Hitze. Noch ein Versuch

Ich sitze im halben Dunkel und atme flach. Ich heize mit 100 Watt, das ist mir schweißtreibend bewußt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich den Sommer spüren, wie er sich durch die Straße wälzt und gegen die Gebäude drückt.

Der Sommer belagert mein Haus. Von den Fensterstürzen hängt er, mit der Stirn von außen an den Scheiben, flirrt mit Fliegen oder Funken oder heißer Luft; er bohrt Finger in den Fensterkitt und späht gleißend durch die Vorhänge. Von innen sind die Mauern kühl – noch. Doch draußen hat der Sommer glutvoll die Flanken an den Stein gepreßt, daß der Mörtel reißt.

Lang wird das nicht mehr gehen, dann ist er durch die Wand.

Schon jetzt hat sich die letzte Kühle in den Schränken versteckt; öffne ich in der Küche einen um ein Trinkgeschirr, fällt mit dem Glas ein Hauch angenehmer Luft aus dem Fach und über meinen Arm, kostbar wie Seide und, wie die Nachtstunden dieser Jahreszeit rasch aufgelöst.

 

[Einer Einladung zum Spielen kann ich auch bei größter Hitze nicht widerstehen. Prosaischer als der Herr Solminore, aber mit Knicks!]

[Und: Frau Trippmadam weiß sehr genau, wann die Hitze am größten ist.]

 

 

Nacht und Blatt

Am Boden.
Am Boden.

Die Dunkelheit kommt früh in die Stadt, und sie bleibt lang. Hier trägt der Herbst seine Farben eher auf der Innenseite und greift noch nicht im Ernst nach den Platanenkronen. Ab und an zupft er sich ein Blatt heraus, spielt damit, weht es um ein paar Ecken und läßt es dann liegen. Da vergeht es langsam im Asphalt, bis zum Morgen, wenn die Straßenkehrer kommen.
Im Wald strecken sich die Wege im Mondlicht und duften nach dem letzten Sommer, dem kommenden Winter und dem Frühling, der darunter schläft. In der Stadt ist mir draußen nicht draußen genug.

Januargrün

Apfelfeld in der Januarsonne.
Apfelfeld in der Januarsonne.

Ein Fluß mit breitem Kreuz und voller alter Geschichten, der tröstlich strömt — vorbei, vorbei; dazu ein frischer Wind und Wolkentheater bis zum Horizont: Traditionen soll man pflegen, und Ausbüxen mit Frau Amsel hat Tradition. Was könnte man auch besseres machen mit einem Januartag bei vierzehn Grad?
rh_gold rh-altarm rh-stroemung rh-abend rh-loewenz
Die Wege sind gepflügt von Treckerreifen; Schlamm steht knöcheltief, und natürlich hat kein Ausflugslokal geöffnet, aber Aussicht gibt’s und Sonne. Der Winter ist ausgefallen, piepen die Meisen, und es sieht aus, als hätten sie recht. Eine Tanne schwirrt von Staren, Wiesenkräuter wagen sich ins Licht, der erste Löwenzahn leuchtet.
Ob’s wohl noch mal friert?

Postkarte (eisig) von der Aue

Flußlandschaft im Winterkleid.

Dank Frau Amsel ist’s nun wieder gut: Sonntagsausflug an den Rhein! Einmal vom Winter durchgekitzelt und ein wenig gebissen, und schon zieht das Fernweh die Krallen ein und ist wieder eine Weile brav.

Der nahe Fluß macht alles einfach, klar und schön. Er gibt die Richtung vor, die Jahreszeit das Tempo. Das Wasser trägt Blau und Opal, Milch und Gold die Ufer. Überhaupt, das Gold des Winters, das man mit dem Blick nur streifen kann, nicht fassen — in Gänseketten reicht es bis zum Himmel.

Auf Schritt und Tritt dabei: die Kälte. Sie achtet streng darauf, daß wir Schal und Mützen anlassen und nicht herumtrödeln. Für ein halbes Stündchen entwischen wir ihr in ein Anglerheim mit Kamin und Kakao, aber draußen lauert sie schon auf uns, scheucht uns weiter und schließlich wieder nach Hause in die geheizte Küche, Suppe essen.

rhein-markstein rhein-ausflugslokal rhein-weiden rhein-selzmuendung

Ufer mit Spitzenkragen.