Gehen; bleiben

Abends im Taxi über Land: Während Dein Vater sich vorn mit dem Fahrer unterhält, sitze ich auf der Rückbank, zur Mitte geneigt, daß ich im Scheinwerferlicht die Landstraße sehen kann. Ort nach Ort bleibt zurück mit vertrauten Namen und voller schlafender Geschichten, und da fehlst Du mir auf einmal wie schon lang nicht mehr. Der Schmerz sitzt immer noch an der bekannten Stelle.
Neues Land, neue Welten – nichts war Dir weit genug; fort wolltest Du. Dabei gefiel es Dir hier; die Hügel, die jetzt im Dunkel liegen, die sanfte Kargheit unter dem hohen Himmel, die weißgesäumten Wege früh im Jahr, das alles rührte Dich. Insofern war es wohl richtig, daß Du am Ende wiederkamst.
Nur die Geranien haben Dir nie gestanden; dieses Klein-Klein aus geharkten Wegen und poliertem Stein. Gras müßte es sein, wogendes Gras auf einem Hügel unterm freien Himmel. Das wäre nicht zu eng für Dich.
 

Lob meiner Spülmaschine

Das Wasser schwappt mir bis zum Ellenbogen.
Die Spülmaschine tat nicht, was sie sollte,
und spülte nicht so sauber, wie ich’s wollte:
nun tauch ich selber mit der Bürste in die Wogen
und schrubbe, was vom Nachtmahl auf den Tellern
verblieben, jenen allerletzten Rest,
der, schrubbte ich nicht jetzt, bald fest
an ihnen säße wie der Schwamm in Kellern.
Nach einer guten halben Stunde Frist
steht, wieder sauber und bereit, das Porzellan
im Schrank. Und diese halbe Stunde ist
vom Spülknecht mir ein tägliches Geschenk;
nur denk ich täglich selten noch daran.
Ein zarter Spülsaum legt sich um mein Handgelenk …
 
Nicht glänzend, aber selten – zu: Haushaltssonette. Wie hier und hier. Und hier — danke, Petra! –, hier und hier, aus der Art geschlagen, aber nicht minder reimfroh. Lyrisches zum schönen Schein gibt es, hach, hier.
Wer mag mitspielen?

Geschenkt

Eigentlich wollte ich einen Text zu „Fassade“ schreiben, aber mir kommen immer wieder Dinge dazwischen. Arbeit, Erledigungen. Und dann der Streik bei der Bahn.
Es ist nicht so, daß ich gar nicht betroffen wäre. Ich werde eine kleine Reise nicht antreten, das Meer nicht sehen, keine lieben Menschen wiedertreffen. Dennoch halte ich den Streik für richtig (schon was die Bahn AG es sich kosten läßt, die Forderungen der GDL abzuwehren, spricht dafür, daß er nötig ist) — aber darüber wurde und wird wahrhaftig genug geschrieben.
Für mich, ohne Auto, bedeutet ein Bahnstreik: massive Einschränkung meines Radius. Das heißt, ich muß Termine verlegen oder, wo ich sie nicht verlegen kann, viel Zeit für die Reise veranschlagen. Vorsichtshalber nehme ich zwei Bücher mit, und die Zeitung schaffe ich meist auch noch. Manchmal muß ich sagen: ich versuch’s, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Umgekehrt erwarte ich auch keine Pünktlichkeit, keine Lieferung innerhalb 24 Stunden. Und wenn’s nicht klappt, nun, dann wird sich eine andere Möglichkeit finden.
Nun arbeite ich in Bereichen, die nicht lebenswichtig sind; Termindruck wird da oft künstlich hergestellt und übertrieben. Überhaupt fällt mir auf: wir werden immer mehr auf instant gratification getrimmt. Sofort bestellt, am nächsten Tag nach Hause geliefert (hinter die erste abschließbare Tür) — drunter machen wir’s nicht. Schnell, billig, bequem. Den Belohnungsaufschub verlernen wir dabei zunehmend — und geben einen Teil unserer Autonomie dahin.
Insofern nehme ich die Verzögerungen und Einschränkungen als Geschenk, ein Geschenk der Langsamkeit, der Ideen. Statt der geplanten Reise werde ich rausgehen, zu Fuß, und meine nähere Umgebung erkunden. Ich freue mich schon sehr darauf.
 
Nachtrag: Nun also doch nicht, bzw. doch: gereist wird. Und die nähere Umgebung, na, die läuft ja nicht weg.

Ähäms. (Gelesen.)

Dem Himmel sei Dank: ich bin zumindest nicht so weit gegangen, sie mir zu kaufen; sonst hätte ich jetzt einen Regalmeter weniger Platz. Und müßte mich wohl gelegentlich erklären.
Ich mag’s ja knapp und klar, freue mich an schöner Sprache und lese gern Menschen hinter den Worten. Reiseberichte, Essays. Mich interessiert das Geschichte von Geschichten, die Netze von Assoziationen. Namen kann ich mir nicht merken. Und dann …
Ein Epos.

Nichtbilder

Ich erinnere mich an zwei oder drei Alben mit Familienfotos, die nach Schwarzweißbildern rochen; manche hatten kunstvoll gewellte Ränder, an denen man mit dem Zeigefinger entlangfahren konnte. Besonders faszinierten mich die halbtransparenten Papiere zwischen den Albumseiten, die, bei vollständiger Kenntlichkeit der Bilder, alle Details verbargen; sie saugten sich an den Seiten fest und wollten mit Vorsicht abgehoben sein. Sie trugen ein geprägtes Spinnennetzmuster, in dem hier und da pralle Spinnen saßen.
Die Bilder des Liebsten wohnten in zwei Schuhschachteln; sie waren nicht sortiert, aber sie klemmten ungefähr da, wo sie chronologisch hingehörten. Manche waren in den Umschlägen aus dem Fotogeschäft gebündelt. Feste, Urlaube, Auftritte, Zivildienst, Studium, Ausland — alles hatte er, wie’s kam, dokumentiert und mit der freundlichen Achtlosigkeit, die ich liebte, in diesen Schachteln verwahrt.
Beides, die Alben mit den Familienfotos und die Schachteln mit den Bildern des Liebsten, gibt es nicht mehr …

Naßforschung (Badeanzug: Coda)

Ein angenehmer Zeitvertreib für einen trübgrauen Dezembertag ist: baden gehen. Dazu braucht es nichts weiter als ein sauberes, fast menschenleeres, wunderwunderschönes Hallenbad, am liebsten mit Liegesesseln, Außenbereich und allerlei kitzligen Blubbervergnügungen, sowie gute Gesellschaft. In der kann man dann zwischen Glanz und Gloria (das Bad ist wirklich schön!) bescheidene Bahnen ziehen, in verschiedenen Wassertemperaturen dümpeln, bis man Schwimmhäute kriegt, und sich zwischendurch am Beckenrand räkeln.
Später, genau in der einen nicht grauen, sondern goldenen Stunde dieses Tages, sollte man hinaus ins Freibecken schwimmen und zusehen, wie sich das Wasser dampfend in die Silhouette der Stadt stürzt. Liegen in der Wasserfläche, auf der sich das Blau der Kacheln mit dem des Himmels verschränkt; immer paddeln und die Knie im Warmen halten, die Schultern auch, und in die Sonne blinzeln: das kann vor hundert Jahren, im alten Rom kann das nicht schöner gewesen sein.
Kein Bild wäre in der Lage, das festzuhalten.
Mein Badeanzug hält auch …

Novembergedanken

Im November, wenn die Dunkelheit sich täglich mehr und mehr Augenblicke nimmt, kommt die Zeit des Erinnerns. Nicht umsonst drängen sich jetzt die Gedenktage: im Dunkeln sieht man die Geschichten deutlicher als die Gesichter derer, die sie erzählen.
Ich denke an die Novemberbesuche bei der Großmutter, wenn das Abendessen abgetragen war und Likör gelblich in den Schnörkelgläschen stand; die Welt zog sich von den Doppelfenstern in die Nacht zurück, und wir Kinder am Tischrand wurden unsichtbar …

Jahresringe

Jedes Jahr einer mehr; und Du, damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müßte mich aushöhlen.
Weißt Du noch?, würde ich Dich gerne fragen. (Du antwortest nicht. Ich weiß. Also denke ich an Dich, daß etwas bleibt von Dir.)