Meme auf schlechtem Papier

#Ein-Buchstabe-daneben-Tiere (anno 2003).
Kurze Erläuterung für Nicht-Twitterer: Twitter ist ein Textdienst, in dem es vor allem darum geht, anderen seine Nachrichten, Erkenntnisse, Befindlichkeiten in höchstens 140 Zeichen begreiflich zu machen. Als Twitter-Nutzer abonniert man einen, dreißig, zweitausendvier andere und kann in Echtzeit mitlesen, was diesen aktuell zustößt — das nennt sich Timeline. Und da nur Nachrichten und Katzenbilder irgendwann langweilig werden, sind interaktive Spiele entstanden: ein beliebiger Twitterer (naja, so ganz beliebig vielleicht nicht) versieht eine Idee mit einem #, wirft sie in die Runde, und seine Abonnenten machen sich darüber her.

Ist die Idee gut, spielt bald ganz Twitter mit; das nennt man dann Mem. Richtig gut war im letzten Jahr #einBuchstabedanebenTiere — binnen kürzester Zeit wimmelte es in den Timelines vor Jammerhaien, Raubfröschen und Spottwalen.

So was haben wir natürlich auch vor Twitter schon gemacht. Allerdings haben wir den ganzen Unsinn mehr so in den eigenen Bart gemurmelt, statt ihn quer durchs Netz zu johlen, mit großem Hallo weiterzuerzählen und ein vielfältiges Echo hervorzubringen.

Mehr Spaß macht es mit vielen — danke, Twitter.

Schnappschüsse

All die Leute, die Fotos machen, dachte sie. Von den Sehenswürdigkeiten der Welt und den zufälligen Fremden davor, deren Abbilder sie dann mit nach Hause nehmen nach Castrop-Rauxel oder Kyoto oder Stoke-on-Trent.

Und da kleben sie dann zwischen den Urlaubserinnerungen in Alben, flimmern bei der Videoberichterstattung über Bildschirme: ein Kind, Tauben jagend auf dem Markusplatz. Zwei, die sich am Flughafen tapfer winken. Ein Lächeln aus dem Bild hinaus an einem Marmorbrunnenrand — London? New York? Mannheim am Rhein?

All die Bilder, dachte sie, die ganzen und die halben, über die Erdteile versprengt: vielleicht könnte man mit ihnen sein Leben illustrieren, gemeinsames und getrenntes, an Bahnhöfen, in Museen, beim Einkauf, beim Spazieren —

Dann erschrak sie bei der Vorstellung, auf einem wildfremden Film diese eine Gestalt zu entdecken, die sie unter Tausenden erkennen und die ihr Herz schon vor dem Erkennen springen lassen würde, einen jauchzenden, unhaltbaren Satz ins Nichts.

Dann putzte sie sich die Nase und ließ den Gedanken fallen.

Das Tüpfelchen auf dem i: Porzellan fürs Ei

Weißes Porzellan, das war für mich, aufgewachsen zwischen Mustern, die sich wie flegelhafte Mitbewohner aufführten, stets ein Inbegriff der Festlichkeit. Schlicht natürlich; höchstens noch ein Goldrand dran. Vielleicht war ich deshalb so anfällig für Eierbecher.

Eierbecher, so lernte ich, gebe es flächendeckend erst seit der vorletzten Jahrhundertwende; waren sie davor aus Metallen und Einzelstücke, wurden sie nun passend zum Tischgeschirr in Porzellan hergestellt: man vervollständigte sich. Da sie so klein waren und oft mit großem Ausschuß produziert wurden, sei auf den Hundertjährigen nur selten eine Herstellermarke zu finden.

Und nun kamen die Gestrandeten, allermeistens Einzelstücke, manche mit kleinen Fehlern, Macken oder Goldrand, aber alle weiß, und sammelten sich bei mir. Ich habe sie bepflanzt, als Vasen verwendet, mit Kerzen besteckt zu Kandelabern zusammengestellt und in ihnen den Digestif gereicht. Wir hatten es gut miteinander.

Und nun werde ich sie freilassen, alle sechzehn Stück.

Eierbecher weiß Porzellan antik
Vor dem großen Ausflug

(Falls wer möchte: Mail mit Adresse an mich; ich verschicke gern auch welche.)

Und das ist passiert:
Eierbecher 1
Eierbecher 2
Eierbecher 3
Eierbecher 4
Eierbecher 5
Eierbecher 6
Eierbecher 7
Eierbecher 8
Eierbecher 9 & 10
Eierbecher 11
Eierbecher 12

Eierbecher 13 bis 16 stehen noch immer bei mir. (Ich benutze sie derzeit zum Eieressen, aber vielleicht nicht mehr lange.)

Lesen mit Strom

Mein erstes Kuscheltier, erzählt man in der Familie, war ein Buch. Welches, ist nicht überliefert; nachdem ich es ein paar Monate an mich gedrückt, benuckelt und benagt hatte, mußten die Reste entsorgt werden.

Später bekam ich geschimpft, weil ich beim Essen las. Ich nahm die Unart an, verschiedene Bücher an verschiedenen Orten parallel zu konsumieren: das Busbuch, das Bettbuch, das für den Unterricht unter der Bank und zwei, drei für den freien Nachmittag.

Bücher laufen mir in Rudeln zu, und den Teufelskreis: ein Regal bauen, um Bücher kaufen zu können, für die dann bald wieder ein Regal gebaut werden muß, den kenne ich in- und auswendig.

Und jetzt das:

eBook-Reader
Ein eBook-Reader.

 

Er könnte die Lösung aller Stapelprobleme sein; Hunderte von Büchern haben auf ihm Platz. Auf das elektronische Papier, nicht ganz weiß, matt und hochauflösend, können die Entwickler mit Recht stolz sein. Je nach Licht und Sehschwäche läßt sich die Schriftgröße einstellen. Der Reader liegt gut und leicht in der Hand, man kann selbst im Bett und beim Zähneputzen mit einer Hand umblättern, und die Batterie reicht eine halbe Ewigkeit. Bücher sind nach Stichworten durchsuchbar und lassen sich mit Notizen versehen. Wenn bei der fremdsprachlichen Lektüre eine Vokabel fehlt, kann man sie in einem von mehreren integrierten Wörterbüchern nachschlagen.

Habe ich mir also bei Project Gutenberg jede Menge Klassiker, Erstaunliches und Obskures zusammengesucht und in wenigen Stunden mehrere hundert Bücher auf mein schlankes Täfelchen geladen. Die kann ich nun jederzeit aus der Tasche ziehen, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer. Praktisch: Wenn ich nachts über der Lektüre einschlafe, schaltet sich der Reader nach einigen Minuten selbst aus.

Und doch …

Ich habe schlechte Lesegewohnheiten. Ich gehe an einem Regal vorbei und greife nach etwas, das mich aus irgendeinem Grund anspricht; manchmal entscheidet die Farbe eines Buchrückens über die Abendgestaltung. In meiner Lektüre blättere ich gern herum und lese in früheren Kapiteln oder ganz anderen Büchern nach, wobei ich oft kein exaktes Stichwort nennen könnte, nach dem ich suche. Für mich gibt es wenig Schöneres als Lexikonsurfen: einen beliebigen Artikel aufschlagen und dann über Querverweise, andere interessante Wörter auf der Seite, halbe Erinnerungen, zufällige Fotos und Abbildungen immer tiefer ins Wissensdickicht geraten.

Das alles kann ich mit dem Reader nur bedingt. Zwar lassen sich Lesezeichen setzen, aber schnelles Blättern für unspezifisches Suchen geht nicht. So ein Reader unterstützt keine Sprunghaftigkeit und hat für wilde Assoziationen wenig übrig; er macht ein (konventionelles) Buch zu einer ziemlich seriellen Sache.

Dann soll das zierliche Dingelchen zwar recht robust sein, aber ich wage trotzdem nicht, es genauso in meinen Rucksack zu pfeffern wie meine Papierbücher. Fallen lassen — bloß nicht. Es als Unterlage für die Teetasse verwenden — undenkbar. Ich schlafe sogar vorsichtig ein, um es nicht im Traum zu zerdrücken.

Alles in allem ist ein eBook-Reader eine schöne und erstaunliche Sache, sehr praktisch für manche Lebensbereiche. Ein vollwertiger Ersatz für ganz gewöhnliche oder gar schön gedruckte und gebundene Bücher wird er nicht. Und sowieso kein Kuscheltier.

Und wieder …

… ist es mir nicht gelungen, allen zu schreiben, denen ich schreiben wollte, alle anzurufen, mit denen ich sprechen wollte, oder gar alle zu besuchen, die ich gerne habe.

Unterwegs zum Jahresende
Unterwegs zum Jahresende

 

Gedacht habe ich an euch alle. Ich wünsche euch, was ihr braucht, und dazu die ein oder andere angenehme Überraschung. Habt überall guten Weg, zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

(Und ich hoffe sehr, daß das neue Jahr ein bißchen länger reicht als die vorigen, die doch sehr schnell alle waren.)

Advent, Advent

Schokoweihnachtsmänner, Spekulatius, Glühwein und Glitzer können mir gestohlen bleiben, aber das Weihnachtsbacken mag ich. Und zwar am liebsten altmodischen, aufwendigen Krams wie Pfeffernüsse, Lebkuchen in Variationen und Zimtsterne.

Bei lieben Freunden ist nun ein vielleicht zwanzig Jahre alter Zettel aufgetaucht:

Rezept

Ich weiß nicht mehr, ob es das Rezept ist, das in meinem Lieblingscafé verwendet wurde, oder das nicht minder sensationelle von der Frau Lehrerin aus dem Dorf; ich weiß nur, daß es nicht leicht zu bekommen war.

Für mich ist es dieses Jahr zu spät — ich habe meine Zimtsterne schon nach anderem Rezept gebacken, ohne Kirschwasser und nächtliches Trocknen. Aber falls es jemand ausprobiert: Ich bitte um Probeplätzchen, mindestens aber um eine Nachricht, wie’s war.

Geistige Abwesenheit

Wie ich es auch dreh und wende: nichts fällt ab für mein Blog, gar nichts. Ausstellungsbesuche und Herbstwanderungen gehen spurlos vorüber; gelesene Bücher, gesehene Filme und gegessenes Essen bleiben irgendwie nicht hängen.

Das kommt zum einen sicher daher, daß das Leben gelebt sein will, ehe es zu Berichten taugt, und daß an manchen Tagen einfach nicht das Licht da ist, um Erlebtes schön und klar zu beleuchten.

Aber vor allem ist es die Unruhe angesichts der aktuellen Ereignisse, die mich immer wieder vom Schreibtisch wegtreibt mit der Frage: Wozu das Ganze? Es gibt Wichtigeres. Daß die deutsche Regierung den beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft hinauszögert, wo noch nicht einmal ein Endlager für den Müll in Sicht ist. Daß Staaten, die geheime Verhandlungen, geheime Gutachten und geheime Absprachen als Entscheidungsgrundlage nehmen (oder eben nicht), auf der anderen Seite ihre Bürger möglichst gläsern wollen (nicht nur im Netz). Daß mein Staat gegen seine Bürger mit Willkür vorgeht — und daß mein Staat noch einer von den besseren ist … So viele Dinge, die mich wütend machen — und wenn ich wütend bin, weiß ich nichts zu sagen.

Also, hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie weiter. Zum Beispiel zu vera, die in der Tagespolitik den Überblick behält und ihn engagiert weitergibt. Zu Hoeps&Toes, mal einen Blick über den Tellerrand werfen. Zu Wassily und seiner höchst subjektiven Stuttgart21-Berichterstattung. Zum Magister Kraska für den gepflegten Wutausbruch zwischendurch. Oder, wenn sonst gar nichts mehr hilft, gleich zum Ufoport Glufenteich, einem schönen Paralleluniversum voller Kaugummiautomaten, Blechplattenfassaden und Bahnhofsromantik.

Ich melde mich wieder, wenn ich mich beruhigt habe.

Das braucht kein Mensch!

Bei Skriptum habe ich mir dieses unwiderstehliche Stöckchen genommen:

Schau, was ich dir gemacht habe, sagte er. Eine Mühle.
_____Und was mahlt die?
Sie mahlt nicht, sie macht: Zeit. Es ist ganz einfach — du drehst daran, und schon hast du Zeit.
_____Wunderbar, also kann ich damit gleich unser Wochenende verlängern!
Nein. Die Mühle wirkt nur, wenn man allein ist …
_____Dann werde ich drehen und drehen und die ganze Zeit nehmen, um an dich zu denken.