Es klingt harmlos: Spaziergang. Nicht so weit, nicht so anstrengend, und zum Kaffee wieder zurück. Aber dann sind da zwei Wasserläufe, die überquert sein wollen, und schon wird alles kompliziert.
Autofahrer kennen das ja kaum noch mit den natürlichen Grenzen. Autos sind auf Strecken unterwegs, deren Ausbau bestimmt, wie groß die Welt ist. Die Autoreisenden-Welt besteht aus Anfangs- und Endpunkt, Tankstelle und Rastplatz; jenseits der Leitplanke existiert eigentlich nichts. In diesem Nichts aber verlaufen Wege und Pfade derer, die sich Schritt für Schritt fortbewegen.
Die asphaltierten Zubringer zu den Brücken, schwungvoll und glatt zu fahren, die sind zu Fuß eine halbe Weltreise und ermüden Beine und Blick. Moderne Verkehrsplanung kennt keine Trampelpfade. Ich hingegen kenne sie jetzt.

Dafür mußte ich erst fragen (»einfacher wär’s an der Straße entlang …«) und mich dann doch verlaufen, in einer Schrebergartenkolonie, ausgerechnet. Staunende Extra-Runden zwischen Rosen, Quitten und Gartenzwergen.
Dann endlich wieder mein Fluß, wegen dem ich die ganze Sache ja mache.
Da sitze ich auf einer Uferbank, als ein radfahrender Herr hält, sein Butterbrot auspackt und sich zu mir setzt. (Seinen Helm hat er gegen einen Hut getauscht – den gleichen, wie ich ihn trage.) Er mache ja sonst immer Urlaub mit dem Auto, habe aber den Führerschein über den Sommer abgeben müssen, und nun eben Radwandern. Ich erzähle, wie ich jetzt eigentlich auf einem Schiff sein sollte. Und nun Rheinblick. Wir lachen, lüpfen unsere Hüte (meiner sieht ein bißchen mitgenommener aus) und ziehen unserer Wege, Radweg und Spazierweg, Schulter an Schulter mit dem Fluß.

Kategorie: Eigenes
Rheinsteig
Auf der Strecke das Aufatmen, das In-Tritt-Kommen. Der Weg ist gut; seine Beschilderung läßt nichts zu wünschen übrig, und doch muß man ihm Aufmerksamkeit schenken. Die Gedanken fliegen nicht mehr so und bleiben in Sichtweite.
Septemberlicht. Brombeeren und Haselnüsse. Trauben sind noch nicht reif. Und mehr Eichhörnchen, als ich zählen kann. Ich habe es nicht geschafft, keinen Fotoapparat mitzunehmen, aber ich habe ihn kaum benutzt. Wege lassen sich nicht festhalten. Wie ich weiß, eigentlich.
Ich gehe allein. Das habe ich lange nicht gemacht, und ich genieße es, weder Rücksicht nehmen noch mich getrieben fühlen zu müssen. Außerdem bin es so nicht ich, die man kilometerweit durch den Wald hört: »… dabei war dat reiner Zufall, dat ich dem begechnet bin, und dann sacht der doch tatsächlich zu mir, is denn dat die Möchlichkeit, sacht der …«
Begegnungen sind allerdings selten; einige Goretex-Gruppen, wenige Paare und nur eine Einzelne ohne Rad oder Hund. Sie steht an einem Aussichtspunkt, reglos, die Hände auf den Hüften, und schaut still in die Ferne. Wir nicken uns kurz zu. Wie schön, denke ich und meine dabei ihre Versenkung und nur ein bißchen die Aussicht.
Ein paar Kilometer lang drehe ich Käfer wieder auf die Beine. (Weil ich erwachsen bin, nur die, die noch zappeln.)
Zwei-, dreimal der Punkt, an dem ich nach nicht enden wollendem Aufstieg erwäge, mich auf dem Weg fallen und vom nächsten Radler überfahren zu lassen. Gut, daß es so viele Radfahrer hier nicht gibt; das Brennen in den Lungen läßt bald nach, und weiter geht’s.
Wenn vor mir in der Senke ein Kirchturm auftaucht und ich durch Wiesen und Felder allmählich den Ort erreiche, muß sich das anfühlen wie zu Seumes Zeiten.
Auch das wie bei Seume, Eichendorff & Co.: die frischen Gesichter, das Lächeln der Kellnerinnen in Cafés und auf Terrassen, wohlgestalt und freundlich allesamt, und jedes stille Wasser eine Offenbarung. Man kann sich die Welt schöngehen.
Doch ach!
Einen Tag nur und einen halben Weg, dann muß ich dem Regen mit dem Zug davonfahren. In der Bahn schon packt mich das Wanderweh. Die Stubenluft fühlt sich verkehrt an. Ich bin noch lange, längst nicht sattgelaufen.
An einen, der fehlt
Du fehlst mir nun schon fast so lang, wie ich Dich kannte, und man sollte meinen, das sei genug, sich zu gewöhnen; die Zeit schreitet ja voran. Doch Jahr für Jahr stellen sich die Tage wieder hinten an mit ihren Namen und ihren Ziffern. Es gibt Daten in der Reihe, die schlimmer sind als andere.
Dieses eine Jahr voller erster Tage ohne Dich. Dein Geburtstag, und kein Anschluß unter Deiner Nummer; die Urlaubskarte, die ich Dir schickte und die wohl ein anderer fortgeworfen hat. Der Tag, an dem ich den Schlüssel zu Deiner Wohnung hätte zurückgeben müssen. Und wie ich älter wurde als Du.
Natürlich, das Leben schließt sich um die Leere. Aber sie bleibt mitten darin, und an solchen Tagen klingt es hohl.
Hermann
In den Neunzigern kriegte ihn jeder, der nicht glaubhaft machen konnte, daß er keinen festen Wohnsitz hat. Die Beziehungen verliefen unterschiedlich glücklich, aber der Anfang war immer gleich: Ach, du hast noch keinen Hermann? Super, du kriegst einen von mir.
Und dann saß er in seinem Tupper auf der Küchenfensterbank oder an einem anderen mäßig kühlen Ort und stellte Ansprüche: Hunger. Kalt. Mal durchkneten. Und, gell, bloß kein Metall! Ein bißchen war er wie ein Tamagotchi oder wie die Urzeitkrebse aus der Yps, falls das noch jemand kennt, nur daß man dann am Ende auch was davon hatte außer der Erfahrung.
Am Ende nämlich kam Hermann in den Ofen, und es wurde ein wunderschöner Kuchen daraus. Das heißt, noch davor wurde er gevierteilt: ein Teil für den Kuchen, drei Teile für Freunde. (Ach, du hast noch keinen Hermann? …) Und so wurde er unsterblich.
Heute hat er eine Webseite [2020: gibt es nicht mehr], aber früher kam der Hermann mit Gebrauchsanweisung auf Papier. Ich habe meine alte gefunden: stilecht von Hand geschrieben und noch nicht bis zur Unlesbarkeit vervielfältigt; eine Zierde für jede Kühlschranktür. Falls also jemand gerade einen Hermann zur Hand hat — voilà:

(Der Kuchen war übrigens, wenn ich mich recht erinnere, sehr anständig.)
Backen!
Nein, ich gehe nicht unter die Foodblogger. Ich bin nur — endlich — Frau Evenaars Rat gefolgt und habe mein allererstes Brot gebacken. Es ging einfach, fast zu einfach, aber das Ergebnis ist sehr beeindruckend.

Wer genug hat von der Weihnachtsbäckerei, einen Bräter und einen Tag Zeit sein eigen nennt, kann mit diesem Projekt ein kleines Küchenwunder erleben. Viel Vergnügen!
Jahrestage
Und dann gibt es Tage, die jedes Jahr wieder eine Kerze erfordern, das ist das Mindeste; und man denkt: Wehe, du hörst auf, mir zu fehlen; mehr hab ich schließlich nicht von dir. Und: Verdammt, da ist ein Geburtstag frei geworden, warum nimmt den nicht endlich jemand?

Und dann, dann passiert genau das.
Lebe gut und zufrieden, Kleiner!
Walnüsse
Mein Kindergartenweg war überwölbt von einem riesengroßen Walnußbaum. In meiner Erinnerung herrscht beständiger Herbst, der mich zwang, im Laub nach Nüssen zu suchen, sie auf einen Stein zu legen und draufzuspringen, um dann mit Sorgfalt die Nuß- von den Schalentrümmern zu trennen. (Und mich in jede Richtung des Weges hoffnungslos zu verspäten, zu der »Tante«, die nun wirklich nicht meine war, wie zum Essen daheim.)
Ich lernte, die Wucht meines Absatzes zu dosieren, so daß sich bald das ganze Walnußkerngebilde unversehrt aus nur mehr angeknackster Schale lösen ließ. Später dann öffnete ich Walnüsse noch schonender mit den Backenzähnen oder zwischen den Handballen.
Lag die Schale am Boden, begann der eigentliche Spaß: das Abziehen der Lederhaut, die leicht bitter riecht und unter der der weiße, kühle Kern nur noch in einem seidenpapiernen Häutchen steckt. Mit Übung kann man eine ganze Walnußhälfte in einem Rutsch von beiden Häuten befreien, und zur Belohnung zerscherbt das nackte Innere süß zwischen den Zähnen. Auch wenn es mir schon damals bitter besser schmeckte.
Die Ergebnisse meiner Forschung waren stattlich. Ich konnte die tauben Nüsse nach ihrem Klang auf den Steinen aussortieren; ich lernte all die Arten kennen, auf die Walnüsse komisch schmecken können, und die grauen und pelzigen ganz zu meiden; ich lernte, daß das Äußere der Walnußschale wenig über ihre innere Beschaffenheit aussagt, und daß es Ärger gibt, wenn man die eigene Haut mit den fleischigen Walnußfrüchten bräunt.
Dann war die Zeit vorbei, in der ich jeden Baum als meinen eigenen betrachtete. Die käuflichen Nüsse aus Frankreich oder Kalifornien, getrocknet und goldfarben in Plastiktüten, mochte ich noch nie; sie kommen in nichts an die unansehnlichen, kompliziert zu schälenden Nüsse unterm Baum heran.
Umso entzückter war ich über das Postpaket vom Niederrhein, das so schwer nur sein kann, wenn die Nüsse darin noch feucht und frisch sind. Ich habe sie weder mit dem Schuhabsatz noch mit den Zähnen geöffnet, aber die Freude an dem unverwechselbaren Biß, die ist genau wie damals auf dem Weg zum Kindergarten.

Kleines Schwarzes

Ich hatte sie schon mehrmals beklagt. Für ihren letzten Abgang hat sie sich einen denkwürdigen Moment ausgesucht: meine Führung durch das Essener Aalto-Theater machte ich als Ein-Personen-Gruppe und mit einem pfundschweren schwarzen Stein am Schulterriemen.
Nach einigem »kann ich mal kurz deine Kamera« und hoffnungsvollen Stunden bei eBay — das gute Stück ist immer noch beliebt — bekam ich jetzt eine unverhoffte Nachfolgerin.
Noch sind wir uns ein wenig fremd, aber hier ist schon mal ein Bild: die alte. Mit der neuen.
Bild zum Sonntag III
Vom Stapel »Skizzen«; passend zur Großwetterlage.
Bild zum Sonntag II
Vom Stapel »Illustrationen«.
Heute:
