Keine Geschichte

Du mochtest die Landschaft, so sanft, so offen, und ihre Fernen. Und das sagtest Du als junger Mann, für den Heimat vor allem zum Verlassen gut war. Ich weiß nicht, ob Du sie wiedererkennen würdest; so vieles hast Du nicht wachsen sehen.

Ich schaue immer für Dich mit.

In meinen Träumen bist Du manchmal so alt, wie Du nie geworden bist.

 

 

 

Kurzstrecke

Es ist keine gewöhnliche Wanderung mit Herrn G.: nur wenige Kilometer, immer in der Stadt, und außerdem gehen ein paar tausend andere Leute mit (wie viele, darüber wird später die Polizei schwankende Auskünfte geben). Aber was soll man machen, meint Herr G.; was muß, das muß. Dafür haben wir leichtes Gepäck und kaum Proviant dabei und, darauf legt Herr G. wert, kein Transparent, keine Fahnen. Wir sind Masse, aber wir tragen unsere eigenen Farben.

Je näher wir dem Sammelpunkt kommen, desto mehr Menschen strömen uns entgegen: Die sind schon losgegangen, schließen wir uns an! Herr G. beißt die Zähne zusammen. In Nullkommanichts sind wir ausgebremst, verlangsamen unser Schritt- zu Schneckentempo, bewegen uns in eine Richtung mit vielen, sehr vielen anderen. Nicht im Gleichschritt, das ist wichtig.

Parteien, Organisationen, Bündnisse in Rot, Grün, Schwarz, Orange und Pink schieben sich über die mehrspurige Straße; junge Leute, sogar Kinder tragen selbstgebastelte Plakate vor sich her: Kein TTIP! Kein CETA! Kein TISA! Oder auch: Freihandel ja, Knebelverträge nein!, oder: Wo bleibt das Grundgesetz?

Grau- und Weißköpfe mischen sich mit allen anderen Haarfarben, wir sehen Rentner in Beige, Pfadfinder mit Halstuch, Studenten mit Ordnern unterm Arm, geübte Alt-Demonstranten mit Megaphon. (Bei der Gelegenheit entdecken Herr G. und ich, daß unsere Mitbrüllschwelle etwa gleich hoch ist, nämlich so gut wie unüberwindlich.) Wie Stielaugen: Kameras und Telefone, hoch über die Köpfe gehoben.

Wir bewegen uns am Rand des Zuges, abseits vom größten Lärm. Ein Mann mit einer rosa Penis-Trillerpfeife pfeift, aber es will nicht recht trillern. Andere skandieren Reime auf: Hopp-hopp-hopp …, ganz schön schlicht, aber vernehmlich. Eine Frau in bunten Kleidern hüpft und kreischt Unverständliches; sie bekommt besänftigenden Applaus. Von den Reden über Lautsprecher dringt zu mir nur Tonfall: Anklage, Forderung; ich vermute allerdings sowieso, daß ich von zehn Befragten zwölf Antworten bekäme, wieso genau sie hier sind. Ist jetzt auch erst mal egal – es geht ums Sichtbarsein. Auf die Straße gehen, um zu sagen: Nein. Nicht so. Das haben wir nicht gewählt.

Das langsame Tempo auf Asphalt, der Lärm, die Menge Mensch, das alles ist anstrengender als viele Kilometer Wald und Feld. Nach wenigen Stunden sind wir erledigt. Herr G. und ich verschwinden in einer Seitenstraße Richtung Bahnhof. Sie werden uns wohl mitgezählt haben, sagt er. Ob das was bringt?, frage ich mich und ihn. Man kann’s nur hoffen.

Ein paar Tage später schweigen wir am Telefon; was soll man auch dazu sagen. Herr G. sagt dann doch etwas, nämlich: wie so eine weitreichende Entscheidung mißbraucht wird, um parteiinterne Macht zu zementieren. Ob er die Strapaze bedauert? Nein, natürlich nicht. Einfach so hinnehmen, wie hätte sich das denn angefühlt?

 

Altweiber

Diese späte Hitze in der Stadt ist mir angenehm; wie ein seidenes Kleid schwebt sie über der Haut, immer mit ein paar kühlen Fasern durchwirkt. Die Sonne, nicht mehr gnadenlos, kommt und geht sanft. Im Blätterdach der Robinien an der Straße: erste gelbe Sprenkel.

Beim Nachlesen über den Burkini denke ich, och, gar nicht übel; so was hätte ich als junges Ding auch getragen (wohl minus Kopfbedeckung).

Badeanzug, Gummistiefel, Bettwäsche, dicke Kleidung, dickes Buch. Reisevorbereitungen.

Ein Online-Wörterbuch gibt mir plötzlich Definitionen nur noch in simple language aus: ich habe wohl zuviel Dinge wie knowledge und development nachgeschlagen. Ich will doch nur wissen, wo die getrennt werden, herrje.

 

 

 

Echos

Ich weiß Deine Hände noch, Deine Stimme und Dein Lachen; alles längst aus der Welt, doch meiner Erinnerung wie eben erst verloren. Das hast Du mir dagelassen: daß Du mir fehlst.

Nun gibt es andere, um die ich fürchten muß, und mehr, die fehlen; doch ein Teil von mir denkt, wenn ich an sie denke, immer auch an Dich.

 

 

 

 

 

Von der Schönheit

Ich bin in einem Alter, in dem das größte Kompliment offenbar lautet: Du hast dich gar nicht verändert! Mir geht es, wenn ich das höre, wie Brechts Herrn K.: ich erbleiche. Ich habe doch Ansprüche ans Altern! Ich möchte bitte auch weiser, unabhängiger, abgeklärter, gelassener geworden sein, oder es zumindest gerade werden!

Das ist die flapsige Zusammenfassung einer etwas komplizierteren Sache.

Natürlich bezieht sich das o.a. Kompliment allermeistens auf das Äußere, und da ist es gelogen. Das ist nicht, was mich daran ärgert. Mich ärgert, daß es jemandem nötig erscheint, mich meiner Attraktivität zu versichern. Du hast dich gar nicht verändert! Ich höre in diesem Satz gleich mehrere Unterstellungen: Früher warst du schön, weil du ja jung warst. Jetzt ist das anders. Also mußt du traurig sein über den Verlust deiner Jugend und den damit automatisch einhergehenden Verlust deiner Schönheit, und darum … ach, dafür nicht, das ist ja wohl das mindeste …

Erstens: Es gibt in meinen Augen kein Alter für Schönheit. Ich kenne wunderschöne junge Menschen, und ich kenne wunderschöne Mittel- und Steinalte, wahre Augenweiden, die man immerzu betrachten möchte. Für mich ist Schönheit nicht quantifizierbar. Sie ist keine Funktion der Faltenzahl, keine Sache von Farbe oder Gewicht oder gar von dem, was man so am Leib zu tragen sich leisten kann.

Zweitens: Ich kann meine Attraktivität selbst sehr gut einschätzen. Und ich weiß auch, daß sie schwankt zwischen unsichtbar und Hingucker. Mehr noch – ich weiß inzwischen sogar, wovon das eine, das andere abhängt. Und es kommt, doch, echt jetzt, von innen.

Das ist ein Geschenk der Jahre, das Wachstum. Größer werden im Denken und Fühlen, während man vielleicht äußerlich zusammenschrumpelt. Man kann vielleicht sogar innen größer werden als außen. Aber das Rezept ist kompliziert, und es ist mit Sicherheit nicht für jeden Menschen dasselbe. Ich suche selbst noch.

Und drittens: Wie kommst du darauf, daß ich auf billigen Trost aus bin?

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Hier gefunden: Frau Quadratmeter hat eine Aktion gestartet und allerhand lesenswerte Texte zum Thema Älterwerden gesammelt. Das Echo war groß, es ist noch nicht verhallt, das Thema Älterwerden betrifft alle Menschen. Altwerden ist noch mal eine ganz andere Übung und, wie man hört, nichts für Feiglinge.

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Zu „Schönheit und Alter“ fällt mir immer diese Geschichte ein, die ich als Kind gehört habe (und über deren Wahrheitsgehalt ich nichts sagen kann; ich weiß nicht mal mehr, wer mir das erzählt hat): In der Bretagne, Urlaubsziel für viele Jahre, konnte man allüberall Teller, Tassen, Karten und Kram mit goldigen bretonischen Mädchen in Tracht erwerben. Das sei der reine Kitsch, bekam ich erklärt; zu früheren Zeiten habe man in der Bretagne keine jungen Mädchen abgebildet. Gemälde und später Fotos habe es lange Zeit nur von Frauen mit Runzeln und weißen Haaren gegeben; die habe man schön gefunden. Die Bildchen junger Frauen seien erst mit den Touristen aufgekommen – die wollten’s eben jung und niedlich.

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Mit dem Thema bin ich noch nicht fertig; ganz und gar nicht.

 

 

Nicht so super

Ein Text für Kleider machen Leute, diesmal zum Buchstaben C.
 
Ich war noch recht klein, da besaß ich für den Winter einen Kapuzenumhang aus grauem Wollstoff, bretthart und eng; wenn ich irgendetwas machen wollte, mußte ich dazu die Arme durch zwei Schlitze stecken (wobei immer, immer die Pulloverärmel hochrutschten) oder besser gleich das ganze Ding ausziehen. Meine Mutter fand es sehr schick, sie hatte so eins in beige, und sie nannte es auch nicht einfach Jacke – ich war in der Phase, in der man sich alle Wörter geschrieben vorstellen muß, also schrieb ich in Gedanken: Keeb.
Eine ganze Zeit war Keeb für mich ein Wort. Häng dein Keeb ordentlich auf. Es regnet, zieh die Kapuze vom Keeb über. Wo hast du schon wieder dein Keeb gelassen? Das Keeb ist für mich mit diesem widerspenstigen Lodenstoff verbunden, mit der Orientierungslosigkeit unter Kapuzen, die Sicht und Hören nur nach vorne zulassen, mit kalten Armen und mit Geschimpftkriegen.
Später erfuhr ich, daß das wohl ein Cape gewesen war, zumindest eine Art davon. Ein Cape! Glamour, Romantik, Superhelden! Das hat das Konzept für mich aber auch nicht mehr gerettet.
 
 
 

Ich hatte mal ein Abendkleid.

Beim Herrn Wortmischer: So was Hübsches, so viele schöne Geschichten, und ich finde es erst jetzt!
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Eigentlich ist es schon vollständig, aber da sich noch keiner um das Abendkleid gekümmert hat, mach ich das eben rasch.
 
Meine Mutter hatte es sich selbst genäht: astrein 60er, schulterfrei und fußlang, vorne Schlitz, hinten Schlitz, aus fieberrotem Samt. Mir paßte es perfekt, nur: was damit machen? So mit siebzehn? Zumal ich gar nicht tanzte?
Ich wechselte die Lebensumstände und die Städte, und immer hing im Schrank das rote Kleid. Manchmal zog ich es einfach so an; doch, paßte perfekt. Die Mitbewohnerinnen staunten.
Irgendwann fehlte einer, A., ein spektakuläres Gewand. Klar, ich lieh ihr mein Kleid. Sie war deutlich kleiner als ich, das glich sie mit hohen Absätzen aus; dann besorgte sie sich noch Handschuhe bis zu den Ohren, und abends gingen wir auf das Fest.
A. und ich nahmen bald getrennte Wege, aber für ihr Kleid bekamen wir beide Komplimente. Spät am Abend sah ich sie, wie sie mit hochrotem Kopf in Richtung Bad stürzte. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, daß sie Salatsoße verschüttet und sich von oben bis unten bekleckert hatte.
Mit einem „Sorry!“ bekam ich das Kleid von A. zurück. Die Flecken hatte sie halbwegs herausbekommen, doch der Samt, ein nachtragendes Gewebe, der war hin.
Ich behielt das Kleid noch eine Weile im Schrank, nur: keine Reinigung half, und Stoff für eine neue Vorderseite war nicht mehr zu bekommen; irgendwann muß ich es doch weggetan haben, sicher schweren Herzens. Andererseits brauchte ich es doch wirklich nicht, und heute kann ich staunenden Zuhörern erzählen: wißt ihr, ich hatte mal ein Abendkleid, oh ja, fußlang aus Samt, in Fieberrot. Echt wahr.
 
 
 

Zum guten Schluß

Ruhig lautet die letzte Vorgabe im Projekt *.txt, von dem ich in diesem Jahr Anregung für allerhand Geschichtchen mitgenommen habe, damit es nicht gar so still wird auf meinem kleinen Blog. Ich mag so was ja; ich habe schon als große Schwester meine Gute-Nacht-Geschichten nach Stichwörtern erzählt.
So kommunikativ wie vielleicht erwartet wurde das Ganze nicht, aber ich habe zu meiner Freude (neben alten Bekannten) einige mir neue Blogs entdecken können, wie lamamma und Frau Frogg, den Wortmischer oder auch Carsten.
Dank an Dominik Leitner, der das Ganze angestoßen, organisiert und gewartet hat (und das im kommenden Jahr fortführen wird, wenn ich recht lese). Und natürlich allen, die mitgeschrieben und gelesen haben; mir war’s ein Vergnügen, mich alle drei Wochen durch die Beiträge zu klicken.
Ach ja, einen Text zum Thema? Gibt es längst. Und damit wünsche ich allen die genau richtige Dosis Ruhe zwischen den Jahren.
 
Beitrag zum Projekt *.txt (17: ruhig).
–> alle meine *.txte
 

Wegbegleiter.

Johann Gottfried Seume dankte in der Vorrede zu seinem Spaziergang nach Syrakus auch seinem Schuster, ohne dessen Handwerkskunst er diese Strecke niemals bewältigt hätte. Wer zu Fuß geht, weiß, wie wichtig das Schuhwerk ist: gute Schuhe zeichnen sich dadurch aus, daß man sie nicht bemerkt; schlechte hingegen können Pläne zunichte machen.

Sozusagen unbeschriebene Blätter.
Sozusagen unbeschriebene Blätter.

Dieses Paar …

Andenken

In aller Hektik heute das kleine Stolpern: wieder ein Jahr, das Du nicht älter wirst. Du würdest Dich wundern. Der Tag bleibt anders gefärbt als die restlichen des Jahres; das macht das Glück, das ich Dir nicht wünschen kann. Ich hoffe, ich finde gute Verwendung dafür.
Ein Innehalten für Dich.