Warme Gedanken

Stell dir den Weg in die Felder vor, und wie du zwischen Traktorspuren die Häuser und das Mittagsläuten hinter dir läßt; Halme kitzeln deine nackten Schienbeine bei jedem Schritt. Es duftet nach Sonnenmilch, nach Erde und dörrendem Gras. Die Sonne steht hoch; auf der trockenen Ackerkrume glitzern Steinchen und kalkige Schneckenhäuser.

Das Dickicht am Waldrand wirft nur sparsam Schatten, aber das Gras wächst hier weicher und dunkler als anderswo. Du legst dich hinein und spürst, wie die Feuchtigkeit des Bodens in deine Kleidung dringt und ein kühles Bett für deinen Rücken bereitet, während die Sonnenhitze sich auf dir niederläßt.

Der Juni ist ein Raum, angefüllt mit Wärme und Gezirp und durchmessen von geflügelten Wesen; sein Blau leuchtet noch durch das Glührot deiner Lider. Ameisen beginnen deinen Arm zu erkunden, etwas summt dicht an deinem Ohr, doch du magst dich nicht rühren, weil die Sonne auf dir liegt wie ein schwerer Körper im Schlaf. So bleibst du unbewegt, knüpfst deine Gedanken an das Lied der Lerche, das Brummen eines Kleinflugzeugs und schwingst daran etwas von dir himmelwärts.

Und wenn du nur tief genug atmest und genügend Hitze aufsaugst, wird dich die Erinnerung ewig wärmen. (Wenn erst der Sonnenbrand abgeklungen ist.)

Lachen in der Kirche

Vor dem Museum des Mainzer Doms St. Martin steht ein Plakat: Seliges Lächeln und höllisches Gelächter, eine Ausstellung zum Thema Lachen in der Kirche. Für fünf Euro wird man drinnen in den Keller geschickt – den Witz lassen sie sich nicht nehmen –, und da sind dann Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Neuzeit versammelt, die die Einstellung der Geistlichkeit zum Lachen illustrieren. Eine kleine, sehenswerte Sache. Kurzfassung:

Fahrräder in Göttingen

Die niedersächsische Stadt Göttingen ist bewohnt von etwa hundertfünfzig- bis zweihunderttausend Fahrrädern. Sie finden sich auf öffentlichen Plätzen zu riesigen Herden zusammen und bilden charakteristische, nahezu unentwirrbare Dickichte. Domestizierte Exemplare leben in Kellern und Verschlägen; die meisten jedoch verbringen den größten Teil des Jahres unter freiem Himmel, wo sie mit der innerstädtischen Flora um Lebensraum konkurrieren.

Eine kapitale Esche, von Fahrrädern eingekreist.
Ein einzelnes Fahrrad hat sich zu weit von der Herde entfernt …

Alles über Fahrräder (und wie es dazu kommen konnte) findet sich bei Flann O’Brien: The Third Policeman — deutsch von Harry Rowohlt: Der dritte Polizist.

Hermann

In den Neunzigern kriegte ihn jeder, der nicht glaubhaft machen konnte, daß er keinen festen Wohnsitz hat. Die Beziehungen verliefen unterschiedlich glücklich, aber der Anfang war immer gleich: Ach, du hast noch keinen Hermann? Super, du kriegst einen von mir.

Und dann saß er in seinem Tupper auf der Küchenfensterbank oder an einem anderen mäßig kühlen Ort und stellte Ansprüche: Hunger. Kalt. Mal durchkneten. Und, gell, bloß kein Metall! Ein bißchen war er wie ein Tamagotchi oder wie die Urzeitkrebse aus der Yps, falls das noch jemand kennt, nur daß man dann am Ende auch was davon hatte außer der Erfahrung.

Am Ende nämlich kam Hermann in den Ofen, und es wurde ein wunderschöner Kuchen daraus. Das heißt, noch davor wurde er gevierteilt: ein Teil für den Kuchen, drei Teile für Freunde. (Ach, du hast noch keinen Hermann? …) Und so wurde er unsterblich.

Heute hat er eine Webseite [2020: gibt es nicht mehr], aber früher kam der Hermann mit Gebrauchsanweisung auf Papier. Ich habe meine alte gefunden: stilecht von Hand geschrieben und noch nicht bis zur Unlesbarkeit vervielfältigt; eine Zierde für jede Kühlschranktür. Falls also jemand gerade einen Hermann zur Hand hat — voilà:

Hermann-Anleitung zum Ausdrucken.

(Der Kuchen war übrigens, wenn ich mich recht erinnere, sehr anständig.)

Düdelü-bing!

Das Kind ist vielleicht vier, schmal im Hängerkleidchen, zwei stramm geflochtene Zöpfe am Hinterkopf. Es macht sich schwer, als der Vater es an der Hand die Treppe hinaufzieht. Vor der Tür der Bahnhofsgaststätte bleiben sie stehen. Drinnen ist es schummrig; schaler Rauchgeruch und Radiogedudel dringen heraus an die Sonne.

– Na los, hier kannst du.

Das Kind knickt seitlich ein, befingert das Treppengeländer und senkt den Kopf.

– Geh rein, …