Lesen mit Strom

Mein erstes Kuscheltier, erzählt man in der Familie, war ein Buch. Welches, ist nicht überliefert; nachdem ich es ein paar Monate an mich gedrückt, benuckelt und benagt hatte, mußten die Reste entsorgt werden.

Später bekam ich geschimpft, weil ich beim Essen las. Ich nahm die Unart an, verschiedene Bücher an verschiedenen Orten parallel zu konsumieren: das Busbuch, das Bettbuch, das für den Unterricht unter der Bank und zwei, drei für den freien Nachmittag.

Bücher laufen mir in Rudeln zu, und den Teufelskreis: ein Regal bauen, um Bücher kaufen zu können, für die dann bald wieder ein Regal gebaut werden muß, den kenne ich in- und auswendig.

Und jetzt das:

eBook-Reader
Ein eBook-Reader.

 

Er könnte die Lösung aller Stapelprobleme sein; Hunderte von Büchern haben auf ihm Platz. Auf das elektronische Papier, nicht ganz weiß, matt und hochauflösend, können die Entwickler mit Recht stolz sein. Je nach Licht und Sehschwäche läßt sich die Schriftgröße einstellen. Der Reader liegt gut und leicht in der Hand, man kann selbst im Bett und beim Zähneputzen mit einer Hand umblättern, und die Batterie reicht eine halbe Ewigkeit. Bücher sind nach Stichworten durchsuchbar und lassen sich mit Notizen versehen. Wenn bei der fremdsprachlichen Lektüre eine Vokabel fehlt, kann man sie in einem von mehreren integrierten Wörterbüchern nachschlagen.

Habe ich mir also bei Project Gutenberg jede Menge Klassiker, Erstaunliches und Obskures zusammengesucht und in wenigen Stunden mehrere hundert Bücher auf mein schlankes Täfelchen geladen. Die kann ich nun jederzeit aus der Tasche ziehen, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer. Praktisch: Wenn ich nachts über der Lektüre einschlafe, schaltet sich der Reader nach einigen Minuten selbst aus.

Und doch …

Ich habe schlechte Lesegewohnheiten. Ich gehe an einem Regal vorbei und greife nach etwas, das mich aus irgendeinem Grund anspricht; manchmal entscheidet die Farbe eines Buchrückens über die Abendgestaltung. In meiner Lektüre blättere ich gern herum und lese in früheren Kapiteln oder ganz anderen Büchern nach, wobei ich oft kein exaktes Stichwort nennen könnte, nach dem ich suche. Für mich gibt es wenig Schöneres als Lexikonsurfen: einen beliebigen Artikel aufschlagen und dann über Querverweise, andere interessante Wörter auf der Seite, halbe Erinnerungen, zufällige Fotos und Abbildungen immer tiefer ins Wissensdickicht geraten.

Das alles kann ich mit dem Reader nur bedingt. Zwar lassen sich Lesezeichen setzen, aber schnelles Blättern für unspezifisches Suchen geht nicht. So ein Reader unterstützt keine Sprunghaftigkeit und hat für wilde Assoziationen wenig übrig; er macht ein (konventionelles) Buch zu einer ziemlich seriellen Sache.

Dann soll das zierliche Dingelchen zwar recht robust sein, aber ich wage trotzdem nicht, es genauso in meinen Rucksack zu pfeffern wie meine Papierbücher. Fallen lassen — bloß nicht. Es als Unterlage für die Teetasse verwenden — undenkbar. Ich schlafe sogar vorsichtig ein, um es nicht im Traum zu zerdrücken.

Alles in allem ist ein eBook-Reader eine schöne und erstaunliche Sache, sehr praktisch für manche Lebensbereiche. Ein vollwertiger Ersatz für ganz gewöhnliche oder gar schön gedruckte und gebundene Bücher wird er nicht. Und sowieso kein Kuscheltier.