Der Mensch hat keine Räder

Es hätte nicht gleich ein Totalschaden sein müssen — ein Jammer: das Auto ist hin. Zu Schaden kam nur Blech, ich hatte den nettesten Unfallgegner der Welt und auch sonst Glück im Unglück, aber das Auto — es steht mit hängendem linkem Auge auf dem Werkstatthof beim Schrott, mit zweifelhafter, sehr zweifelhafter Zukunft. (Rumänien vielleicht, sagt der Werkstattmann. Höchstens.)
Nun räume ich, als das geklärt ist, meine Habseligkeiten aus dem Wagen — der beste, den ich je gefahren bin — und verfüge mich mit meinem Rucksack Richtung Bushaltestelle. (Ach. So unnötig. Hätte ich’s lieber verschenkt.)
Auf dem Heimweg …

Hotel des Fortschritts

Jeden Sommer ging die Fahrt nach Westen, »zu den Franzosen«. Pausenlose Ewigkeiten von Landstraßen; die Sonne knallte auf den Käfer (später: Golf, noch später: Passat), die Laune auf der Rückbank sank, wie die Temperaturen stiegen. Aber irgendwann war es geschafft, und wir erreichten Béton, ein 500-Seelen-Dorf nicht allzu weit von Paris.
Da waren wir Gäste beim großen Treffen der Familie V., das Jahr für Jahr im Hôtel du Progrès stattfand, dem Gasthaus mitten im Ort, an der einzigen befestigten Straße. Vier Generationen kamen hier zusammen, um den Geburtstag des alten Monsieur V. zu feiern.
Das Hôtel du Progrès war …

Lektüren

Ich sitze im Bus und lese in meinem Unterwegsbuch. Hinter mir ein Pärchen, Anfang 20, sehr verliebt; die beiden haben die Köpfe über einem Smartphonebildschirm zusammengesteckt und sind ins Gespräch vertieft.
Er: »Das zweite versteh ich nicht.«
Sie: »Eifert nicht? Ich verstehe das so, daß sie sich nicht aufregt … hat keinen Eifer oder so, also entweder ist sie da oder nicht.«
»Ah, ja, das kann sein …«
»Weiter: treibt nicht Mutwillen …

Kleine Presse

Alle zwei Jahre, dieses Jahr schon zum 22. Mal, findet in Mainz am Rhein eine Buchmesse der besonderen Art statt: die Mainzer Minipressen-Messe. Hier wird, wie die Veranstalter schreiben, »die Liebe zu besonders schönen Büchern« gepflegt, und das ist allemal eine gute Sache. Ich wollte dieses Jahr endlich hin.
Das Ganze ist eine kostenlose Besuchermesse. Es präsentieren sich kleine und kleinste Verlage, mehrere Marathonlesungen werden stattfinden, und es gibt ein Rahmenprogramm aus Vorträgen, Diskussionen und anderen Veranstaltungen. (Dieses Jahr beamen 18 Metzger und zwarwald am 1.6.13, 20:00, Theater Mainz.)
Vielleicht sieht man sich?
Mainzer Minipressenmesse
30. Mai bis 2. Juni 2013
Rheingoldhalle Mainz

Postkarte von der Bifurkation

Im südlichen Niedersachsen, bei Gesmold, sagen sich Hase und Else guten Weg. Dieser Hase ist eine Sie, und von der Else hat sie sich soeben getrennt. Beide sind Wasserläufe von der Größe eines Baches, aber sie werden, das hat man mir versichert, recht bald zu ordentlichen Flüssen, die winters auch mal über die Ufer treten und allerhand Ärger machen können.
Wie es dazu gekommen sein soll: der Holtener Fürstensohn liebte Else, eine Müllersmaid; doch eine Müllerin auf der Burg — das durfte nicht sein, und so stieß der erzürnte Fürst sie erdolcht ins Wasser der Hase, die daraufhin rechterhand überschäumte vor Wut und Trauer und seither einen Abzweig namens Else speist. So weit die Sage. Auch im wahren Leben sorgten Else und Hase für Aufruhr: beide trieben Mühlen an, und zwischen den Mühlenbesitzern gab es Streit um die Wasserrechte. Nachdem 1792 ein Hase-Müller die Else mit Steinen blockiert hatte, landete er im Gesmolder Schuldturm, der in Folge von aufgebrachten Bauern geschleift wurde.
Diese Zeiten sind vorbei; die Wasserverteilung ist heute zementiert: Hase — zwei Drittel, Else — ein Drittel. Keine Diskussionen im Naturschutzgebiet.

Rechts Hase, links Else.
Rechts Hase, links Else.

Das also ist die Bifurkation, eine der wenigen auf der Welt, und ich mag das, wie sie sich nicht wichtig macht — nach unten muß man schauen, Tafeln muß man lesen, und dann darf man ein bißchen staunen oder sich einfach hinsetzen und die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Ein beliebtes Ausflugsziel ist sie jedenfalls, die Flußgabelung im Grünen, für Wanderer, Radfahrer und Leute mit Keschern.
ges-hase ges-schloss ges-kirsche ges-wiesenschaum
Informationen gibt es beim Gesmolder Heimatverein.

Mach dir ein Bild

Dieser Mai ist wie geschaffen für innere Konflikte: Als Betrachterin taumele ich in der frischen, grün und weiß explodierten Welt von einem »Ist das schön!« zum nächsten; der Anspruch an die Technik ist groß: oh, mach doch mal ein Foto davon, und dann, nach allerlei vertrackten Winkeln, Belichtungszeiten, ja, Ausschnitten und Tonwertspreizung, sagt die Erinnerung: So war das aber nicht.

Dies ist ein Ersatzbild.
Dies ist ein Ersatzbild.

Das Bild, das es nicht gibt, zeigt …

Gruß & Kuß

Obstblüte. Oberleitung.
Obstblüte. Oberleitung.

Wir haben einen Alltag genommen und uns einen Urlaubstag draus gemacht, so schön, wie ein echter kaum sein kann. Den Tiefdruckgebieten entwischen und sich dem Frühling in die Arme werfen: ein leuchtender, duftender Tag, Vogelkonzert links, Frachtschiffgediesel rechts des Pfades, und die Welt ist im Lot.
rh-wasserrh-buchtrh-muschelnrh-weidenrinderh-gruss
Heute ist der Himmel schon wieder bewölkt, und am Rande meines Wollpullovers sehe ich, wo mich gestern die Sonne geküßt hat: die Oberlippe nur gestreift, einen Handkuß rechts und einen, schon wilder, links; am feurigsten aber da, wo die Schlüsselbeine aufeinandertreffen. Gestern noch war ich empört über so viel Ungestüm. Heute betrachte ich die Stellen mit Andacht. Es soll ja wieder kühler werden.