Jedes Jahr der erste des Lebens.
Nicht Niederschlag, sondern Segen. Alle Augen strahlen, in den Schultern kribbeln schon Ballschlachtpläne, und auf Wangen und Lippen: lauter leichte, nadelspitze Küsse.
Ist es nicht stiller geworden? Da haben wir Besuch aus dem Himmel. Schaut, wie es glitzert, der weiche Teppich auf dem Asphalt, und alle Autodächer sind schön.
Morgen dann die Tritte der Tauben auf dem Bürgersteig, bis das Streusalz sie unleserlich macht. Übermorgen haben wir uns gewöhnt und ziehen gegen die Kälte die Schultern hoch. Und noch später: alles Matsch.
Doch heute herrscht Zauber. Der letzte ganz echte im Jahr.
Kategorie: Erzähltes
Novembergedanken
Im November, wenn die Dunkelheit sich täglich mehr und mehr Augenblicke nimmt, kommt die Zeit des Erinnerns. Nicht umsonst drängen sich jetzt die Gedenktage: im Dunkeln sieht man die Geschichten deutlicher als die Gesichter derer, die sie erzählen.
Ich denke an die Novemberbesuche bei der Großmutter, wenn das Abendessen abgetragen war und Likör gelblich in den Schnörkelgläschen stand; die Welt zog sich von den Doppelfenstern in die Nacht zurück, und wir Kinder am Tischrand wurden unsichtbar …
Lebensmittel
Auf dem Wochenmarkt ist Herbst. Früchte aller Sorten duften, und in die Blumensträuße am Gemüsestand mischen sich rote Beeren und Astern.
Zwischen den Einkäufern und Flaneuren wuseln gleich mehrere Gruppen von Kindern …
Götterfunken
Die Skulptur aus Aluminiumröhren zeichnet eine weit schwingende Bewegung mehrere Meter in die Höhe, ein gefrorener Tanz. Passanten bemerken sie, oft genug mit Wohlgefallen.
Heute, an einem verhangenen Spätsommertag, fliegt heller Jubel über den Platz: Daaa! Ein kleines Mädchen stürmt zu dem Kunstwerk hin, erklimmt blitzschnell den Sockel und beginnt, die Konstruktion zu umhüpfen, ohne sie zu berühren, Blick nach oben, und ruft: Ssön!, an den Himmel, an die Welt, an Mutter und Geschwister und alle zufälligen Zuschauer gerichtet: Ssön!, Ssön!, und das ganze Kind leuchtet.
Hätte der Künstler das erlebt, es hätte ihm ein Sonntag sein müssen.
Beitrag zum Projekt *.txt (10: Glück). Kein neuer würde besser passen.
–> alle meine *.txte
Unruhige Nacht auf See
Am zweiten Tag betrügt uns die Wettervorhersage – der Wind dreht nicht, und er bleibt auch nicht mäßig. Unser Ankerplatz liegt schutzlos, der Anker greift nicht im steinigen Grund. Es ist fast dunkel, als wir zum nächsten Hafen müssen, hinter die nächste Landzunge; nicht weit, aber gegen Wind und Wellen. Wir fahren mit Motor, das spürt man mehr, als man es hört: das ganze Schiff bebt im Takt der zwei Zylinder, während es sich über die Wellenberge schiebt. Windstärke 7 – nicht viel, eigentlich, aber so ein alter Segler sollte da im Hafen vertäut sein …
Zu schnell
Das Auto hinter mir fährt dicht auf, drängelt an der roten Ampel, obwohl die Straßen leer sind zu dieser nachtschlafenden Zeit. Na, denke ich, der hat’s aber wichtig. Dann überholt mich der Wagen mit aufbrüllendem Motor; Idiot. Als ich aber sehe, wohin er ohne zu blinken abbiegt, schlägt mein Ärger um. Es ist das Gelände der Uniklinik; diese Einfahrt führt zu den Pavillons der Intensivstation mit ihren ewig heruntergelassenen Jalousien, und Parken ist hier streng verboten.
Ich wünsche dem Drängler von ganzem, heißem Herzen, daß er schnell genug ist.
Regionalverkehr
Zwei Jungs mit sorgfältig verwirrten Haaren fläzen auf den Klappsitzen im Fahrradbereich und schauen aus dem Fenster. Draußen ziehen Weinberge in frischem Grün vorbei, dazwischen immer wieder Bäume voller Blüten.
»Ich find das schön,« sagt der eine.
»Was –?«
Katastrophentourismus
Hochhaussprengung? Fehlt mir noch. Also auf nach Frankfurt, wo das Uni-Hochhaus mit seinen 116 Metern ordentlich Staub aufwirbeln sollte.
Falls irgendwer in der Stadt nicht weiß, wo das Hochhaus fallen soll: einfach treiben lassen. Alles, was Beine hat, ist auf dem Weg zur Gefahrenzone. Ein Stimmengewirr in den Straßen: Der Bau (ein 70er-Jahre-Vertreter des Brutalismus) ist Gesprächsthema, die guten Zeiten an der Uni, die besten Sichtachsen und der leichte Nebel, der die höheren Häuser obenrum unscharf macht.
Einen der besseren Plätze erkennt man daran, daß hier …
Geschmacksfragen
Auf dem Wochenmarkt, am Stand des Biometzgers.
Wieso ist denn bei Ihnen die Fleischwurst so grau?
Wir nehmen keine Nitritpökelsalze.
Wie, Fleischwurst ohne Salz?!
Ohne Nitritpökelsalz. Das macht die Fleischwurst rosa.
Also Salz ist da schon dran?
Ja, Salz ist dran, Meersalz.
Meersalz? Das hat meine Schwägerin auch, und bei der schmeckt’s mir immer nicht.
(Ohne Fleischwurst ab.)
Vom Vermögen
Einmal beobachtete ich zwei Jungen auf einem sonst mittäglich leeren Schulhof. Der Große, elf, zwölf Jahre alt, fuhr mit dem Skateboard auf ein niedriges Mäuerchen zu, sprang in die Luft, wobei er das Board mit sich riß, daß es sich in der Luft drehte, und vesuchte mittig auf dem Board und auf der Mauerkrone zu landen. Immer wieder nahm er Anlauf, sprang, drehte; immer wieder entglitt ihm das Board, blieb auf der Strecke oder polterte auf der anderen Seite des Mäuerchens zu Boden.
Der Jüngere, vielleicht sieben, saß auf der Eingangstreppe und beobachtete diese Bemühungen ernst und gebannt, sah Anlauf, Scheitern, den nächsten Anlauf, Verbesserungen, Rückschläge, erneuten Versuch, und als der Ältere eine Pause einlegte und die Rollen seines Boards kontrollierte, stellte er sich zu ihm und fragte …