Postkarte (eisig) von der Aue

Flußlandschaft im Winterkleid.

Dank Frau Amsel ist’s nun wieder gut: Sonntagsausflug an den Rhein! Einmal vom Winter durchgekitzelt und ein wenig gebissen, und schon zieht das Fernweh die Krallen ein und ist wieder eine Weile brav.

Der nahe Fluß macht alles einfach, klar und schön. Er gibt die Richtung vor, die Jahreszeit das Tempo. Das Wasser trägt Blau und Opal, Milch und Gold die Ufer. Überhaupt, das Gold des Winters, das man mit dem Blick nur streifen kann, nicht fassen — in Gänseketten reicht es bis zum Himmel.

Auf Schritt und Tritt dabei: die Kälte. Sie achtet streng darauf, daß wir Schal und Mützen anlassen und nicht herumtrödeln. Für ein halbes Stündchen entwischen wir ihr in ein Anglerheim mit Kamin und Kakao, aber draußen lauert sie schon auf uns, scheucht uns weiter und schließlich wieder nach Hause in die geheizte Küche, Suppe essen.

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Ufer mit Spitzenkragen.

Postkarte vom Kanal

Ob mehr England oder mehr Frankreich, ist nicht gleich zu entscheiden. Die Namen von Orten und Häusern lesen sich französisch und klingen völlig britisch; zum Frühstück gibt es Black Pudding, zum Nachtisch Crème brulée. Deutsch war man auch mal, aber nicht gern, und schaudert heute noch in den alten Betontunneln.

Zweimal täglich setzen die Gezeiten alle Boote im Hafen auf Grund. Man verbringt viel Zeit auf Abbruchkanten, blickt ins Blaue, Graue und Grüne und erwartet unentwegt malerische Schafherden; es gibt aber fast keine, bloß Banken, Versicherungen und Kühe. Und harte Pullover aus Fremdwolle — das Jersey-Schaf ist ausgestorben.

Die Insel zeigt ihren Besuchern ein freundliches Gesicht, ein sonniges, üppiges, butterfett glänzendes. Besucher sind gern gesehen, wenn sie, wie die Flut, immer wieder kommen und immer wieder gehen.

… und der Himmel über Jersey

Postkarte: Tag am Meer

Die erste warme Zeit des Jahres verlangt nach einem Tag am Meer, und wenn schon nicht Meer, dann zumindest am Wasser und im Querformat, weil man ja jetzt schon Stunden in den Wiesen liegen könnte, ohne sich ein kaltes Kreuz zu holen. Schöner als ein Tag im Liegen aber ist ein Tag im Laufen, und noch viel schöner ist ein Wandertag dann, wenn man eigentlich Besseres zu tun hätte. (Nichts Besseres natürlich, nur vernünftiger, nützlicher womöglich.)

Also zogen zwei, statt Nützliches zu tun, an den mittleren Rhein, genauer gesagt in die Rheinauen auf der Höhe von Ingelheim. Es wurde ein denkwürdig schöner Tag am Meer.

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Wiese.

Postkarte quer durch Frankreich

Der Schlüsselanhänger mit seiner großen Schwester, der Quitte.

Reisen, so sagt man, bildet. Nach meiner Tour durch Frankreich weiß ich, daß der Rhône ein Mann ist wie der Rhein, daß man in der Franche-Comté die Innenstädte beschallt und daß das Elsaß gleich fünf der schönsten Dörfer, der plus beaux villages de France, besitzt. Ich weiß, daß es Ortsschilder mit einem, zwei oder drei Blümchen gibt, je nach Qualität des lokalen Blumenschmucks. Außerdem habe ich interessant gegessen, gelernt, daß man beim Weinmachen auch nur mit Wasser kocht, und bin wunderbaren, lustigen und erstaunlichen Menschen begegnet. Ob das unter »Bildung« fällt, weiß ich nicht; ziemlich sicher jedoch fällt es unter »Glück«.

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Postkarte aus der Hauptstadt

Also bin ich von einem Rand der Republik fast bis zum anderen gereist und war Berlin, ein paar Tage lang. Berlin macht bescheiden — man kann nicht alle treffen, die man treffen möchte, und nicht alles sehen, was es zu sehen gibt. Ich hab noch einen Koffer Ungetanes in Berlin und muß daher gar kein Kupfer in die Spree werfen, um sicher zu sein: Ich komme wieder.

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Postkarte ausm Pott

Hier könnte ein Plakat hängen.

Dazu sind Industriedenkmäler da: Unterschiedlich Ahnungslose reisen hin und schauen sich an, wie Schiffe auf Berge gelangen, wie Berge ausgehöhlt werden, wie man Strom, Gas und Eisen macht. Überrannt von Größe, Gewalt und Gestaltung der Anlagen wanken die Besucher am Ende in ein Café und schreiben den Lieben daheim: Fahrt hin! Es ist toll!

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Postkarte vom Wegesrand

Zwei, drei Kilometer reichen, um in den Tritt zu kommen, und schon brechen die inneren Sommerferien an. Wie weit man reisen kann, einfach so, zu Fuß! Von Dorf zu Dorf zu Dorf grüßen die Leute auf der Straße, fragen nach Woher und Wohin und staunen. Die menschlichste aller Fortbewegungsweisen ist offenbar die ungewöhnlichste.

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