Inzwischen sind wir bei der ersten Anprobe …
Kategorie: Eigenes
Rechnen
Vor etwas mehr als zwölf Jahren haben wir Dir nicht gesagt, daß alles gut wird. Aber geglaubt haben wir es; was sonst. Dann ging alles entsetzlich schnell. Vor beinah vierundzwanzig Jahren gingen wir zwei an einem Bahnhof auseinander und dachten nicht, daß wir uns noch einmal begegnen würden.
All die Geschichten dazwischen.
Jahr für Jahr weiß ich ohne Überlegen, seit wann, wie lang, wieviel älter. Manchmal denke ich, wenn wieder so ein Zeitraum durchmessen ist, daß man das doch sehen, daß die Welt andere Farben tragen müßte.
(Ausgerechnet ich und Zahlen. Du würdest lachen.)
Freizeit
Wenn ich einen wunderschönen Tag haben möchte, dann ziehe ich die dicken Schuhe an, nehme meinen Rucksack und in aller Herrgottsfrühe die Bahn und fahre an einen Ort auf meiner Wanderkarte, von wo es nicht weit ist in den Wald. Und dann verschwinde ich ein für paar Stunden vom Radar.
Was mitkommt, muß verläßlich sein und darf keine Ansprüche stellen. Wasser, Brote, eine Decke vielleicht und ein Buch; wenn’s regnet, was zum Trockenbleiben. Die Karte. Im Winter eine Zeitung, auf die kann man sich setzen und hat was zum Lesen. Ein Telefon ist nicht dabei. (Und wenn ich sehr unerschrocken bin, auch keine Kamera.)
Was ich da tue, ist ganz und gar meine Sache. Mir gemäß. Und das möchte ich alleine tun, ungestört und unbeobachtet. Ich will nicht einmal die Möglichkeit haben, angerufen zu werden. Ich will nicht einmal die Möglichkeit haben, jemanden anzurufen: ganz und gar ohne Leine.
Das alles habe ich schon so gehalten, bevor die Telefone in den Taschen der Bürger politisch wurden. Ganz für sich zu sein, ist ein Grundbedürfnis. Wer erwachsen, mündig ist, will unabgemeldet gehen, unangemeldet kommen können, keine Rechenschaft ablegen müssen und niemanden haben, der ihm über die Schulter schaut. Auch nicht zur Sicherheit.
Freiheit, das ist so ein Schlagwort. Immer toll, und wild, und wie fliegen. (Dabei liegt vogelfrei gar nicht so fern, und Freiwild.) Wer wollte das nicht, frei sein? Ich will das auch. Auch wenn’s was kostet.
(Hier ein Text dazu; hier ein Bild.)
Nachtrag: Und hier ein Grund, auch im Wald mal nach oben zu schauen. Die Rechtslage legt zwar nahe, Bilder von Personen umgehend zu löschen, aber macht’s das angenehmer?
Weitermachen
Das Telefonat aufschieben, bis der Tag hinreichend sonnig ist und die Vögel laut genug singen, denn schlimmer hätte es ja, machen wir uns nichts vor, kaum kommen können; sie dann so gefaßt vorfinden, es gibt kein Wort dafür als: tapfer; natürlich traurig, aber den Blick nach vorn, die Jahre noch nehmen, hätte sonst ja keiner was von, weitermachen, was sonst, und wie’s denn zuhause ginge, doch hoffentlich gut; am Ende versprechen, sich selbst am meisten, bald vorbeizuschauen; und dann, in Sonnenschein und Vogelgezwitscher, heulen müssen wie ein Schloßhund.
Schwebend

Im lichtgrünen Teich hängt geblendet ein Frosch, reckt die Arme der Wasseroberfläche entgegen, im Schwimmzug erstarrt; dann sinkt er sacht in die Tiefe und macht sich davon, zurück ins Dunkle, in Sicherheit.
Später steigt ein Fetzen Malerfolie aus dem Park in die Höhe, windet sich in der stillen Luft; wie aus Freude oder als ob es etwas wolle, schwebt es in Vogelhöhen hinauf. Irgendwann zieht die Wärme ihre Hand zurück: da taumelt das durchsichtige Gebilde, trudelt hinab aufs weiche Gras und fängt noch einmal, ehe es zu liegen kommt, hellauf das Sonnenlicht.
Noch später wünsche ich, sehr, daß ich etwas halten kann. Nicht die Seele, aber doch zumindest die Erinnerung.
Und wieso das?
Erstaunlich: ich schreibe hier seit beinahe sechs Jahren und hab’s gar nicht gemerkt. Wie die Zeit vergeht, meine ich. Vierhundertfünfundsiebzig Beiträge sind dabei entstanden, vom Schnappschuß-mit-Überschrift bis zum Fünfachtel-Essay. (Wieviel Zeit dabei draufgegangen ist, verschweigt mir die Blogsoftware; ist wohl besser so.)
Ich habe keine Mission, verdiene kein Geld damit, gewinne dadurch keinerlei Publicity. Ich zähle mich zum Heer der privaten Blogger, die — ja. Wieso mache ich das eigentlich?
Zuallererst …
Sag mal was.
Tía Paulina hat mich was gefragt. Beziehungsweise: sie hat mich nichts gefragt; da antworte ich doch glatt — … zehn Begriffe, zu denen ich etwas Lustiges, Trauriges, Geistreiches, Dämliches, Belangloses oder Bedeutendes lesen möchte.
Meer, Freiheit, Liebe, Sehnsucht, Lieblingsregisseurin, Hängematte, Singen, Duft, Erinnerung, Heimat.
Eine Kerze.
Wieder eine. Niemand bleibt, und wenn man ihn zwanzig Jahre kannte.
Uns bleibt: eine Kerze anzuzünden, ein Fünkchen, ein Zeichen; man kann ja nichts ändern, nur erinnern kann man sich. Und wünschen, daß es den Traurigen nicht so schwer wird.
Noch nicht jetzt, aber irgendwann werden die Geschichten kommen, ein Schwarm Vögel, so farbig, wie dieses Leben einmal war.
Panorama
Wo Wein gedeiht, da trödelt der Sommer am längsten: die Sonne fängt sich an den Hängen und taut den Rauhreif der Nacht zu Perlen auf den letzten Blüten, während hoch oben Kranichketten ziehen. Fernhin nach des Südens Wärme.
Herbstlichte Eichenwälder lassen die Sonnenstrahlen durch; Hemd und keine Jacke ist genug. Buntes Laub und Nebel und der Rhein unten im Tal — ich schaue und schaue.
So viel zu sehen: Pfützen auf dem Weg, auf deren Grund Blätter modern wie unter klarem Glas; blaue Käfer, unverdrossen Bein vor Bein setzend wie schimmernde Automaten; extravagant frisierte Pilze; Gedenkkreuze für Eheleuth, die schon dreihundert Jahre unter der Erde sind. Und das Ganze, das Große: der Fluß in weitem Bogen, Wolkengebirge, die sich in stürzenden Felshängen fortsetzen, und die Sonne, die im Untergehen Farbe über alles gießt.
Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen — immerzu beschwere ich mich, daß sich das Ergangene nicht abbilden läßt, und nun kann ich keine Bilder machen. Meine Kamera geht wieder anderer Wege als ich.
So muß ich — darf ich, was ich sehe, hinter den Augen speichern, mich anfüllen mit Bildern. Sattsehen: geht das?
Vermutlich ähnlich wenig wie: sattgehen.
Zwanzig Dinge
Zwanzig Dinge über mich: das ist ein Stöckchen, das ich beim hochgeschätzten @formschub gefunden habe. Bei Zuwurf-Aktionen mache ich eher nicht mit, es sei denn, etwas daran faszinierte mich. Hier ist es das Fehlen von Fragen …