Zum Meer

Bei Geschichten und Meer hingefunden; Abzweigung einer Blogparade zu Europa und das Meer:

Rinnsale streben in Bäche, Bäche in Flüsse, Flüsse in Ströme. Ich könnte einem beliebigen Wasserlauf folgen und käme früher oder später ans Meer. Das hat mir immer schon gefallen, das Meer als Ziel. Klare Farben, klare Verhältnisse: unten Wasser, oben Himmel, mit denkwürdigen Ausnahmen.

Stunden schaue ich dem Licht zu, den Wolken und den Farben. Wer am Meer steht, steht vor der Frage: Und nun? Was gibt es noch Fremderes, und wie komme ich da hin? Nirgends ist Wetter schöner und nirgends gefährlicher als hier; Sonne, Wind und Salz zermürben, was sich nicht immerzu erneuern kann. Am Meer ist alles klein, nur Himmel und Wasser nicht. Ich Zweibeiner und Lungenatmer bin ihm ganz und gar egal, es hat ja nicht mal Augen, um mich zu betrachten. Die Liebe zum Meer ist eine einseitige.

Das Meer trägt, ernährt, bezaubert uns. Wir hielten es einst für unendlich und noch bis vor kurzem für unerschöpflich und unverwundbar; das alles ist es, wissen wir inzwischen, nicht. Es hat nicht Fisch für alle, schenkt sein Öl nicht her, schluckt nicht jeden Müll. Es ist bereist und besungen, vermessen, beschrieben und kartiert. Grenzen hingegen sind dem Meer gleich. Menschen haben auch auf See Hoheitsgebiete abgesteckt, und Menschen scheitern an ihnen. Dem Wasser selbst sieht man das nicht an; nur die Toten, die legt es uns an die Strände.

Von der Wasserfläche können wir es lesen: Alles kommt und geht, nichts hat Bestand und nur weniges Gewicht, was wir nicht in uns tragen. Es gibt keine Barmherzigkeit in der Welt als die kleine, alltägliche, die wir zu verschenken haben, und das können wir, weil wir nicht gleichgültig, nicht ewig, sondern weil wir Menschen sind.

 

Alle Flüsse fließen ins Meer. Alles Wasser fließt hinab, hinab bis Normalnull, bis es irgendeins der sieben Weltmeere erreicht; aus Menschensicht strömt es immerzu fort von der Mitte, wie ein umgekehrter Blutkreislauf, dessen Motor und Bestimmung nicht im Zentrum des Ganzen liegt, sondern es rings umgibt.

 

 

 

Die Ordnungen zur See

Im Grunde ist es klar: Himmel oben, Meer unten; und alles dafür tun, daß es so bleibt.
Seezeichen, sagte der Kapitän, seien für Idioten gemacht. Deshalb seien sie simpel; regelrecht narrensicher. Denn: früher sei ja vor allem zur See gegangen, wer an Land nix geworden war.
Alles hat Richtung und Reihenfolge: wie herum gewickelt, was wo aufgehängt, wem was gesagt wird. Damit Land und Wasser gründlich geschieden seien, tragen die Dinge andere Namen auf dem Meer. Abläufe wie am Schnürchen, daß im Dunkeln, bei Windstärke Elf, bei Mann über Bord, in der endlosen Routine der Deckswachen jeder Handgriff sitzt.
Viele Jahre, erzählte der Kapitän, sei er für Monate am Stück um die Welt gefahren; seine Frau und er hätten sich Briefe geschrieben. Schnell lernten sie, Durchschläge der eigenen Nachrichten aufzubewahren, denn die Antwort auf eine Frage aus dem Sommer kam oft erst im Herbst.
Die Fahrrinnen mit Tonnen und Leuchtfeuern; Strömungen, Winde, die Gezeiten, und über allem als höchste Ordnung die Gestirne.
Auf der Seefahrtsschule standen Fächer wie Nautik, Navigation und Englisch auf dem Lehrplan – und, über eineinhalb Jahre hinweg, eine Wochenstunde Literatur. In dieser Stunde wurde, nach Gattungen sortiert, die Literatur im Hinblick auf die Seefahrt behandelt, von der Odyssee über Melville bis zu Joseph Conrad. Wozu? Für die langen Nächte? Der Steuermann zuckt mit den Schultern. Ihm hat es gefallen; heute ist das alles abgeschafft. Die ganze Seefahrtsschule: Vergangenheit.
Die Sternbilder sind seit GPS nicht mehr so wichtig. Aber sie machen den Blick zum Nachthimmel wunderbar.