Die Märchenerzählerin nimmt kein Blatt vor den Mund: sie erzählt die alten Geschichten in der Sprache der Grimms, keine Kompromisse, keine Erklärungen. Ihr Publikum, ein ganzes drittes Schuljahr, sitzt auf dem Boden wie angenagelt, regungslos, mit offenen Mündern. Ich frage mich, ist das Aufmerksamkeit oder doch Überforderung?
Das erfahre ich, als die Märchenerzählerin die Geschichte unterbricht: Und was meint ihr denn, was das bedeutet: Er war liederlich und führte ein Leben in Saus und Braus? – Geld! Alkohol! Nix arbeiten, antworten die Kinder durcheinander. In eine kurze Stille hinein sagt ein Junge mit Grabesstimme: … Weiber!, und keiner lacht.
* * *
Die Sechsjährige ist sicher nicht das erste Mal im Museum, aber das erste Mal mit mir bei den Römern. Ich hatte eine halbe Stunde dafür veranschlagt (Erfahrung); nun sind wir schon anderthalb Stunden da und immer noch nicht durch. Schließlich setzen wir uns in eine Filmvorführung. Es geht um den Ausbruch des Vesuv; lesen kann die Kleine noch nicht, also lese ich ihr vor, daß der Mann in der Toga auf dem Schiff Plinius der Ältere ist, wie ihn sein Neffe Plinius der Jüngere beschreibt. Der Film läuft in Schleife; ich gehe schon in den nächsten Raum, die Kleine will noch ein bißchen bleiben.
Nach einer Weile steht sie fröhlich neben mir: Ich habe alles gesehen, gerade kommt wieder Plinius der Ältere! Die verwunderten Blicke der Leute um uns nimmt sie gar nicht wahr, und täte sie’s, sie wüßte nicht, wieso die Erwachsenen so gucken. Sie hat halt, herrje, einfach was gelernt.
* * *
Eine Gruppe Jungs steht am Waldrand. Acht, neun Jahre sind sie alt; im Alltag sind sie Großmaul, schwierig, Rabauke, anstrengend, Problemkind. Aber jetzt sind zwei Wochen Zeltfreizeit, da haben sie anderes zu tun. Meistens geht es gut mit ihnen. Jetzt gerade sind sie ganz und gar gebannt: Ein Reh ist aus dem Wald gekommen, direkt vor ihnen über den Weg gesprungen und über die Felder davon, schon ist es nur noch ein beweglicher Punkt in der Ferne.
Hast du das gesehen, sagt der lauteste von ihnen zu niemand bestimmtem, das Reh, das hat so gemacht; und dann imitiert er mit Hand und Arm so anmutig die Wellenbewegung dieser Flucht, daß die anderen ihn fast genauso bestaunen wie eben das fliehende Tier selbst.
Zur Blogparade des archäologischen Museums Hamburg.