Es singt und lacht

Verschwommene Vorstellung: schicke Uniformen!
Schicke Uniformen in verschwommener Vorstellung.

Daß es am Rhein fünf Jahreszeiten gibt, weiß man, auch wenn man sich aus sowas normalerweise raushält. Und dann ist da eine Karte übrig, und die sind hochbegehrt!, und willst du nicht mit, einmal muß man das gesehen haben, und schwups: Fastnachtssitzung.
Ich mittendrin.
Unter geschätzt tausend Matrosen, Rockstars, Obst (in verschiedenen Farben und Reifegraden), Cowboys, Römern, Zofen, Vampiren, mit bestem Blick zur Bühne. Zur Einstimmung gibt es Fastnachtsschlager, so flach, daß man sich die Knie aufschürft, aber alle kennen sie, und plötzlich bin ich links und rechts am Ellenbogen gepackt und werde mitgeschunkelt. Nicht schunkeln ist keine Option, maximal eben: schunkeln lassen. Schnell, ein Glas Riesling!
Bißchen Gottesdienst ist es schon …

Finstere Geschichten

Der Wanderweg führt an einem dörflichen Totenacker vorbei: Bodendecker um Granitsteine mit einer Handvoll Namen, gut lesbar über die hüfthohe Hecke hinweg.
Außerhalb der Umfriedung, in dem schmalen, abschüssigen Streifen Gras, der eingezwängt ist zwischen Hecke und Weg, liegt eine schwarze Grabplatte. Die Namen zweier Eheleute stehen darauf, der des Mannes schon verblichen, sein Todesjahr 1952; die Frau starb 1986.
Die Vorstellung: wie sie mehr als dreißig Jahre dieses Grab hinter der Hecke besucht haben muß.
*
Im Haus der Großmutter tickten Uhren uns Kinder in den Schlaf. Jedes Jahr kamen wir zu Besuch, und jedes Jahr gaben dieselben Zahnräder und Läutwerke den Hintergrund für unsere Träume. Uhren über Uhren, seit Jahrzehnten in diesen Zimmern — wir fragten die Großmutter danach.
   Euer Großvater, sagte sie, hatte hier seine Uhrmacherwerkstatt. Die Leute haben ihre Uhren hergebracht, damit er sie in Ordnung bringt.
   Und dann?
   Dann haben sie sie heile wieder abgeholt.
   Sind die Uhren hier denn nicht heile?
   Nu, die sind alle repariert!
   Dann will die einfach keiner mehr haben?
Viel später erst begriff ich, daß die Uhren, die seit dem Krieg in der großelterlichen Wohnung immerzu abliefen und wieder aufgezogen wurden, Verschollenen gehört hatten. Gefallenen. Deportierten.
*
Als der Liebste schon eine lange Weile krank war, ließ er sich ein Buch schicken, das war gepriesen worden: ein »wichtiges«, ein »starkes Werk«, ein »Buch für diese Zeit«.
Dann lag es gelesen neben seinem Bett, und er sagte still und mit zwei steilen Falten auf der Stirn: Zeitverschwendung, das sei es gewesen.
Da hatte er noch vier Monate zu leben.
Ach, daß ich ihn nicht bewahren konnte vor diesem Buch.

Sich richten

Nicht zu finden, die Karte, Maßstab 1:25 000, mit sämtlichen Höhenlinien, Sehenswürdigkeiten, Gemarkungsnamen, so recht zum Vorwegwandern mit den Augen; aber nun eben fort, verlegt. (Dabei hatte ich doch gerade erst. Nächstes Mal muß ich wirklich. Was man nicht im Kopf.)
Plan B für den unvertrauten Weg: freihändig gehen. Es soll auch Wegmarken geben.
Für alle Fälle: die Himmel im Blick behalten und in der Nacht den Nordstern wissen.

Menschlichkeit

Es gibt schlimme Zeiten, und es gibt die schlimmsten. In denen werden Menschen für das, was sie sind und denken, systematisch verfolgt und getötet; das Recht ist außer Kraft gesetzt. Wer menschlich handelt und hilft, bringt sich selbst und die Seinen in Gefahr.
Die Zeit des Nationalsozialismus zählt zu diesen schlimmsten Zeiten und wird Generation für Generation in Geschichtsstunden analysiert: Wer waren die Machthaber? Wie konnten sie die Oberhand gewinnen? Was waren ihre Strategien?
Und dann gibt es das »Wunder von Dieulefit«. In Dieulefit im südlichen Frankreich, der bergigen Region der Drôme, fanden während des Vichy-Regimes über tausend Verfolgte Zuflucht und wurden gerettet. Kein einziger wurde denunziert.
Wie es die Bewohner dieses dünn besiedelten Landstriches geschafft haben, unter den Augen der Regierung so viele Menschen »verschwinden« zu lassen, sie unterzubringen und zu ernähren, das ist Thema einer Wanderausstellung, die ab dem 22. Januar in der VHS in Lich zu sehen sein wird.
Die »Topographien der Menschlichkeit« zeigen, wie Widerstand gelingt, was nötig ist, um mit den scheinbar geringen Mitteln der zivilen Courage Entscheidendes zu verändern. Den Frauen und Männern, die sich nicht dem Schrecken gebeugt, sondern ihm mit Mut und Einfallsreichtum begegnet sind, wird ein Denkmal gesetzt.
Die Initiatorin Anna Tüne ist als Deutsche nach dem Krieg in der Drôme aufgewachsen; sie kennt den Landstrich, seine Bewohner und ihre Geschichte(n) gut.
Die Ausstellung erzählt: Der Einzelne ist nicht machtlos, weil die Gesellschaft aus Einzelnen besteht. Aber Mitgefühl braucht es, Mut und Zusammenhalt.
Ich wünsche allen, die hier vorbeischauen, allen Lieben und allen, bei denen ich gerne mehr gelesen hätte, ein gutes neues Jahr. Daß nichts bleiben muß, was unerträglich ist, und daß, was gut ist, weitergetragen und stärker wird. Mitgefühl, Mut und Zusammenhalt überall da, wo es nottut.