Meerchenwege

Manchmal muß man auch hin, wo’s nicht geht. Oder vielmehr: wo es lange nicht ging; denn erst vor zwölf Millionen Jahren zog sich das tertiäre Meer aus dem Mainzer Becken zurück und hinterließ die kalkigen Hügel, die heute Rheinhessen heißen.

Wegkreuz an altem Feldweg.
Wegkreuz an altem Feld- und heutigem Radweg.

Man sieht diese Gegend sonst nur von der Autobahn, und so ist das Tal der Selz, die sich auf ihrem Weg zum Rhein ein breites Bett gewaschen hat, eine Überraschung. Weiches Steigen und Fallen, hier und da eine Erhöhung, die man kaum schroffer nennen mag; Bäume gibt es nur in Zeilen an Gräben oder gelegentlich als Landmarke im Einerlei der Äcker.
Vom Bahnhof in Nieder-Olm geht es durch Neubaugebiet aus dem Ort, und da ist erst einmal – Leere. Felder, die Bahnlinie, in der Ferne die Autobahn. Nackt liegt der Boden, und wo die Selz sich schlängelt, zeigt eine ungekämmte Reihe Weiden an. Darüber: Himmel, fast so viel wie an der Küste; darin eine kräftige Sonne.
Ich muß an meine aktuelle Lektüre denken: diese Landschaft in diesem Licht würde in die Innere Mongolei passen, wären da nicht die Dörfer, die immer weiter über die Ebene quellen und Kleinfamiliendomizile in die sanften Hügel würfeln.
Da der Kirchturm, dort die Windräder und da hinten der runde Hügel mit dem Weinbergshäuschen — kaum bin ich ein paar Schritte gegangen, haben sich schon alle Landmarken verschoben; als wäre ich mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Ich springe ein wenig, um zu prüfen, ob hier die Schwerkraft gilt wie anderswo.
Später an der Bushaltestelle in Köngernheim komme ich mit einem Mann ins Gespräch. Oh, er wandere ja gern, aber hier –? Ich möge es ihm nicht übelnehmen: Rheinhessen sei die häßlichste Gegend, die ihm je untergekommen sei.
Nun ja. Man muß es mögen; ich mag’s.