Das Auto leuchtet warn, in Gelb und Rot. Was sein muß, muß sein — also gestartet, ein Glück, das geht noch, und in aller Vorsicht zu einem Autohaus gefahren, dessen Firmenschild mit dem Symbol am Kühlergrill übereinstimmt.
Drinnen ist weiß gefliest (nicht daß hier Gedanken an ölverschmierte Lappen aufkommen). Es riecht nach neuem Auto. Gleich am Eingang gibt es einen Tresen und dahinter geschult lächelndes Personal.
Was kann ich für Sie tun?, lächelt ein fast noch jugendlicher Anzugträger.
Ich habe einen Termin …
Kategorie: Erzähltes
Zeitverschiebung
Wenn sie aufstand, hatte er noch ein paar Stunden Nacht vor sich. Wollte sie ihn nach der Arbeit anrufen, dehnte sich ihr Abend; oft mußte sie dann die lange Nummer mit den langen Billiger-Telefonieren-Vorwahlen drei-, viermal wählen vor lauter Müdigkeit.
Der erste Tag eines jeden Besuchs war für die Katz; schlimmer als Wachbleiben nur, sich kurz hinzulegen. (Eiserne Jetlag-Regel: …
Im Vorübergehen
Der Weg macht es mir leicht: ein rascher Anstieg bis zum Wald, dann auf Forstwegen über den Höhenrücken hin. Tief liegt der Schnee und knirscht bei jedem Tritt. In Siedlungsnähe ist er festgewalzt und spiegelglatt; ich gehe sicherer, wo ich noch eine frische Spur ziehen kann. Dann verlieren sich alle Fußspuren; bald sehe ich nur noch die von Traktorreifen, deren Profile der Schnee nicht ganz zudecken konnte, und ich bin froh um meine Wanderstiefel.
Sanft hat mich die Strecke auf eine Anhöhe getragen. Der Waldsaum weicht zurück, und von den Feldern überschaue ich weithin das Flußtal, wo sich grau in weiß Dörfer knäueln. Selbst den bewaldeten Hügeln sieht man bis auf die weiße Haut. Schneeflächen überstrahlen den Himmel. Es beginnt in winzigen Kristallen zu schneien; Wind dringt in meine Jacke, und ich mache mich wieder auf den Weg, der sich in einer Kurve am Hang entlangzieht.
Es dauert eine Weile, bis ich die beiden Gestalten wahrnehme, die mir entgegenkommen …
Finstere Geschichten
Der Wanderweg führt an einem dörflichen Totenacker vorbei: Bodendecker um Granitsteine mit einer Handvoll Namen, gut lesbar über die hüfthohe Hecke hinweg.
Außerhalb der Umfriedung, in dem schmalen, abschüssigen Streifen Gras, der eingezwängt ist zwischen Hecke und Weg, liegt eine schwarze Grabplatte. Die Namen zweier Eheleute stehen darauf, der des Mannes schon verblichen, sein Todesjahr 1952; die Frau starb 1986.
Die Vorstellung: wie sie mehr als dreißig Jahre dieses Grab hinter der Hecke besucht haben muß.
*
Im Haus der Großmutter tickten Uhren uns Kinder in den Schlaf. Jedes Jahr kamen wir zu Besuch, und jedes Jahr gaben dieselben Zahnräder und Läutwerke den Hintergrund für unsere Träume. Uhren über Uhren, seit Jahrzehnten in diesen Zimmern — wir fragten die Großmutter danach.
Euer Großvater, sagte sie, hatte hier seine Uhrmacherwerkstatt. Die Leute haben ihre Uhren hergebracht, damit er sie in Ordnung bringt.
Und dann?
Dann haben sie sie heile wieder abgeholt.
Sind die Uhren hier denn nicht heile?
Nu, die sind alle repariert!
Dann will die einfach keiner mehr haben?
Viel später erst begriff ich, daß die Uhren, die seit dem Krieg in der großelterlichen Wohnung immerzu abliefen und wieder aufgezogen wurden, Verschollenen gehört hatten. Gefallenen. Deportierten.
*
Als der Liebste schon eine lange Weile krank war, ließ er sich ein Buch schicken, das war gepriesen worden: ein »wichtiges«, ein »starkes Werk«, ein »Buch für diese Zeit«.
Dann lag es gelesen neben seinem Bett, und er sagte still und mit zwei steilen Falten auf der Stirn: Zeitverschwendung, das sei es gewesen.
Da hatte er noch vier Monate zu leben.
Ach, daß ich ihn nicht bewahren konnte vor diesem Buch.
Wenns dem Esel zu wohl wird
Ein Anlaß findet sich immer, zum Beispiel der, daß wir altern. Gefeiert wird! Sekt in Strömen! Herren in feinem Zwirn, Damen im kleinen Schwarzen, bittesehr!
Irgendwo unter dieser Adresse werden wir doch eine Dame finden. Viel braucht es eigentlich nicht, bißchen Glitzer, bißchen blickdicht, bißchen Absatz in Lack, und da wäre sie auch schon. Mit im Spiel: die Federboa Marke »halber Schwan«, die Perlenkette über den halben Rücken und Handschuhe bis zum Ellenbogen.
Nach Einbruch der Dunkelheit begrüßen sich lauter Fremde; aus den schönen Mädchen sind schöne Frauen geworden, und die Jungs von damals füllen ihre Jacketts. Die Jahreszahlen bei der Vorstellung deuten auf Vor- und Frühgeschichte, und wo hast du bloß dieses sagenhafte Kleid her? Aber Gelächter ist schnell zur Hand, die Musik dreht auf, warum also nicht gleich: Hals über Kopf?
Gruppen hüpfender und wippender Menschen mit Hosenträgern und Hüten oder mit fremden Federn geschmückt, und die Perlen auf den Kleidern korrespondieren schön mit Silber im Haar. Vorsichtige Blicke über die Tanzfläche: Na, wie wär’s, noch einmal, wie damals? Was für eine Frage – let’s swing!
Dann rauscht das Fest auf, die Stunden verschwimmen; erhobene Arme, gelüpfte Hüte und eine Serviette mit einer unlesbaren Botschaft, die der Saaldienst abräumt. Der halbe Schwan zeigt Talent zur Boa constrictor; bis zu drei Personen passen in eine Laokoon-Gruppe, aber am Ende fliegt dann doch das Gefieder, und alles geht noch mal gut.
Im Spiegel Fremde unter Fremden, doch alle zusammen sind wir Freunde, einmal wieder, für die Nacht. Jetzt werden Blicke überm Rotweinglas aufgefangen, Lächeln geblitzt und Schultern gezuckt. Alte Geschichten füllen den Raum bis zum Rand.

Am nächsten Tag ist der Schnee zu hell, und die schmerzenden Köpfe und Knochen lassen keinen Zweifel: vorbei die Zeiten der zertanzten Schuh. Wir hätten es ja wissen können. Aber das nächste Fest, das wißt ihr auch, das feiern wir wieder, wie damals.
Kornblumengraus
In Hessen ist Ebbelwoi. Ebbelwoi gibt’s in Bembeln, en Fünfer mit em Sprudel oder eben auch ohne, und Bembel finden sich in Traditionsgasthäusern, hinter Fachwerk und unter holzvertäfelten Decken. Wir also rein in den Goldenen Bock.
Klar wollen wir uns an die Theke setzen, ist man nicht so allein; Sauwetter und späte Stunde, Gastraum weitgehend leergefegt, außer uns nur noch ein Tisch mit größerer Runde.
Drei Saure! Hier wird nichts beschönigt. Der erste Schluck …
L. tischt auf
Meist sind es Reste, es muß was weg, da hat sie noch ein wenig übrig, und ein Wein wird sich auch noch finden … Fragt sie: Willst du nicht zum Essen bleiben?
Sitzt man dann in ihrer Küche, wo das Gespräch sich in Weiten und Fernen vertieft, schmurgeln nebenbei Dinge in Töpfen und brutzeln in Pfannen, und zu den Worten gesellen sich die Düfte. So schlingt sich die Aufmerksamkeit immer fester um das, was kommen wird. Es entsteht eine gedeckte Tafel; schöne und nützliche Gerätschaften lagern sich vor den Gästen, und dann, dann tischt L. auf.
Schüsseln und Schalen, eine Suppe, eine Pfanne, ein Topf; hier ein Ende Wurst, dort ein Stück Speck, dazu das selbstgebackene Brot, warm so wunderbar wie nach einer Woche noch, und Kräuter, die ihr auf dem Fensterbrett gediehen sind.
Was da so schlicht und schmucklos daherkommt, entfaltet sich auf der Zunge zu Welten. Und zu jedem Gericht gibt es ein Küchen- oder ein Lebensgeheimnis, eine Reise, einen Menschen; die Geschichten geben dem Geschmack zusätzliche Dauer. Die Gesichter der Gäste beginnen zu glänzen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, denn alles andere wäre ein Versäumnis, wäre unerhört.
Am Ende, wenn keiner mehr kann, zaubert sie noch einen Nachtisch her mit einem schönen Namen. Und das Wunder, es bleibt nicht aus: der geht dann auch noch.
Also, wenn sie fragt: willst du nicht zum Essen bleiben? –: Niemals, auf überhaupt gar keinen Fall Nein sagen!
Drei kurze Geschichten über die Zeit
1.
Letzte Woche habe ich einen Kalender für das kommende Jahr gekauft und angefangen, Termine einzutragen. Damit ist die Illusion dahin, das Neue Jahr könnte ein wirklich neues sein; es ist eingeteilt, planbar und viel zu kurz, wie alle vorigen auch.
2.
Als wir klein waren, fuhren wir jedes Jahr zur Großmutter, fünfhundert Kilometer über ödes Land in eine winterlich-düstere Stadt. Ihre Wohnung, um einen enormen Kachelofen herum angelegt, stand voller Uhren – nicht abgeholten Uhren von Kunden des Großvaters, der hier vor dem Krieg seine Werkstatt hatte; wie nach ihm seine Tochter und schließlich deren Tochter auch. Uhren bevölkerten jede Fläche, drängten sich auf allen Schränken, auf den Fensterbänken, auf Anrichten und sogar auf den Tischen. Alle Uhren gingen; sie wurden regelmäßig aufgezogen, gewartet und repariert, wo nötig. Jede zeigte eine andere Zeit.
Unabhängig von Tag und Nacht klingelten, dröhnten und schepperten sie, was sie für die zu schlagende Stunde hielten. Schwiegen einmal alle Läutewerke, so hörte man sie ticken, Heerscharen alter Wecker, die Wand- und Schrankaufsatzuhren, porzellanene Zierührchen und drei, vier Großvateruhren auf dem Flur; man konnte anhand ihres Herzschlags mit geschlossenen Augen durch die Wohnung finden.
Der Vater, Verfechter preußischer Tugenden, mißbilligte diese Anarchie auf den Zifferblättern. Mehrmals regte er an, doch einmal sämtliche Zeitmesser auf Gleichschritt zu trimmen. Die Antwort war stets dieselbe: Nu, du bist hier bei Uhrmachers daheim.
Wir Kinder lernten, unter der Brandung der Zahnräder einzuschlafen und von keinem Glockenschlag wach zu werden, sondern erst vom Licht des Morgens.
Das ist viele, viele Jahre her. Was aus den Uhren des Großvaters geworden ist, weiß ich nicht.
3.
Ich habe neuerdings eine Wanduhr, ein schwarzes, glänzendes Quadrat. Sie empfängt, ganz Stand der Technik, das Signal des genauesten Zeitgebers per Funk. Doch wo andere stur 20:36:23 … 24 … 25 … durchblinken, da sagt meine Uhr: zehn nach halb neun, in freundlich leuchtenden Buchstaben. Und sie meint es wahrhaftig nur so ungefähr.
Living with C.
Die Mitbewohnerin hatte ihn im Waschsalon aufgegriffen, wo er seine Wäsche mit in anderer Leute Maschinen zu stecken versuchte. Nun saß er am Küchentisch und sprach kein Wort Deutsch, ein seltsam blasser, drahtiger Mensch mit wachsamem Blick und starken Eckzähnen. Die sah man, wenn er lächelte; seine Augen sahen wir nicht lächeln, nicht an diesem Abend.
Auf Englisch und in Pantomime erzählte er starke Stücke: daß er seit zehn Jahren unterwegs sei, aufgebrochen irgendwo im Westen Amerikas, und über Asien nun nach Europa gekommen. Daß er gar kein Geld habe. Daß alles, was er besaß, in diesen Rucksack passe. Rule #1: Be organized.
So …