Menschen, Dinge, Geschichten.

Daß Schreiben Freude bringt, habe ich nach der Schule gelernt. Wieviel Spaß mir das Schreiben im Netz macht, weiß ich seit Qype. Dort verfasse ich seit einem guten halben Jahr Textchen über Orte, die mir bemerkenswert erscheinen — sicher nicht immer im Sinne der Erfinder, aber mit größtem Vergnügen.

Vielleicht wird das hier mein Ort, um über Menschen und Dinge zu schreiben, die mir bemerkenswert erscheinen. Die einzig normalen Menschen sind ja bekanntlich die, die man nicht besonders gut kennt. Und damit wird die Liste der Dinge, die ich unbedingt noch erledigen muß, wieder ein bißchen länger …

Es war einmal ein Café …

Qype-Beitrag zu Café Lehmkühler, Kreuzstraße 46, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: *** (von 5)
Vorab: Das Café Lehmkühler, so wie ich es beschreibe, gibt es nicht mehr. Den Nachfolger der Hartmanns habe ich nie besucht; die drei Punkte sind schamlos geraten. Das alte Lehmi hingegen hätte zwanzig Punkte verdient.

Das Café Lehmkühler hat mich für Durchschnittscafés verdorben. Über viele Jahre war es eine Perle in der spröden kleinen Stadt Bad Kreuznach, ein emsiges, schrulliges Paradies der Konditorkunst.

Schon wie es einen empfing: heimelige Enge, Kaffeeduft und das Zischen des Sahnebereiters. Moosgrüner Teppichboden, darauf zusammengedrängt die schönstmöglich abgewetzte Wiener Kaffeehauseinrichtung. Überall, wo es schicklich und zierend war, das geschliffene Kristall von Kronleuchtern und Wandlämpchen. An den Wänden großzügig geblümte Tapeten, cremefarben und pastell. Regelmäßig wurde hier neu tapeziert, nie aber fehlten zwei musizierende Barockengel und eine sonnenförmige Uhr, die zwar golden glänzte, die Uhrzeit jedoch meist für sich behielt. Und ein Foto der schwedischen Königin.

Frau Hartmann nämlich war Schwedin. Rund und eindrucksvoll, stets makellos gekleidet, mit Grübchen, blondem Haarnest und sonnig lächelndem Akzent präsidierte sie über eine Tortentheke, die in meiner Erinnerung ihresgleichen sucht. Die Lehmkühler-Torten waren handgemacht vom mürben, duftigen Boden bis zur marmorierten Glasur, und sie waren unglaublich raffiniert — ach, die Birnen-Milchreistorte mit dem Johannisbeerzucker-Rand!

Immer wenn die Theke geplündert schien, wenn die wartenden Kunden die Verzweiflung packte, kamen neue Köstlichkeiten aus dem Keller. Dort hatte Herr Hartmann seine Backstube. Manchmal erschien er selbst, mehlbestäubt und etwas eckig, im Verkaufsraum. Vorher soll er Gärtner gewesen sein — ob das stimmt, weiß ich nicht; jedenfalls gab es ein sorgfältig gepflegtes Blumenfenster hinten im Caféraum, dort, wo die Zimmerdecke aus Milchglasscheiben bestand.

Lange Zeit war das Café Treffpunkt der Kreuznacher Künstlerszene, die hier gelegentlich auch Bilder ausstellte. Bis die Preise zu hoch wurden (unerhörte drei Mark zwanzig für den Kakao!); da zogen die Künstler weiter, und ihre Plätze wurden nahtlos von anderen Gästen übernommen.

Wer im beständigen Kommen und Gehen einen Platz ergattert hatte, der konnte dort ausatmen und für die nächsten halben oder ganzen Stunden eins mit dem Sitzkissen werden. Nie wurde gedrängelt, und Stammgäste fanden häufig niedliche kleine Gebäckstücke auf ihren Untertassen. Es gab viele Stammgäste. Das lag auch an Simone, der guten Seele des Hauses. Niemals war das papierne Spitzendeckchen unter der Tasse kaffeegetränkt, wenn Simone ein Tablett brachte. Sie trug, wie alle Angestellten, die rosa berüschte Uniform des Betriebs, die aber ihrer Autorität keinen Abbruch tat.

Sommers saß man draußen zum Leutegucken, geborgen unter der gestreiften Markise und hinter einem weiß lackierten Schnörkelzaun, komplett mit lila und rosa Petunienkästen. In der Weihnachtszeit stand im Schaufenster ein Lebkuchentraumhaus, jedes Jahr mit neuen unglaublichen Details. Und wenn die schlimmen Kreuznacher Hochwasser die ganze Innenstadt überspült hatten — das Lehmi war wieder geöffnet, ehe noch der Teppich ganz getrocknet war.

Leider haben die Hartmanns vor einigen Jahren ihr Geschäft aufgegeben. Sie sollen nach Schweden gezogen sein — ich wünsche ihnen alles, alles Gute für den Ruhestand. Und so schüttele ich immer mal wieder meine Erinnerungen auf wie eine Schneekugel und schaue dann zu, wie das schöne Bild allmählich wieder zugedeckt wird. Von blütenweißem Staubzucker.

Schöne Aussichten

Qype-Beitrag zum Lutherischen Kirchhof, 35037 Marburg; Bewertung: ***** (von 5)

Marburg macht es Reisenden nicht leicht: Das Schloß hockt ganz oben auf seinem Berg, und die Altstadt schmiegt sich an die steilen Hänge drumherum — wer was davon sehen will, muß Treppen steigen und viel krummes Kopfsteinpflaster treten. Belohnt wird die Mühe mit märchenhaften Perspektiven und Futter fürs Fotoalbum.

mr-daecher1Auf halber Höhe des Schloßberges liegt die Lutherische Pfarrkirche und davor der Lutherische Kirchhof, mit einer breiten Mauer abgeschlossen. Was früher letzte Ruhestätte für Pfarrkinder der Marienkirche war, ist heute ein begehrter Parkplatz im Oberstadtbereich und bietet dem Wanderer Möglichkeit zur nicht gar so endgültigen Rast.

Die gotische Pfarrkirche aus dem 11. Jahrhundert wirkt unerwartet groß in Marburgs sonstiger Enge. Hier gibt es samstagabends um halb Sieben die “Stunde der Orgel”, ein kostenloses Orgelkonzert mit oft überraschendem Programm. (Um Spende wird gebeten.)

Mein Lieblingsplatz befindet sich jedoch draußen, vor der Kirche, unter den kräftigen Lindenbäumen. Hier laden Bänke zum Ausruhen ein, aber erst wenn man sich auf die Friedhofsmauer setzt (oder sich meinethalben daran festhält — direkt hinter der Mauer geht’s steil sechs, acht Meter in die Tiefe), hat man den Ausblick über die halbe Stadt.

Das Tal erstreckt sich bis zu den begrenzenden Lahnbergen. Die jüngeren und jüngsten Stadtteile Marburgs beginnen gleich am Fuße des Schloßbergs; bis ins 18. Jahrhundert war Marburg noch nicht viel mehr. Seither sind die Gründerzeitviertel dazugekommen, die Plattenbauten des Richtsbergs, die Marburger Einkaufs-Center mit ihren Parkhäusern und die Stadtautobahn, deren Rauschen bis hier dringt.

Mein Liebstes sind die Dächer der Oberstadt — vielfach durchbrochen von Giebeln, Erkern und Türmchen, sind sie kunstvoll in Ziegeln und Schiefer gedeckt und zeichnen mit dem Fachwerk abstrakte Bilder.

Zu jeder Tages- und Jahreszeit hat der Blick seinen Reiz, bei Sonne, Regen oder Schnee, aber am schönsten finde ich hier die Sommer, wenn spät und zögernd der Tag sich davonmacht und in der Dämmerung immer mehr Fenster aufleuchten. Dann kann man bestens mit einer Kerze und einer Flasche Wein auf der Mauer sitzen und den Abend feiern.

Klar, der Blick vom Schloß oben, von der efeubewachsenen Schloßmauer, ist spektakulärer, weiter und weiter weg von der Welt — aber ich habe meine halbe Höhe schätzen und lieben gelernt. Und: Es gibt einen Lieblingsplatz im Lieblingsplatz, aber den verrate ich nicht — den kennen nur Oberstadtbewohner, Schwindelfreie, die Vögel und die Stadtverwaltung.

Blühende Landschaften

Qype-Beitrag zu Deutsch-Französischer Garten, Im Deutschmühltal, 66117 Saarbrücken; Bewertung: **** (von 5)

Mit der 126 bis zum Deutschmühlental (Haltestelle DFG): Wenn man jetzt lange genug geradeaus läuft, kommt man erst zum Friedhof und dann nach Frankreich. Gleich links geht es aber durch den Beton-und-Verbundpflaster-Eingang in den Deutsch-Französischen Garten hinein. Betonblumenkübel, pilzförmige Straßenlampen, ein artig gefaßter Teich mit Tretbootverleih, um den ein Rundweg führt und eine Kleinbahnlinie; hier und da Pavillons und Ruhebänke. Bäume stehen gesittet an knallfarbigen Blumenbeeten, und der Blick schweift in überschaubare Weite.

Der erste Gedanke: Hier war ich schon mal. Aber war nicht alles viel größer? Diese Laternenmasten, diese Geländer waren in den Siebzigern schon alt, als ihr Anstrich in rostigen Blasen abblätterte, unwiderstehlich für Kinderfinger. Eine kleine Seilbahn gibt es, eine Wasserorgel, ein Panorama — alles im letzten Jahrzehnt liebevoll wieder hergerichtet, Kulisse für eine Zeitreise.

Zwischen 1870 und 1945 lagen Deutschland und Frankreich hier immer wieder im Krieg; ein Soldatenfriedhof und Bunkeranlagen an der Hügelflanke zeugen davon. Als Friedenszeichen ließen die beiden Regierungen das Gelände gemeinsam gestalten, für die deutsch-französische Gartenschau 1960, mit Tulpenfeldern, Geranien, Fleißigen Lieschen und Minigolf für brave Kinder.

Man kann sie sich vorstellen, die sonntäglich herausgeputzten Familien beim Spaziergang, großrädrige Kinderwagen, Mädchen mit Schürzen und Jungs, die Scheitel mit Wasser gebändigt. Ein bißchen mehr Phantasie, und zwischen den blühenden Büschen verschwinden Captain Kirk und Mr. Spock, Tricorder in der Hand.

Tafelsilber, verscherbelt

Qype-Beitrag zur Saarbrücker Bergwerksdirektion, Trierer Straße 1, 66111 Saarbrücken; Bewertung: * (von 5)

An strahlenden Sonnentagen hat die helle Fassade der ehemaligen Königlich-preußischen Bergwerksdirektion etwas Herrschaftliches; man denkt sich Palmen in Blumenkübeln dazu und wünscht sich einen Sonnenschirm.

1880 war der historistische Bau (geplant vom Berliner Architekten und Schinkel-Schüler Martin Gropius) fertiggestellt, von dem aus die Geschicke des saarländischen Bergbaus dann über 120 Jahre lang gelenkt wurden. Der repräsentative Eingang liegt auf der Ecke Trierer-/Reichsstraße; darüber steht, flankiert von Bergmannsstatuen: Glück auf!

Bemerkenswert ist das Treppenhaus hinter diesem Eingang, das in seiner Art wohl einzigartig ist: Eine frei schwingende, floral verzierte gußeiserne Treppe und ein farbiger Mosaikfußboden aus Mettlacher Porzellan. Wahrhaft fürstlicher Prunk für die Verwaltung.

Im Jahr 2005 wurde die denkmalgeschützte Bergwerksdirektion an den Hamburger Investor ECE verkauft, der eine Erweiterung des benachbarten (und ziemlich toten) Einkaufscenters Saargalerie plante. Die weitreichenden Umbauvorhaben waren bereits 2003 (!) vom städtischen Denkmalamt abgenickt worden. (Dessen Leiter wurde 2005 Leiter des Landesdenkmalamtes und konnte sich so die etwas voreiligen Zusagen nachträglich selbst genehmigen.)

Ergebnis: Das Gebäude wird komplett entkernt und an die höher gelegene Saargalerie angeschlossen. Der Mosaikfußboden wird entfernt, die Treppe irgendwie stehengelassen. 25.000 qm Verkaufsfläche sollen entstehen. Bergleute, Denkmalschützer und Architekten aus ganz Deutschland protestierten — offenbar erfolglos. Baubeginn ist 2008.

Ob die Erweiterung der Saargalerie, die seit fünfzehn Jahren kränkelt, zum großen Boom verhelfen wird? Und wenn ja: Eröffnen dann in allen Kaufhäusern der Innenstadt Handyläden und 1-Euro-Shops?

Mittlerweile stehen Kolonnen von Umzugswagen vor der Bergwerksdirektion — kein Platz mehr für mentale Palmen und Sonnenschirme. Und wer das Treppenhaus noch sehen will, sollte sich beeilen.

Nachtrag Januar 2009

Sie haben es wahrgemacht: Vor dem Europabahnhof erstreckt sich eine Großbaustelle, und über die Zäune hinweg sieht man die Reste des Backsteinbaus, dessen massive Mauern von hinten weggerissen wurden. Saarbrücken ist um eine Sehenswürdigkeit ärmer.

Der Fertigstellungstermin der neuen Saargalerie ist bereits ein halbes Jahr nach hinten verlegt worden — mal sehen, was uns die Konjunkturkrise noch beschert. Vielleicht eine Dauerbauruine, die sich dann in ein paar Jahren wieder selbst begrünt –?

Nachtrag 2014

Ein Zeit-Artikel zur Problematik der Malls.

Vom Nutzen der Pferde

Qype-Beitrag zu Pferdemetzgerei Guido Bobenrieth GmbH, Bergstraße 39, 66115 Saarbrücken, Bewertung: ***** (von 5)

Früher hatte ein Pferd ein langes Arbeitsleben als Zug-, Reit- und Lasttier. Und am Ende wurde es gegessen. Heute sind Pferde Streicheltiere und Pferdemetzger eine Seltenheit.

Dicht an Frankreich, im Saarbrücker Stadtteil Burbach, gibt es einen: Guido Bobenrieth, der Pferde nicht nur züchtet, sondern auch schlachtet, ihr Fleisch verarbeitet und verkauft.

In der ehemaligen Tankstelle in der Bergstraße — auf dem Dach leuchtet das Bobenriethsche Wappen, zwei steigende Pferde auf rotem Grund — bekommt man Fleisch, Wurst und Schinken vom Pferd. Manchmal hängt ein Schild im Fenster: »Heute Fohlen!« Dann sind die Filets besonders zart.

Man könnte Bobenrieth für herzlos halten, weil an der weißgekachelten Wand des spartanischen Verkaufsraumes Pferdeposter hängen. Und ein Zeitungsartikel: »Diese Hände haben schon 3000 Pferde geschlachtet« steht da in dicken Lettern. Dabei ist er einfach nur sachlich; seine Kunden sollen wissen, was sie auf den Tisch bekommen.

Man kann merken, ob der Metzger gut ist und den Tieren ein streßarmes Ende bereitet. Streß macht das Fleisch blaß und wäßrig. Bobenrieths Pferdefleisch ist dunkel und fettarm — und es ist günstig. (Kein Wunder bei den Skrupeln, die so viele Fleischesser beim Wort Pferd plagen.) Was ist mit den Würstchen, sind die nur aus Pferd? — Nein, da ist »dodi Wutz« mit drin. Sonst wären sie zu mager.

Einmal pro Woche ist Herr Bobenrieth auf dem Markt in St. Johann und verkauft dort seine Frikadellen, Braten, Rouladen und Filets. Wer spezielle Wünsche hat (wie etwa den hervorragenden Pferdeschinken mit der Pfefferkruste), sollte tunlichst vorher bei ihm anrufen.

Wie Pferdefleisch schmeckt? Gut, sehr gut, würde ich sagen. Wenn man das Glück hat, einen guten Pferdemetzger zu kennen.

Alte Liebe

Qype-Beitrag zu Friedhof am Barfüßertor, Barfüßerstraße, 35037 Marburg; Bewertung: ****(von 5)

Hier ruht in Gott Carl Lametsch, geboren den 11ten April 1813, gestorben den 24ten December 1837. Lange hat er nicht gelebt. Sein Grab liegt nun bald zwei Jahrhunderte am Hang des Marburger Schloßberges, auf dem Alten Friedhof an der Barfüßerstraße, und immer noch bleiben Menschen davor stehen, lesen die Inschrift und denken: Ach Gott, vierundzwanzig…

Der Friedhof, im 16. Jahrhundert vor den damaligen Toren der Stadt angelegt, nahm über 300 Jahre lang ihre Toten auf. Ein kleiner grüner Fleck am Berghang ist er heute, von einer hohen Mauer umfriedet, mit einem geteerten Rundweg und zwei Bänken zum Ausruhen.

Kühl und angenehm ist es hier an heißen Tagen. In den Büschen an der Mauer nisten Singvögel. Zweimal im Jahr wird gemäht. Zwischen den hohen alten Bäumen stehen vereinzelte Grabsteine, die Inschriften vom Regen ausgewaschen, altes Deutsch und Lateinisch gleichermaßen. Barocke Lebensbeschreibungen gibt es da und klassizistische geborstene Säulen, kunstvolle Steinmetzarbeiten und schlichte schwarze Gußeisenkreuze.

Eines davon wurde für Carl Lametsch aufgestellt, von seinen liebenden Eltern. Von einem Mädchen, einer Frau gar ist nicht die Rede … Er hatte ja nicht viel Zeit.

Ich denke über ihn nach, wenn ich an seinem Grab vorübergehe auf dem Weg in die Oberstadt, und über mich und die Dinge, die nie sein werden. Und dann muß ich lächeln, wenn ich die Blumen sehe, die manchmal hier liegen.

Dem Tod ins Auge

Qype-Beitrag zu Museum anatomicum, Robert-Koch-Straße 6 (Dachgeschoß), 35032 Marburg; Wertung: ***** (von 5)

Daß selbst langjährige Marburger die medizinhistorische Sammlung nicht kennen, liegt sicher auch an ihren Öffnungszeiten. Es erfordert Planung, am ersten Samstag eines Monats den Seiteneingang des Instituts für Zytobiologie zu finden, der, einige knarzende Treppen hoch, ins Museum anatomicum führt. Natürlich sind eingelegte Embryos und freipräparierte Nervenbahnen auch nicht jedermanns Sache am frühen Morgen. Und manche haben von vornherein keinerlei Interesse daran, dem Tod ins Auge zu blicken. Nun, hier sei für die fanatischen Langschläfer und Samstagsbruncher festgehalten, was ihnen entgeht.

Medizinische Lehrmittel und Kuriositäten aller Art warten hier im Dämmer ihrer Vitrinen aus dunklem Holz. Bilder und Wachsnachbildungen von Geschwüren und Krankheitszeichen, histologische Schnitte; eine umfangreiche Sammlung freipräparierter Gehörknöchelchen. Schädel, geöffnet oder noch intakt. Skelette hängen wie in einer Garderobe in der Reihe — vergleichende Anatomie. Runzlige Embryos, manche ohne Kopf oder mit zweien, schweben in großen Glasbehältern. Hände, Augen, Nerven, Herzen… (Auch sein eigenes Herz hat der Begründer der Sammlung hier gelassen, in einem Silberbehälter.)

Marburg wäre nicht Marburg, gäbe es nicht zu dem ein oder anderen Ausstellungsstück eine schauerliche Legende: Da ist das Riesenskelett in einem eigens dafür angefertigten Schrank mit gläserner Tür. Das war der Lange Anton, der um 1650 einem Fürsten gedient haben soll; er maß zwei Meter vierundvierzig. Er litt an einem Hypophysentumor, der ihn immer weiter wachsen ließ; man sieht die Knochenwucherungen an seinen Gelenken, die sicher schmerzhaft waren. Sein Gehstock lehnt neben dem gewaltigen Knochengerüst. — Oder die schreckliche Geschichte von der buckligen Marburger Magd, die, schwanger von einem Medizinstudenten, sich nicht anders zu helfen wußte, als in die Lahn zu gehen. Wie muß der junge Mann erbleicht sein, als er sie am Morgen darauf in der Anatomie auf dem Tisch fand … Der Körper wurde so präpariert, daß man zwischen beiden Körperhälften stehen und den Querschnitt betrachten kann; auch das ungeborene Kind ist noch zu sehen.

Selbstmörder, Kranke ohne Angehörige, Verbrecher, die Ausgestoßenen der Gesellschaft haben hier eine Art von ewigem Leben gefunden. Jahrhundertelang dienten sie als Lehrmittel im Studium der Heilkunst.

Begründer der Sammlung war Christian Heinrich Bünger (1782–1842), als Präparator ein Meister seines Fachs. Ein großer Teil der säuberlich freigelegten und nach allen Regeln der Kunst konservierten Gewebeproben stammt von ihm. Die heutige Bedeutung der Sammlung ist vor allem historisch; es gibt kaum eine ältere in Deutschland. Die ältesten Exponate stammen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die jüngsten aus den 1920er Jahren.

Das Museum ist nur geführt zu besuchen. Zwei Euro kostet das pro Person, und dafür folgt man einer Studentin oder einem Studenten durch die Räume und bekommt alles erklärt. Das ist sicher gut so — so bleibt man auf dem Boden der Tatsachen und verliert sich nicht zwischen den filigranen Nervenbahnen eines Halses, in einem Blick aus halbgeschlossenen Augen hinter Glas…

Der Weg nach draußen ist vielleicht eine Erlösung, auf jeden Fall ein Rücksturz durch die Zeit. Die Heiterkeit, die man mit auf die Straße und ins nächste Café nimmt, hat wenig mit Witz zu tun — sie kommt aus dem tiefen Gefühl der eigenen Lebendigkeit.

Schön scharf

Qype-Beitrag zu Solinger Stahlwaren M. Seebauer, Baumgartenstraße 1a, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: ***** (von 5)

Keine hundert Meter vom Kreuznacher Bahnhof entfernt gibt es ein kleines Wunder; vielmehr eine Ansammlung von kleinen Wundern: den Kreuznacher Messerladen. Der Laden ist hier, seit ich denken kann; ich weiß allerdings nicht, wie lange er dem Diplomingenieur und Messerschmiedemeister Matthias Seebauer gehört.

Das erste Wunder ist, daß sich der Laden schon so lange hier hält, an einer der Hauptverkehrsstraßen und den Bahnschienen Richtung Bad Münster, aber weitab von der Einkaufsmeile. Wer hier herfindet, muß wissen, was er sucht.

Das zweite Wunder ist die Auswahl. Es gibt Messer für Profis und für Liebhaber, zum Arbeiten, zum Überleben, zum Angsthaben, zum Angeben; Messer für Köche und Metzger, für Friseure und Pilzesammler, für Graphiker, für Schnitzer, für Ärzte, für Kinder. Mit Rosenholzgriff, mit Hohlschliff, mit Waffenschein. Vom kostbaren Ausstellungsstück bis hin zu Omas Kartoffelkneipchen für ein paar Euro — es gibt alles. ALLES. Nur keine kurzlebigen Massenprodukte — hier kauft man Hausrat, Weggefährten, Erbstücke.

Gleiches gilt für die Scheren. Als ich vor vielen Jahren hier eine Solinger Schneiderschere kaufte, für erschreckend wenig Geld, steckte sie in einer Papp- und Samtverpackung aus den Fünfziger Jahren. Diese Scheren gehen nicht kaputt, man kann sie höchstens verlieren. Oder verleihen.

Der richtige Schliff ist entscheidend, und den gilt es zu erhalten. Herr Seebauer schleift darum japanische Fischmesser wie Bastelscheren mit der gleichen Aufmerksamkeit; manche Schere, die die Großmutter hier gekauft hat, bringt die Enkelin heute noch regelmäßig vorbei. Auch das Tafelsilber kann man hier mit neuen Klingen versehen lassen. Alles, was scharf ist, ist bei Seebauers in den besten Händen.

Überhaupt, die Beratung — die ist das dritte Wunder. Das Geschäft ist winzig und unübersichtlich mit seinen Regalen und Schubladen, Vitrinen, Schachteln, Haken, alles voll mit Tausenden von Messern und Scheren. Ohne kundige Führung wäre man hier verloren. Ein Verkaufsgespräch eröffnet Welten, egal ob es nun um eine Nagelschere geht oder um ein Messer aus Damaszenerstahl. (Viele der Solinger Meister kennen die Seebauers persönlich, und manch einem der richtig kostspieligen Messer liegt sogar ein Video über seine Herstellung bei.)

Auf Werbung oder Präsentation wird hier kein Pfennig verschwendet. Seebauers arbeiten mit Herz und Sachverstand, und wer bei ihnen kauft, profitiert davon. So ein Angebot rechtfertigt auch weitere Wege — und der Bahnhof ist ja gleich um die Ecke.

Nachtrag Februar 2013:
Der Anlaß zum Umtopfen des Artikels ist ein trauriger — Herr Seebauer ist gestorben. Er wird fehlen.

»Sie bringen den Kopf, wir haben die Haare«

Qype-Beitrag zu Haarhaus Hansed, Cecilienstraße 13, 66111 Saarbrücken, www.haarhaus-hansed.de; Bewertung: **** (von 5)

Haarhaus Hansed ist kein Friseur, sondern ein Fachgeschäft für Haarersatz. Ich gebe zu, drin war ich nie. Die Hemmschwelle ist zu hoch: Erstens habe ich selber Haare, und zweitens bleibe ich immer am Schaufenster hängen.

Die Perücken-Auslage ist eines der beliebtesten Fotomotive im Nauwieser Viertel. Man kennt ja Apotheken, die mit Knochenmännern für Medikamente und Sanitätshäuser, die mit gelben Regentropfen für Erwachsenenwindeln werben — aber Hansed übertrifft sie alle.

Hier führen Schaufensterpuppen der letzten 50 Jahre — bzw. ihre Köpfe — ein zweites Leben. Manche sind schon etwas schadhaft und tragen deshalb Pflaster oder Sonnenbrillen, und was sich unter der roten Clownsnase verbirgt, möchte ich gar nicht wissen. Was sie aber allesamt tragen, sind Haare. Haare in allen Farben und Längen. Gute Toupets und schlechte (mit einem Vermerk: »Rote Karte für Kunsthaartoupets«). Und als beim Perückenmachen, so stelle ich mir das vor, die Schädel voll — oder alle — waren, ging’s weiter mit den freien Flächen im Gesicht: Vollbärte und Schnauzbärte in allen Variationen, gerne auch bei den Damen, mal richtig herum, mal in Richtung Nase sich sträubend. Ja, der Rausch des Haarherstellens machte selbst vor des Menschen bestem Freund nicht halt — davon zeugt ein Wackeldackel mit blonder Löwenmähne.

Zwischen den Köpfen sind Vorher-Nachher-Fotos, Zeitungsausschnitte und selbstbeschriftete Schilder liebevoll arrangiert. Die Texte spiegeln den Humor des Besitzers Eduard P. Hans und sein Selbstbewußtsein als Anbieter von Zweithaar.

Wegen dieses einmaligen Schaufensters weiß ich um »Cyberhairhaare«, deren »’Lebensdauer‘ 2-mal länger, wie andere Toupethaare« ist. Ich weiß, daß man hier Toupets bekommt, die auch bei dauernder sportlicher Anstrengung noch perfekt sitzen. Immer wieder zieht mich die erleuchtete Auslage an, und dann schaue ich, staune und habe Hansed lieb.

Nicht daß mich hier jemand falsch versteht: Wenn ich eine Perücke bräuchte, würde ich zu Hansed gehen. Sofort. Ich habe bislang nur Gutes gehört, und das Geschäft gibt es schon seit 35 Jahren — hier stimmen Handwerk und Beratung, da bin ich sicher.

Aber mein größtes Anliegen ist, daß nie, nie, nie jemand auf den Gedanken kommt, dieses Schaufenster aufzuräumen.