Reise im Herbst

Bevor das Blatt der Straßenplatane im Fall den Boden erreichte, wurde es von einer Hand aus der Luft gepflückt: Ein Mann steckte es sich ins Knopfloch, lachend, und nahm es mit in die Stadt. Später, selbst auf dem Heimweg, suchte er den richtigen Baum in der Reihe und legte es darunter auf die Erde.

So hatte es die Sparkasse gesehen, die Auslage der Metzgerei, das Blumengeschäft und, einen Wein lang, die Kneipe am Eck, und galt fortan unter seinesgleichen als herumgekommen.

Und wieder: Webcomics

Zum Einschlafen lese ich in meinem Einschlafbuch, zum Wachwerden lese ich Webcomics. Ein paar Dutzend habe ich auf meiner Leseliste, und noch vor wenigen Jahren waren sie ausschließlich englischsprachig, abgesehen von Der Tod und das Mädchen der Webcomic-Veteranin Nina aus Österreich.

Wenn ich heute meine Lesezeichen durchforste, hat sich einiges geändert — hier eine Auswahl von Webcomics (mehr oder minder regelmäßig) auf Deutsch:

Längst kein Geheimtip mehr ist der Flix mit seinen wunderbar erzählten Geschichten. Sollte jemand fragen, ob gebilderte gegenüber geschriebenen Texten tatsächlich einen Mehrwert bieten, empfehle ich die Lektüre von »Da war mal was …«.

Vielleicht weniger berühmt, aber ebenso lesenswert ist der Berliner Tagebuchcomic von Daniel Henze, in dem sich das alltägliche Draußen und die nicht immer kompatible Innenwelt des Zeichners die Hand reichen; puristisch schwarz-weiß und mit einem Hang zu Architektonischem.

Surrealer ist Das Leben ist kein Ponyhof von Sarah Burrini. Ihre, ahem, Mitbewohner Ngumbe, Butterblume und El Pilzo bieten der jungen Zeichnerin ganz neue Möglichkeiten, ihren Alltag zu reflektieren. (Außerdem verdanken wir ihr eine der schönsten Kußszenen der Comicgeschichte: 1, 2)

Dann wäre da noch Zwarwald, der wunderbar grüblerische Tagebuchcomic von Leo Leowald, mit regelmäßigen Ausflügen ins Was-wäre-wenn.

Selten, aber jedes Mal herrlich befremdlich sind die Updates von 18 Metzger, wie es heißt, einem Zeichnerkollektiv aus Köln. Unbrauchbare Ratschläge, überzogene Urteile und peinvolle Perspektiven, dargeboten von Matrosen in epischem Querformat — Herz, was willst du mehr?

Und auch wenn’s hier nur gelegentlich um Webcomics geht — tägliches Augenfutter gibt es beim Haushundhirschblog, wo die Schreiberin mb und der Künstler dm sich austoben und eine unglaubliche Produktivität an den Tag legen. Aber seht selbst.

Alle sind das nicht, und es gibt immer noch mehr zu entdecken. Ich freue mich, daß serielle Bildkunst im Netz blüht und gedeiht.

Ganz große Oper. Und: Spielen mit der Post

A rough English translation can be found in the comments section.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich eine Menge Bücher gelesen, die ich mochte. Entzückt haben mich zwei, eines nur auf Deutsch, das andere ausschließlich auf Englisch erhältlich, beide mit Witz geschrieben und viel Herz für ihren Gegenstand.

Bei Anke Gröner im Blog wurde mir Walküre in Detmold von Ralph Bollmann ans Herz gelegt. Und da ist es geblieben, dieses hübsche Buch, das die Opernlandschaft der deutschen Provinz beleuchtet und dabei ein ungewöhnliches Porträt unseres Landes liefert.

Der Autor besucht seit 1997 die Opernhäuser der Provinz; 2010 hatte er in jedem Zuschauerraum (mindestens) einmal gesessen. Opernkritik findet sich in seinem Buch, wenn überhaupt, nur am Rande; hier geht es um die Atmosphäre an den Häusern und beim Publikum, um den Umgang der Städte mit ihren Musentempeln und den Stellenwert der Kultur. Dazu erhellt der Journalist Bollmann die historischen und politischen Umstände, die dazu geführt haben, daß Deutschland 81 Opernhäuser betreibt — das sind, der unbedarfte Leser staunt, etwa so viele wie im gesamten Rest der Welt zusammengenommen.

Und wenn ich von Bollmanns schönen und weniger schönen Erlebnissen fernab der Metropolen lese, seinen nüchternen Analysen und seinen farbigen Schilderungen folge, fügen sich all die Eindrücke zu einem funkelnden Ganzen. Die »Walküre in Detmold« macht Lust auf Oper, und zwar auf die in der Provinz.

Eine ganz andere Art der Faszination weckt mein zweiter Bücher-Schatz (hach! Danke!): »The Englishman who posted himself and other curious objects« von John Tingey, seines Zeichens passionierter Briefmarkensammler. In diesem reich illustrierten Band beschreibt er Leben und Wirken von W. Reginald Bray (1879–1939), einem englischen Verwaltungsangestellten, dessen Hobby es war, möglichst absonderliche Gegenstände per Post zu versenden.

Die Postboten hatten Glück, wenn es sich nur um ausgeschnittene Figuren handelte oder um Karten mit gereimten oder gezeichneten Adressen. Es konnten auch gestickte oder mit Siegelwachs geschriebene Botschaften, Zwiebeln, Seetang, Bratpfannen sein. Außer einem Hasenschädel und dem »tapferen« Hund der Familie verschickte Bray sich selbst — und wurde so 1903 zum ersten Menschen, der seinen Eltern gegen Quittung von einem Postbeamten zugestellt wurde. Besonders gut gefallen hat mir die Postkarte mit dem Motiv eines meerumtosten Leuchtturms, adressiert »to the Keeper«.

Die Geschichte, wie der Autor John Tingey an sein Thema geriet, ist kaum weniger kurios: Als Briefmarkensammler erwarb er einen Stapel Umschläge, die eigenartig adressiert waren, etwa: »To any Resident of London« (ging zurück mit dem Vermerk, die Adresse sei nicht vollständig). Tingey fing an, sich mit den Objekten zu beschäftigen, und kam aus dem Staunen nicht heraus. Den »postalischen Aktivitäten« W. Reginald Brays widmete er zunächst eine Webseite, um seine Sammlung von Brays Werken zu erweitern; aus dieser und Kontakten zu Brays Nachkommen, die Bilder aus dem Familienalbum beisteuerten, entwickelte sich dann das vorliegende Buch.

Für Post-Fans, die des Englischen nicht mächtig sind, gibt es leider (noch?) keine Übersetzung; als kleiner Trost mag das Werk von Heinrich August Raabe (1759–1841) dienen: Die Postgeheimnisse
oder die hauptsächlichsten Regeln welche man beim Reisen und bei Versendungen mit der Post beobachten muß um Verdruß und Verlust zu vermeiden
.

Auch schön!

»Der Blogger«

Nachtrag Februar 2012: »Der Blogger ist tot«, kam eine Nachricht von Alex Grossmann. »Zwar habe ich überwiegend positives Feedback bekommen, doch der Hauptgrund für das Scheitern, liegt wohl an meiner fehlenden Reputation in der Bloggerszene.
Da ich nie ein übermäßig bekannter Blogger war und auch nicht über ein riesengroßes Netzwerk verfüge, haben mir wohl nur recht wenige zugetraut, dass „der Blogger“ ein Erfolg werden könnte.
Vielleicht war ich auch einfach zu früh dran und jemand anderes greift diese Idee in Zukunft nochmal auf. Ich glaube weiterhin daran, dass so etwas zum Erfolg geführt werden kann.«

Das Projekt ist so simpel wie anachronistisch: eine Zeitschrift, von Bloggern erstellt (gegen Honorar!). Online-Texte am Kiosk, Instagram-Fotos auf Papier, Blogosphären-Themen für alle? Vielleicht so in der Art, vielleicht aber auch anders.

Via Crowdfunding will AlexG das neue Magazin ins Leben rufen; die Themenbereiche Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Technik, Gesellschaftskritik und Zeitgeist sind geplant. So weit nichts Überraschendes. Für mich der Charme der Idee: Offline wäre die Hetze des Netzes außer Kraft gesetzt. Hier könnten Leute aus allen möglichen Lebenszusammenhängen schreiben; Spezialisten für Nischenthemen, Polemiker, Poeten, eben Menschen mit besonderem Blick auf die Welt, so vielfältig wie die Blogosphäre. Auswahl und Zusammenstellung wäre eine Aufgabe für eine sehr fähige Redaktion, natürlich. Und für ein durchsetzungsfähiges Korrektorat.

Ob so ein Projekt funktionieren kann? Keine Ahnung! Und auch, in welche Richtung es sich entwickeln würde, finde ich höchst spannend: Gebrauchslyrik? Grafik-Experiment? Stimme aus dem Keller? Monatliches »Best of«? Der Mangel an konkreten Eingrenzungen macht mich neugierig und weckt Hoffnungen auf Bildstrecken von Obst, Froschleichen oder Kaugummiautomaten …

Wenn so ein Magazin gut gemacht wäre: Ich würde es kaufen. Dazu muß es allerdings erst mal zustande kommen. (Es fehlen im Augenblick noch 30 Fans.)

Jahrestage

Und dann gibt es Tage, die jedes Jahr wieder eine Kerze erfordern, das ist das Mindeste; und man denkt: Wehe, du hörst auf, mir zu fehlen; mehr hab ich schließlich nicht von dir. Und: Verdammt, da ist ein Geburtstag frei geworden, warum nimmt den nicht endlich jemand?

Kerze
Licht.

Und dann, dann passiert genau das.

Lebe gut und zufrieden, Kleiner!

 

 

 

 

 

 

Walnüsse

Mein Kindergartenweg war überwölbt von einem riesengroßen Walnußbaum. In meiner Erinnerung herrscht beständiger Herbst, der mich zwang, im Laub nach Nüssen zu suchen, sie auf einen Stein zu legen und draufzuspringen, um dann mit Sorgfalt die Nuß- von den Schalentrümmern zu trennen. (Und mich in jede Richtung des Weges hoffnungslos zu verspäten, zu der »Tante«, die nun wirklich nicht meine war, wie zum Essen daheim.)

Ich lernte, die Wucht meines Absatzes zu dosieren, so daß sich bald das ganze Walnußkerngebilde unversehrt aus nur mehr angeknackster Schale lösen ließ. Später dann öffnete ich Walnüsse noch schonender mit den Backenzähnen oder zwischen den Handballen.

Lag die Schale am Boden, begann der eigentliche Spaß: das Abziehen der Lederhaut, die leicht bitter riecht und unter der der weiße, kühle Kern nur noch in einem seidenpapiernen Häutchen steckt. Mit Übung kann man eine ganze Walnußhälfte in einem Rutsch von beiden Häuten befreien, und zur Belohnung zerscherbt das nackte Innere süß zwischen den Zähnen. Auch wenn es mir schon damals bitter besser schmeckte.

Die Ergebnisse meiner Forschung waren stattlich. Ich konnte die tauben Nüsse nach ihrem Klang auf den Steinen aussortieren; ich lernte all die Arten kennen, auf die Walnüsse komisch schmecken können, und die grauen und pelzigen ganz zu meiden; ich lernte, daß das Äußere der Walnußschale wenig über ihre innere Beschaffenheit aussagt, und daß es Ärger gibt, wenn man die eigene Haut mit den fleischigen Walnußfrüchten bräunt.

Dann war die Zeit vorbei, in der ich jeden Baum als meinen eigenen betrachtete. Die käuflichen Nüsse aus Frankreich oder Kalifornien, getrocknet und goldfarben in Plastiktüten, mochte ich noch nie; sie kommen in nichts an die unansehnlichen, kompliziert zu schälenden Nüsse unterm Baum heran.

Umso entzückter war ich über das Postpaket vom Niederrhein, das so schwer nur sein kann, wenn die Nüsse darin noch feucht und frisch sind. Ich habe sie weder mit dem Schuhabsatz noch mit den Zähnen geöffnet, aber die Freude an dem unverwechselbaren Biß, die ist genau wie damals auf dem Weg zum Kindergarten.

Walnüsse
... der Rest vom Fest. Danke! Sie waren herrlich!

Kleines Schwarzes

Kamera, kapott

Ich hatte sie schon mehrmals beklagt. Für ihren letzten Abgang hat sie sich einen denkwürdigen Moment ausgesucht: meine Führung durch das Essener Aalto-Theater machte ich als Ein-Personen-Gruppe und mit einem pfundschweren schwarzen Stein am Schulterriemen.

Nach einigem »kann ich mal kurz deine Kamera« und hoffnungsvollen Stunden bei eBay — das gute Stück ist immer noch beliebt — bekam ich jetzt eine unverhoffte Nachfolgerin.

Noch sind wir uns ein wenig fremd, aber hier ist schon mal ein Bild: die alte. Mit der neuen.