Die Frankfurter Oper spielt dieses Jahr ihren ersten eigenen Ring.
Vier Abende, drei davon jeweils um die fünf Stunden lang, zusammen gut fünfzehn Stunden Musik — ich hätte nicht gedacht, daß es so schwer sein würde, Karten dafür zu bekommen. Es scheint eine Menge Wagnerianer zu geben.
(Vielleicht auch eine Vorliebe für Opern, bei denen das Publikum am Ende das Gefühl hat, eine kulturelle Leistung erbracht zu haben.)
Die Bühne: eine schräge Ebene aus konzentrischen Kreisen, die sich unabhängig voneinander drehen lassen. Freude über die Schönheit der Bilder mischt sich mit Besorgnis, daß Sänger abstürzen und in den Bühnenaufbauten zermalmt werden könnten.
Tode auf der Bühne: sieben bis neun, des weiteren waren zwei Sänger zu beklagen, die stark anfingen und erkältet aufhören mußten. Nicht Siegfried; dessen Heldentenor erstrahlte vollkommen wetterfest.
Das Publikum hat sich herausgeputzt; es sind Herren im Frack und Damen mit Hüten zu sehen. Ich mag das, wenn man aus der Oper ein Fest macht. Selbst wenn man sich auf seinem Klappsitz in einen Trainingsanzug wünscht — in den Pausen im Foyer freut man sich an neidlichem Tand.
Rheingold: Mit seinem Ring versklavt Alberich die Welt, dem Gelde zu dienen; auf der Bühne fliegen Scheine. Draußen, vor der Oper, liegt zwischen den Bankenhochhäusern das Occupy-Camp; in den Pausen kommen einige der Bewohner und fragen nach Kleingeld. (Schwierig; Abendgarderobe ist zu vornehm für Taschen.)
Erstaunlich, wie viele Leute bei der Walküre ergriffen einer stürmischen Liebesgeschichte zwischen Zwillingen folgen.
Und bei Siegfried wieder die Frage: Was findet sie bloß an ihm?
Donnernder Applaus nach der Götterdämmerung. Alles ist untergegangen; die Handelnden haben sich noch mal auf der Bühne versammelt und blicken in den erleuchteten Zuschauerraum. Die alte Welt schaut in die neue.

Warum den Ring sehen? Weil es Spaß macht. Wagners Musik, gut aufgeführt, ist so spannend, daß sie die Zeit rafft. Sich auf eine krause, aber wohldurchdachte mythische Welt einlassen, ihre archetypischen Bilder neu in Szene gesetzt sehen, spüren, wie viel Freude die Akteure an dem haben, was sie tun – das macht großen Spaß.
Keine Opernkritik. Der Frankfurter war ein schöner Ring – großartige Musik, begeisternde Besetzung, starke Bilder; beste Fantasy-Unterhaltung. Wer nach so einem Erlebnis groß was zu mäkeln hätte, muß schon arg verwöhnt sein.
Und im Parkhaus, in der Schlange am Kassenautomaten, pfeift immer irgendwer Siegfrieds Hornruf.
Der Kormoran hasst Opern!!!!
Echt? Ich nehme Deine Tickets … ,)
(Außerdem nehme ich an, Du machst eine Ausnahme für die Aalto-Oper in Essen?)
Wirklich eine reife Leistung, und wir überlegen gerade, ob sie mit dem Frankfurt-Marathon vergleichbar ist. Nietzke sitzt dabei und spitzt die Ohren, weil es um Wagner geht. Er meint, NUR 15 Stunden Wagner ginge ja noch, jedenfalls im Vergleich mit 15 Stunden Stockhausen. Wir geben ihm Recht, damit er Ruhe gibt …
Der Marathon ist natürlich gesünder, weil man ihn nicht zusammengefaltet auf einem Klappsessel verbringt. Außerdem ist man hinterher nicht taub vom Applaus.
Vorsichtshalber gebe ich Nietzke recht, klar — aber kann man Stockhausen nicht leichter komprimieren als Wagner?
Ja, „ein Ring, sie zu knechten…“
Ich habe mich auch schon gefragt, was passiert wäre, hätte Wagner Tolkien gelesen. .)
Hier übrigens eine Kritik der Frankfurter Rundschau. In weiten Teilen stimme ich zu. (Es scheint übrigens schwer zu sein, über Wagner zu schreiben, ohne salbungsvoll zu werden.)
15 Stunden – da muss man ein echter Fan sein, Respekt! Ich bin nicht so wagnerianisch…
Ehrlich, das ist schönster Konsum. Man singt ja nicht selbst. (Hoffentlich.) Und das Fan-Sein ergibt sich dann ganz von alleine. .)
Tolkien hat Wagner gehört — und abgelehnt. Sind ja auch zwei völlig verschiedene Arten, Mythologeme zu Geschichten zu spinnen.
Und wie es umgekehrt gelaufen wäre, werden wir nie erfahren.
Ich nehme an, beide waren ähnlich detailversessen bei ihren jeweiligen Bearbeitungen des Stoffes — nur eben auf vollkommen unterschiedliche Weise.
Hürnene Haut am Hintern habe ich hörend erhandelt – Wer Wagnern wagt wird weidlich weh!
Ha! Trefflich stabgereimt! Ob der hürnene Siegfried höchselbst sich den Panzer in der Oper zugezogen hat –?