Einfach drüberfärben!

Nennen Sie mich überempfindlich, aber bei dieser Werbung, so gern ich die Geschichte gelesen habe, wird mir ganz anders.

Ich weiß nicht, ob so für eine Diät, ein Fitneßstudio oder einen plastischen Chirurgen geworben wird; das scheinen mir auch nur Abstufungen derselben Sache, denn für alle drei gibt es vor allem dann Bedarf, wenn genügend Menschen feststellen, daß ihre Körper nicht brauchbar sind. Aber fürchtet euch nicht, denn für nur 79,90 im Monat* könnt ihr genau den Körper bekommen, der zu euren Plänen paßt (bzw. ihn euch im Schweiße eures Angesichts erarbeiten, wir sind ja nicht zum Vergnügen hier)!

Der Mensch als Gott. Alter? Konstitution? Vielleicht sogar: Neigungen? Alles nur mehr eingebildete Grenzen; wenn du nur wirklich, wirklich willst, wenn du investierst, kannst du dich zu allem** formen.

Man kann sich darüber wundern oder amüsieren, wenn ungefragt Haartönungen empfohlen („schaut völlig natürlich aus!“) oder die Segnungen formender Unterwäsche gepriesen werden („hast wohl Weihnachten gesündigt, höhö!“). Es ist der Mitwelt offenbar nicht egal, wie man aussieht; das ist doch, naja, vielleicht auch was Schönes. Aber wo ist das Ende der Anteilnahme? „Solche Zähne begradigen ist für einen guten Kieferchirurgen doch gar kein Problem“, „Gegen Depression gibt es ja zum Glück gute Medikamente“, „Ach, bei Kinderlosigkeit kann man heute so viel machen …“?

Du kannst alles werden, was du willst! – Wieso findest du dich damit ab, wie du bist? Du kannst viel mehr aus dir machen! – Oh, ach? Na, da hast du dich wohl nicht genügend angestrengt … Oder willst du bloß nicht? — Aus Möglichkeit wird Recht wird, schwups, das neue Normal.

Aber was rege ich mich auf. Ist doch alles freiwillig.

 

*Mindestlaufzeit: 12 Monate, kündbar zum Quartal
**zu Risiken und Nebenwirkungen erkundigen Sie sich bei Ihrem Arzt oder Apotheker; Anbieter übernimmt keine Haftung für etwaige Schäden

 

 

 

Weihnachtsmarkt!

Die Nächte werden länger, die Temperaturen fallen, im Lande läuft wenig rund, dafür jede Menge schief — beste Voraussetzungen für ein bißchen Realitätsflucht. Dem Wirklichkeitsgeplagten bieten Städte und Gemeinden zum Jahresende Instant-Idyllen mit Alkoholausschank und Musik wie Zuckerpampe: Weihnachtsmärkte.

Ich bin allgemein keine Freundin von Rauschgoldplastikkram, Süßer-die-Glocken und glühweinbeschwipsten Menschenmassen. Aber es gibt einen Weihnachtsmarkt, den ich mag, nämlich den im Darmstädter Stadtteil Bessungen: Eine Handvoll Buden auf dem Dorfplatz bei der Kirche; hausgemachter Punsch, hausgemachtes Essen, hübsche Dinge von Kunsthandwerkern. Und, wichtig, keine flächendeckende Weihnachtsbeschallung.

Wenn Goldschmiedinnen Plätzchen backen ...

Die Budenbetreiber sind aus der Gegend, auch das Publikum ist eher lokal, die Stimmung friedlich, selbst wenn’s nicht schneit. Also, wenn schon Weihnachtsmarkt, dann dieser — da klappt es auch, ein, zwei Stündchen lang, mit der Realitätsflucht.

Der Bessunger Weihnachtsmarkt im Netz
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»Der Blogger«

Nachtrag Februar 2012: »Der Blogger ist tot«, kam eine Nachricht von Alex Grossmann. »Zwar habe ich überwiegend positives Feedback bekommen, doch der Hauptgrund für das Scheitern, liegt wohl an meiner fehlenden Reputation in der Bloggerszene.
Da ich nie ein übermäßig bekannter Blogger war und auch nicht über ein riesengroßes Netzwerk verfüge, haben mir wohl nur recht wenige zugetraut, dass „der Blogger“ ein Erfolg werden könnte.
Vielleicht war ich auch einfach zu früh dran und jemand anderes greift diese Idee in Zukunft nochmal auf. Ich glaube weiterhin daran, dass so etwas zum Erfolg geführt werden kann.«

Das Projekt ist so simpel wie anachronistisch: eine Zeitschrift, von Bloggern erstellt (gegen Honorar!). Online-Texte am Kiosk, Instagram-Fotos auf Papier, Blogosphären-Themen für alle? Vielleicht so in der Art, vielleicht aber auch anders.

Via Crowdfunding will AlexG das neue Magazin ins Leben rufen; die Themenbereiche Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Technik, Gesellschaftskritik und Zeitgeist sind geplant. So weit nichts Überraschendes. Für mich der Charme der Idee: Offline wäre die Hetze des Netzes außer Kraft gesetzt. Hier könnten Leute aus allen möglichen Lebenszusammenhängen schreiben; Spezialisten für Nischenthemen, Polemiker, Poeten, eben Menschen mit besonderem Blick auf die Welt, so vielfältig wie die Blogosphäre. Auswahl und Zusammenstellung wäre eine Aufgabe für eine sehr fähige Redaktion, natürlich. Und für ein durchsetzungsfähiges Korrektorat.

Ob so ein Projekt funktionieren kann? Keine Ahnung! Und auch, in welche Richtung es sich entwickeln würde, finde ich höchst spannend: Gebrauchslyrik? Grafik-Experiment? Stimme aus dem Keller? Monatliches »Best of«? Der Mangel an konkreten Eingrenzungen macht mich neugierig und weckt Hoffnungen auf Bildstrecken von Obst, Froschleichen oder Kaugummiautomaten …

Wenn so ein Magazin gut gemacht wäre: Ich würde es kaufen. Dazu muß es allerdings erst mal zustande kommen. (Es fehlen im Augenblick noch 30 Fans.)

Mensch sein

Nein, ich nehme nicht leicht etwas persönlich. Auch nicht Werbung; die nehme ich normalerweise nicht mal wahr, geschweige denn ernst. Nur gelegentlich schafft es ein Slogan, ein Bild oder etwas in der Art, mein Beschäftigtsein mit anderem zu durchdringen; dann allerdings meist, um mich zu ärgern (Stichwort Ohrwurm).

Und nun wirbt da ein Warenumschlagplatz, den ich aufsuche, weil ich muß, mit: »Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!«

Wie war das gleich noch bei Goethe? Nach dem Beinahe-Selbstmord der vergangenen Nacht unternimmt Magister Faust in euphorischer Stimmung seinen berühmten Osterspaziergang. Als er in der Ferne das Jubeln und Lachen festlich gestimmter Dorfbewohner vernimmt, ist er hingerissen. Während seinem Famulus Wagner das bunte Treiben roh und ordinär erscheint, erkennt Faust darin ein kollektives Aufatmen zum Feiertag, einen Ausdruck von Glück und Dankbarkeit: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!«

So, und was will mir der o.a. Werbeslogan sagen? Mensch bin ich da, wo ich Geld ausgebe? Das, was mich zum Menschen macht, ist das, was ich im Portemonnaie mit mir herumtrage? Kaufen ist toll?

Ich gehe nicht einkaufen, weil ich Freude daran habe. Ich sehe das weder als Mittel, mich auszudrücken, noch als entspannende Freizeitbeschäftigung, sondern ich gehe einkaufen, weil ich nun mal Zahnpasta brauche, weil ich waschen muß oder weil das Klopapier alle ist, und ich suche mir Läden nach fußläufiger Erreichbarkeit aus.

Mir ist klar, daß ich für eine Ladenkette nichts anderes bin als eine potentielles winziges bißchen Umsatz, irgendwas in der siebzehnten Nachkommastelle. Kleinvieh, das halt auch Mist macht. Wenn man mir per Werbung vermitteln will, daß es um mich als Menschen geht, dann schaue ich einmal nachsichtig über den Brillenrand. Mir aber zu sagen, daß mich – oder irgendjemanden sonst – der Konsum zum menschlichen Wesen macht, das verbitte ich mir. Ich müßte mich sehr, sehr dafür schämen.