Bernsteinzeit

Dieses Frühjahr ist das erste, in dem ich mein Alter um ein Jahr unterschätze. Üblicherweise bin ich ein Jahr voraus, aber das vergangene fühlt sich nicht an, als wäre es vergangen. Lethargische Zeiten, las ich in einem Brief; gefühlter Stillstand. Vielleicht ein wenig: Lots Frau. Und jetzt? Vergehen jetzt zwei Jahre auf einmal? oder man muß das unvergangene in den Nächten nacharbeiten? Älter bin ich jedenfalls geworden, bißchen mehr Weiß im Haar, paar Falten mehr, mehr Rücken, bißchen tauber nach außen und hellhöriger nach innen zu.

Rückblickend sind die seltenen Wanderungen des Jahres die einzigen Zeiten, die sich überhaupt irgendwie anfühlen: ausgeschritten, tief geatmet und weit geschaut. Ein paar leuchtende Erinnerungen, in die Vergangenheit reichend wie eine Kette von Bojen in trügerischem Wasser: Meine Begegnungen mit der Zeit waren die Wege, die ich gegangen bin.

Im Ernst?

WP will jetzt mit „nativen gesponserten Beiträgen“ in den Kostenlos-Blogs Geld verdienen? Ich hab’s drüben bei Herrn Gnaddrig gelesen und dann auch im WP-Support gefunden: jawoll, es drohen werbliche Blogeinträge, die ich nicht beeinflussen kann. Nun weiß man nichts Genaues, vielleicht wird’s ja nicht so schlimm, oder Kleinblogs ohne Roten Faden in seltsamen Sprachen fallen durchs Raster; aber das wollte ich eigentlich niemandem antun.

Also: weiterziehen (auf eine Plattform, bei der ich anonym und ohne Abo zahlen kann). Oder selber hosten (was … möglich ist, aber schwierig wird). Oder … Hat sonst wer eine Idee?

Schnee mit Herrn G.

Zum Wandern in Zeiten der Pandemie muß man früh aufstehen und den Zug nehmen, den man noch für sich alleine hat. Dafür weiß man dann erst am Zielort, wie das Wetter ist: trüb und ziemlich warm, zumindest im Moseltal. Aber man soll ja einen Weg nicht von der Gleisbettkante schubsen, nur weil im Tal kein Schnee liegt; also ziehen wir los in höhere Lagen.

Moselhöhen_Aussicht
Heute Aussicht nur in die mittleren Fernen.

Am Ortsausgang sind die Straßenränder mit Flatterband abgesperrt – sollten sich auch hier die Tagestouristen gedrängt haben? Eigentlich sieht es nicht danach aus, struppiger Wald, matschige Fußwege, verhangene Ausblicke. Aber wer weiß. Wir begegnen jedenfalls keiner Seele bis ziemlich spät am Tag. (Dann lassen sich zwei junge Frauen – mit Abstand – von uns den Weg zeigen. “Eine schöne Karte haben Sie da”, als hätten sie so was noch nie gesehen.)

Irgendwann sind wir auch hoch genug für Schnee. Wir treten aus dem Wald, und die Hügelkuppe liegt im Licht wie Porzellan. Herr G. läßt sich die Sonne auf die Nase scheinen; ich würde am liebsten am Wegrand festwachsen wie ein Baum, als Ansitz für Raubvögel. Man wird sehr andächtig draußen, wenn man selten rauskommt. Und Schnee: muß man fotografieren, anfassen, probieren (also, ich zumindest. Schmeckt noch genau wie früher).

Der wird nicht lang liegenbleiben, wissen wird. Aber so lang er liegt, ist Winter, und die Welt ist schön.

Bühne mit Kulissen, darüber Himmelsblau.

 

 

 

Statt Reisen

Es war, sagt Herr G., ein bescheidenes Wanderjahr. So wenig sind wir noch nie unterwegs gewesen. Man wäre ja weg von allem und müßte nicht mal einkehren, aber man muß halt auch irgendwie hin. Deshalb.

Auch die nächtliche Reise zum Polarkreis, eine schöne Schiffssache mit L., ist nichts geworden. So gut ausgedacht, so ausgefuchst geplant; nur stattgefunden hat sie eben nicht. Wie auch mein Segelschiff zuvor nicht gefahren ist; wie wir auch kein weiteres Zugabenteuer erleben konnten.

Die kleine Runde, die ich mit Herrn G. gedreht habe, war dann ein gar nicht mal so magerer Ersatz. Bei Nacht und Nebel losfahren und dann in Wind und Kälte nackte Bäume sehen. Thermoskanne statt Ausflugslokal, Aussicht mit Abstand; aber die Gegend packt unverändert zu und macht ordentlich was her. Schon zu gewöhnlichen Zeiten eine Reise wert – jetzt, wenn man’s recht bedenkt, unser Jahresurlaub.

Kratzer

So viele schon sind dieses Jahr gegangen, jeder Verlust verschieden. Jeder hinterläßt eine Spur, einen Kratzer; nicht entstellend, aber auch nicht zu übersehen. Es werden mehr in jedem Jahr. Die Welt wird mir stumpfer, weniger hell, der Blick geht weniger weit.

Verlieren kann man nicht üben, wie ich weiß. Die Kerze hier: die ist für dich allein.