Dorfplatzkind

Als Pappelbacher Dorfplatzkind (Ortsteil Hauchlobenthal) kenne ich alle dörflichen Feste: Fronleichnam, Kerb, Fassenacht und natürlich die Weinfeste.
Fronleichnam war spannend; da war der Platz mit Blumen geschmückt, die Kirchenglocken läuteten, und dann kam die Prozession vorbei. Weihrauch, Baldachin für den Pastor, Musikverein und Großergottwirlobendich – hätte man mich gelassen, ich wäre sofort katholisch geworden. Die anderen Feste sahen sich recht ähnlich: Immer war da das Karussell, das Weinzelt, die Schießbude, in den ersten Jahren auch ein Orchestrion, der Musikverein blies Schlager, und man konnte gebrannte Mandeln und steinhartes Zuckerzeug kaufen.
Einmal, ich muß sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, ging mitten beim Weinfest die Sirene los – Feueralarm. Praktischerweise waren alle Feuerwehrmänner der Freiwilligen Feuerwehr Pappelbach, Ortsteil Hauchlobenthal, an einem Ort versammelt, wenn auch unpraktischerweise alle mehr oder minder betrunken.
Die Männer sahen sich an, die Gesichter gerötet. Feuer? Fehlalarm? Doch Feuer? Einer rannte los, der (eigentlich) Telefonbereitschaft hatte. Nach einer halben Ewigkeit war er wieder da, außer Atem und mit aufgerissenen Augen: Wirklich Feuer, im Weinberg! Im Lobenthäler Sommerhang brennts!
Der späte Nachmittag wurde allmählich Abend; die Sonne färbte die Weinlagen rötlich. Und in der Tat, von der Hügelkrone stieg Rauch auf. Also entschloß man sich, auszurücken; der mit den wenigsten Promille kriegte einen Kaffee und mußte fahren. Das Tatütata wäre eigentlich nicht nötig gewesen, aber uns Kinder freute es.
Ich stand unter den Schaulustigen auf dem Dorfplatz, zwischen Karussell und Weinzelt. Einige Zeit später dann sahen wir, wie der asthmatische rote Bulli der Freiwilligen Feuerwehr Pappelbach, Ortsteil Hauchlobenthal, am Fuße des Weinbergs erschien. In Zeitlupe arbeitete er sich die Serpentinen hoch.
Immer wenn der Bulli eine Kehre geschafft hatte, jubelten wir. Dann dauerte es wieder. Die Leute begannen zu murmeln, einige holten sich Gläser. Einer rief: Einsaaatz! Ein anderer: Sollemer aaschiebe?; allgemeines Gelächter. Hin und wieder her kroch der Bulli hinauf in Richtung Sommerhang, von dem es schwarz qualmte. Schließlich blieb er rot an der Umfassungsmauer des Weinbergs stehen. Die Feuerwehrleute sprangen aus dem Wagen. Langsam senkte sich die Dämmerung übers Dorf, und die Straßenlaternen gingen an.
Das Ende ließ an Dramatik zu wünschen übrig: Der Weinberg brannte zwar, aber da konnte man sowieso nichts machen; also stand der Bulli ein Weilchen herum, während es dunkler und dunkler wurde. Und dann mußte ich heim und ins Bett.
Den alten roten Feuerwehr-Bulli tauschte man wenig später gegen ein stärkeres Modell aus, der Lobenthäler Sommerhang wurde neu bepflanzt, und die ganze Geschichte war bald vergessen, im großen und ganzen.

0 thoughts on “Dorfplatzkind

  1. oh weh, wie kann man zum brennenden weinberg “gefällt mir” klicken. shameonme. aber wie du es erzählt, ist eben klasse. und das gefällt mir gut. sehr gut sogar. die stimmung, die du erzeugst. das dorffestgefühl, das ich als kind so liebte und heute wann immer möglich vermeide, riecht durch deine zeilen. und erst der brand!
    was ich nicht ganz begriffen habe: konnte der bulli nichts machen, weil er kaputt war oder die mannschaft zu betrunken, oder einfach, weil es nichts genützt hätte? ich vermute das letzte, oderrr?
    wie schnell werden dramen von neuen abgelöst. doch irgendwann fallen sie uns wieder ein.
    und werden erzählt. danke!

    1. Danke, Soso. (Hast recht — war nix zu machen, das haben sie später erzählt. Ich hab’s hoffich etwas klarer formuliert.)
      Und Du bist also auch dorffestgeschädigt? ,)

    2. oooch, geschädigt? hm, eher so, dass du es irgendwann gesehen hast? “einmal da wirst du siebzig sein, dann bin ich noch bei dir … schubidu” … geschädigt insofern, als dass ich für den rest meines lebens gänsehaut bekomme, sobald ich irgendwo schlagerrhytmen höre …
      ja, danke, jetzt ist die sequenz mit dem unlöschbaren brand unmissverständlich … 🙂

  2. Sehr stimmungsvolle Geschichte. Manchmal ist es auch besser, er brennt komplett ab, wenn er neu bepflanzt werden soll. 😉 Auf dem Land versteht man halt solche Dinge.

  3. Dorffest klasse beschrieben. Die FF war immer besoffen. Einmal versuchte die Gemeindeverwaltung, alle Kinder ab 10 zur freiwilligen Feuerwehr zu verpflichten. Meine Schwester und ich haben uns erfolgreich enthalten. Seltsames Dorf, in dem ich mal gewohnt habe.

  4. Schön anschaulich erzählt, dein Erlebnis! Natürlich erinnert mich dein Text auch an früher, an die unsäglichen Dorffeste, an Feuer im Ort und vor allem daran, dass mein Vater bei der freiwilligen Feuerwehr war. Auf Feuerwehrfesten wurde immer besonders viel gelöscht… Es brannte oft, weil es viele Fachwerkhäuser und Bauernhöfe mit viel Stroh auf den Heuboden gab. Und meistens brannte es nachts. Wenn die Sirene ging, bekam ich immer Gänsehaut (so wie heute noch bei schlimmer Schlagermusik). Ich hörte meinen Vater im Nebenzimmer aus dem Bett springen, er sprach immer die gleichen Worte: “M., mein Koppel!” und hatte ein ganz bestimmtes Ritual, seine Siebensachen zusammenzusuchen, bevor er auf dem knatternden Moped zum Spritzenhaus fuhr. Ich konnte immer erst wieder einschlafen, wenn er heile zurück war.

    1. Ui, das ist natürlich eine völlig andere Feuerwehrgeschichte. Sehr eindrucksvoll — Du warst persönlich betroffen, das ist ganz etwas anderes. Ich genoß als Kind bloß das Getriebe und den leisen Grusel, wenn wieder mal was los war.

    2. Ja, ein leichter Grusel war sicher für alle Kinder damit verbunden, auch wenn der Vater kein Feuerwehrmann war. Am schlimmsten ist meine Erinnerung an einen Großbrand auf einem Bauernhof nur eine Straße weiter. Dabei sind viele Tiere umgekommen und ich denke mit Schauder an ein paar überlebende, leicht geschwärzte Schweine. Der Rauchgeruch lag eine Woche über der Gegend und man bekam ihn nicht aus dem Haus. Da stand mein Vater an der Spritze und musste zum Glück nicht so nah ans Haus.

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