Ach …

Ich habe keine Lust zu bloggen, auch wenn es der schönen Dinge genug zu beschreiben gäbe. Aber die schrecklichen Dinge türmen sich und nehmen mir die Worte.
In einem Land gar nicht so weit von unserem entfernt wird ein Mensch öffentlich ausgepeitscht, weil er in seinem Blog Fragen gestellt hat, weil er sich regierungs- und religionskritisch geäußert hat. Weltweite Proteste konnten diesen Wahnsinn bislang nicht stoppen.
Wir leben offenbar in einer Welt, in der Worte so gefährlich sind, daß sie unmenschliche Gewalt rechtfertigen. In der für religiöse Ideen Menschen getötet werden. In der das Leben eines Bloggers, die Hoffnungen seiner Familie zerstört werden können. Einfach so.
Ich habe nie Nachteile durchs Bloggen gehabt; die Gesellschaft, in der ich zuhause bin, folgt im großen und ganzen dem Grundsatz: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Ich habe Glück mit meinem Wohnort.
Was kann man tun? Schreiben. Immer: schreiben. So wenig; so viel.

Die Ordnungen zur See

Im Grunde ist es klar: Himmel oben, Meer unten; und alles dafür tun, daß es so bleibt.
Seezeichen, sagte der Kapitän, seien für Idioten gemacht. Deshalb seien sie simpel; regelrecht narrensicher. Denn: früher sei ja vor allem zur See gegangen, wer an Land nix geworden war.
Alles hat Richtung und Reihenfolge: wie herum gewickelt, was wo aufgehängt, wem was gesagt wird. Damit Land und Wasser gründlich geschieden seien, tragen die Dinge andere Namen auf dem Meer. Abläufe wie am Schnürchen, daß im Dunkeln, bei Windstärke Elf, bei Mann über Bord, in der endlosen Routine der Deckswachen jeder Handgriff sitzt.
Viele Jahre, erzählte der Kapitän, sei er für Monate am Stück um die Welt gefahren; seine Frau und er hätten sich Briefe geschrieben. Schnell lernten sie, Durchschläge der eigenen Nachrichten aufzubewahren, denn die Antwort auf eine Frage aus dem Sommer kam oft erst im Herbst.
Die Fahrrinnen mit Tonnen und Leuchtfeuern; Strömungen, Winde, die Gezeiten, und über allem als höchste Ordnung die Gestirne.
Auf der Seefahrtsschule standen Fächer wie Nautik, Navigation und Englisch auf dem Lehrplan – und, über eineinhalb Jahre hinweg, eine Wochenstunde Literatur. In dieser Stunde wurde, nach Gattungen sortiert, die Literatur im Hinblick auf die Seefahrt behandelt, von der Odyssee über Melville bis zu Joseph Conrad. Wozu? Für die langen Nächte? Der Steuermann zuckt mit den Schultern. Ihm hat es gefallen; heute ist das alles abgeschafft. Die ganze Seefahrtsschule: Vergangenheit.
Die Sternbilder sind seit GPS nicht mehr so wichtig. Aber sie machen den Blick zum Nachthimmel wunderbar.

Meerchenwege

Manchmal muß man auch hin, wo’s nicht geht. Oder vielmehr: wo es lange nicht ging; denn erst vor zwölf Millionen Jahren zog sich das tertiäre Meer aus dem Mainzer Becken zurück und hinterließ die kalkigen Hügel, die heute Rheinhessen heißen.

Wegkreuz an altem Feldweg.
Wegkreuz an altem Feld- und heutigem Radweg.

Man sieht diese Gegend sonst nur von der Autobahn, und so ist das Tal der Selz, die sich auf ihrem Weg zum Rhein ein breites Bett gewaschen hat, eine Überraschung. Weiches Steigen und Fallen, hier und da eine Erhöhung, die man kaum schroffer nennen mag; Bäume gibt es nur in Zeilen an Gräben oder gelegentlich als Landmarke im Einerlei der Äcker.
Vom Bahnhof in Nieder-Olm geht es durch Neubaugebiet aus dem Ort, und da ist erst einmal – Leere. Felder, die Bahnlinie, in der Ferne die Autobahn. Nackt liegt der Boden, und wo die Selz sich schlängelt, zeigt eine ungekämmte Reihe Weiden an. Darüber: Himmel, fast so viel wie an der Küste; darin eine kräftige Sonne.
Ich muß an meine aktuelle Lektüre denken: diese Landschaft in diesem Licht würde in die Innere Mongolei passen, wären da nicht die Dörfer, die immer weiter über die Ebene quellen und Kleinfamiliendomizile in die sanften Hügel würfeln.
Da der Kirchturm, dort die Windräder und da hinten der runde Hügel mit dem Weinbergshäuschen — kaum bin ich ein paar Schritte gegangen, haben sich schon alle Landmarken verschoben; als wäre ich mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Ich springe ein wenig, um zu prüfen, ob hier die Schwerkraft gilt wie anderswo.
Später an der Bushaltestelle in Köngernheim komme ich mit einem Mann ins Gespräch. Oh, er wandere ja gern, aber hier –? Ich möge es ihm nicht übelnehmen: Rheinhessen sei die häßlichste Gegend, die ihm je untergekommen sei.
Nun ja. Man muß es mögen; ich mag’s.

Den See sehen

Wenn das Meer fern ist, muß eben ein See-Gang genügen. Einen See weiß Herr G. Und am Wandertag herrscht eine steife Brise, daß der Wald brandet; man sollte die Mütze tief ins Gesicht ziehen, sonst lernt sie fliegen.

Laacher See
Zwischen Wellenbergen: am Maar.

Wir nehmen ein Flüßchen als Begleiter hoch in die Eifel, Richtung Bims und Basalt. Hier entspringt Mineralwasser, und um den Brunnen herum gedeiht Industrie. Die Quellnymphen …

Und Schnee

Jedes Jahr der erste des Lebens.
Nicht Niederschlag, sondern Segen. Alle Augen strahlen, in den Schultern kribbeln schon Ballschlachtpläne, und auf Wangen und Lippen: lauter leichte, nadelspitze Küsse.
Ist es nicht stiller geworden? Da haben wir Besuch aus dem Himmel. Schaut, wie es glitzert, der weiche Teppich auf dem Asphalt, und alle Autodächer sind schön.
Morgen dann die Tritte der Tauben auf dem Bürgersteig, bis das Streusalz sie unleserlich macht. Übermorgen haben wir uns gewöhnt und ziehen gegen die Kälte die Schultern hoch. Und noch später: alles Matsch.
Doch heute herrscht Zauber. Der letzte ganz echte im Jahr.
 
 
 
 
 
 

Eisspaziergang mit (innerem) jungem Hund

Blau steigt der Tag über die struppigen Hügel und bringt Kälte mit. Der Schnee von gestern: heute bleibt er liegen, und kriegt noch eine Glasur, daß er bei jedem Tritt knackt wie feinstes Porzellan.

Himmel hinter kahlen Bäumen
So durchsichtig ist der Wald nur im Winter.

Da wird der innere junge Hund ungebärdig: es hat geschneit! Schnee liegt! Und das glitzert in der Morgensonne – raus, nichts wie raus!
Also raus …