Im Wald mit D.

Mit D. hatte ich wenig gemeinsam außer einer Pfadfindervergangenheit (an verschiedenen Enden der Republik), kaum Geld und der sich daraus ergebenden Rauhbauzigkeit bei der Freizeitgestaltung.
Wir hatten so lange darüber geredet, daß eine Wanderung unausweichlich schien. Kartenmaterial besaß ich schon: in den Kellerwald sollte es gehen. Zwei Tage, vielleicht drei; notfalls am Montag die Vorlesung schwänzen.
Als D. am Samstagmorgen auftauchte …

Kastanien

Wo der Weg durch den Park plötzlich kühler wird, der Schatten schlagartig an Tiefernst gewinnt, zeigt ein Blick in die Höhe die Kronen sommergrüner Kastanien. Jetzt, im Mai, recken sie Kandelaber von weißen Blüten, deren Honig weit weniger süß ist als ihr Duft.

Kastanienschirm.

Die Roßkastanie adelt ein Haus zum Anwesen, eine Straße zur Allee. Sie reicht nicht leicht die Blätterhände und schert sich wenig um das Volk da unten und um seine Autos, auf die sie herbstens Stachelbälle hageln läßt.

Noch sind sie herrlich und unversehrt, die Kastanien im Kurpark hier, doch vorsichtshalber und in jedem Fall wünsche ich der Miniermotte ihre ganz spezielle Pest an den Hals.

Postkarte aus Bamberg

Von Bamberg wußte ich bislang nur, daß es im Bundesland Bayern liegt. Dom. Symphoniker. Reiter. Hörnla. Irgendwas mit Rauchbier. Und die Hexenprozesse. Daß Bambergs gesamte Innenstadt Weltkulturerbe ist, wußte ich nicht – Grund genug, nach Ladenschluß schnell mal durchzuhuschen.

Aus Bamberg kann man nicht anders als Postkarten schreiben.

Auf sieben Hügeln, wie das alte Rom, an Regnitz und Main-Donau-Kanal schart sich das Städtchen um seine Kirchen. Man sieht ihm sein Alter an, aber wenig Spuren der jüngsten Zeit: Gassen und Plätze ohne Handyläden, Ein-Euro-Shops und Spielkasinos; Geschäfte des täglichen Bedarfs sind, wofern nicht weltkulturerbekompatibel, in Hinterhöfen versteckt.

Es gibt eine Universität und ein Priesterseminar. Das Tagesblatt berichtet über Sandaufschüttung an der Regnitz, Lärmbelästigung und Wildpinkelei sowie über den Dom, zu dessen tausendjährigem Weihfest Bischöfe aus aller Welt anreisen. Und im Gewirr der Gassen steht E.T.A., bepackt mit seinem Kater Murr, vorm Theater seines Namens.

Aufgeräumt ist es hier, doch nicht komplett zu Tode restauriert; bei der Fülle bröselnder Bausubstanz kämen alle Stukkateure Frankens nicht hinterher. Ein bißchen Mittelalter, etwas Gotik, viel Barock, darüber der Duft von Flieder und Spiräen: hier hat die Romantik Wohnstatt bezogen. Auf dem Katzkopfpflaster klingen selbst japanische Kleinwagen wie Einspänner.

Muß wohl nochmal hin und genauer schauen. Vielleicht ja im Winter.

Postkarte quer durch Frankreich

Der Schlüsselanhänger mit seiner großen Schwester, der Quitte.

Reisen, so sagt man, bildet. Nach meiner Tour durch Frankreich weiß ich, daß der Rhône ein Mann ist wie der Rhein, daß man in der Franche-Comté die Innenstädte beschallt und daß das Elsaß gleich fünf der schönsten Dörfer, der plus beaux villages de France, besitzt. Ich weiß, daß es Ortsschilder mit einem, zwei oder drei Blümchen gibt, je nach Qualität des lokalen Blumenschmucks. Außerdem habe ich interessant gegessen, gelernt, daß man beim Weinmachen auch nur mit Wasser kocht, und bin wunderbaren, lustigen und erstaunlichen Menschen begegnet. Ob das unter »Bildung« fällt, weiß ich nicht; ziemlich sicher jedoch fällt es unter »Glück«.

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Postkarte aus der Hauptstadt

Also bin ich von einem Rand der Republik fast bis zum anderen gereist und war Berlin, ein paar Tage lang. Berlin macht bescheiden — man kann nicht alle treffen, die man treffen möchte, und nicht alles sehen, was es zu sehen gibt. Ich hab noch einen Koffer Ungetanes in Berlin und muß daher gar kein Kupfer in die Spree werfen, um sicher zu sein: Ich komme wieder.

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Postkarte ausm Pott

Hier könnte ein Plakat hängen.

Dazu sind Industriedenkmäler da: Unterschiedlich Ahnungslose reisen hin und schauen sich an, wie Schiffe auf Berge gelangen, wie Berge ausgehöhlt werden, wie man Strom, Gas und Eisen macht. Überrannt von Größe, Gewalt und Gestaltung der Anlagen wanken die Besucher am Ende in ein Café und schreiben den Lieben daheim: Fahrt hin! Es ist toll!

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Stich um Stich

Kirchenruine Kloster Arnsburg
Basaltmauern tragen den Himmel.

Es ist eine kleine Ausstellung an einem großartigen Ort: Das Kloster Arnsburg liegt im Waldland der Wetterau, nahe Lich bei Gießen. Die Anlage wurde 1174 von Ebersbacher Zisterziensermönchen begründet; nach der Auflösung des Klosters 1803 verfiel sie, und in einem wunderbaren Zustand zwischen Gotik, Barock und Ruine ist sie heute für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das Dormitorium beherbergt die Ausstellung »Textile Erinnerungen«. Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen aus der Umgebung zeigen hier ihre Arbeiten aus Stoff, in denen persönliche und Familiengeschichte, Innenwelten und Mythologisches verwoben sind. Auf aufgenähten Zetteln stehen die zugehörigen Geschichten und Gedanken, und so wird jedes Stück zu einer Erzählung, die an Tiefe gewinnt, je genauer man hinschaut. Von der Hochachtung gegenüber dem handwerklichen Können, das in den Werken wie auch im »Rohmaterial« steckt, ganz zu schweigen.

Ein großer Teil der Werke sind Quilts aus alten Wäschestücken, die über Jahrzehnte in den Familien gehortet wurden. Kunstvolle Stickereien, winzige Knöpfchen, Verschlußhaken und natürlich Monogramme früherer Besitzer sind wiederkehrende Motive. Bräutliches Weiß steht Trauerschwarz gegenüber; vielen Stoffen sieht man an, daß sie wieder und wieder geflickt, umgearbeitet und weiterverwendet wurden, ehe sie als Rohmaterial in die Hände der Künstlerinnen kamen.

Viele Arbeiten bleiben in Erinnerung: ein Quilt von Schülerinnen aus den 50er Jahren, der »brave Mädchen und böse Jungen« zeigt; auf zehn Bildern tragen die Mädchen Schürzen und verrichten Hausarbeiten, während die Jungen Äpfel klauen und Erwachsene ärgern. »Das Hemd meiner Großmutter« stammt von einer Künstlerin, deren Name mir entfallen ist (kann jemand helfen?); sie hat das feine, weiße Leinenhemd auf einen Teppich aus trockenen Teebeuteln gesteppt und mit Nahtlinien wie aus Schnittmusterheften überzogen. Heike Kurzius-Schick machte den Quilt »Meine 1000 Erinnerungen« aus den Krawatten ihres verstorbenen Ehemannes. Dann sind da die kraftvollen, hintergründigen Arbeiten der Märchenerzählerin Monika Mosburger, die auch aus einem reichen Fundus alter Stoffe und Gerätschaften schöpft. Ihre schwarze »Artemis« etwa besteht aus Trachtenröcken, deren gechintztes Leinen glänzt wie Metall; zahlreiche Schulterpolster sind auf den Stoff geheftet.

Diese Ausstellung ist ein Sammelbecken für Geschichten. Nicht nur das Wissen der Künstlerinnen und die Begebenheiten, die hinter den Arbeiten stehen, sondern auch alles, was die Besucherin mit sich durch den Raum trägt, was sich an dem ein oder anderen Werk verhakt und zum Vorschein kommt.

Oh, und schön — schön ist sie natürlich!

Monika Mosburger, 2010: Bettwäsche, Blaudruck

Ausstellung »Textile Erinnerungen«

26. Juni bis 11. Juli 2010

Mo bis Fr: 14–18:00

Sa, So: 10–18:00

Eintritt für die Klosteranlage: € 2,–

Samstags und sonntags jeweils um 15:00 Vorträge, Gespräche etc.

Textile Erinnerung

Wer hat nicht schon in den Kleiderschrank gegriffen, einen alten Lumpen herausgezogen — und ihn wieder zurückgelegt, weil man dieses Spitzendings damals anläßlich des ersten Freundes angeschafft hatte? Weil diesen Pullover die Großmutter gestopft hat, die mit Worten und Händen zu trösten verstand? Weil das jahrelang die Lieblingsmütze des eigensinnigen Sprößlings war? Weil dieses Hemd noch Duftspuren des Liebsten trägt?

Kleider bilden persönliche Geschichte ab, sie bezeichnen Lebensphasen. Und so wie man manche leichten Herzens in die Kleidersammlung gibt, verdienen andere, die bitteren, zerrissen und verbrannt zu werden oder eben aufgehoben, weit über die Tragbarkeit hinaus.

»Textile Erinnerungen« verschiedener Art sind Thema einer Ausstellung, die vom 26. Juni bis zum 11. Juli im Kloster Arnsburg bei Gießen zu sehen sein wird. Ich bin gespannt auf Tuche wie Geschichten. (Hier geht’s zum Bericht.)

(c) Monika Mosburger, 2010: »Nausikaa«