Im Wald mit D.

Mit D. hatte ich wenig gemeinsam außer einer Pfadfindervergangenheit (an verschiedenen Enden der Republik), kaum Geld und der sich daraus ergebenden Rauhbauzigkeit bei der Freizeitgestaltung.
Wir hatten so lange darüber geredet, daß eine Wanderung unausweichlich schien. Kartenmaterial besaß ich schon: in den Kellerwald sollte es gehen. Zwei Tage, vielleicht drei; notfalls am Montag die Vorlesung schwänzen.
Als D. am Samstagmorgen auftauchte …

Age of Aquarius (Dawning of)

Es war der Sommer, bevor wir volljährig wurden. Diese Ferien, beschlossen wir, gönnen wir uns, als ob’s kein Morgen gäbe, und ich begann, Kaffee zu trinken, weil ich keine Nacht genügend schlief. Als dann Hellmis Eltern verreisten (das erste Mal ohne »die Kinder«), mußte etwas geschehen. Ein Einfamilienhaus in ruhiger Lage am Dorfrand, mit Partykeller, Gartengrundstück und Teich, sturmfrei – da wären wir doch blöd, wenn nicht …

Die Wette

Die Konferenz in London sei ihre erste größere gewesen, mit Flug, vom Institut bezahlt. Nach einem ausgefüllten Tag seien sie und der Arbeitsgruppenkollege noch ins Pub gegangen; ungewohnt dünnes Bier bis zur Sperrstunde, die unerwartet plötzlich kam, und danach weiter in einige Bars. Am Ende des Abends hätten sie, beide immer noch konferenzschick, in der Circle Line darum gewettet, wer freihändig über mehr nutzloses Wissen verfüge.

Die erste Runde habe sie mit dem Schwimmtempo des Grönland- oder Eishais eröffnet; der Kollege habe mühelos dagegengehalten und die olympische Muse der epischen Dichtung mit Namen genannt. Daraufhin …

Im Park

Das kleine Kind ist ein ganz gewöhnliches Kind, eines von Milliarden, mit Windelpo und mit Flaum auf dem Schädel. In seinem Mund blitzen halb zwei Zähne. Auf dem Bauch schiebt es sich durch eine Welt, die immer größer wird. (Anfangs haben seine Eltern noch mehrmals am Tag die Wohnung gesaugt – inzwischen klopfen sie das Kind aus; ist einfacher.)

Wenn das kleine Kind schaut, dann schaut es mit aller Kraft; dann ist es so vollkommen auf Empfang, daß nichts hinausdringt aus diesen Augen. Wer in ihren Sog gerät, kann zappeln und zurückrudern und Grimassen schneiden, wie er will: es gibt kein Entkommen. Keine Täuschung verfängt hier. Doch es gibt ja auch kein Urteil in diesem Blick, der nichts kennt, nichts fürchtet, nichts vorwegnimmt. Trotzdem gerät man leicht ins Schwitzen.

Es ist ein bißchen so, als betrachte einen das Universum.

Und dann ist es plötzlich weg.

Warme Gedanken

Stell dir den Weg in die Felder vor, und wie du zwischen Traktorspuren die Häuser und das Mittagsläuten hinter dir läßt; Halme kitzeln deine nackten Schienbeine bei jedem Schritt. Es duftet nach Sonnenmilch, nach Erde und dörrendem Gras. Die Sonne steht hoch; auf der trockenen Ackerkrume glitzern Steinchen und kalkige Schneckenhäuser.

Das Dickicht am Waldrand wirft nur sparsam Schatten, aber das Gras wächst hier weicher und dunkler als anderswo. Du legst dich hinein und spürst, wie die Feuchtigkeit des Bodens in deine Kleidung dringt und ein kühles Bett für deinen Rücken bereitet, während die Sonnenhitze sich auf dir niederläßt.

Der Juni ist ein Raum, angefüllt mit Wärme und Gezirp und durchmessen von geflügelten Wesen; sein Blau leuchtet noch durch das Glührot deiner Lider. Ameisen beginnen deinen Arm zu erkunden, etwas summt dicht an deinem Ohr, doch du magst dich nicht rühren, weil die Sonne auf dir liegt wie ein schwerer Körper im Schlaf. So bleibst du unbewegt, knüpfst deine Gedanken an das Lied der Lerche, das Brummen eines Kleinflugzeugs und schwingst daran etwas von dir himmelwärts.

Und wenn du nur tief genug atmest und genügend Hitze aufsaugst, wird dich die Erinnerung ewig wärmen. (Wenn erst der Sonnenbrand abgeklungen ist.)

Düdelü-bing!

Das Kind ist vielleicht vier, schmal im Hängerkleidchen, zwei stramm geflochtene Zöpfe am Hinterkopf. Es macht sich schwer, als der Vater es an der Hand die Treppe hinaufzieht. Vor der Tür der Bahnhofsgaststätte bleiben sie stehen. Drinnen ist es schummrig; schaler Rauchgeruch und Radiogedudel dringen heraus an die Sonne.

– Na los, hier kannst du.

Das Kind knickt seitlich ein, befingert das Treppengeländer und senkt den Kopf.

– Geh rein, …

Natural Born Korrekturleserin III

Seit Tagen hält das herrliche Wetter an, doch die Pflicht ruft. Einen letzten Blick werfe ich nach draußen, verabschiede mich still von Luft und Sonnenschein und setze mich an meinen Schreibtisch.

Ich beuge mich über den ersten Text, da legt sich eine bleischwere Hand wie aus Gußeisen mit Nachdruck auf meine Schulter. Ich streiche bleischwer und den Nachdruck, während ich mich umdrehe. Hinter mir steht eine groteske Gestalt in einem schäbigen, abgenutzten Mantel. »Ist Ihnen nicht warm?«, frage ich; »lassen Sie mich Ihnen wenigstens das abgenutzt abnehmen.« Halb warte ich auf eine Konkretisierung von grotesk, aber sie kommt nicht.

Weiter …

Natural Born Korrekturleserin II

Der harte Stuhl mit der metallenen Rückenlehne zwingt mich in eine unbequeme Haltung. Der Raum — Steinboden, gekalkte Wände und Gewölbedecke, eine Treppe auf der Stirnseite und gegenüber drei winzige Fensterluken — liegt im Halbdunkel; ich erkenne schattenhaft vielleicht ein halbes Dutzend Menschen. Meine Jacke (und mit ihr meine Waffe) haben sie mir natürlich abgenommen.

Von der niedrigen Decke blendet eine Halogenleuchte. Noch bevor ich einen Blick auf das Schriftstück werfe, das im Lichtkreis auf dem Tischchen vor mir liegt, ist mir klar: Sie wollen mich fertigmachen. Und das hier ist der perfekte Ort dafür.

Weiter …

Der Herr Doktor ist gleich da

Natürlich sei es ein Sonntag gewesen, erzählte sie, an dem mit einem »Kracks« die Plombe in der Brotrinde verblieb. Am Montag hätten Telefonate mit mehreren Zahnarztpraxen unterschiedliche Wartezeiten ergeben, und sie habe natürlich die notiert, bei der es hieß: Kommen Sie gleich; ja, jetzt sofort.

Dann nichts wie hin …

Mehr so der Wintertyp

Am Anfang gibt es Sekt im Kreis. Die Damen, acht an der Zahl, klimpern mit Schmuck und blinzeln sich beim Anstoßen zu. Ich, Nummer neun, bleibe sitzen (Verband links) und falle auch sonst aus dem Rahmen, so ohne was zum Klimpern. Dann Auftritt Farbberaterin, Zebraprint-Zweiteiler, zwei randvolle Koffer mit Material. Sie mache auch Typberatung und Feng Shui, sagt sie und setzt ein Häufchen Visitenkarten auf den Tisch. Anschließend erzählen alle in der Runde etwas über sich und ihren persönlichen Stil. Wortkarg kann ich, muß dann aber nicht, weil sie mir das Wort sowieso gleich entreißt und über Fakten aus der Kosmetikwelt plaudert. Dann geht es zur Sache.

Zur Sache …