkte das Dom- und Diözesanmuseum. Die aktuelle Ausstellung über Fragwürdiges aus dem Fundus ist wieder mal eine Freude, eine wunderschöne, wohlkonzipierte Angelegenheit, und bis Mitte April kann man sie noch besuchen.

Fünfzehn Exponate aus den Kellern des Museums wurden hier zusammengetragen; an jedem hängt ein Schild: Gemälde von dem-und-dem Maler aus dem-und-dem Jahr, oder: Kopie einer Schnitzerei aus dem-und-dem Jahrhundert; oder da stehen zwei Dinge, ein Original, eine Nachbildung. Dann darf man als Betrachterin überlegen: Stimmt das Schild? Welcher Kelch ist denn nun die Kopie? Ist das Gemälde echt?

Man schaut. Noch etwas genauer. Man kramt im Wissen über Kunst, Geschichte, Kunstgeschichte; man betrachtet Rückseiten und Oberflächen, überprüft Details, manchmal rät man einfach. Aber jeder Blick offenbart Wunder. Bilder sind nicht mehr nur, was sie darstellen; sie werden Untergrund, Firnis, Rahmung. Man achtet plötzlich auf Retuschen, Spuren von Lagerung, man fragt sich: wie kommt denn so was? So wird Kunst mehr als nur das Ding, das da hängt oder steht oder liegt – sie wird Materie, und sie bekommt eine Geschichte.

Stimmt nun also das Schild mit der Beschriftung oder nicht? Die Lösung kann man nachlesen: drei, vier Abschnitte über das Kunstwerk, über Hinweise auf Echtheit/Nachbildung, über die Menschen, die damit zu tun hatten, und manchmal die erstaunlichsten Geschichten. Dazu Vergleichsobjekte und -bilder (einziger Kritikpunkt: nicht immer in guter Auflösung), Materialproben … So viele Fragen beantwortet, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte! Für mich ein völlig neuer Blick auf Kirchenkunst – ich war entzückt, werde aber jetzt nichts weiter verraten, falls da noch wer hin möchte.
Lohnt sich!

Mainzer Dom- und Diözesanmuseum
„Mit Kennerblick und Adlerauge“
noch bis 15.4.2018
Eintritt 5 € unermäßigt

(Und nicht daß jetzt jemand denkt, es gäbe einfache Antworten – die gibt es auch in dieser Ausstellung nicht. Darum habe ich sie um so lieber.)

 

Neuer Wald zum neuen Jahr

Rockenhausen, hat schließlich Irgendlink vorgeschlagen. Also: Rockenhausen.

Die Pfalz kenne ich von früher, zumeist hinter Scheiben von Autos oder Ausflugsgaststätten. Da kamen Mitschüler her; da fuhr man durch und an Wochenenden vielleicht Schaubergwerke gucken. Jetzt gehe ich wandern mit einem Pfälzer und einer Schweizerin: Soso kann den Weg auf dem Telefon verfolgen (ich bin fasziniert, ich kann bloß Papier), Irgendlink hingegen hat einen bärtigen Mann im Kopf, der mit Tusche und Feder die interne Karte beständig aktualisiert. Ich glaube es sofort; wir gehen immer richtig.

Ich muß lachen, als Soso die Pfalz Flachland nennt; aber ja, klar. Ich beginne mir alle meine Landschaften aus der Sicht der Alpen vorzustellen. Haha, 500 Meter! – Trotzdem bleibt bergauf bergauf. Dann öffnet sich der Wald, und oh, auch 500 Meter und bedeckter Himmel können Aussicht: vor uns breitet sich das Land zum Rhein und weiter, in den dunstigen Fernen schwimmen Oasen von Sonnenschein, grün und golden, wie Miniaturmalereien in Bleiwüste. Lichtschäfte verbinden sie mit den Wolken: Frau Sonne trinkt Regen, nennt Soso das.

Burg Falkenstein ist auch schön, sind wir uns einig, steinerne Fensterrahmen um die Aussicht. An der Gaststätte steht zwar, daß sie geöffnet hätte, aber das ist gelogen. Wir essen draußen, bis uns kalt wird. (Könnte eine Definition von Winterwandern sein: zu kalt für Äpfel.) Dagegen hilft nur: einen Schritt schneller; aber mit Vorsicht. Die Straße durchs Dorf Falkenstein hat 25% Gefälle.

Auf der Strecke sammelt Irgendlink Kunst. Immer wieder identifiziert er Werke von MudArtist Heiko Moorlander, den die Pfälzer Erde sehr zu inspirieren scheint. Und war hier nicht auch der Schinderhannes aktiv? Es heißt doch immer, im Wald, da sind die Räuber, aber sonst fallen uns nur Seeräuber ein. Und, zu drei Vierteln Mythos, Robin Hood.

Das gäbe dieser Wald heute nicht her; der ist eher aus der Serie „Schlechte Verstecke“. Aber der Wechsel zwischen offen und baumbestanden, die Wellen und Hügel und der dicke Donnersberg, das alles fällt mittig in meine Kategorie „schön“.

Es ist wie mit dem Propheten im eigenen Land – wenn’s da, wo man’s schon ewig kennt, schön ist, ist man immer ganz entgeistert. Muß ich noch mal, die Pfalz. Und besonders gern: Kunst beim Werden zugucken. Und Geschichten aufsammeln.

(Gruß an Herrn G., der nicht mitkonnte, aber Christstollen gestiftet hat.)

 

Hurra, Soso hat sogar Bilder!