Kein Bild

War nicht mein Tag, und ich hätte die Kamera vielleicht daheim lassen sollen: Ich habe sie nur kurz abgelegt, um mein Gepäck ordentlich zu verteilen, und sie dann im Zug vergessen. Schon am Bahnsteig, der Zug war noch gar nicht richtig weg, fiel’s mir auf; die Kontaktummer für Fundsachen, die ich dann in einem Aushang las, begann mit 0900.

Ich erinnere mich gut, wie mir Derartiges mal in einem Zug eines Bahn-Subunternehmers geschah, in der Mittelrheinbahn auf dem Weg zu einer hübschen Wanderstrecke. Mein Hut, schon etwas mitgenommen, aber heiß geliebt, war in der Gepäckablage liegengeblieben. Ich fand am Bahnsteig eine Kontakt-Telefonnummer, rief an und hatte eine freundliche Dame am Apparat, die zwei, drei Fragen stellte, mich um Rückruf bat und mir dann sagte, ich möge eineinhalb Stunden später wieder am Bahnsteig stehen. Den Hut reichte mir der Zugführer dann aus dem Fenster des Führerhauses. Er lachte, ich strahlte; den Hut habe ich heute noch, die MRB in allerbester Erinnerung.

Nun also: 0900, oder Internet. Ich habe am Abend die Verlustmeldung im Netz aufgegeben, ein Formular ausgefüllt (Digitalkamera, Farbe: schwarz, wertlos auf dem Markt für Elektronik, mir aber sehr ans Herz gewachsen) und abgesendet. Noch in derselben Sekunde bekam ich eine Mail mit einer „Verlustmeldungsbestätigung“ und einer siebenstelligen Nummer, von der Fundservice DB AG (no reply).

Nun warte ich. Man kann nur hoffen.

 

 

 

Nichtbilder

Ich erinnere mich an zwei oder drei Alben mit Familienfotos, die nach Schwarzweißbildern rochen; manche hatten kunstvoll gewellte Ränder, an denen man mit dem Zeigefinger entlangfahren konnte. Besonders faszinierten mich die halbtransparenten Papiere zwischen den Albumseiten, die, bei vollständiger Kenntlichkeit der Bilder, alle Details verbargen; sie saugten sich an den Seiten fest und wollten mit Vorsicht abgehoben sein. Sie trugen ein geprägtes Spinnennetzmuster, in dem hier und da pralle Spinnen saßen.
Die Bilder des Liebsten wohnten in zwei Schuhschachteln; sie waren nicht sortiert, aber sie klemmten ungefähr da, wo sie chronologisch hingehörten. Manche waren in den Umschlägen aus dem Fotogeschäft gebündelt. Feste, Urlaube, Auftritte, Zivildienst, Studium, Ausland — alles hatte er, wie’s kam, dokumentiert und mit der freundlichen Achtlosigkeit, die ich liebte, in diesen Schachteln verwahrt.
Beides, die Alben mit den Familienfotos und die Schachteln mit den Bildern des Liebsten, gibt es nicht mehr …