Stelldichein

Jadoch, ich mag’s unrasiert. Das nicht ganz Normschöne zieht mich an. Gleichmütiges Tragen alter Narben, egal woher sie stammen. Auch Mangel an Selbstmitleid und geduldig geflickte Kleidung. Und natürlich habe ich mich in Essen verknallt.

Pension Pötters Essen
Erbaut 1912.

Jetzt weiß ich auch den Ort für ein Stelldichein, ein ideales Liebesnest fernab aller Standardisierung und dicht am schlagenden Herzen des Dorfes, das diese Großstadt untendrunter ist. Mehr sei nicht gesagt, nur wärmstens empfohlen.

Ton und Licht

Eines der ältesten Handwerke der Menschheit ist sicher das des Töpfers: Schüsseln und Krüge, wasser- und hitzebeständig, waren an jedem Feuer notwendig. Nutzen allein genügte schon den steinzeitlichen Menschen nicht: sie verschönten ihre Keramik mit Abdrücken, Ritzungen, Farben, Glasuren, erfanden zweckdienliche Formen, brachten Henkel, Tüllen und Deckel ins Spiel — so begrenzt das Thema, so unendlich vielfältig seine Ausführung. Und seit Tausenden von Jahren gestalten Keramikkünstler die ganze alte Sache immer wieder neu.

Gotlind und Gerald Weigel leben im rheinhessischen Gabsheim; in einem Gehöft mitten im Dorf wohnen und arbeiten sie, umgeben von hundertjährigen Ziegelmauern. Sie sind in der Kunstwelt bekannt, vielfach ausgezeichnet; Sammler kommen von weit her zu ihren jährlichen Werkstattausstellungen.

Gerald Weigels massige Gefäße sind Aufbaukeramik. Sie sehen beinah steinern aus, grau oder in den rheinhessischen Ziegelfarben, und in ihre engen Öffnungen möchte man Efeu drapieren. Dieses Jahr hat er sie aufgebrochen, Scherbe an Scherbe gesetzt und ihnen flirrende Schatten verliehen.

Gotlind Weigel hingegen dreht ihre Keramiken auf der Töpferscheibe. Sie wirken in diesem Jahr zart und licht. Weiße Kugelvasen tragen fließende Kragen oder verbergen ihre Öffnung zwischen glatten Blütenblättern; durchscheinend helle Schalen stehen in rauhen, grauen Keramikhüllen, als hätten sie sie eben abgestreift.

Kugelvasen (Gotlind Weigel)Kugelvase (Gotlind Weigel)

Ich bewundere, wie mühelos sie sich in Stilleben fügen, und weiß zugleich: Im Notfall ließe sich mit diesen Krügen Wasser schöpfen, in diesen Schalen Getreide lagern. Das macht sie in meinen Augen noch schöner.

Flusensieb

Nach den hinreißenden Vorlagen habe ich nun auch mal das Flusensieb durchwühlt.

Was nach Abzug von Marienkäferlarven und Gartenschädlingen hängengeblieben ist:

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kunsthaartoupets
visueller haarschnitt
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normalverteilung schönheit (babys, parkplätze, urlaub)
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frühstcksbrettchen verkehrsordnung
lakritz gegen damenbart
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lebt loriot noch
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was tun für geistige abwesendheit
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welches ereignis treibt faust beinahe in den selbstmord
wie werde ich energisch
ereader lesen im bett
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Trulli

Wo Rheinhessen am schönsten ist, heißt es »rheinhessische Schweiz«. Auch hier sind die Hügel alles andere als alpin; der Toskana-Vergleich leuchtet schon eher ein.

In der Gemarkung von Flonheim-Uffhofen können Wanderer am Wegesrand lernen, wie die Weinsorten schmecken. Beschriftete Reben tragen Trauben aller Farben. Will man wirklich alle kosten, braucht das etwa so viel Zeit wie das Zusammenbrauen eines Wetters.

Wenn nun ringsum kein Fetzchen Blau mehr zu sehen ist und Regenschleier schon den Taunus verhüllen, leuchtet weiß die Rettung auf der Hügelkrone: ein runder Bau mit wenig mehr Öffnungen als dem Eingang und, darauf kommt es jetzt an, mit kegelförmigem Dach. Drinnen gibt es nichts als eine Rundbank, Platz für knapp ein Dutzend Leute.

Trullo 1756 bei Flonheim, Rheinhessen

Das ist der Trullo »1756« von Flonheim. Seit Menschengedenken wurden solche Bauwerke in Apulien errichtet, von der einfachen Schutzhütte bis hin zum kompletten Wohnhaus mörtellos aus Feldsteinen geschichtet. Ihre dicken Mauern halten Wind und Regen und die ärgste Hitze ab. Apulische Wanderarbeiter bauten sie vor zwei- bis dreihundert Jahren überall, wo sie Unterstand brauchten. Auch in Rheinhessen.

Dort wurden die »Wingertsheisje« in den letzten Jahren wiederentdeckt, liebevoll hergerichtet und teilweise für Besucher geöffnet. Man geht wohl sogar so weit, nagelneue Trulli in die Wingerte zu stellen …

Die Flonheimer jedenfalls sind stolz auf ihr Wahrzeichen. Nicht nur Besucher werden hierher geführt zu Wingertsrundgängen mit Weinprobe – auch die Einheimischen kommen, um zu picknicken, zu feiern, Heiratsanträge zu machen. Kein Flonheimer Hochzeitsfoto ohne Trullo. Tische und Bänke stehen draußen, die Aussicht ist großartig. Und wenn es regnet, verzieht man sich in das urtümliche Häuschen, rückt zusammen und kommt, so im Kreis sitzend, schnell ins Gespräch.

Man sieht dem Flonheimer Trullo an, daß er geliebt wird. Ein wunderbarer Ort, allemal einen Spaziergang wert.