Ohne S.

Zum Abschied aus dem Kindergarten durften alle Vorschulkinder eine Nacht im Zelt schlafen. Decken und Matratzenlager und Hagebuttentee. Aus dieser Nacht stammt meine erste dokumentierte Erinnerung an S.: Ein Foto zeigt uns beide in einer Ecke des Zeltes, Kopf an Kopf, in eine Decke gehüllt, anscheinend in ein Gespräch vertieft. Ich schaue mit großen Augen ins Weite, S.  grinst mit weißen Zähnen und drei netten Grübchen. Ich nehme an, wir spielten mein Lieblingsspiel: zwei Kinder wären verloren gegangen in Sturm und Schnee und hätten sich eine Höhle gebaut.
Er kam dann in meine Klasse …

Deutsche Einheit

Gestern früh beobachtete ich im Zug, wie auf der Rheinstrecke in jeder Stadt Männer zustiegen, jung bis höchstens mittelalt. Gruppen, Rudel, Horden von ihnen, mit krachneuen Lederhosen und grellkarierten Hemden unter den Jacken, mit Strickstrümpfen und lärmender Laune in sämtlichen Dialektfarben, die man am Rhein so spricht.
Sie alle machten sich auf gen Süden — langes Wochenende, da geht’s auf die Wiesn!
Mobilmachung. Ein Glück, daß sie einigermaßen friedlich ist.
 
 
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Blick aufs Glück

Ein Tag voller fröhlicher Gesichter: statt des vorhergesagten Regens schien die Sonne so warm, daß es die Flaneure aus ihren Jacken trieb. Mir macht das, wenn Menschen sich übers Wetter freuen, gute Laune.

Eingedellt.
… und schon vorbei.

So gestimmt, begegnete ich einem Freilufttelefonat. Normalerweise übe ich mich im Überhören, weil: Weißt du, wo ich bin? Auf dem Marktplatz! Und ich trinke einen Kaffee!, das ist nichts, was ich wissen muß. Aber hier erzählte das eine ältere Frau in ihr Telefon, allein an einem Cafétischchen, weißt du, was für ein Tag heute ist?, und es lag so viel Glück in ihrer Stimme, daß ich mich unweigerlich ihr zuwandte.
Dann fiel mir B. ein, die, so scheint es, alles hat, was man sich wünschen kann, und die an nichts und niemandem ein gutes Haar läßt. Von ihr heißt es: die hat Unglück im Glück.
Es ist Freitag der Dreizehnte. Ich gebe nichts auf Daten und Zahlen, außer für Geschichten.

Gezeichnet

Der umgekippte Tümpel stinkt, ein verhaltener, bitterer Hauch; zwischen den Bäumen glänzt er faulig. Ich zwinge mich, stehenzubleiben.
Nichts regt sich, nicht an seiner Oberfläche und nicht an seinem Rand; alles Leben ist geflohen. Und doch sind auf dem Wasserspiegel Zeichnungen zu sehen, Schnörkel und Krakel, Schlingen und Schwünge, kühne Striche auf der Algendecke.
Ich gehe in die Knie, folge so einer Linie mit den Augen, sie verläuft ungebrochen, und finde an ihrem Ende einen Falter. Weiß treibt er in einer schwarzen Ausweitung dieser letzten Bahn, die er zwischen Wasser und Luft gezogen hat.

Schnörkel im Algenschleim.
Schnörkel im Algenschleim.

Im Weitergehen verfolgt mich dieses tote Gewässer, darin die Spuren sterbender Falter, von keinem Tümpelwesen abgekürzt, und wie ich diese Spuren betrachte und denke: schön.

Der Asylzivi

Mit dem Abi in der Tasche hielt es H. nicht mehr daheim: zum Zivildienst zog er weg. In einer kleinen Stadt fernab aller Grenzen arbeitete er für eine Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmerte. In diesem Zehntausend-Einwohner-Städtchen lebten ein paar dutzend Menschen aus den Krisengebieten der Erde, hierherverteilt durch Amtsentscheidungen; alle mit ungewisser Zukunft.
Ich war nun die Freundin vom Asylzivi. Wann immer mein Studium mich ließ, wohnte ich bei ihm unterm Dach eines Verwaltungsbaus. Manchmal ging ich mit ihm zur Arbeit.
H. hatte viel zu tun …

Unterwegs mit F.

Ich bin mit F. nicht oft gewandert; sie hatte viel zu tun. Wir gingen mehrmals wöchentlich spazieren, kleine Runden, und an die längeren Touren mit ihr kann ich mich gut erinnern.
Es war eine Freude, mit F. zu gehen. Sie war still, zuverlässig und freundlich. Fürs Kartenlesen und Wegzeichensuchen war ich zwar alleine zuständig, aber nicht einmal Zurückgehen — was ich hasse — machte ihr etwas aus. Sie beklagte sich nie. Nur dichten Wald mochte sie nicht; da …

Hotel des Fortschritts

Jeden Sommer ging die Fahrt nach Westen, »zu den Franzosen«. Pausenlose Ewigkeiten von Landstraßen; die Sonne knallte auf den Käfer (später: Golf, noch später: Passat), die Laune auf der Rückbank sank, wie die Temperaturen stiegen. Aber irgendwann war es geschafft, und wir erreichten Béton, ein 500-Seelen-Dorf nicht allzu weit von Paris.
Da waren wir Gäste beim großen Treffen der Familie V., das Jahr für Jahr im Hôtel du Progrès stattfand, dem Gasthaus mitten im Ort, an der einzigen befestigten Straße. Vier Generationen kamen hier zusammen, um den Geburtstag des alten Monsieur V. zu feiern.
Das Hôtel du Progrès war …

Lektüren

Ich sitze im Bus und lese in meinem Unterwegsbuch. Hinter mir ein Pärchen, Anfang 20, sehr verliebt; die beiden haben die Köpfe über einem Smartphonebildschirm zusammengesteckt und sind ins Gespräch vertieft.
Er: »Das zweite versteh ich nicht.«
Sie: »Eifert nicht? Ich verstehe das so, daß sie sich nicht aufregt … hat keinen Eifer oder so, also entweder ist sie da oder nicht.«
»Ah, ja, das kann sein …«
»Weiter: treibt nicht Mutwillen …

Mit den Schwalben

»Die ziehen nach Süden«, erklärten die Eltern, als das Kind fragte, warum jeden Tag mehr Schwalben auf den Stromleitungen hinterm Haus saßen. »Die erfrieren sonst im Winter.«
Das Kind stand auf einem Sessel am offenen Fenster, es trug schon Strumpfhosen, denn im Schatten war es kalt; erster Holzrauchgeruch lag über abgeernteten Äckern. Auf den blitzenden Drähten saßen die Schwalben, ständig kamen neue Scharen an und suchten Platz. Hier flatterte es …

Dorfplatzkind

Als Pappelbacher Dorfplatzkind (Ortsteil Hauchlobenthal) kenne ich alle dörflichen Feste: Fronleichnam, Kerb, Fassenacht und natürlich die Weinfeste.
Fronleichnam war spannend; da war der Platz mit Blumen geschmückt, die Kirchenglocken läuteten, und dann kam die Prozession vorbei. Weihrauch, Baldachin für den Pastor, Musikverein und Großergottwirlobendich – hätte man mich gelassen, ich wäre sofort katholisch geworden. Die anderen Feste sahen sich recht ähnlich: Immer war da das Karussell, das Weinzelt, die Schießbude, in den ersten Jahren auch ein Orchestrion, der Musikverein blies Schlager, und man konnte gebrannte Mandeln und steinhartes Zuckerzeug kaufen.
Einmal, ich muß sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, ging mitten beim Weinfest die Sirene los …