Mangel an Beweisen

Ich brauche wirklich einen Fotoapparat. Ich habe mich jahrelang gedrückt, mich drauf verlassen, daß andere einen haben oder mir in Extremfällen mal einen ausgeliehen, aber es nützt alles nichts — wenn’s drauf ankommt, hat man keinen dabei. Mein Album der Bilder, die ich nicht gemacht habe, wiegt schwer.

Damals, als sich eine Autokarawane durch die Innenstadt schob, gleichmütig angeführt von einem Zirkuskamel, hätte sich das ein oder andere schöne Motiv ergeben. Und nie werde ich die beiden Firmenschilder „Reifen Schwarz“ und „Reifen Seher“, aus verschiedenen Ecken der Republik, aber gleich gestaltet, nebeneinander stellen können.

Aber am allermeisten fuchst es mich, daß ich niemals werde beweisen können, daß ich 1999 in einer bayerischen Kleinstadt so einen weißen Lieferwagen gesehen habe mit der Aufschrift: Großhuber Lautsprecher und Beschallungstechnik seit 1933.

So glaubt mir das ja kein Mensch.

… mal eben um den Blog …

In letzter Zeit verlaufe ich mich ständig im Netz. Das kommt daher, daß ich an allen Ecken und Enden Blogs finde, die von mehr oder weniger virtuell Bekannten stammen. Hier ein bißchen lesen, da ein wenig stöbern, und schon geht’s — von Höcksken auf Stöcksken — immer weiter weg vom ausgetretenen Pfad.

Wenn mich unterwegs nicht der böse Wolf schluckt, komme ich bei allen mal vorbei und hinterlasse ein Blümlein in der Kommentarspalte, ja? Muß nur mal grade eben, da hatte ich nämlich was Interessantes gesehen — bin gleich zurück —

In der Schwebe

Ich staple. In Kneipen und Cafés, am Frühstückstisch und im Restaurant entstehen vor meinem Platz Türmchen aus Gläsern, Salzstreuern, Vasen, Besteck; fragile Konstruktionen, die mein Gegenüber irgendwann beunruhigt im Auge behält.

Meist baue ich nebenbei, beim Reden und Zuhören. Versehentlich. Ich will nicht in die Höhe — manchmal verwende ich nicht mehr als zwei Gegenstände — und auch nicht für die Ewigkeit bauen. Im Gegenteil. Das Gleichgewicht muß mühsam erreicht werden und ständig in Gefahr sein. Ein Luftzug, ein schräger Blick muß die Arbeit einer halben Stunde zunichte machen können.

Nur dann, wenn die Balance kaum zu halten ist, stellt sich in meinen Zahnwurzeln dieses zufriedene Gefühl ein, von dem ich mir vorstelle, daß es der Grund dafür ist, daß Hunde so gern gute Lederschuhe zerkauen. Und geht sie dann verloren, die Balance, bricht mein Bauwerkchen zusammen — einfach so oder weil mein Gegenüber ein Salzkorn danach wirft –, dann seufze ich tiefenttäuscht. Zum Trost fange ich gleich von neuem an und türme den nächsten Unfug übereinander.

Irgendwann zahlen wir und brechen auf. Im Hinausgehen höre ich es klirren: Ah, unser Tisch wird gerade abgeräumt.

Prinz-Georgs-Garten, Darmstadt

Qype-Artikel vom 1.8.2008
Adresse: Schloßgartenstraße 6b, 64289 Darmstadt

Eigentlich sollte man unvorbereitet hierherkommen, so wie es mir passiert ist, und sich entzücken lassen Nun, ich schicke euch hin, es geht nicht anders.

Darmstadt hatte in seiner Geschichte als Residenzstadt viele Prinzen. Heute hat es entsprechend viele Gärten, die nach den Prinzen heißen. Was im 18. Jahrhundert als Lustgarten vor den Toren der Stadt lag, ist heute mittendrin, und so kann man, hoppla, plötzlich in dem eingefriedeten Park stehen und staunen.

Der Garten ist, ganz Rokoko, geometrisch angelegt und im Sommer herrlich farbig. Der erste Blick: geharkte Wege, Rasenflächen mit Buchsbaumhecken, Laubengänge, ein zentraler Springbrunnen. Die Nase sagt: das duftet ja köstlich … Der zweite Blick: Kohl! Mangold! Zwiebeln, Tomaten, Salbei! Und die Nase sagt, siehste.

Daß Kohl so schön sein kann! Das Gemüse ist hier vor allem nach optischen Gesichtspunkten ausgesucht und aufs appetitlichste mit Blumen und duftenden Kräutern kombiniert. Das geht, so heißt es, auf barocke Vorbilder zurück und ist mal was ganz anderes als die gewöhnlichen Fleißige-Lieschen-Rabatten.

Wenn man dann auf den Wegen dahinwandelt, an lockenden Ruhebänken vorbei (die an Wochenenden garantiert alle belegt sind) und von Fontänenmusik begleitet, erreicht man ein Palais. Man nähere sich mit Andacht!

Eine weit schwingende Freitreppe führt hinauf zum Portal, das in der mit Sandsteinornamenten reich verzierten Fassade — — Mo-ment. Noch mal ein paar Schritte zurück: Portal? Freitreppe? Ornamente? Alles aufgemalt. Eigentlich sind es doch eher ein paar Stufen und eine Tür, und das Palais ist ein Gartenhaus. Ich habe vier Anläufe gebraucht, leise kichernd, bis ich endlich drin war.

Und drinnen: Bücher! Regalweise Bücher. Hier kann man einfach durchspazieren, sich in Ruhe ein Buch aussuchen und es im Garten lesen. Oder auch mitnehmen, wenn man dafür ein anderes daläßt — Bookcrossing kann schöner nicht sein.

Surreal, unglaublich, magisch ist der Garten an einem stillen Frühsommer- oder Spätfrühlingstag. Bei Mondschein würde ich ihn gern mal sehen, aber nachts ist er leider geschlossen.

P.S.: Das Gemüse kann man bei den Gärtnern kaufen, für ganz schön wenig Geld.

Grüne Hölle Balkon

Als Innenstadtpflanze fehlt mir der Ausblick ins Grüne. Struppige Straßenbäume, Pflanzkübel und Parkplatzprimeln reichen mir nicht — Wildwuchs muß her. Deshalb beobachte ich mit Interesse, was sich in meinem Blumenkasten tut, den ich auf dem Balkon aufgestellt und mit Erdbeeren bepflanzt habe.

Erst waren’s tatsächlich Erdbeeren, aber es wurde bald spannender: Es gesellte sich ein Schlingknöterich dazu, der ganze Häuser überwuchern kann. Deshalb heißt er auch »Architektentrost«. Er ließ lange Bärte den Balkon hinabwallen, aber zu mehr ist es dann doch nicht gekommen.

Im zweiten Jahr überwog plötzlich Klee — ein dekoratives Polster, komplett mit Blüten, sehr zur Freude der städtischen Hummeln. Diese, wie auch andere Insekten, dürfen ihren Spaß in meinem Blumenkasten haben. Spinnen, Raupen, Käfer — ich halte mich da raus. Wo sollten sie auch sonst hin, die armen Viecher.

Dieses Jahr allerdings sah mein Klee nur kurz gut aus; dann wurde er schwarz von Blattläusen. Bald welkten die Pflanzen dahin, und ein klebriger Zuckerüberzug — die Ausscheidungen der Schmarotzer — bedeckte das kränkelnde Grün. Sehr schnell war ich bereit, von meiner Nichteinmischungspolitik abzuweichen, und ging zum Völkermord über. Tausende von Blattläusen habe ich abgesammelt und in Küchenpapier zerquetscht.

Eleganter gelöst hätte das der Marienkäfer. Dieses hübsche, nymphomanisch veranlagte Insekt mit seinen unansehnlichen Larven vertilgt Schädlinge in erstaunlichen Mengen. In meinem Blumenkasten aber zeigte sich kein Marienkäfer. (Ich hätte gern welche aus dem Internet bestellt, nur gab es dieses Jahr Lieferengpässe.) Stattdessen fand ich im Unterholz meiner Grünanlage halbzentimeterlange, flache Tiere mit einem schneeweißen Pelz aus (so nehme ich an) Fett, die sehr wendig auf Stengeln und Blättern balancierten.

Ausgiebige Recherche im Internet: Igitt, ich habe wohl Schmierläuse. Damit kann ich meinen Blumenkasten in die Tonne kippen, oder besser noch verbrennen und die Asche bei Neumond an einer vielbefahrenen Straße vergraben.

Fortan ging ich nicht nur erbarmungslos auf Blattlaus-, sondern noch erbarmungsloser auf Schmierlausjagd. Mit Streichhölzern (sie schmieren nämlich wirklich sehr) zerdrückte ich die Viecher, wo ich sie fand. Es wurden aber nicht weniger. Eher nahm die Blattlausdichte ab …

Und dann machte ich mir die Mühe, die Biester einmal eine halbe Stunde lang zu beobachten: Die weißen Räuber wanderten unverdrossen die verlausten Kleestengel nach oben, packten den ersten besten der Schmarotzer mit den vorderen Extremitäten und führten ihn zum Munde. Dann den nächsten, und den nächsten…

Ich hatte zwei Wochen lang die Guten umgebracht. Ich schäme mich immer noch, wenn ich daran denke.

Etwas später fand ich auch die zugehörigen Käfer: Sehr klein, bräunlich-schwarz mit ganz schwachen roten Flecken krabbeln sie hektisch in trockenen Pflanzenteilen herum. Meine Fotos sind nichts geworden — die Viecher halten einfach nicht still –, ich war aber inzwischen im Netz auf den Australischen Marienkäfer gestoßen … Am liebsten hätte ich sie um Entschuldigung gebeten, jeden einzeln.

Stattdessen möchte ich der Art global einen Dienst erweisen dafür, daß sie binnen zwei Wochen sämtliche (!) Blattläuse in meinem Gartenersatz vertilgt hat. Also:

Geneigte Leserin, lieber Hobbygärtner. Findest du in deinem Garten, Blumenkasten oder Zimmerpflanzentopf »Ungeziefer«, das so

Marienkäferlarve auf Kleeblatt
Marienkäferlarve auf Kleeblatt

aussieht, laß es um Himmelswillen leben. Es handelt sich vermutlich um Abkömmlinge der Art Scymnus sp.. Das sind Marienkäferlarven, für die andere Leute viel Geld ausgeben würden.

Ende der Durchsage.

Herzlichen Dank an Herrn Köhler von der wunderbaren Koleopterologie-Webseite,
der mir den Tip mit den Zwergmarienkäfern gegeben hat.

Sommer in der Stadt

Nominell ist es eine Großstadt, in der ich lebe, mit über hunderttausend Einwohnern. Und ich wohne mittendrin, in der City, ungefähr da, wo Google Maps den roten Punkt hinsetzt, wenn man nach meiner Stadt sucht.

Als ich hierherzog, erzählte ich der Optikerin von gegenüber: Wir sind dann ja bald Nachbarn — woraufhin sie mich entgeistert anschaute, bis der Groschen fiel: Ah, ja … wohnen kann man hier wohl auch … Ich wohne also da, wo andere Leute lieber nicht wohnen. Da, wo andere Leute arbeiten, einkaufen, ausgehen und eben mal „kurz halten“ … aber das ist eine andere Geschichte.

Das Leben in der Innenstadt ist eigentlich herrlich. Ich habe die Fußgängerzone mit zwei großen Kaufhäusern vor der Haustür. Die Bioladendichte im Umkreis von hundert Metern wird höchstens noch von der Bäckerdichte geschlagen. Alle Arten von Fachgeschäften gibt es quasi in Sichtweite. Zum nächsten Kino laufe ich fünfzehn Sekunden — auch im Winter ohne Mantel möglich –, zum übernächsten eine halbe Minute. Theater, Marktplatz, Museen, Verwaltung: alles zu Fuß machbar, selbst bei Regen.

Achja, die Disco habe ich vergessen, gleich um die Ecke. Ich war noch nie drin, aber sie kommt jede Nacht zu mir: nachts um Drei ist es vor meiner Haustür lauter als tagsüber. Dann klirrt auch schon mal Glas, meinem Auto kommen Außenspiegel abhanden, und Betrunkene kegeln Mülltonnen durch die Straße — Nächte in der Stadt. Ich habe gelernt durchzuschlafen.

Das hat natürlich nichts genützt in der EM-Zeit, als nach jedem Spiel ein Autokorso um unseren Block fuhr. Immer schön die Einbahnstraße entlang, mit Hupen, Radio an und Gejohle. Die Deutschen brüllten die Nationalhymne, die Italiener spielten Opern, die Franzosen und die Türken Pop. Nachts um halb Vier. Das muß wohl manchmal sein — und jetzt haben wir wieder zwei Jahre Ruhe (also nur die Disco).

Neulich fand ich morgens zwei Gläser vor unserer Haustür, große, schwere Cocktailhumpen. Die habe ich erst mal in die Spülmaschine gesteckt. Ich nehme sie als kleine Entschädigung für all den sommerlichen Radau und trinke meinen Eiskaffee daraus.

Lakritzes Eiskaffee:
½ Glas starken, schwarzen Kaffee (noch vom Frühstück)
mit Eiswürfeln auffüllen
kalte Milch oder Sahne drübergießen, nicht umrühren

— fertig ist das urbane Sommergetränk. Tags oder nachts zu genießen, je nachdem.

eiskaffee

Zu den Römern!

Qype-Beitrag zum Museum Römerhalle, Hüffelsheimer Straße 11, 55545 Bad Kreuznach, Bewertung: ***** (von 5)

Wohl jeder, der eine Grundschule im Landkreis Bad Kreuznach besucht hat, kennt die Römerhalle von mehr oder minder gut organisierten Wandertagen.

… Und hier seht ihr den Mosaikfußboden mit den Kämpfern drauf. Gladiatoren heißen die. Nein, Marco, ich weiß nicht, wer der stärkste ist. Das Mosaik ist fast zweitausend Jahre alt — Nils! Wenn du das da runterschmeißt, dann fährst du nach Hause! Sandra, tu jetzt mal die Caprisonne weg, das hier ist ein Museum …

Einer der größten zusammenhängenden Mosaikböden der ganzen germanischen Provinz ist hier zu sehen, aus einer römischen Palastvilla, wie es nur wenige in der Gegend gab. (Die nächste stand in Mauchenheim, Rheinhessen.) Ein Teil der Grundmauern ist noch hinter der Römerhalle zu sehen, das meiste unter einem Neubaugebiet begraben. Zwei Böden haben sie hier in die Römerhalle verlegt, mitsamt der Konstruktion einer römischen Fußbodenheizung.

… Nicht drängeln da vorne! Laß die anderen auch mal gucken, Nina, du bist nicht allein hier. Da wurde das Brennmaterial reingeschoben, von einem Sklaven. Wer weiß denn, was ein Sklave ist? — Nils, jetzt bleib da runter! Doch, Meike, die haben da reingepaßt, damals waren die Menschen kleiner. Oder vielleicht einfach Kinder …

Die Mosaiken zeigen Gladiatoren und wilde Tiere beim Kampf beziehungsweise den Meeresgott Oceanus mit Fischen und Meeresfrüchten. Die übrige Ausstellung ist klein, man kann sich aber lange darin aufhalten: Haarnadeln, Münzen, Schmuck, ein römisches Brettspiel; Ziegelsteine mit Tierpfotenabdrücken, Fluch- und Weihetäfelchen; Keramik, Glas (die Römer hatten doppelverglaste Fenster gegen das ungemütliche germanische Klima) und viele, viele „Viergöttersteine“, Stelen, die auf jeder ihrer vier Seiten einer anderen Gottheit huldigten.

Gewiß eine pädagogische Herausforderung für die Grundschule, selbst wenn die Texttafeln an den Exponaten sehr gut gemacht sind. Für Interessierte ist die Römerhalle einfach sehenswert.

… Sind jetzt alle da? — Nils? Nihils! Ah. Gut, dann stellt euch in Zweierreihen auf. Steffi, Michaela, Jeannette, Zweierreihen! So. Und jetzt langsam raus auf den Hof. Der Bus kommt in acht Minuten … Gerda, kannst du mal übernehmen? Ich glaube, ich brauchn Kaffee …

 

 

 

Große und kleine Schlachten

Qype-Beitrag zum Völkerschlachtdenkmal, Prager Straße, 04299 Leipzig; Bewertung: *** (von 5)

Das Völkerschlachtdenkmal und ich, ich und das Völkerschlachtdenkmal… Einmal im Jahr mußte ich hin.

Die DDR hatte noch ein paar Jährchen vor sich, ich fast einen halben Meter Wachstum. Die Luft der Stadt roch nach Kohlekraftwerk, und dazu paßte das Schwarzgrau des Steins. In meiner Vorstellung war es das Denkmal, von dem der Geruch ausging und sich über ganz Leipzig legte, bis in die Wohnstuben hinein.

Nach dem Entenfüttern strebten meine Tante und ich strammen Schrittes über die Wiesen dem Monument zu, ich im blauen Anorak, meine Tante mit Schirm und Mantel.

Wie eine plumpe Schachfigur hockt das Ding auf dem flachen Grund; schnell wird es groß und größer. Hinter dem frostigen Wasserbecken gibt es einen Eingang, der nicht einlädt. Rein mußte man trotzdem. Auch wenn es drinnen nicht viel wärmer war.

Stein auf Stein, zu groß für richtige Erinnerungen; höchstens waren die geschlossenen Augen der gigantischen grauen Krieger für Alpträume gut. Einmal hatte sich ein russischer Chor im Rund versammelt, um den minutenlangen Nachhall des Inneren für ein Konzert zu nutzen. Nun, es hat gehallt, und ich hatte hinterher Fieber.

De Völgorschlochd. Die hat man mir oft erläutert, und ich habe sie immer wieder gründlich vergessen. Nur diese eine dumme Anekdote blieb hängen, die von dem amerikanischen Touristen: Dem fällt zu allen volkseigenen Leipziger Sehenswürdigkeiten nur ein, tjaha, in Amerika gibt es das aber besser, größerer, schnellerweiterhöher. Als er nun mit seinem Stadtführer am Völkerschlachtdenkmal vorbeikommt, fragt er völlig hingerissen: That’s marvellous! Was ist das? Woraufhin der Guide die Achseln zuckt: Keine Ahnung, stand gestern noch nüsch da.

Neben diesem Witz ruht das Völkerschlachtdenkmal in meinem Gedächtnis, in der Abteilung für Nutzloses. Wer weiß, vielleicht schleppe ich ja dermaleinst meine Nichte dorthin. Falls sie mich ärgern sollte.

Große Maschinen

Qype-Beitrag zu Rationator Maschinenbau GmbH, Alsheimer Straße 1, 67586 Hillesheim; Bewertung: ***** (von 5)

Von Maschinenbau verstehe ich zwar nichts. Aber ich liebe große Maschinen. Und einmal durfte ich eine Betriebsbesichtigung mitmachen.

Rationator, das ist ein mittelständisches Unternehmen mitten im sanfthügeligen, sonst eher agrarischen Rheinhessen. International gehört der Betrieb aber zu den Großen — seit 40 Jahren werden hier Abfüllmaschinen konstruiert, gebaut, in alle Welt verkauft und vor Ort gewartet. Rationator ist, so sagt man mir, der Mercedes unter den Abfüllanlagen: Nach Maß konstruiert, aber ausbaufähig; qualitativ hochwertig gearbeitet und auf Langlebigkeit ausgelegt. Wird wirklich einmal eine Rationator-Maschine ausgemustert, meist nach Jahrzehnten erst, so baut man sie anderswo wieder auf und nimmt sie für ein paar weitere Dekaden in den Dienst.

Rationator-Maschinen füllen Shampoos, Waschmittel, Zahnpasta, Obstsäfte, Klebstoffe ab. Für jedes Füllgut, für jedes Behältnis müssen die Ingenieure sich neue Techniken einfallen lassen. Für mich liest es sich wie Lyrik: Kopfsteherflaschen, Ausrichtverschlüsse, Schrägsitzverschlüsse, Schraub- und Aufdrückverschlüsse…

Das Unternehmen ist hier verwurzelt; man sieht es schon an dem ortstypischen alten Backsteinhaus, in dem die Firmenzentrale sitzt. Und es ist gewachsen — das beweisen die Hallen hinter dem Häuschen.

Es sind große Hallen nötig, um Abfüllmaschinen zu bauen. So eine Maschine ist eigentlich eher eine Kette von Maschinen. Zusammen können sie so groß sein wie eine Doppelgarage oder auch wie ein Einfamilienhaus. Und da steht nun so ein Ding: Viel Edelstahl, blinkende Kleinteile hinter Glasscheiben, dazwischen ein Vergnügungspark aus Transportbändern, die gewagte Kurven und Steigungen nehmen und die Stationen verbinden.

An einem Ende drängelt es sich farbig zwischen all dem matten Metall: bunte Plastikformen, sogenannte Pucks, nehmen die zu befüllenden Behälter auf und bringen sie sicher von einer Station zur nächsten.

Die Stationen: Aufstellen, Befüllen, Verschließen. Zwischendurch immer wieder ausrichten (es soll ja nichts danebengehen), kontrollieren und auswerfen. So, am stehenden Objekt vom Firmenchef Herrn Schindel erklärt, ist das alles einleuchtend, alles klar.

Dann aber drückt Herr Schindel einen Knopf, und die Maschine setzt sich in Bewegung, mit einem effizienten, sachlichen Lärm. Edelstahllärm. Flaschen fallen in die Pucks und sausen in ihren bunten Untersätzen auf dem Transportband entlang. Dann geschieht Unbegreifliches: Die Flaschen verschwinden hinter einer Glasscheibe, stählerne Greifer packen sie, drehen sie in einem metallenen Schwirren und Blitzen im Kreis, ein Heben und Senken — und schon tauchen sie wieder auf, exakt bis zum Eichstrich gefüllt, auf dem Weg zur nächsten Station. Plötzlich Zischen, dann Poltern — das System hat vor dem Befüllen eine fehlerhafte Flasche entdeckt und mit Druckluft vom Band befördert. Die Maschine arbeitet gleichmütig weiter, präzise und reibungslos.

Ich stehe davor und bin hypnotisiert, wünsche mir eine Endlosschleife oder wenigstens Zeitlupe. Aber das war schon die halbe Geschwindigkeit; im realen Betrieb ist das Wirken der Maschine, das Ineinandergreifen ihrer Teile mit dem bloßen Auge nicht mehr zu sehen.

Herr Schindel erzählt derweil Geschichten — wie etwa füllt man Klebestifte ab? Oder Sekundenkleber? Wie kühlt man Heißes herunter, beruhigt Schäumendes? Und wie kommen die Streifen in die Zahnpasta? Meine vage Hochachtung vor Ingenieuren wächst bedeutend.

Zwar verstehe ich nichts von Maschinenbau. Diesen Maschinen aber könnte ich stundenlang zuschauen.

Arm dank Bahn?

Qype-Beitrag zu Deutsche Bahn AG, Bewertung: ** (von 5)

Um das klarzustellen: Ich fahre gerne Bahn. Es ist mir tausendmal lieber, vier Stunden im ICE zu schlafen, zu arbeiten oder Krimis zu lesen, als drei Stunden auf Asphalt zu starren und dabei keine Sekunde abschalten zu können. Sogar Verspätungen kann ich etwas abgewinnen — Beobachtungen, Bekanntschaften, Geschichten.

Wenn ich allein nach München fahre, kostet mich das mit der Bahn — dank BahnCard 50 — gut neunzig Euro, hin und zurück. Das ist etwas weniger Geld als für die Autofahrt, und es schont die Nerven. Oft genug bin ich mit der Bahn sogar schneller.

Sobald wir aber zu sagenwirmal viert unterwegs sind, kostet die Bahnfahrt dreihundertsechzig Euro (sofern alle Beteiligten für die Hälfte fahren!), und ich frage mich: Können wir uns das wirklich leisten?

Plötzlich plustern sich die Nachteile der Bahn, bauen sich auf und springen so richtig ins Auge: Wir müssen mehrfach umsteigen, mit Gepäck. Ich bin nicht flexibel (Abstecher? Ha!). Vielleicht muß ich stehen oder, schlimmer, zwischen Menschen mit undichten Kopfhörern sitzen. Und hinterher bin ich wieder erkältet, dank des ganzjährigen Winters im ICE.

Und dafür sollen wir zweihundertvierzig Euro draufzahlen? Für hundertzwanzig Euro nämlich lade ich die Gesellschaft nebst Gepäck ins Auto, erreiche München und finde dort einen nicht allzu teuren Parkplatz im Umkreis des Ziels. Als Nervenbündel und Umweltferkel zwar, aber sehr zugunsten der Haushaltskasse.

Das ist verkehrte Welt. Bahnfahren darf nicht teurer sein als Autofahren. Aber die politischen Entscheidungen, die dieses Mißverhältnis wieder zurechtrücken würden, werden offenbar nicht getroffen. So nutze ich die Bahn mit einem schalen Gefühl: ich handle zwar verantwortungsbewußt, belohnt wird jedoch die unvernünftige Alternative…

(Ha. Vielleicht ist das die Idee, mit der ich endlich reich werde: Ich fülle künftig auf längeren Reisen mein Auto mit sparwilligen Bahnfahrern.

Wenn ich nur nicht so elend ungern Auto fahren würde…!)